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John Sinclair 1941 (eBook)

Lockruf des Bösen

(Autor)

eBook Download: EPUB
2015 | 1. Aufl. 2015
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-1751-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

John Sinclair 1941 - Logan Dee
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1,99 inkl. MwSt
(CHF 1,90)
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Wie in Trance folgte Emma der Kuttengestalt, die sich mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg zwischen den Bäumen hindurchbahnte. Sie erreichten eine Lichtung. Vor einer uralten Eiche blieb der Mönch schließlich stehen.

Emma wollte zu ihm aufschließen, aber sie konnte plötzlich keinen Schritt mehr machen. Wie eine Barriere ballte sich der Nebel vor ihr zusammen.

'Wo bist du?', schrie sie. Voller Panik drehte sie sich im Kreis, suchte nach einem Ausweg. Wie mit Geisterfingern tastete der Nebel nach ihr, stieß sie schließlich vorwärts. Ehe sie begriff, stand sie unter der Eiche. Sie hob den Kopf und sah über sich einen Strick im Mondlicht baumeln ...

Hexen, so hieß es, konnten im Wasser nicht untergehen, und da die Hexe damals nicht versunken war, war das Ergebnis eindeutig gewesen. Sie war schuldig gesprochen und hingerichtet worden.

Emma blickte nach wie vor ängstlich in den Nebel. Tom bemerkte, dass sie sogar zitterte.

Ausgerechnet sie! Emma und ihre Freundin Amanda färbten sich die Haare pechschwarz, puderten das Gesicht weiß, liefen in schwarzen Gewändern herum und gingen am liebsten auf dem Friedhof spazieren.

Tom seufzte. »Hör zu«, sagte er und legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern. »Da draußen ist niemand. Wie wär’s, wenn wir uns einfach wieder entspannen?«

»Etwas war auf dem Teich! Eine Gestalt …«

»Keiner kann über Wasser laufen, es sei denn, er hieße Jesus.«

Emma lachte nicht über Toms Witz. Im Gegenteil, er spürte die Gänsehaut, die sich in ihrem Nacken bildete.

»Und wenn es die alte Abigail ist?«, flüsterte sie.

Abigail! Jetzt fiel auch ihm der Name der Hexe wieder ein, die damals hier von den Dörflern ins Wasser geworfen worden war. So wurde es jedenfalls erzählt.

Insgeheim verdrehte er die Augen. Emma glaubte tatsächlich an diesen Quatsch.

»Jedermann weiß, dass diese Hexenproben Unsinn waren! Man hat die vermeintliche Hexe mit den Daumen an die Zehen gefesselt und ins Wasser geworfen. In der Stellung gingen die meisten gar nicht unter, sondern trieben auf der Oberfläche. Und wenn sie doch untergingen, wurden sie zwar freigesprochen, ertranken aber jämmerlich. Die Leute waren damals einfach nur verblendet …«

»Abigail ist damals nicht untergegangen«, flüsterte Emma. »Meine Großmutter hat mir erzählt, dass plötzlich der Teufel gekommen ist und sie von ihren Fesseln befreit hat … Da! Da ist es wieder!«

Entsetzen zeichnete sich auf ihrem hübschen Gesicht ab. Sie zeigte auf einen bestimmten Punkt mitten auf dem Teich. Und jetzt erkannte auch Tom, dass sich dort etwas bewegte. Er glaubte, eine hoch aufgerichtete Gestalt zu sehen. Im nächsten Moment wurde sie wieder von den Nebelschwaden verschluckt.

Entweder hatte ihn Emmas Gerede angesteckt, oder es ging tatsächlich nicht mit rechten Dingen zu.

»Also schön, überredet«, sagte er hastig, versuchte aber trotzdem, sich seine aufkommende Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

Mit einer auffälligen Langsamkeit startete er den Wagen. Die Scheinwerfer stießen wie zwei Lichtdolche in die Dunkelheit. Die Nebelschwaden wirkten nun noch unheimlicher.

Wie ein Reigen tanzender Gespenster, ging es Tom durch den Kopf.

Seine Finger zitterten, als er den Rückwärtsgang einlegte und langsam die Kupplung kommen ließ. Der steile Pfad, der direkt bis an den Rand des Teichs führte, war eigentlich nicht für Autos zugelassen.

