Auf Pilgerfahrt mit Gevatter Tod (eBook)
200 Seiten
edition subkultur (Verlag)
978-3-943412-65-9 (ISBN)
Winterzauber
Transzendenz! Nicht viele kennen dieses Wort, kaum jemand kennt seine Bedeutung. Es meint das Übersteigende, die Unbegreifbarkeit. Es meint das, was über unsere Möglichkeiten der Erfahrung hinausgeht. Die Dinge hinter dem Horizont unserer Wahrnehmung. Es meint jenen Bereich, in dem wissenschaftliche Abhandlungen schleichend in unbelegbare Theorien übergegangen sind, wo Dinge nur noch geglaubt und nicht mehr gewusst werden können. Die Transzendenz ist somit die Quelle des Glaubens, die Mutter der Religionen und die Heimat des Todes.
Ich möchte nicht zu viele Worte über die Art und Weise verlieren, wie diese Zeilen zu Papier gekommen sind. Ich möchte Ihnen diese Transzendenz, dieses gedankliche Geflecht aus Hoffnungen und Glauben nicht nehmen. Es hat einen übergeordneten Sinn, dass nicht alles im Leben erfahrbar ist, ja, es ist ein Gesetz – und ich werde diese Regel respektieren, auch wenn ich etwas mehr darüber weiß als andere.
Mir war eiskalt. Für einen Moment glaubte ich, nackt auf einem Bett aus Schnee zu liegen. Ich spürte kalte Flocken, die auf mein Gesicht herabrieselten. Sie klebten vor meinen geschlossenen Augen, legten sich sanft über Nase und Mund und verschlossen ganz allmählich meine Atemwege. Ein starker Atemstoß blies den kalten Schleier weg, die Luft schmerzte in meiner Brust. Doch der Schnee rieselte weiter und seine heimtückische, kalte Decke schloss sich wieder um mich.
Plötzlich roch ich heiße Schokolade und die Kälte verschwand. Ein Mann rührte vorsichtig in einem großen, bunten Becher, aus dem der wundervolle Duft kam und den Raum mit Liebe erfüllte.
„Hallo, kleine Prinzessin, ich hab hier was für dich.“ Seine Stimme verströmte Fürsorge und Geborgenheit. Sein lächelndes Gesicht mit dem Siebentagebart erzählte wortlos von der unermesslichen Liebe, die ein Vater für sein Kind empfand.
Doch dann kam die Kälte zurück. Ich fror erbärmlich, während sich die schöne Szene veränderte, während alle Konturen und Farben zu einem schemenhaften Nebelgebilde verschwammen und sich letztlich ganz auflösten. Wie ein Heer von Ameisen kroch Frost über meine Arme und Beine, durchdrang schließlich meine Brust und schmiegte sich an mein Herz.
Ich ahnte, dass diese Kälte ein Teil der Realität war. Und die Bilder waren Erinnerungen, die wie Nebel in meinem Geist schwebten. Nebel, der gemächlich zum Himmel emporsteigt und die Sicht ganz allmählich auf die dahinterliegende Wirklichkeit freigibt.
Da sah ich mich erneut als kleines Kind, diesmal beim Schlittenfahren. In dem dicken Schneeanzug sah ich aus wie ein prall gefüllter Luftballon, der jeden Moment zu platzen drohte. Mein älterer Bruder Uwe war auch dabei und Mami setzte mich vor ihn auf den Schlitten. Wir lachten, als ich unbeholfen nach vorne kippte und mit dem Gesicht im Schnee landete. Beim zweiten Versuch hielt Uwe mich fest um den Bauch und wir rasten einen Hügel hinunter. Der Schnee prasselte mir ins Gesicht, als wir um kahle Büsche herumkurvten und einmal sogar über eine kleine Anhöhe schanzten. Unten angekommen lenkte mein Bruder direkt in eine Schneewehe hinein und wir wurden von der weißen Pracht empfangen.
Die Kälte holte mich jäh aus dem Traum. Sie jagte über meine Haut, ließ mich jämmerlich erschaudern und machte mir erneut klar, dass ich mich auf einer Reise weitab des Realen befand. Doch der Film aus meiner Vergangenheit hörte noch nicht auf …
Eingestreut, wie saure Beeren in einem Muffin, gab es neben zahlreichen schönen Erinnerungen auch einige schmerzliche – auch sie verlangten nach ihrem Recht.
Ich war erst vierzehn geworden, als Papa völlig überraschend starb. Nachdem er schon einige Versuche unternommen hatte, die Alkoholsucht in den Griff zu bekommen, war er nach einem Rückfall mitten in der Nacht ins Haus geschlichen und hatte sich im Wohnzimmer auf das Sofa gelegt. Vermutlich hatte er niemanden von uns stören wollen, oder wir sollten ihn nicht so betrunken sehen.
Mutter fand ihn am nächsten Morgen. Tot. Überall war seine Kotze. Er war daran erstickt.
Drei Tage später lag er im Sarg, und ich wollte glauben, sein Leichnam wäre nur eine Nachbildung aus Wachs, während er selbst am Baggersee war und dort mit Freunden und Bier das Leben genoss.
Wir waren auch oft mit ihm am See gewesen, hatten tagsüber gebadet, am Strand Volleyball gespielt und uns die Abende in unserem alten Wohnmobil mit Monopoly vertrieben. Ich erinnere mich an sein schelmisches Grinsen, wenn er mir, von den anderen unbemerkt, Geldscheine zuschob, damit ich nicht verlor, wenn ich bei meinem Bruder auf die Schlossallee geraten war. Auch damals hatte er nebenbei schon immer viel Bier getrunken – es gehörte einfach zu ihm, wie seine gute Laune zu ihm gehörte.
Es tat mir weh, dass er mich verlassen hatte. Ich hätte ihn gebraucht. Ich wäre heute eine andere, wenn er nicht gestorben wäre. Vielleicht hätte ich sogar glücklich werden können – wer weiß?
Uwe war tagelang ganz still. Später meinte er, dass Vater nur ein beschissener Alkoholiker war, dem der Stoff wichtiger war als wir.
Und Mutter sagte: „Wenn ich doch nur irgendwas gehört hätte!“ Sie sagte das Tausende und Abertausende Mal, sie verlor sich in Selbstvorwürfen. Wahrscheinlich sagt sie es noch heute. „Wenn ich doch nur irgendwas gehört hätte.“
Die Szene verschwamm wieder und eisige Böen jagten mir klirrenden Schneestaub ins Gesicht. Die Kälte raubte mir den Atem, aber dieses Mal ließ ich mich auf sie ein. Ich war es leid, im Morast meiner Vergangenheit zu graben.
Es war so eisig, dass es überall weh tat. Wie eine Welle jagte der Schmerz durch meinen Körper und diese pure, giftige Kälte lag so bösartig auf meiner Haut, dass ich dachte, selbst der Tod müsste angenehmer sein. Und wie so oft schon wünschte ich ihn mir herbei, zumindest für einige Augenblicke.
Schon flogen mir wieder Bilder aus meiner Jugend zu, die mich von der Kälte wegreißen wollten, die mich womöglich vor ihr schützen wollten, aber ich ließ mich nicht ablenken und gewann letztlich den Kampf gegen diesen steifen, kalten Mantel, der mich wie ein mittelalterliches Folterinstrument umklammerte. Ein unangenehmes Kribbeln zog durch meine Glieder, Arme und Beine begannen unkontrolliert zu zucken und all das steigerte sich zu einem schmerzhaften Anfall von Krämpfen.
Doch dann war das Schlimmste vorbei. Ich konnte Arme und Beine wieder bewegen und schließlich öffnete ich erstmals an diesem Morgen meine Augen. Ich erwachte und war geblendet von der Welt, die mich umgab.
Um mich herum lag tatsächlich beißend kalter Schnee. Im morgendlichen Dämmerlicht war er nicht weiß, sondern hatte die Schattierung von aschfahlem Grau angenommen. Die flachen Atemzüge brannten in meiner Brust und der Schmerz zwang mich, ganz still zu verharren.
Denken! Ich musste mich wieder aufs Denken konzentrieren, das unter diesen Umständen besser funktionierte, als mein Körper.
Dann wurde mir klar, dass ich beinahe erfroren wäre. Ich befand mich im Freien, mitten im Winter, bei eisigen Temperaturen, und ein Teil meines Lebens war soeben an mir vorbeigezogen.
Als ich das Bretterdach über mir sah, das von einigen graubraunen Balken getragen wurde, kam die Erinnerung bruchstückhaft zurück. Ich befand mich unter dem Vordach einer alten Holzhütte, am Rande eines abgelegenen Feldwegs. Ich hatte mich auf meinem Heimweg heute Nacht verlaufen und glücklicherweise diesen Unterstand gefunden.
Leiden bewirkt, dass die Zeit langsamer zu vergehen scheint – vielleicht tut sie es tatsächlich – und ich kann sagen, dass jene ersten Minuten nach meinem Erwachen von solch schmerzenden Anstrengungen begleitet waren, wie ich sie niemals zuvor erlebt hatte. Meine bleichen Finger, meine Füße, die steifen, kalten Glieder, alles verlangte seine Zeit, bis die Muskeln meinen Befehlen wieder gehorchten.
Ohne es zu wollen, glitt ich dabei doch noch einmal in die Traumwelt hinüber und die Verkettung an Erinnerungen führte sich fort. Ich sah, wie ich mit Jörg händchenhaltend durch die Straßen schlenderte. Jörg – mein erster ‚richtiger‘ Freund. Ich war fast sechzehn und inzwischen eine rebellische kleine Gothic-Göre mit bleichgeschminktem Gesicht und pechschwarzen Nägeln geworden. Ich trug fast nur schwarze Kleidung und begann damit, poetisch-kitschige Gedichte zu schreiben.
Es gefiel mir, mit Jörg zusammen zu sein, mit ihm über Fantasybücher oder Philosophie zu reden, mit ihm CDs zu hören oder Horrorfilme zu sehen. Ich mochte seine Nähe und seine Umarmung. Aber wenn er mit mir schlief, dachte ich an Ulrike, und manchmal an Anke.
Ich trennte mich schon nach einem halben Jahr wieder von ihm, was er mir nie so ganz verziehen hat, obwohl wir auch heute noch befreundet sind. Ulrike und Anke suchten sich ihre Männer und lebten ihr Heteroleben. Jörg blieb bis heute meine einzige Liebesbeziehung, die länger gehalten hatte als ein paar Tage.
Schon mit achtzehn zog ich von zu Hause aus, mitten in meiner Ausbildung zur Fotografin. Der Beruf war damals eine wichtige Konstante in meinem Leben – die einzige Konstante, um genau zu sein. Das Fotografieren war etwas, indem ich wirklich gut war, etwas, an das ich mich klammern konnte.
Mit meinem Bruder Uwe hatte ich mich hoffnungslos zerstritten und Mutters Verachtung für die schwarze Szene kotzte mich an. Sie wünschte sich ein buntes, glückliches Blumenkind, das leicht durchs Leben kommt, erfolgreich ist, und beliebt, und bald selbst eine Familie gründet. Klar wünschte sie sich das, als Mutter.
...| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2015 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction | |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Erzählungen • Gruselgeschichten • Pranormal • Schwarzwald • Übersinnliches • unerklärliche Phänomene |
| ISBN-10 | 3-943412-65-2 / 3943412652 |
| ISBN-13 | 978-3-943412-65-9 / 9783943412659 |
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