John Sinclair 252 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-3011-0 (ISBN)
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!
Die Tochter des Totengräbers.
Jede Nacht schleicht sich Marion, die Tochter des Totengräbers, aus dem Haus, um dem Friedhof einen Besuch abzustatten. Die Eltern werden auf diesen merkwürdigen Zeitvertreib aufmerksam, und so entschließt sich der Vater, Marion bei einem ihrer nächtlichen Ausflüge zu beschatten. Er glaubt zu träumen, als er Marion vor dem Grab des verstorbenen Richters Jeffries erkennt. Aber es kommt noch schlimmer. Marion spricht mit dem Toten! Sie bittet ihn mehrmals, sich aus dem Grab zu erheben und mit ihr nach Hause zu kommen - in seine alte Wohnung. Marions Vater kann sich nicht länger beherrschen. Er gibt sich zu erkennen, und es kommt zum Streit ...
John Sinclair - der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit!
Die Tochter des Totengräbers
Mitternacht!
Ein leises Knacken war zu hören, dann bewegte sich etwas im Gehäuse der Uhr, und im nächsten Augenblick schlug sie an. Zwölfmal!
Schwere Gongschläge hallten durch das Haus. Jeder Schlag wirkte wie die Mahnung eines Toten an die Lebenden, damit sie wussten, was die Stunde geschlagen hatte.
Jason Price fuhr im Bett hoch. Seit einiger Zeit wurde er jedes Mal durch das Schlagen der Uhr wach. Früher hatte es ihm nichts ausgemacht, aber heute war alles anders.
Die alte Matratze knarrte erbärmlich, als sich der schwere Mann zur Seite wälzte und schließlich seine Beine über die Bettkante schwang. Zielsicher fanden seine Füße die bereitstehenden Pantoffeln. Er schlüpfte hinein, stand auf und schlich zum Fenster.
Dort blieb Jason Price stehen. Wie in jeder Nacht hatte Thelma die Vorhänge zugezogen. Sie reichten bis auf den Boden und ließen kaum einen Fetzen Licht durch. Price griff nach der Kordel, die so dicht vor seinem Gesicht baumelte, dass sie schon fast seine Wange streifte. Er zog sie nach rechts, und über ihm ertönte ein helles Summen, als die kleinen Räder auf der Schiene weiterfuhren und die rechte Hälfte des Fensters preisgaben, sodass Price nach draußen schauen konnte. Es war eine unheimliche Nacht.
Zwar herrschte kein Gewitter, es war auch kein Vollmond zu sehen. Trotzdem gefiel ihm dieses fahle Licht nicht, das sich hinter den dicken Wolken versteckte und die Ränder dieser gewaltigen Nebelgebilde erhellte.
Wie bizarr anmutende Felsen standen die Wolken am Himmel, ohne vom Wind bewegt zu werden.
Sie schwiegen.
Price ließ seinen Blick wandern und schaute in die Tiefe. Von der großen Treppe sah er nur einen Teil der Stufen. sein Blickwinkel war einfach nicht gut genug. Dafür konnte er den Weg überblicken bis hin zur Grenze, wo der kleine Familienfriedhof begann.
Da die Luft seltsam klar war, glaubte er, die alten Grabkreuze und Steine erkennen zu können, die schief in der feuchten Erde des Totenackers steckten.
Er selbst hatte die letzten Toten dort noch begraben. Schließlich war es sein Job als Totengräber.
Mit seinen nikotingelben Fingerspitzen der linken Hand zog er die Furchen in seinem Gesicht zwischen Nasen- und Mundwinkel nach. Bei Jason Price ein Zeichen großer Unruhe, obwohl er es nicht gern zugab, aber er spürte sie, und er hatte Angst. Denn das, was fast jede Nacht geschah, war nicht normal.
Der Schlag der alten Standuhr im Flur war verstummt. Es herrschte wieder Stille. Eigentlich hätte Price das Atmen seiner Frau hören müssen. Da er dies nicht vernahm, ging er davon aus, dass Thelma wach im Bett lag und lauschte.
