Anfang des 22. Jahrhunderts. Die Menschheit kämpft gegen Aliens, in den letzten bewohnbaren Zonen der Galaxis tobt ein blutiger Bürgerkrieg, und politische Unruhen, militärische Polizeigewalt und Not bedrohen das gesamte Sonnensystem. Der junge Army-Offizier Andrew Grayson hat zwar das Militärbootcamp und den verheerenden Überfall im All überlebt, doch als er mit einer Truppe Querulanten und Unruhestiftern in eine ferne Kolonie geschickt wird, weiß er, dass seine gefährlichste Mission gerade erst begonnen hat ...
Marko Kloos wurde 1971 in Deutschland geboren und ist dort auch aufgewachsen, bevor er nach Amerika übersiedelte. Er arbeitete u.a. als Soldat, Verkäufer und IT-Administrator, bevor er seine Leidenschaft für Fantasy und Science Fiction zu seinem Beruf machte und Autor wurde. Er lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen zwei Kindern in New Hampshire.
1
WEITERVERPFLICHTUNG
»Ich schwöre feierlich, dem Nordamerikanischen Commonwealth treu zu dienen und seine Gesetze und die Freiheit seiner Bürger tapfer zu verteidigen.«
Ich hatte meine Weiterverpflichtung zwar schon gestern im Büro des Captains unterschrieben, sodass ich schon jetzt mit Haut und Haar für die nächsten fünf Jahre Regierungseigentum war. Aber das Militär hat eben ein Faible für Rituale. Wir befinden uns in einem Besprechungsraum, und der Captain und der Erste Offizier stehen zu beiden Seiten des Rednerpults. Jemand hat eine zerknitterte Flagge des Nordamerikanischen Commonwealth aufgetrieben und vor dem Wandbildschirm drapiert. Also hebe ich die Hand und wiederhole zum zweiten Mal in meiner militärischen Laufbahn die Eidesformel. Ein Corporal von der PR-Abteilung der Flotte zeichnet das Ereignis auf – aus welchem Grund auch immer. Selbst bei unseren derzeitigen Problemen hat das Militär noch immer eine Weiterverpflichtungsquote von neunzig Prozent, sodass diese Zeremonie durchaus öfter stattfindet.
»Glückwunsch, Staff Sergeant Grayson«, sagt der Captain, nachdem ich die Eidesformel gesprochen habe. »Sie sind für weitere fünf Jahre bei der Truppe.«
Was hätte ich auch sonst machen sollen?, sage ich mir.
»Danke, Sir«, erwidere ich und nehme das rein zeremonielle Weiterverpflichtungs-Zertifikat aus seiner ausgestreckten Hand entgegen. Dies bedeutet einen Bonus für mein Konto, das seit dem ersten Tag der Grundausbildung vor fünf Jahren stetig angewachsen ist. Nur dass die Währung des Commonwealth zunehmend an Wert verliert. Bei meinem Ausscheiden aus den Streitkräften wird das Geld auf meinem staatlichen Konto wahrscheinlich gerade noch dafür reichen, ein Frühstück und eine Bahnfahrkarte nach Hause in die Sozialwohnungssiedlung in Boston zu bezahlen.
Ich habe mich natürlich nicht des Geldes wegen weiter verpflichtet. Ich habe mich weiter verpflichtet, weil ich nicht wusste, was zum Teufel ich sonst hätte tun sollen. Meine beruflichen Fertigkeiten beschränken sich darauf, Dinge in die Luft zu jagen und mit geheimen neuronalen Netzen zu arbeiten, womit ich im Zivilleben keinen Blumentopf gewinnen dürfte. Ich hatte keine Lust, wieder zur guten alten Erde zurückzukehren und bis zu meinem frühen Tod in einer Sozialwohnung zu leben. Außerdem bin ich seit dem Tag, als ich von der Navy Indoc bei den Großen Seen zur Flottenakademie auf Luna geflogen bin, nicht mehr auf Terra gewesen. Und nach dem, was ich über das MilNet höre, ist die alte Heimatwelt ziemlich auf den Hund gekommen. Ein paar Leute, die kürzlich dort gewesen sind, sagen, wir könnten den Lankies wohl nichts Schlimmeres antun, als ihnen diesen Ort freiwillig zu überlassen.
