Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird.
1
Im letzten Haus an der Oakhurst Road wohnte Clara Hayes. Seit ihr Ehemann einen Herzinfarkt erlitten hatte, lebte sie dort allein.
Er hatte auf dem oberen Treppenabsatz gestanden, als es passierte, war die Stufen heruntergefallen und direkt vor ihren Füßen gelandet. Doctor Harris hatte gesagt, der Genickbruch habe ihn noch vor dem Herzstillstand getötet. Das war nun elf Jahre her.
Ohne diesen launischen alten Mistkerl war sie besser dran.
Außerdem war Alfred ein viel besserer Gefährte, auch wenn er sich den größten Teil des Tages auf dem Friedhof hinter dem Haus herumtrieb.
Die 22-Uhr-Nachrichten fingen an – für Clara das Zeichen, dass es Zeit war, Alfred hereinzuholen. Also nahm sie die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Dann hinkte sie auf ihren Stock gestützt in die Küche, wo sie die Hintertür entriegelte.
Ein kühler Wind blies ihr ins Gesicht. Tief atmete sie die frische Oktoberluft ein und blickte über den Garten hinweg in die Nacht.
»Aaaalfred!«
Clara lauschte. Das leise Klingeln der Erkennungsmarken an seinem Halsband würde zu hören sein, bevor sie ihn sehen konnte. Doch sie vernahm nur das Rascheln der trockenen Blätter an den Friedhofsbäumen.
»Aaaalfred!«
Auf ihrem Weg die drei Holzstufen in den Garten hinunter achtete sie sorgsam darauf, nicht hinzufallen. Im Jahr zuvor hatte sie wegen einer gebrochenen Hüfte ganze fünf Monate lang still liegen müssen. Über den mondbeschienenen Rasen ging sie bis zum Rand ihres Blumenbeets, von wo sie durch die Stangen des Friedhofszauns spähte. Es war so dunkel dort drüben, wo die Bäume den Mond verdeckten.
»Aaaalfred!«, rief sie erneut. Viel zu laut. Clara stellte sich vor, wie die Leichen in ihren Särgen die Köpfe hoben und ihrem Ruf lauschten. Deutlich leiser lockte sie: »Komm hierher, miezmiezmiez.«
Sie suchte die Finsternis ab und erblickte nicht weit hinter dem Friedhofszaun eine einsame Gestalt.
Erschrocken wich sie zurück, rutschte auf dem taunassen Gras aus und hielt das Gleichgewicht nur dank ihres Stocks, den sie beherzt in die Erde rammte.
»Du meine Güte«, murmelte sie und blickte erneut zu der dunklen Silhouette hin – einem Steinengel, der zu einem Grabmal gehörte und den sie schon Tausende Male zuvor bei Tageslicht gesehen hatte. Bei Dunkelheit sah der Friedhof ganz anders aus. Sie mochte ihn nicht, kein bisschen. Sie hätte in der Tür stehen bleiben und Alfred von dort aus rufen sollen, so wie sie es nach Einbruch der Nacht sonst auch immer tat.
»Dann bleib halt draußen, wenn du unbedingt meinst.«
Mit diesen Worten kehrte sie dem Gräberfeld den Rücken zu und machte sich auf den beschwerlichen Weg zurück zur offenen Küchentür. Clara beschleunigte ihre Schritte, da sie spürte, wie ihr Gänsehaut den Nacken hochkroch, und wusste, dass sie nicht vom Wind herrührte.
Ich bin doch nicht ganz bei Trost, dachte sie. Dieser Friedhof ist vollkommen sicher. Was bin ich nur für ein Angsthase.
Noch nie zuvor war eine Leiche aus ihrem Grab gekrochen, um Jagd auf die Lebenden zu machen. Und es würde wohl auch kaum heute Nacht zum ersten Mal geschehen.
Plötzlich spürte sie, wie etwas Haariges an ihren Beinen entlangstrich, und schrie auf.
Alfred huschte die Verandastufen hinauf, blieb an der Tür stehen und blickte über die Schulter zu ihr zurück.
»Du Halunke.« Zitternd holte Clara Atem und presste sich eine Hand auf die Brust. »Du hast mich zu Tode erschreckt.«
Gerade als sie begann, die Stufen weiter hochzusteigen, vernahm sie ein gedämpftes Klirren. Wie von einer Brechstange, die auf einen hölzernen Boden fiel. Clara starrte Alfred an und wagte kaum noch zu atmen.
Der Kater hingegen wandte sich gelangweilt ab und verschwand in der Küche. Clara beeilte sich, hinter ihm ins Haus zu gelangen, dann machte sie rasch die Küchentür zu und schob den Riegel vor.
Alfred setzte sich derweil vor den Kühlschrank und sah sie erwartungsvoll an.
»Jetzt nicht«, flüsterte Clara. Sie löschte das Küchenlicht und humpelte an der Aufsatzkommode vorbei ins Esszimmer. Obwohl es hier dunkel war, ging sie sehr vorsichtig von der Seite an das Fenster heran, damit sie von draußen nicht zu sehen war.
Was gäbe sie jetzt für eines dieser Periskope aus Pappkarton, wie das, mit dem Willy immer gespielt hatte. Obwohl man durch dieses Ding eigentlich nie wirklich etwas hatte sehen können.
