John Sinclair 394 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-3154-4 (ISBN)
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!
Die Unheimliche vom Schandturm.
Über Köln tobte ein verheerendes Unwetter.
Ein Orkan viel mit seinem sintflutartigen Regen wie ein wildes Ungeheuer über die Domstadt her. Und während Dächer abgedeckt und die wenigen Bäume entwurzelt wurden, stand Gretchen am Turmfenster und wartete sehnsüchtig auf ihren Geliebten. - Als sie endlich Schritte hörte, schaute sie mit fiebernden Blicken zur Tür und setzte sich aufs Bett.
Aber es war nicht ihr Geliebter, der das Turmzimmer betrat ...
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Die Unheimliche vom Schandturm
Der alte Totengräber konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so starken Sturm erlebt zu haben. Ein Strafgericht Gottes jagte in wüsten Böen auf die Erde nieder, peitschte die Wellen des Flusses hoch, fuhr mit elementarer Gewalt in die Stadt hinein, zerrte an den Bäumen, riss ihnen Zweige und Äste ab und knickte morsche Stämme wie Streichhölzer.
Fensterläden rissen sich aus ihren Verankerungen. Mit spielerisch anmutender Leichtigkeit fanden sie ihren Weg bis zum nächsten Hindernis, gegen das sie voll krachten.
Auch über den Friedhof wehte der Sturm. Er brachte Zweige und Äste mit. Sogar einen Karren schob er vor sich her. Gewaltige Kräfte spielten mit dem Laub und nahmen es mit zu unbekannten Zielen, wie eine ruhe- und rastlose Masse, die nie eine Heimat finden würde …
Der Totengräber hockte in seiner alten Bude und lauschte dem Heulen des Sturms. Man nannte ihn nur Pitter, der Friedhof war sein Reich, er gehörte zu ihm wie die düsteren Grabsteine und die alten Bäume, deren Kronen durchgeschüttelt wurden.
Das Haus ächzte. Es stöhnte unter gewaltigen Schmerzen. An den Ecken und den vorgebauten Dachkanten fing sich Sturm und heulte dort eine Melodie, die als schauriger Grabgesang zu dem Friedhof passte. Ein Geleit für all die Toten, die ins Jenseits eingingen, wo ihre Seelen für alle Ewigkeiten schmachten würden.
Pitter ging zur Tür. Er hörte die Geräusche, und manchmal war es ein hartes Klopfen, als würden die Hände der Toten gegen seine Tür hämmern, um Einlass zu begehren.
Ein furchtbares Unwetter tobte sich über der Stadt aus. Für die Schiffer wurde der Rhein zu einer tödlichnassen Falle. Niemand wagte sich mehr hinaus auf den Fluss, wo die Wellen zu gläsernen Bergen anwuchsen, die alles überschwemmten oder mitrissen, was sich ihnen in den Weg stellte. Längst war der Fährbetrieb eingeschlafen. Vertäut lagen die breiten Kähne am Ufer, wurden von den Wellen erwischt und schüttelten sich mit trägen Bewegungen, weil sie aus ihrer Ruhe gerissen worden waren.
Es war eine Nacht, die man am besten vergaß, wenn man sie heil überstand …
Der Sturm kannte kein Pardon. Er jagte in jede Ritze hinein, als wollte er erkunden, ob es noch Dinge für ihn gab, die es mitzunehmen lohnte.
Manchmal, wenn er durch besonders enge Gassen heulte und gegen Widerstände prallte, hörten sich seine Laute an wie das Schreien von Gefolterten oder das Jammern der allmählich Verhungernden im Schandturm.
Die Zeiten waren hart. Wer sich außerhalb stellte, wurde vernichtet. Das Großbürgertum, der Adel und nicht zuletzt die Kirche reagierten in Colonia mit eiserner Strenge.
Pitter, der Totengräber, blieb innen vor der Haustür stehen. Sein skeptischer Blick aus den kleinen Augen traf die Tür, die sich unter den jenseits von ihr tobenden Gewalten nach innen bog, wobei der Totengräber nicht mehr glauben wollte, dass der Holzriegel noch lange standhielt. Er kam zu dem Entschluss, etwas tun zu müssen. Die Tür musste einfach verriegelt und verrammelt werden, dazu brauchte er Werkzeug und eine stabile Holzlatte, am besten einen Pfosten.
Pitter bewahrte so etwas in seinem Schuppen auf, wo auch noch primitive Särge für die ganz Armen standen, die kein Geld für eine Beerdigung hatten.
Der Schuppen war besonders gefährdet. Bei schönem Wetter lugten die Strahlen der Sonne durch das mit Löchern und Ritzen übersäte Dach. Im Winter hielt die knackige Kälte Einzug, sodass man leicht erfrieren konnte, da es keinen Ofen gab, der den Schuppen erwärmte.
Durch den Flur musste Pitter gehen, um die Tür zu erreichen, die den Schuppen mit seinem kaum besseren Wohnhaus verband.
Auf der kurzen Strecke bekam er ebenfalls die Gewalt des Windes mit. Der Orkan erschütterte das Haus in seinen Grundfesten, er wühlte in den Bäumen wie ein wildes Tier und schleuderte abgerissene Äste und Zweige auf das Dach, sodass es sich anhörte, als würde jemand einen wahren Trommelwirbel veranstalten.
Die schmale Tür zum Schuppen war primitiv gearbeitet. Sie erzitterte unter den harten Windstößen, die es irgendwie schafften, auch gegen sie zu hämmern. Bei ihr war es ebenfalls nur noch eine Frage der Zeit, wann sie brechen würde.
Der Totengräber zog sie auf. Er brauchte nicht einmal viel Kraft aufzuwenden. Der Wind unterstützte ihn und spielte plötzlich mit der Tür.
»Das gibt es nicht!«, keuchte Pitter im breitesten Kölsch und schüttelte sich. »So ein Mist.« Er hielt die Tür fest, damit sie ihm nicht gegen den Schädel schlug. Sein Blick glitt in den Schuppen.
Nichts stand mehr an seinem Platz. Der Wind hatte das Werkzeug umgerissen. Schaufeln, Spaten, Spitzhacken und andere Dinge waren zu Boden geschleudert worden.
Pitter ärgerte sich. Er überlegte, ob er tatsächlich hineingehen sollte, aber die Vordertür war wichtiger. Wenn sie zerstört wurde, hatte der Wind freie Bahn und würde das Haus regelrecht zerlegen. Deshalb war es besser, wenn er sie sicherte.
Den schweren Hammer sah er nicht gleich, weil er unter einem Spaten verborgen lag. Dafür stach ihm ein breiter Holzstempel ins Auge, der ungefähr die Maße besaß, die er für die Tür benötigte. Mit Holzkeilen wollte er den Stempel schräg befestigen.
Kaum hatte er den Schuppen betreten, als eine neue Bö heranfuhr, durch die Lücke drang und ihn packte. Pitter war ziemlich knochig, die meisten sagten dürr dazu, und so hatte er dieser neuen Bö nichts entgegenzusetzen. Sie warf ihn zurück. Er prallte genau gegen die zufallende Tür, bei der er noch mithalf, sie ins Schloss zu schmettern, wobei dieser Klang so laut durch den Schuppen dröhnte, als hätte jemand eine Muskete abgefeuert.
Pitter duckte sich. So bot er dem Wind nicht zu viel Angriffsfläche.
Den Hammer holte er zuerst. Ein schwerer Eisenklotz war an einem Holzstiel befestigt worden. Wer ihn schwingen wollte, musste schon die nötigen Kräfte aufbringen.
Die besaß Pitter.
Man sah es seiner dürren Gestalt nicht an, aber er besaß eine bemerkenswerte Ausdauer, die er sich beim Schaufeln der Gräber geholt hatte. Der Totengräber war davon überzeugt, in den nächsten Tagen wieder mehr Gräber als gewöhnlich ausheben zu müssen, denn ein Orkan wie dieser kostete immer Opfer.
Jetzt brauchte er nur den Balken. Durch das zusätzliche Gewicht des Hammers konnte er sich auch besser auf den Beinen halten. Nicht mehr jeder Windstoß warf ihn um. Er hatte die Augen zusammengekniffen, um sich vor dem hereingewehten Staub zu schützen.
Plötzlich war alles anders geworden. Er hatte genau gesehen, dass sich die Lücke in der Wand verdunkelt hatte, und zwar nicht von einem Gegenstand, sondern von einer Gestalt. Pitter sah nicht viel von ihr, nur die untere Hälfte. Das reichte aus, um erkennen zu können, dass die Gestalt ein Mensch war und ein Totenhemd trug …
Es flatterte im Wind, warf Falten, wurde gegen die Beine geschleudert, dann wieder zurück und bewegte sich hektisch zur linken Seite hin, weil der Wind gedreht hatte und jetzt von rechts kam.
Aus dem Saum des Kleides schauten zwei nackte Beine hervor. Keine Schuhe bedeckten die Füße, sie verschwanden im Schlamm des aufgeweichten Bodens und wurden von altem Laub umspielt, das der Wind heran- und auch wieder wegwehte.
Welcher Mensch verirrte sich um diese Zeit und bei einem so wütenden Orkan schon auf den Friedhof?
Niemand – aber war die Gestalt überhaupt ein Mensch? Der Totengräber beugte sich vor. Er hatte erkannt, dass die Beine nicht zu einem Mann gehörten. Es musste eine Frau sein, die vor ihm stand, und ihr Fleisch sah aus wie weißer Marmor.
Als wäre eine Tote aus dem Grab gestiegen …
Selbst Pitter bekam bei dieser Schlussfolgerung eine Gänsehaut. Sie kroch den Rücken hinauf und setzte sich in seinem Nacken fest. Es war normalerweise nicht möglich, obwohl ihm ein Heilkundiger mal gesagt hatte, dass es so etwas geben würde. Aber da war er betrunken gewesen, und Pitter hatte über ihn nur gelacht.
Jetzt war er sich nicht mehr sicher …
Bevor er sich davon genauer überzeugen konnte, erklang in der Ferne ein seltsames Geräusch. Zu diesem unheimlich klingenden Heulen mussten sich Wölfe zusammengerottet haben, anders war es nicht zu erklären.
Und doch gab es eine Erklärung.
Inmitten des über der Stadt tobenden Sturmwirbels hatte sich eine Windhose gebildet, die sich mit rasender Geschwindigkeit voranbewegte und von keinem Hindernis aufgehalten werden konnte, da sie alles zur Seite spülte.
Das Heulen kündigte sie an. Jetzt hätte ein Mensch noch flüchten können, aber der Totengräber blieb. Der Anblick der Beine hatte ihn irgendwie gelähmt. Er stand auf dem Fleck, konzentrierte sich auf das Heulen und vernahm zwischendurch das Knacken der Äste, die mitgerissen wurden, bevor die Windhose sogar Bäume entwurzelte.
Sie jagte heran.
Und das Haus des Totengräbers stand ihr genau im Weg.
In den folgenden Augenblicken hatte der Mann das Gefühl, als würde die Zeit langsamer ablaufen. Er starrte durch die Lücke, sah das Chaos auf seinem Friedhof und schaute dann zu, wie die Beine vor seinen Augen verschwanden. Die Tote war einfach mitgerissen worden. Sie hatte das gleiche Schicksal erlitten, wie es dem alten Schuppen und dem Totengräber noch bevorstand.
Das Krachen mischte sich in seinen entsetzten Schrei. Plötzlich war die Welt um ihn herum eine andere geworden. Die Windhose riss das Haus praktisch entzwei. Bretter, Latten, Dachsparren, Werkzeuge und auch der Mensch gerieten in Bewegung und vereinigten...
| Erscheint lt. Verlag | 22.7.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-3154-9 / 3838731549 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-3154-4 / 9783838731544 |
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