Ein Roman über Väter und Söhne, Mütter und Töchter, die Liebe und die Fehler der Jugend – von »einem der wichtigsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts« (FAZ).
Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Alabama. Obwohl seine Werke zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, gehören sie heute zum Wichtigsten, was die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Wie Ernest Hemingway prägte Richard Yates eine Generation von Schriftstellern. Die DVA publiziert Yates’ Gesamtwerk auf Deutsch, zuletzt erschien der Roman "Eine strahlende Zukunft". Das Debüt "Zeiten des Aufruhrs" wurde 2009 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen von Regisseur Sam Mendes verfilmt. „Cold Spring Harbor“, zuerst veröffentlicht 1986, ist Yates‘ letzter vollendeter Roman.
KAPITEL 1
Alle Sorgen wegen Evan Shepards rüpelhaften, pubertären Verhaltens waren überstanden, als er 1935, mit siebzehn, für Automobile entflammte. Das unablässige Schikanieren schwächerer Jungen, die plumpen Beleidigungen gegenüber Mädchen, seine stümperhaften, peinlichen Bagatelldelikte – nichts davon spielte noch eine Rolle, außer als unangenehme Erinnerung. Er entdeckte seine Liebe für ausgedehnte, temporeiche Fahrten über Long Island und war schon bald mit der Mechanik jedes Wagens vertraut, den er in die Finger bekam. Wenn er in der staubigen Einfahrt seines Elternhauses einen Wagen akribisch auseinanderschraubte oder wieder zusammenbaute, war Evan manchmal tagelang für die Welt verloren.
Für Charles Shepard, seinen Vater, war es stets eine Freude, vom Fenster aus zuzuschauen, wie sein Sohn allein draußen in der Sonne arbeitete. Noch ein Jahr zuvor hätte niemand geahnt, dass dieser Junge je lernen würde, seine Gedanken zu ordnen und auf eine nützliche Tätigkeit zu richten; und war das nicht der Beginn des Erwachsenwerdens? War es nicht das, was einem Mann half, Willen und Entschlossenheit zu entwickeln?
Ja, natürlich, so war es; um die schmerzliche, dringende Notwendigkeit von Willen und Entschlossenheit im Leben – in jedermanns Leben – wusste Charles Shepard aus langer, hilfloser Erfahrung. Er war ein ehemaliger Armeeoffizier, ein Mann mit romantischen Denkgewohnheiten, die er stets zu unterdrücken versucht hatte, und oft sah es so aus, als hätte sich seine eigene Begeisterungsfähigkeit mit dem Waffenstillstand von 1918 in nichts aufgelöst.
Als leidenschaftlicher junger Second Lieutenant der Infanterie, frisch vermählt mit dem hübschesten Mädchen beim Offiziersball und fest davon überzeugt, dass sie für ihn beten würde, war er erst drei Tage nach Kriegsende in Frankreich eingetroffen – seine Enttäuschung so enorm, dass ihn etliche Offiziere voller Ungeduld hatten auffordern müssen, sich nicht so kindisch aufzuführen.
»Tu ich doch gar nicht«, hatte er beharrt, »tu ich doch nicht.« Doch er hatte immer gewusst, dass es vor der Wahrheit kein Entrinnen gab; er befürchtete sogar, dass sein Leben nun bis ans Ende von einem misslichen Gefühl des Scheiterns überschattet sein würde.
»Ich weiß, dass ich dich immer lieben werde«, schrieb er seiner Frau aus Le Havre, »aber abgesehen davon habe ich offenbar in so ziemlich alles andere das Vertrauen verloren. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass fast nichts auf der Welt einen Sinn ergibt.«
Nach seiner Rückkehr in die Staaten, umgeben von jauchzenden, vor Freude johlenden Männern, die es kaum erwarten konnten, aus der Armee entlassen zu werden, fasste Charles einen jähen, unpopulären Entschluss. Er blieb beim Militär.
Dass die Gründe für diese Entscheidung alles andere als klar waren, bemerkte er daran, dass sie ihm jahrelang keine Ruhe ließen, als wären sie Antworten in einem diffusen kleinen dreiteiligen Katechismus: Das Militär war geradezu eine Berufung; es bot die Sicherheit, die ein Ehemann und Vater stets brauchen würde; und irgendwann brach vielleicht ein weiterer Krieg aus.
