John Sinclair 745 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-3475-0 (ISBN)
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1990-1999!
Angst über Altenberg.
Der braunhaarige Junge mit den sanften, fast mädchenhaft wirkenden Gesichtszügen veränderte sich praktisch von einem Augenblick zum anderen. Durch seine Gestalt, die sich bisher kaum bewegt hatte, rann ein Zittern, als wäre der Körper an einen Stromkreis angeschlossen.
Der Mund klappte auf!
Die Augen bekamen einen anderen Blick. Er war böse, teuflisch und mordgierig.
Der Junge starrte auf den schlafenden Mann ihm gegenüber. Ein fauchendes Geräusch drang aus dem Mund des Zwölfjährigen. Dann drückte er sich langsam in die Höhe. Die Lippen verzogen sich. Jenseits des Abteilfensters huschte die Landschaft vorbei. Dafür hatte der Junge keinen Blick.
Er starrte den Schlafenden an.
Plötzlich sprang er vor. Seine Hände legten sich mit brutalen Griffen um die Kehle des Mannes ...
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Angst über Altenberg
Es gibt einen großen Vorteil, wenn man mit dem Zug fährt. Man kann die Augen schließen und schlafen.
So denken viele Menschen, und auch ich gehöre zu ihnen. Deshalb fahre ich gern mit dem Zug. Wenn es eben geht, verlasse ich mich auf die Bahn. Bei bestimmten, nicht zu langen Strecken ist es sowieso besser, als lange Wartezeiten auf den Flughäfen in Kauf zu nehmen.
Im Zug kann man schlafen, im Auto nicht, wenn man selbst fährt. Außerdem ist es in einem Abteil bequemer.
Und ich wollte schlafen.
Ich brauchte einfach Schlaf, ich musste mich von dem erholen, was hinter mir lag und mich verdammt aufgeputscht hatte. An Schlaf war die letzten Tage kaum zu denken gewesen.
Schließlich war ich dann so erschöpft gewesen, dass mir die Augen wie von selbst zufielen.
Es war kein guter oder erfrischender Schlaf, denn immer wieder störten mich meine Träume.
Bedrückende, böse Albträume, die leider keine Fiktion waren, weil sich darin zu viel Wahrheit mischte.
Ich sah die Frau.
Ich sah ihr Haar, ihren Körper, ihr Gesicht, ihr wunderschönes Lächeln. Ich sah sie und mich, wie wir uns in ihrem Bett wälzten, verfangen in einem leidenschaftlichen Taumel.
Dann sah ich das Monster.
Es war dieselbe Person, nur hatte sie sich verwandelt. Sie war zu einem Zerrbild des Schreckens geworden, zu einer Gestalt, die den Ausdruck Mensch nicht mehr verdiente, obwohl ihr Körper nach wie vor menschliche Umrisse hatte.
Das war auch alles. Ansonsten war die normale Haut von einer braunen schuppigen Paste bedeckt. Die Frau hatte keine Haare mehr und kein normales Gesicht. Alles wirkte so glatt und flach, und ihre Augen waren zu blauen Kreisen geworden, die im krassen Gegensatz zu den roten Lippen standen. Sie trug nichts am Körper bis eben diese Schuppenhaut, aber sie stand vor mir, sie lachte mich an und stellte immer wieder die Frage, ob ich sie auch erkennen würde.
Ja, ich erkannte sie.
Es war Jessica Long, die Künstlerin, die ungewöhnliche Person, in die ich mich einmal verliebt hatte. War es ein Jahr oder war es hundert Jahre hergewesen?
Keine Ahnung.
Der Zeitbegriff verschwamm. Er war auch nicht mehr wichtig, denn Jessica zählte nur dem Aussehen nach zu den Menschen. Tatsächlich aber war sie eine Kreatur der Finsternis gewesen, ein Monstrum aus den Urzeiten, als es noch keine Menschen gab und die Erde einem quirlenden und kochenden Chaos glich, in dem sich Gut und Böse mit aller Macht gegenseitig bekämpften.
Kreaturen der Finsternis hassen Menschen. Weil sie das tun, wollen sie diese auch umbringen.
Wie Jessica Long mich.
Dazu nahm sie ein Messer. In meinem Traum veränderte sich die Klinge. Sie wuchs vor meinen Augen zu einem scharfen Schwert hoch, das schräg gegen meinen Hals zielte.
Das Monstrum bewegte seinen Mund. Er war sehr rot. Es sah so aus, als würde eine Wunde zucken.
»Der Tod, Sinclair …«
Ich wollte schreien, hatte den Mund schon weit aufgerissen, aber da war nichts.
Sie schlug zu.
Das Schwert zielte gegen meinen Hals, um mir den Kopf vom Körper zu schlagen. Ich rechnete damit, Blut spritzen zu sehen, eine gewaltige Fontäne, die aus dem Hals gegen die Decke stieg und sich verteilte.
Die Gestalt verschwand. Etwas hatte das Traumbild einfach von der Platte geputzt.
Dafür geschah etwas anderes.
Ich bekam keine Luft mehr.
Plötzlich war ich wach, würgte und stellte mit Entsetzen fest, dass mir jemand die Kehle zudrückte.
Das war kein Traum mehr!
*
Die Hände waren wie Eisenklammern, und ich spürte sogar den Druck der beiden Daumenkuppen. Mein Blickfeld war noch nicht so klar, wie es eigentlich hätte sein sollen. Was ich sah, reichte mir trotzdem und ließ mich beinahe an meinem eigenen Verstand zweifeln.
Der Würger war ein Junge!
Halb lag er auf mir, zur anderen Hälfte stützte er sich mit den Knien am Boden ab. Ich schaute auch in sein Gesicht, das sich so verändert hatte.
Es war zumindest im oberen Drittel zu einer hässlichen Fratze geworden, allein bedingt durch die Augen, die in einem grellen Weiß strahlten, das die Pupillen völlig überdeckte und so aussah, als wären sie davon verschluckt worden.
Der Mund des Jungen war verzerrt. Stöhnlaute, vermischt mit ächzenden Wutgeräuschen drangen mir entgegen. Heißer Atem streifte über meine Gesichtshaut hinweg, als wäre er ein kräftiger Gruß aus der tiefsten Hölle.
Luft bekam ich keine mehr.
Wenn es mir nicht innerhalb kürzester Zeit gelang, den Griff zu sprengen, war alles vorbei. Dann hatte es ein zwölfjähriger Junge geschafft, mich zu erwürgen.
Allein diese Vision sorgte für eine Mobilisierung aller Kräfte und für den Adrenalinstoß, der notwendig war.
Ich wehrte mich.
Meine Arme waren nicht behindert. Sie fuhren in die Höhe und zwischen den Jungenarmen hindurch. Ich fegte sie zur Seite. Der Junge schrie auf, er war irritiert, und ein nächster Hieb erwischte ihn an der Brust.
Er war hart genug, um die Gestalt wieder auf ihren Sitz zurückzuschleudern. Dort prallte er auf, federte noch einmal nach und sackte dann in sich zusammen.
Ich rang nach Luft und rieb mir gleichzeitig den Hals, der angeschwollen war und schmerzte. Allmählich klärte sich auch mein Blickfeld, und ich sah das Erste-Klasse-Abteil, in dem ich zusammen mit Elohim saß, nicht mehr so unscharf.
Mir fiel ein, dass wir uns irgendwo auf der Strecke zwischen Basel und Karlsruhe befanden. Der Urlaubsort Pontresina, der für mich beinahe zum Grab geworden wäre, lag einige Stunden hinter uns. Vergessen würde ich ihn wohl nie.
Ich hustete, massierte meinen Hals, war aber noch nicht in der Lage, ein Wort zu sprechen, da die Anstrengungen noch immer in mir steckten.
Hinzu kam auch die Überraschung, denn mit einer derartigen Attacke hatte ich nicht im Traum gerechnet. Ich war immer der Meinung gewesen, dass Elohim auf meiner Seite stand.
Nun musste ich anders darüber denken.
Ich wollte ihn anschauen. Er aber hatte seinen Kopf zur Seite gedreht und zusätzlich noch die Hände vor sein Gesicht geschlagen, wahrscheinlich schämte er sich.