Price sprach sie nicht an. Sie hätte ihm sowieso wieder Vorwürfe gemacht, denn sie gab ihm allein die Schuld an den Dingen. Dabei konnte er nichts dafür.
»Siehst du sie?« Thelmas Stimme unterbrach das lastende Schweigen.
»Nein.«
»Aber sie wird kommen?«
»Vielleicht.«
Eine Bettdecke raschelte. Jason wusste genau, dass seine Frau jetzt aufstand. Schon hörte er ihre Schritte. Sie klangen irgendwie plump. Ja, das war der richtige Ausdruck.
Er spürte ihren Körper hinter sich. Sie presste ihre schlaff gewordenen Brüste gegen seine rechte Seite und schaute an ihm vorbei. »Vielleicht geht sie nicht mehr.«
»Weiß ich doch nicht.«
»Warum fragst du sie nicht?«
»Das habe ich bereits.«
»Und?«
»Sie sagt nichts.«
Das Lachen der Frau klang schrill und ließ Jason Price zusammenzucken. »Dann bindet sie dir einen Bären auf, mein Lieber.«
»Möglich. Ich höre nur immer, dass sie sich an nichts mehr erinnern kann.«
»Dass ich nicht lache. Marion und sich an nichts mehr erinnern. Das kannst du mir nicht erzählen.«
»Es ist aber so.«
»Du hast sie eben zu sehr verwöhnt. Schon als Kind. Immer wenn ich etwas sagte, dann hattest du eine Ausrede für sie. Und du hast sie immer mitgenommen, sogar zu deinen verdammten Leichen, wenn du sie gewaschen und in die Särge gelegt hast. Und das bei einem Kind.«
»Sie sollte eben ein natürliches Verhältnis zu den Toten bekommen.«
»Das hat sie. Deshalb geht sie auch jede Nacht los. Oh, ich verfluche den Tag, an dem wir dieses Haus hier geschenkt bekommen haben. Es wollte keiner haben. Ein Haus mit einem Friedhof, das ist schon fast pervers.«
»Meinetwegen auch das«, erwiderte Jason. »Wenn es dir in einer dieser Wohnburgen besser gefällt, bitte, du kannst ja ausziehen!«
»Damit du mit deiner Tochter allein bist, wie? Nein, den Gefallen tue ich euch nicht. Aber ich behalte euch im Auge, darauf kannst du dich verlassen. Ich schaue genau nach, was ihr tut, ihr … Ihr Leichenfetischisten.«
»Halt endlich deinen Mund!«, knurrte Price, dem das Gerede seiner Frau wieder auf den Wecker fiel.
Thelma war auch still. Doch nicht, weil ihr Mann es so haben wollte, sondern weil sie das dumpfe Schlagen der Haustür vernommen hatte. »Jetzt geht sie!«, hauchte die Frau.
Beide beugten sich etwas vor, um besser sehen zu können. Marion musste gleich auftauchen, und richtig, die erste Hälfte der Treppe hatte sie rasch überwunden, sodass sie jetzt in das Blickfeld des wartenden Ehepaares geriet.
»Die ist ja viel zu dünn angezogen«, beschwerte sich Thelma Price. »Und das bei dieser Kälte.«
»Als ob es darauf ankäme«, erwiderte Jason rau.
In der Tat trug das etwa 20-jährige Mädchen nur ein rosafarbenes Kleid. Es war mehr als Kostüm geschnitten und bestand aus einem weit schwingenden und bis zum Boden reichenden Rock sowie einem Oberteil, das am Kragen eine weiße Borte aufwies. Marions Haar war lang und rötlichblond. In der rechten Hand hielt sie eine alte Petroleumlampe, deren Flamme durch einen Glasaufsatz vor dem Wind geschützt war und deshalb nicht ausgeblasen werden konnte.
Marion Price nahm die letzte Stufe, blieb für einen Moment auf der eisernen Abtretmatte stehen und schien zu überlegen, ob sie weitergehen sollte oder nicht.
»Komm zurück!«, flüsterte ihre Mutter oben im Zimmer. »Kind, komm, da hast du nichts zu suchen …«
Als hätte Marion die Worte gehört, wandte sie den Kopf und schaute an der Hausfront hoch.
Der Mann und die Frau traten zurück. Sie wollten nicht unbedingt gesehen werden. Marion blickte auch nicht lange. Sie gab sich einen Ruck und ging jetzt den schmalen Weg hinab, der hinunter zum Friedhof führte.
Obwohl sie sich nicht sehr beeilte, setzte sie ihre Schritte zielstrebig voran. Sie hatte überhaupt keine Angst, der Grabstätte entgegenzugehen, denn das tat sie fast jede Nacht.
»Willst du nicht hinterher?«, fragte Thelma, während sie ihre Tochter beobachtete.
Jason Price hob die Schultern. »Ich weiß nicht so recht. Irgendwie komme ich mir wie ein Schuft vor, wenn ich meine eigene Tochter so beobachte.«
»Aber es geht doch um sie. Um ihr Bestes. Wir meinen es nur gut.« Thelma sprach drängend, und sie hatte mit ihren Worten bei Jason einen wunden Punkt beruht.
Ja, er machte sich auch große Sorgen um seine Tochter. Was sie da fast jede Nacht tat, war in seinen Augen nicht normal. Welches junge Mädchen schlich sich schon klammheimlich aus dem Haus, um einen Friedhof zu besuchen?
Einen Freund, ja, das wäre zu verstehen gewesen, aber bei Marion gab es in dieser Richtung keinen Grund. Sie besuchte nur die alten Gräber und hockte dort fast eine Stunde.
»Geh ihr doch nach!«, forderte Thelma.
Jason Price nickte entschlossen. »Okay«, sagte er, »ich mache es. Man muss ja schauen, was seine Tochter in der Nacht so treibt.« Er grinste, als er das sagte, wandte sich um und knipste die kleine Nachttischleuchte an.
Price trug nie einen Schlafanzug, immer ein altes, weit geschnittenes Nachthemd, das er sich über den Kopf streifte. Völlig nackt war er nicht. Noch immer trug er seine graue, bis fast zu den Knien reichende Unterhose.
Thelma schaute ihn an. Jason war alt geworden. Sein Haar hatte eine grauweiße Farbe bekommen. Es hing in Strähnen über die Ohren. Die Haut im Gesicht zeigte Furchen, seine Bauchdecke hing schlaff über den Bund der Unterhose.
Price zog sein Hemd über, stieg in die alte graue Hose und nahm am Haken von der Tür seine Jacke ab.
»Ich gehe jetzt«, sagte er.
Thelma war am Fenster stehen geblieben. »Willst du nicht noch deine Pistole mitnehmen?«
»Für wen?« Price lachte und schüttelte den Kopf. Den Türgriff hielt er bereits in der Hand. »Etwa für meine Tochter? Soll ich sie töten? Du hast vielleicht Nerven.«
»So habe ich das nicht gemeint, das weißt du ganz genau«, regte sich Thelma auf.
»Ja, ja, du hast recht, und ich habe meine Ruhe.« Jason Price ging und schloss die Tür von draußen.
Er war froh, seiner Frau »entkommen« zu sein. Mit der Zeit fiel sie ihm immer stärker auf die Nerven. Seit Marion sich so seltsam benahm, wurde es noch schlimmer. An allem hatte sie etwas zu nörgeln. Nichts machte man ihr richtig, und Jason hatte sein Eheweib schon so manches Mal verwünscht.
Im Haus herrschte die nächtliche Stille. Das Gebäude war ziemlich alt, über 300 Jahre. Viel hatten die Vorbesitzer nicht renoviert. Man wollte alles historisch echt lassen. So echt, dass es baufällig wurde. Beim ersten Hinsehen sah es nicht so aus, doch der Fachmann erkannte sehr schnell die Schwachstellen in diesem Gebäude. Zudem hatte das Haus keiner haben wollen, als der letzte Besitzer starb. Man hatte es dem Totengräber und dessen Familie quasi überlassen. Zusammen mit dem großen Grundstück und dem dazugehörigen Friedhof.
Marion...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-3011-9 / 3838730119 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-3011-0 / 9783838730110 |
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