Die Erdbevölkerung erreichte vor zwei Jahren den Höchststand von dreißig Milliarden Menschen, von denen drei Milliarden sich in Nordamerika zusammendrängen. Terra gleicht einer Ameisenkolonie mit hungrigen, unzufriedenen und antisozialen Ameisen, und ich bin noch nicht erpicht darauf, mich ins Getümmel dieser Bevölkerung zu stürzen. Wenigstens kann das Militär seine Leute noch ernähren, was man von der Zivilverwaltung des NAC nicht unbedingt sagen kann. Mom geht einmal im Monat oder so zum Verwaltungsgebäude, um Netzzugang zu erhalten. In ihrer letzten Nachricht hat sie erwähnt, die Nahrungsmittelgrundversorgung sei auf dreizehntausend Kalorien pro Person und Woche reduziert worden. Es sieht so aus, als ob ihnen dort unten Scheiße und Soja ausgingen.
So fiel mir die Entscheidung, mich weiter zu verpflichten, auch nicht schwer. Und weil meine Freundin Halley sich auch weiter verpflichtet hat, hatte ich eh keine andere Wahl.
»Also auf ein Neues«, sagt Halley. Die Videoübertragung ist leicht verpixelt, aber ich erkenne trotzdem die dunklen Ringe um ihre Augen. Sie hat einen langen Tag an der Kampffliegerschule gehabt, wo sie den Nachwuchspiloten beibringt, tragbaren chinesischen Boden-Luft-Raketen und Bio-Minen der Lankies auszuweichen. Wir sind zur Abwechslung einmal im selben System – mein Schiff gehört zu einer Kampfgruppe, die getarnte Anflüge auf einen der Saturnmonde übt, und wir beide können das Orbital-Relais über dem Mars nutzen. Es hat genug freie Bandbreite, um uns ein paar Minuten Videochat zu ermöglichen.
»Jau, auf ein Neues. Hatte keine Wahl, weil du mir zuvorgekommen bist und direkt vor mir verlängert hast.«
»Ich dachte, wir beide hätten beschlossen, uns weiter zu verpflichten«, sagt sie. »Weißt du noch? Du hast knallhart kalkuliert und gesagt, dass unsere Sonderzahlungen zu diesem Zeitpunkt nur ein besseres Taschengeld wären.«
»Ja, ich weiß. Ich will dich doch nur ein bisschen frotzeln. Gefällt es dir wenigstens an der Fliegerschule?«
»Hör mir bloß damit auf«, sagt sie und verdreht die Augen. »Kann’s verdammt noch mal kaum erwarten, wieder zur Flotte zurückzukehren. Ich meine, es ist schon schön, für ein paar Monate mal nicht als Zielscheibe zu dienen, aber ich könnte schwören, dass ein paar dieser Neulinge für die andere Seite arbeiten. Ich wäre allein in dieser Woche fast dreimal getötet worden.«
»Hey, du bildest die nächste Generation von Toppiloten aus. Das ist eine wichtige Aufgabe.«
»Wohl eher die nächste Generation von Sarginsassen«, sagt sie grimmig. »Unsere Freunde von der SRA haben eine neue tragbare Boden-Luft-Rakete. Mit einem nuklearen Sprengkopf im 50-Mikrotonnen-Bereich. Genau richtig, um eine Rotte von Landungsschiffen zu vernichten, ohne eine nennenswerte Sauerei am Boden zu veranstalten.«
»Scheiße«, sage ich. »Man kann von den Lankies halten, was man will, aber wenigstens haben sie bisher noch nicht mit Atomwaffen rumgespielt.«
»Sie brauchen gar keine Atomwaffen, Andrew. Sie treten uns auch so kräftig in den Arsch.«
Außer der ständig gegenwärtigen Gefahr eines plötzlichen und gewaltsamen Todes ist Halley die einzige Konstante in meinem Leben, seit wir uns bei der Grundausbildung in NACRD Orem im Ausbildungszug 1066 kennengelernt haben. Es ist uns gelungen, eine Art Fernbeziehung zu führen, bei der wir monatelang voneinander getrennt sind und nur in einem kurzen Urlaub in runtergekommenen Erholungseinrichtungen der Navy oder auf entlegenen Kolonien zusammen sein können. Wir haben beide in unseren jeweiligen Bereichen Karriere gemacht – sie ist nun First Lieutenant und Kommandantin eines brandneuen, hochmodernen Angriffs-Landungsschiffs, und ich bin in meinem zweiten Jahr als Gefechtscontroller, nachdem ich mich auf einen Posten beworben hatte, den Halley als »Affenzirkus-Direktor« bezeichnete.