Ein Schatten huschte an der Abteiltür vorbei. Es war der Schaffner, der einen kurzen Blick in das Abteil warf und dann weiterging. Kontrolliert worden waren wir schon.
Ich räusperte mich einige Male. Erst dann fühlte ich mich in der Lage, wieder zu sprechen, auch wenn meine Stimme noch rau und krächzend klang. »Kannst du mir erklären, Elohim, was das hatte werden sollen?«
Er schüttelte den Kopf.
»Du hast mich angegriffen.«
Er hob die Schultern.
»Warum hast du das getan?« Ich veränderte meine Sitzhaltung und schaute ihn an.
Er schämte sich noch immer. Seine Brust bewegte sich. Es konnte sein, dass er weinte.
»Okay, Elohim, okay. Es ist alles gut gegangen. Ich lebe ja noch. Wir sollten deshalb vernünftig miteinander reden. Ich weiß, dass es dir peinlich ist, und ich rechne auch damit, dass du persönlich nichts dafür kannst. Ich habe es schon vergessen.«
»Danke.« Er ließ die Hände sinken, sodass ich ihn jetzt anschauen konnte. Sein Gesicht war vom Weinen etwas verquollen, und der Blick seiner Augen war ins Leere gerichtet. Er schnaubte, dann strich er sein Haar zurück.
Ich dachte über ihn nach.
Der Junge hieß Elohim, was so viel wie Gott oder Götter bedeutete. Er war kein normales Kind, denn man hatte ihn dazu ausersehen, den Geist des Urengels Henoch in sich aufzunehmen. Ich hatte dies verhindern können, und nach einem großen Kampf gegen Jessica Long, den wir beide überstanden hatten, wollte ich natürlich mehr wissen und musste feststellen, dass Elohim allein auf dieser Welt stand.1
Er hatte keine Eltern mehr, er wusste auch nicht, wer sie waren. Er war ein Junge ohne Vergangenheit, obwohl er eine haben musste, die ihn stark geprägt hatte.
Wir beide befanden uns auf der Suche nach seiner Vergangenheit, und diese Suche führte uns nach Deutschland in die Nähe der Stadt Köln. Dort mussten wir hin. Da war er aufgezogen worden und zur Schule gegangen. In einem kleinen Ort im Bergischen, wie er mir gesagt hatte. Darunter konnte ich mir noch nicht viel vorstellen. Jedenfalls musste ich mehr über Elohim herausfinden, bevor ich wieder nach London zurückkehrte. Ich war auch der Überzeugung, dass mir noch einige Überraschungen bevorstanden, was ihn und seine Vergangenheit anging. Ich hatte natürlich mit ihm gesprochen und versucht, Informationen zu erhalten, doch Elohim war stur gewesen und hatte kaum geredet.
Den Grund kannte ich nicht. Wahrscheinlich fürchtete er sich, oder er wollte erst sprechen, wenn wir am Ziel waren. Jedenfalls war er in einer sehr waldreichen Gegend aufgewachsen, in einer Schule, die gleichzeitig so etwas wie ein Internat war und zum Teil von den Kirchen finanziert wurde. Der Ort hieß Altenberg, lag im Bergischen und war nur einen Katzensprung von Köln entfernt, unserem ersten Ziel. Wir würden am frühen Abend in der Stadt am Rhein eintreffen. Dort hatte praktisch alles begonnen, wie er mir berichtet hatte. Da waren er und seine jetzt tote Gouvernante Dagmar von einer alten Frau erkannt worden, und zwar als Wesen der Finsternis oder so ähnlich.
Diese Begegnung war mir wieder eingefallen, und darüber musste ich mehr wissen.
Elohim sprach mich an. »Ich … ich möchte mich entschuldigen«, flüsterte er.
Ich lächelte. »Schon gut, es ist ja noch einmal gut gegangen.«
»Aber ich weiß nicht …«
»Möchtest du darüber...
| Erscheint lt. Verlag | 2.9.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-3475-0 / 3838734750 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-3475-0 / 9783838734750 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich