John Sinclair 511 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-3281-7 (ISBN)
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!
Fenster der Angst.
Liebe Grusel-Freunde, stellt Euch vor, eine Scheintote liegt aufgebahrt in einer Leichenhalle. Sie wird gewaschen und in einem Leichenhemd in einen Sarg gelegt. Sie kann nicht sprechen, sich nicht bewegen, nicht auf sich aufmerksam machen. Sie ist den Leichengräbern hilflos ausgeliefert. - Der achtzehnjährigen Julia erging es so. Wehrlos wurde sie eingesargt und bestattet. - Einige Tage später tauchte sie plötzlich während eines Trauergottesdienstes wieder auf. Sie zeigte sich am Fenster der Angst.
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Fenster der Angst
O Gott! Nein, bitte nicht! Ich bin nicht tot! Ich lebe noch! Ich … ich … hört ihr mich denn nicht? Ihr könnt mich doch nicht begraben! Das geht nicht, nein …«
Julia glaubte, die Sätze zu schreien. Tatsächlich tosten sie nur durch ihr Gehirn wie die Teile eines Mosaiks, die sich zu einem Bild des Schreckens zusammensetzten.
Von den beiden Männern hörte sie keiner. Es waren abgerissene Gestalten, die eine traurige Aufgabe zu übernehmen hatten. Sie mussten das Mädchen einsargen.
Erst achtzehn Jahre war die Kleine jung. In der Blüte ihrer Jugend hatte es sie erwischt!
Ein Unfall sagte man. Aber es gab Menschen, die mehr wussten, angeblich mehr wussten.
»Tot ist tot«, sagte einer der Männer und schaute sich im Raum um. Es war nicht mehr als ein Verlies, in dem es scheußlich roch.
Doch der Sommer war vorbei. Längst hatte der Herbst Einzug gehalten. Die Blätter fielen von den Bäumen und bildeten auf dem Boden eine zweite Schicht.
Der Raum gehörte zur Leichenhalle. Durch einen schmalen Gang konnte man ihn erreichen. Er besaß nur ein Fenster, dessen Scheibe verschmutzt war. Unter der Decke klebten die Spinnweben wie dickes Garn. Die Wände waren schmutzig und ebenfalls beklebt.
»Die »tote« Julia lag auf einem einfachen Holztisch. Nach jedem Benutzen wurde er gewaschen. Direkt über dem Tisch und dicht unter der Decke schaukelte die Laterne.
Die Ölfunzel gab ein weiches Licht, dessen Reflexe auch über das Gesicht des Mädchens huschten. Trotz seiner Starre war zu erkennen, dass es sich bei Julia um ein hübsches Mädchen handelte. Julia besaß etwas traurige, melancholisch wirkende Züge. Ihre Augen waren groß, in ihnen war die Trauer zu lesen, selbst jetzt, wo sie »gestorben« war.
Die beiden Bestatter waren Gelegenheitsarbeiter. Ihre Arbeit gehörte zu den Tätigkeiten, die niemand gern verrichtete. Man musste schon lange suchen, um Männer zu finden, die sich vor Toten nicht fürchteten oder ekelten.
Hank Boone tat diese Arbeit schon seit Jahren. Ansonsten hing er in den Gasthöfen herum und schlug sich durch kleinere Betrügereien durchs Leben. Ihm machte so leicht niemand etwas vor.
Der Anblick des Mädchens rührte ihn irgendwie. Sein Kumpan war erstaunt, als er sah, dass Boone mehrmals um die Leiche herumging und sie dabei betrachtete.
Er besaß wässrige Augen. In der unteren Hälfte des Gesichts wuchs ein dichter Bart. Seine Kleidung stank nach verfaultem Laub, zudem war sie feucht.
»Was hast du denn?«
Boone blieb stehen. »So jung noch«, sagte er. »Die Kleine hätte auch meine Tochter sein können.«
Der zweite Mann lachte rau. »Deine Tochter? Darf ich mal grinsen?«
»Wieso?«
»So etwas hättest du doch nicht fertiggebracht.«
»Halts Maul.«
»Die kommt in den Sarg, und damit hat sich die Sache. Ich weiß überhaupt nicht, weshalb du dich aufregst.« Der Sprecher bohrte in der Nase und kam dabei näher. »Wo willst du anfassen? Oben oder an den Beinen?«
»Ich nehme die Schultern«, sagte Boone.
»Gut, dann bringen wir es hinter uns.«
Der Sarg stand neben dem Holztisch, auf dem Julia lag. Es war eine schlichte Totenkiste, aus rohen Brettern zusammengenagelt. Zwischen ihnen existierten Lücken, als sollte noch Sauerstoff in den Sarg fließen, damit das Mädchen atmen konnte.
Aber Tote atmen nicht.
Und doch war es bei Julia anders. Sie war nicht tot, auch wenn es so aussah. Sie lebte, man hätte sie als scheintot bezeichnen können, und als Scheintote sollte sie auch begraben werden.
Furchtbar …
Julia spürte sogar die knochigen Finger, als Boone sie unter den Achseln anfasste und anhob.
Der andere hatte ihre Fußgelenke ergriffen. Er atmete lauter als sonst, eine Schnapsfahne wehte über den Körper der »Leiche«.
»Hast du sie?«
»Ja«, sagte Boone.
Beide Männer hoben sie vom Tisch. Obwohl die Laterne brannte, war es in der Leichenhalle kalt und düster. Hier herrschte nur ein Gesetz. Das des Todes. Der Sensenmann hatte sein Erbe hinterlassen, unsichtbar schwebte er zwischen den Wänden.
Sie brauchten mit ihrer Last nur wenige Schritte zu gehen, um Julia in den Sarg legen zu können. Der Deckel lag neben dem Unterteil, das nicht ausgepolstert war. Wer kein Geld besaß, der wurde auch entsprechend beerdigt. Man legte ihn in die raue Totenkiste, klappte den Deckel darüber – fertig.
Julia trug ein Leichenhemd. Auch dieses Gewand bestand aus dem billigsten Stoff, der aufzutreiben gewesen war. Man hatte das Hemd nur flüchtig zusammengenäht. Der Stoff würde sehr bald verwesen, vielleicht noch schneller als der Körper.
Julia bekam alles mit.
Wieder »schrie« sie. Es waren Schreie, die nur sie hörte, die in ihrem Kopf nahezu explodierten. Man hatte nicht einmal ihre Augen geschlossen. Weit standen sie offen und blickten durch das Fenster in den dämmrigen Tag.
Ein typischer Novembertag. Grau, düster, mit Nieselregen durchsetzt, der aus tiefhängenden Wolken fiel. Alles war feucht und klamm. Blätter torkelten traurig dem Erdboden entgegen. Manche Bäume waren schon kahl, andere besaßen noch ihr buntes Laub. An diesen Tagen wurde es nie richtig hell. Da kam die Dunkelheit, ohne dass von ihr groß Kenntnis genommen wurde.
. »Verdammt!« Boones Kollege fluchte, weil ihm ein Holzsplitter in den Finger gefahren war. Er hatte am Handgelenk eine kleine Wunde hinterlassen. Der Mann leckte das Blut ab.
»Was hast du denn?«
»Ich habe mich gestochen. Widerlich, diese Särge, dieses billige Zeug, verdammt.«
»Du wirst auch keinen besseren bekommen, wenn du den Löffel mal abgibst«, sagte Boone.
»Mir geben sie gar keinen.«
»Was dann?«
Boones Kollege grinste. »Ich kriege nur zwei Griffe angeschraubt …«
»Mehr hast du auch nicht verdient.«
»Halt die Klappe, Boone. Nimm lieber den Deckel und drück ihn drauf. Ich will hier nicht versauern.«
Boone wollte sich schon bücken, als dumpfe Schläge durch den kleinen Raum hallten. Von außen her hatte jemand an die Tür geschlagen.
Die beiden Männer schauten sich an. »Was ist das?«, fragte Quiller, der dabei an seiner kleinen Wunde lutschte. Er war groß und hager.
»Weiß ich nicht. Der Pfarrer?«
»Nee!« Quiller schüttelte den Kopf. »Der hat hier nichts zu suchen. Er will später kommen.«
Wieder hämmerte jemand gegen die Tür. Dreimal wurde geschlagen. Danach klang eine Frauenstimme auf, die kaum von der eines Mannes zu unterscheiden war. »Macht auf, ihr beiden Kerle! Los, öffnet schon, ihr versoffenen Leichenfledderer!«
Quiller verzog das Gesicht, als hätte man ihm Zitronensaft in den Hals gekippt. »Weißt du, wer das ist?«
»Klar. Die Frau des Totengräbers. Die alte Wilma Davies.«
»Was kann die wollen?«
»Keine Ahnung!«
»Soll ich öffnen?«
Boone nickte. »Ja, geh hin.«
Quiller schlich auf die schmale Tür zu. Sie war auch nicht sehr hoch. Ein normal gewachsener Mensch musste schon den Kopf einziehen, wenn er die Kammer betrat.
»Was willst du denn, Wilma?«
»Öffne, du Idiot!«
»Da kann ja jede kommen.«
»Ich will sie noch mal sehen. Hoffentlich habt ihr den Sarg noch nicht geschlossen.«
»Nein!«
»Dann lass mich endlich rein!«
Quiller warf Boone einen fragenden Blick zu. Erst als sein Kumpan nickte, öffnete er.
Für Wilma Davies ging es nicht schnell genug. Sie öffnete so kraftvoll, dass Quiller von ihr getroffen wurde. Er taumelte, wobei er sich lautstark darüber beschwerte.
»He, du alte Vettel, hast du es so eilig?«
»Halt die Klappe, du Hirnloser.«
Quiller lachte. »Mit dir möchte ich auch nicht verheiratet sein. Dein Mann hat nicht nur einen saumäßigen Beruf, sondern auch eine alte Schlampe zur Frau.«
Wilma fluchte nur. Sie nahm von Quiller und Boone keine Kenntnis. Mit trippelnden Schritten näherte sie sich dem Sarg.
Die Jüngste war sie nicht mehr. Hinzu kam die dunkle Kleidung, die sie noch trug. Der Rock reichte bis auf die Knöchel. Beim Oberteil wusste man nicht zu sagen, ob es sich dabei um ein Hemd oder um einen Pullover handelte. Das Kopftuch machte ihr Gesicht noch schmaler, als es eigentlich schon war. Ihre Haut sah verlebt aus, auch wenn sie jetzt durch das Laufen in der frischen, kühlen Luft leicht gerötet war. Der Mund wirkte verkniffen. Die kleinen Augen blickten lauernd und oft genug auch böse. Im Ort ging das Gerücht um, dass Wilma Davies eine der letzten Hexen war und ihren Mann Pernell nur deshalb geheiratet hatte, um nahe bei den Toten zu sein.
Neben dem Sarg blieb sie stehen.
»Und jetzt?«, fragte Boone.
Wilma Davies gab keine Antwort. Ihr Blick war starr auf die Tote gerichtet. Dabei zuckten die Lippen. Es hatte den Anschein, als wollte sie mit dem Mädchen sprechen, sie ließ es bleiben, grinste nur scharf und rieb ihre Hände.
»Könnt ihr mich für einen Moment mit ihr allein lassen?«, fragte sie zischelnd.
»Das geht nicht«, sagte Boone schnell.
Wilma zuckte hoch. »Weshalb nicht?«
»Weil es verboten ist. Wir sind für Julia Ashley verantwortlich. Wir haben dafür zu sorgen, dass sie in den Sarg gelegt wird.«
»Das habt ihr getan?«
»Ja, wir werden ihn noch schließen.«
Wilma lachte leise, bevor sie ihre rechte Hand in die Tasche des langen Rocks schob. Als Faust zog sie sie wieder hervor, öffnete sie, drehte die Hand so weit nach rechts, damit der Lichtschein auf die Fläche fallen konnte.
Schmutz hatte sich in...
| Erscheint lt. Verlag | 12.8.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-3281-2 / 3838732812 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-3281-7 / 9783838732817 |
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