Clara verlagerte das Gewicht auf den Gehstock und beugte sich dicht an die Fensterscheibe. Vorsichtig zog sie die weiche Gardine auf und sah hinaus.
Das Sherwood House nebenan sah nicht anders aus als sonst auch. Das alte, im Kolonialstil errichtete Gebäude wirkte schrecklich düster und verlassen: Die Einfahrt und die Wiese waren zugewuchert, die Fassade schrie nach einem neuen Anstrich, und die Fenster waren vernagelt.
Obwohl sie den Vordereingang von hier aus nicht sehen konnte, wusste sie, dass er verriegelt war; ebenso wie die Hintertür. Und die einzigen Schlüssel zu dem Haus hatte der Immobilienmakler Glendon Morley.
Vielleicht war er ja aus irgendeinem Grund hineingegangen. Doch das hielt Clara für wenig wahrscheinlich. Seit Juli war er nicht mehr mit Kaufinteressenten vorbeigekommen. Vermutlich hatte er inzwischen die Hoffnung aufgegeben, dass ihm irgendwer jemals diese Immobilie abkaufen würde. Und wer würde in dem Haus auch wohnen wollen, nach dem, was damals dort geschehen war?
Aber wenn nicht Glendon, wer mochte sich dann dort drüben herumtreiben?
Vielleicht Teenager. So wie vor ein paar Jahren. Sie waren eingebrochen und wie Schreckgespenster schreiend und heulend durch alle Räume gerannt.
In jener Nacht hatte sie Dexter angerufen, der kam und die Einbrecher schließlich in Handschellen abführte.
Der Gedanke, Dexter zu dieser späten Stunde wegen etwas zu stören, das vermutlich nur ihrer Einbildung entsprungen war, gefiel Clara allerdings überhaupt nicht. Es konnte außerdem ja auch sein, dass das Geräusch, das sie gehört hatte, gar nicht vom Sherwood House gekommen war.
Allerdings hätte sie jeden Eid darauf schwören können, dass es so gewesen war. Und sie war sich ganz sicher, dass sie die ganze Nacht kein Auge zumachen würde, weil sie wusste, dass jemand in dem finsteren alten Kasten war, durch die dunklen Zimmer streifte und sehr wahrscheinlich nichts Gutes im Schilde führte.
Vielleicht war es ja sogar der Mörder. Schließlich hatte man nie herausgefunden, wer die arme Familie Sherwood auf dem Gewissen hatte. Er könnte nach all den Jahren zurückgekehrt sein …
Bei dem Gedanken durchlief sie ein Schauer.
»Also gut.« Sie seufzte und ließ die Gardine zurückfallen. Dann trat sie vom Fenster weg und humpelte aus der Dunkelheit in das beruhigende Licht des Wohnzimmers. Dort ließ sich Clara auf der Couch nieder und nahm das Telefon auf den Schoß. Als sie die Null wählte und wartete, sprang Alfred auf die Couch und kuschelte sich in ihre Armbeuge.
»Vermittlung«, meldete sich eine ausdruckslose Stimme.
»Verbinden Sie mich bitte mit Dexter Boyanski in der Jefferson Street.«
»In welcher Stadt bitte?«
»Ashburg.«
Sie kraulte Alfred im Nacken, was ihm ein lautes Schnurren entlockte.
»Die Nummer lautet 432-6891.«
»Ich bin blind«, log sie. »Würden Sie mich bitte durchstellen?«
»Sehr gern.«
Gleich darauf hörte sie das Freizeichen am anderen Ende der Leitung, dann Dexters Stimme: »Ja?«
»Hallo, Dexter. Ich bin’s, Clara.«
»Wie geht es dir?«
»Im Großen und Ganzen funktioniert alles, vielen Dank«, antwortete sie mit einem leisen Lachen.
»Das freut mich zu hören. Betty sagte, du bist in letzter Zeit nicht beim Bingo gewesen.«
»Und da werde ich auch nicht mehr hingehen. Nicht solange Winky Simms die Zahlen ausruft. Er ist so langsam, dass mir beim Warten Moos in den Ohren wächst. Es ist mir wirklich ein Rätsel, warum sie ihn das noch immer machen lassen. Der arme Mann stottert doch wie eine zerkratzte Schallplatte.«
»Na, was soll ich …?«
»Aber deswegen habe ich dich ja gar nicht angerufen. Weißt du, ich bin vorhin draußen gewesen, um meine Katze reinzuholen. Und da habe ich ein Geräusch aus dem alten Sherwood House gehört. Ich hab’s mir jetzt eine Zeit lang angesehen. Es wirkt zwar genauso tot wie immer … aber man kann natürlich auch nicht viel erkennen, so rundum vernagelt, wie es ist. Ich trau mich nicht nachzusehen, ob es immer noch verschlossen ist, aber ich möchte wetten, dass es offen steht. In dem Haus ist irgendjemand, Dexter.«
»Ich komme rüber und sehe mal nach.«
»Das wäre wunderbar.«
Erst kurz vor Claras Anruf war Dexter aus der Dusche gestiegen und trug einen Bademantel....
| Erscheint lt. Verlag | 8.3.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Allhallow's Eve |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | eBooks • Halloween • Horror • Killer • Stephen King • Thriller |
| ISBN-10 | 3-641-15977-6 / 3641159776 |
| ISBN-13 | 978-3-641-15977-1 / 9783641159771 |
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