Und im nächsten Moment erfuhr Tom auch, warum das so war. Die Räder drehten plötzlich durch.

»Verfluchter Mist!« Tom drückte das Gaspedal noch weiter durch und erreichte dadurch das Gegenteil.

Der Motor röhrte auf, und die Reifen frästen sich noch tiefer in den Schlamm.

»Bring uns hier weg!«, flehte Emma. Sie schien nun wirklich die Nerven zu verlieren. Sie krallte ihre Finger um Toms Arm, während sie unverwandt weiter auf den Teich starrte.

»Wie witzig! Und wie?« Tom nahm den Fuß vom Gaspedal und drehte den Kopf, sodass er durch die Heckscheibe sehen konnte.

Die Rücklichter färbten die Umgebung in ein gespenstisches Rot. Der Nebel waberte um sie herum. Als sie hierhergekommen waren, war die Sicht noch frei gewesen. Aber auch das war nichts Außergewöhnliches. Um den Teich herum bildeten sich oftmals blitzschnell dichte Nebelbänke. Das war bekannt.

»Ich fürchte, wir müssen zu Fuß nach Hause«, sagte Tom schließlich. »Der Wagen steckt fest.«

Emmas schreckgeweitete Augen richteten sich auf ihn. Sie sah ihn an, als hätte er soeben verkündet, sie solle in den Teich springen.

»Was heißt, wir stecken fest?« Ihre Stimme klang schrill.

»Nebel, Geister und Abenteuer, ich dachte, du magst so was!«, fuhr er sie an. »Also schnapp jetzt nicht über!«

Fieberhaft überlegte er, was er machen sollte. Die Vorstellung, zu Fuß zurückzulaufen, gefiel ihm selbst nicht. Aber hauptsächlich deshalb nicht, weil es eine ganz schöne Entfernung war. Jedenfalls redete er sich das ein.

Er zog sein Handy hervor, um einen seiner Kumpels anzurufen. Irgendeiner von denen würde ihm schon helfen, den Wagen hier raus zu hieven. Um diese Zeit hingen die meisten von ihnen wahrscheinlich im Lover’s Pub herum.

Fluchend stellte Tom fest, dass er offensichtlich in einem Funkloch festsaß. Auch das noch!

»Was ist los?«, fragte Emma.

»Das Handy ist Mist. Guck mal, ob deins funktioniert.«

Emma hatte einen anderen Provider. Vielleicht hatte der ja ein besseres Netz.

Aber auch sie erreichte niemanden.

»Was nun?«, fragte er.

Statt zu antworten, zeigte Emma erneut nach draußen. »Die Gestalt kommt näher!«

Tom hätte seine Freundin am liebsten geohrfeigt. Er musste nachdenken, schnell! Irgendwas musste ihm doch einfallen!

Er drücke die Türsicherung nach unten und herrschte Emma an, das Gleiche zu tun. Sicher war sicher. Dann sah auch er wieder in Richtung Teich. Im Gegensatz zu Emma konnte er nichts Verdächtiges mehr sehen. War es vielleicht so, dass sie sich gegenseitig in ihrer Angst hochschaukelten?

Da, jetzt glaubte er, ein schwaches rötlich-orangefarbenes Licht dort draußen zu erkennen. Es wirkte nicht wie von dieser Welt. Noch während er sich fragte, ob er es sich nur einbildete, schrie auch Emma wieder los. Das Licht bewegte sich flackernd im Kreis, wie eine Kerze, die dabei andere Kerzen entzündete.

Obwohl Tom ahnte, dass das nicht mehr mit rechten Dingen zugehen konnte, versuchte er erneut, Emma zu beruhigen. »Das sind nur Irrlichter. Irgendwelche Faulgase aus dem Teich haben sie entzündet.«

Im nächsten Moment stockte ihm selbst der Atem. Die Nebelschwaden lichteten sich, und in dem Lichterkreis erhob sich nun deutlich die schwarze Schattengestalt.

»Das sind keine Irrlichter«, flüsterte Emma. Sie klang erstaunlich ruhig. »Das sind Hexenlichter! Und mittendrin steht die alte Abigail. Sie wird uns zu sich holen. Zu sich in ihr nasses dunkles Grab auf dem Grund des Teichs. Ihre Rache hat die Zeiten überdauert …«

Ihre Worte klangen wie eine geflüsterte Prophezeiung. Tom spürte, wie es auch ihm eiskalt den Rücken hinablief.

Doch gleichzeitig konnte er plötzlich wieder klar denken. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder, er harrte hier neben Emma aus, bis sie ihn mit ihrer Panik vollständig angesteckt hatte, oder er holte Hilfe.

Er entschied sich für die zweite Möglichkeit und entsicherte die Fahrertür.

»Was hast du vor?«, fragte Emma ängstlich.

»Ich hole jemanden, der uns hier rauszieht. Stathams Hof ist nur eine Meile weit weg …«

»Nein, lass mich nicht allein zurück!« Emmas Stimme klang hysterisch.

»Dann komm meinetwegen mit«, sagte er genervt. »Eben warst du noch dagegen.«

»Ja, ich komme mit dir! Aber du wirst sehen, dass sie uns nicht gehen lässt.«

Tom erwiderte nichts darauf. Okay, es war nicht gerade gentlemanlike, wie er Emma behandelte, aber sie machte es einem auch nicht leicht. Hätte er gewusst, wie schnell sie durchdrehte, hätte er sich gar nicht mit ihr eingelassen. Mehr noch als das, was sich auf dem Teich abspielte, ängstigte ihn ihre Hysterie.

Das hatte Gründe. Seine Mutter war nicht nur eine Trinkerin gewesen, sondern in das Sanatorium Bedlam eingewiesen worden, als er zwölf war. Zuletzt hatte sie behauptet, Mary Stewart zu sein, und sich als Königin von Schottland bezeichnet. Vor zwei Jahren war sie geflohen. Ihre Leiche war in einem Klärbecken gefunden worden.

Tom öffnete die Fahrertür, und ein kalter Hauch wehte herein. Als sie losgefahren waren, war es weit wärmer gewesen. Aber auch davon ließ er sich nicht beirren. Der Teich lag tiefer, hier war es wahrscheinlich immer einige Grade kälter.

Auch Emma stieg aus. Er wartete nicht, bis sie um den Wagen herumgekommen war, sondern ging voran.

»Warte wenigstens auf mich!«, flehte sie.

Er seufzte und beschloss, sich noch ein letztes Mal von seiner besten Seite zu zeigen. Danach würde er ihr sowieso den Laufpass geben. Er zwang sich zur Geduld, bis sie fast zu ihm aufgeschlossen hatte.

»Jetzt lass dich gefälligst nicht so gehen!«, sagte er und drehte sich nach ihr um.

Er zuckte zusammen, als er direkt in das aufgedunsene Gesicht einer Wasserleiche blickte! Haut- und Fleischfetzen hingen herab und gaben die darunterliegenden blanken Knochen frei. Der Schädel war halb weggefault, einzelne lange Haarsträhnen hingen nass herab. An den zerfressenen Lippen klebten kleine Wasserschnecken, die er zuerst für Warzen gehalten hatte. Erst als sie sich bewegten, erkannte er, um was es sich handelte.

Überhaupt sah er alles in erstaunlicher Klarheit. So als wollte sein Verstand es in aller Deutlichkeit begreifen und dokumentieren, bevor er überschnappte.

Wie bei seiner Mutter! Er hatte sich öfter schon gefragt, ob sie ihm ihren Wahnsinn vererbt hatte. Die Antwort stand vor ihm.

Die Lippen der Kreatur schoben sich zurück und gaben ein lückenhaftes Gebiss frei. Die wenigen verfaulten, schwarzen Zähne erinnerten ihn an abgebrannte Streichhölzer. Dafür war ihr Körper völlig unversehrt. Nicht, dass er irgendetwas Verführerisches an sich...

Erscheint lt. Verlag 22.9.2015
Reihe/Serie John Sinclair
John Sinclair
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Horror
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies
ISBN-10 3-7325-1751-9 / 3732517519
ISBN-13 978-3-7325-1751-0 / 9783732517510
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