Er wurde eine Ewigkeit nicht befördert und befürchtete schon, der älteste First Lieutenant aller Zeiten zu werden, zudem bestanden fast all seine Aufgaben aus sterbenslangweiliger Büroarbeit.
Fort Devens, Fort Dix, Fort Benning, Fort Meade – jeder Stützpunkt bemühte sich tapfer, sich von den anderen zu unterscheiden, doch sie waren alle gleich. Es war schlichtweg die Hölle, aufgebaut auf Gehorsam. Nicht einmal in der streng gehüteten Privatsphäre der Unterkünfte verheirateter Offiziere, nicht einmal nachts vergaß man, wo man sich befand und warum man dort war, das galt selbst für die Ehefrauen. Wenn man bedachte, dass sich wahrscheinlich ihr ganzes restliches Leben an den Vorschriften eines Militärstützpunkts in Friedenszeiten orientieren würde, konnte man nicht ernsthaft behaupten, man sei überrascht – erschrocken durchaus, aber nicht überrascht –, dass eine Ehefrau, die so aufgeweckt und temperamentvoll war wie Grace Shepard, einen Nervenzusammenbruch erlitt.
Seit ihrem ersten Klinikaufenthalt wusste Charles, dass er sich um seine baldige Entlassung aus der Armee bemühen musste, und dafür sprach inzwischen noch ein weiteres Problem: Seine Sehschärfe hatte rapide nachgelassen und verschlechterte sich immer mehr. Ironischerweise erhielt er im selben Jahr eine interessante Aufgabe. Bei seiner überfälligen Beförderung zum Captain wurde ihm das Kommando über eine Schützenkompanie übertragen.
Ach, er mochte diese zweihundert Männer – sogar die Sonderlinge und Nörgler. Schon nach wenigen Wochen war er stolz auf sie, stolz, sich ihren Respekt erworben zu haben. Tagtäglich genoss er die Augenblicke, die ihn in dem Glauben bestärkten, dass er für seine Leute sorgte, auf sie aufpasste, die ihn darauf vertrauen ließen, dass sie das auch wussten; und nie wurde er es leid, sie »der Captain« oder »der Kompaniechef« sagen zu hören.
Wenn er lange Märsche in voller Feldausrüstung mit ihnen unternahm, genoss er den Rhythmus, den Schweiß und die disziplinierte Anstrengung, obwohl er sich nicht immer sicher sein konnte, dass er die Strecke bewältigen würde. Und wenn er an anderen Tagen die aufgeklappten, ungeladenen Springfield-Gewehre inspizierte, während die Männer kerzengerade, völlig reglos und mit ausdruckslosen Gesichtern in Formation standen, dann wünschte er, die Kompanie in einen von ihm selbst herbeifantasierten Krieg führen zu können. Fast alle von ihnen würden sich im Feld auszeichnen, weil fast alle Kämpfe die normalen Anforderungen überstiegen; und sobald der Krieg vorbei wäre, würden ihre Toten rechtzeitig zum Trinken und Lachen und für die hübschen Mädchen wieder lebendig werden.
Wäre Grace wieder vollständig genesen, hätte er versuchen können, sich durch die ganzen Sehtests zu mogeln, um so lange wie möglich bei der Kompanie zu bleiben, doch das war ihm nicht vergönnt. Sie erlitt einen zweiten Zusammenbruch, und diesmal wusste er, dass er nicht länger zögern durfte. Noch bevor sie aus der Klinik kam, hatte er vereinbart, aus dem Offiziersdienst auszuscheiden.
Während sie alles regelten und ihre Sachen packten, spielte Charles tagelang mit dem Gedanken, irgendwo hinzuziehen, wo keiner von ihnen zuvor gewesen war – Kalifornien oder Kanada –, wo die Anforderungen, ein neues Leben aufzubauen, ihnen frischen Mut geben könnten. Andererseits hatten die Shepards immer auf Long Island gelebt, sie waren Grasebenen, Kartoffelfarmen und einen nach Salzwasser riechenden Wind gewohnt, und darum war es vernünftiger, dorthin zurückzukehren. Mithilfe seiner kleinen, aber ausreichenden Pension kaufte er an der Nordküste, am Ortsrand von Cold Spring Harbor, ein kleines, aber ausreichendes braunes Holzhaus.
Binnen kurzer Zeit kannte man ihn im Ort als würdevollen, höflichen Mann, der für seine Familie stets die Lebensmittel einkaufte und sich um die Wäsche kümmerte, weil seine Frau kränklich war. Haltlosen Gerüchten zufolge war er ein Kriegsheld oder hatte mit anderen Taten geglänzt; die Leute wären vermutlich überrascht gewesen zu hören, dass er als Captain in den Ruhestand gegangen war, denn sein Erscheinungsbild und sein Auftreten erinnerten eher an einen Colonel: Man konnte sich vorstellen, wie er einem Bataillon oder einem ganzen Regiment die Parade abnahm und mit ernster Miene beobachtete, wie die Männer vorbeimarschierten. Manchmal, wenn man sah, wie er sich auf der Straße mit Einkaufstüten oder Wäschesäcken abmühte, sein graues Haar vom Wind zerzaust und die dicke Brille halb von der Nase gerutscht, bekam diese Vorstellung etwas Komisches; doch niemand machte sich je über ihn lustig, nicht einmal in der Kneipe.
»Ich bin wieder da, Liebes«, rief er Grace eines Nachmittags zu, stellte eine große Tüte voll Lebensmittel auf dem Küchentisch ab und redete in derselben Lautstärke weiter, während er alles an seinen Platz räumte. »Ich glaube, Evan bastelt schon seit etwa zehn Stunden an diesem Motor herum. Keine Ahnung, woher er die Energie nimmt. Geschweige denn die Sorgfalt.«
Als er die Lebensmittel eingeräumt hatte, holte er Eiswürfel und machte zwei Gläser Bourbon mit Wasser, eins mit einem doppelten Schuss Whiskey. Dann ging er durchs Wohnzimmer auf die beschattete Glasveranda, wo Grace auf einer Liege ruhte, und drückte ihr den doppelten Bourbon vorsichtig in die wartende, ausgestreckte Hand.
»Ist es nicht bemerkenswert, wie sehr sich ein Junge verändern kann? In ein paar Monaten?«, fragte er, während er sich mit seinem eigenen Drink dicht neben sie, auf einen schlichten Stuhl setzte. Der Tag war anstrengend gewesen, doch jetzt konnte er sich eine halbe Stunde ausruhen, bis es Zeit war, das Abendessen zuzubereiten.
In bestimmten Augenblicken, wenn das Licht und der Alkohol sich zu ihrem Vorteil auswirkten, konnte Grace noch immer das hübscheste Mädchen beim Offiziersball sein. Charles hatte gelernt, mit der Geduld eines Liebhabers auf diese Augenblicke zu warten und sie, sobald sie kamen, auch zu genießen, doch sie waren immer seltener geworden. Meistens – beispielsweise an diesem Nachmittag – verspürte er keine Lust, Grace auch nur anzublicken, weil sie erbärmlich aussehen würde: schwerfällig, unzufrieden, still um den Verlust ihrer selbst trauernd.
Ein freundlicher älterer Militärarzt in Fort Meade hatte bei einem Gespräch über ihren Zustand einmal das Wort »Neurasthenie« verwendet – und nachdem Charles es im Wörterbuch nachgeschlagen hatte, war er zu dem Schluss gekommen, damit leben zu können. Doch später in New York hatte ein wesentlich jüngerer ziviler Arzt...
| Erscheint lt. Verlag | 9.11.2015 |
|---|---|
| Übersetzer | Thomas Gunkel |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Cold Spring Harbour |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Amerikanische Ostküste • Autos • eBooks • Eheroman • Eltern • Long Island • Moderner Klassiker • New York • Roman • Romane • Stewart O'Nan • Vierzigerjahre • Zeiten des Aufruhrs |
| ISBN-10 | 3-641-15963-6 / 3641159636 |
| ISBN-13 | 978-3-641-15963-4 / 9783641159634 |
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