Die Aufgabe eines Gefechtscontrollers besteht darin, gemeinsam mit den Infanteristen an vorderster Front an heiklen Einsätzen teilzunehmen. Nur dass man Funkausrüstung und einen Zielmarkierer am Mann hat statt moderner Waffen. Das war eine logische Folge meines Wunschs, mich jobmäßig zu verbessern und etwas anderes zu machen, als immer nur mit Neuronalen Netzen zu arbeiten. Immerhin war ich schon auf allen Informationssystemen der Flotte geschult. Sie suchten nach Freiwilligen, und ich suchte nach einem spannenderen Job, als in einem Kontrollraum für Neuronale Netze Fortschrittsbalken zu beobachten. Also bekamen sie ihren Freiwilligen, und ich bekam reichlich Nervenkitzel.
Ich bestand das Auswahlverfahren für Gefechtscontroller und verbrachte dann fast das ganze dritte Jahr meiner Dienstzeit mit Schulungen. Halley absolvierte inzwischen zweihundert Kampfeinsätze und sammelte ein paar Tausend Flugstunden. Außerdem wurde ihr noch das Distinguished Flying Cross verliehen, weil sie unter Einsatz ihres Lebens mitten in einer wilden Schießerei ein Aufklärungsteam rausgeholt hatte, das von einer Kompanie SRA-Marines eingekesselt war. Wir glauben, dass der jeweils andere den gefährlicheren Job hat, und je nach »Mission der Woche« hat mal der eine, mal der andere von uns recht.
»In ein paar Tagen geht’s wieder auf einen Planeten runter«, informiere ich Halley. Nähere Einzelheiten zum Einsatz darf ich ihr aber nicht einmal über die sichere Kommunikationsverbindung mitteilen. Die Filtersoftware läuft der Verbindung mit einer Verzögerung von drei Sekunden nach und kappt die Verbindung, wenn sie registriert, dass ich bestimmte Planeten, Schiffsnamen oder Sternsysteme erwähne.
»Lankies oder SRA?«, fragt sie.
»Lankies. Ich werde mit einem Aufklärungsteam landen. Wir sollen nach etwas suchen, das es wert wäre, ein paar Kilotonnen darauf abzuladen.«
»Nur ein Team? Da steckt aber nicht viel Feuerkraft dahinter.«
»Wir sollen Feuergefechte sowieso nach Möglichkeit vermeiden. Außerdem werde ich zusammen mit den Aufklärern runtergehen. Es wird mir schon nichts passieren.«
»Hoffentlich. Aufklärer sind auch nicht kugelfest«, sagt Halley. »Ich habe schon mehr als einen Treffpunkt angeflogen, ohne dass jemand erschienen wäre – weil nämlich das ganze Team ausgelöscht wurde.«
»Falls wir in Schwierigkeiten geraten, überlasse ich der Aufklärung das Schießen und haue ab. Ich bin schließlich nur eine wandelnde Funkstation.«
»Dafür, dass wir das Pech magisch anziehen, haben wir noch ziemlich viel Glück, weißt du?«, sagt Halley versonnen, und wir beide lachen.
»Du hast schon eine merkwürdige Auffassung von ›Glück‹«, sage ich. Aber ich weiß, dass sie recht hat. Wir leisten mit die gefährlichste Arbeit in der ganzen Flotte, und trotzdem ist es uns gelungen, fast vier Jahre im Kampfeinsatz ohne größere Blessuren zu überleben. Es hatten nur zwölf Kameraden...
| Erscheint lt. Verlag | 14.12.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Alien Wars | Alien Wars |
| Übersetzer | Martin Gilbert |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Lines of Departure |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Alien Wars • diezukunft.de • eBooks • Invasion • Marko Kloos • Serien • Sterneninvasion • Zukunftskrieg |
| ISBN-10 | 3-641-16534-2 / 3641165342 |
| ISBN-13 | 978-3-641-16534-5 / 9783641165345 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich