John Sinclair 71 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-2825-4 (ISBN)
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1978 - 1979!
Die Knochensaat.
Der alte Totengräber sah es zuerst. Die Skelette standen auf. Spatzek fiel es wie Schuppen von den Augen. Er erinnerte sich an die alte Überlieferung, die seit vielen Generationen weitererzählt wurde.
Und er wusste, dass die Knochensaat, vor Jahrhunderten gelegt, zu einer Ernte des Grauens geworden war.
John Sinclair - der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung.
Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit!
Eigentlich führte Fred Spatzek trotz seiner zwei Berufe ein ziemlich ruhiges Leben. Ein Leben, wie man es vom Dorf her kennt. Man fühlt sich eingeschlossen in den Kreislauf der Natur, beobachtet die Jahreszeiten, diskutiert über das Wetter, redet über die Nachbarn und kommt hin und wieder auf die Arbeit zu sprechen.
Spatzek war Küster. Zum einem.
Als zweiten Beruf hatte er den des Totengräbers gewählt. Ein nicht gerade attraktiver Job, aber die Gemeinde suchte einen Totengräber, und da hatte er sich gemeldet.
Kirche und Friedhof hingen zusammen, sie bildeten gewissermaßen eine Symbiose – eine Lebens- beziehungsweise Totengemeinschaft. Aber davon später.
Wenden wir uns zuvor Fred Spatzek zu. Als Junggeselle lebte er oben im Pfarrhaus, bewohnte dort zwei kleine Zimmer, die man schon mit dem Begriff Kammern umschreiben musste, so klein waren sie. Wenn er durch die schmalen Fenster schaute – sie lagen nach Osten – sah er über die Hänge des Bayerischen Waldes bis weit in die Tschechoslowakei.
Ihn überlief jedes Mal ein Schauer, wenn er an die Wachtürme und Schießanlagen dachte, die die Grenze absicherten. Doch hin und wieder kam ein Flüchtling durch, nicht zuletzt auch durch Fluchthilfe aus dem Westen, und so erlebte die kleine Gemeinde Waldeck hin und wieder etwas Besonderes.
In diesem Jahr jedoch hatte sich nichts getan. Das kam vielleicht daher, dass die Tschechen ihre Grenzkontrollen verstärkt hatten und auch sofort schlossen, wenn sich etwas bewegte.
So war es also ruhig geblieben.
Touristen kamen kaum in den Ort. Und wenn, dann suchten die Urlauber Ruhe und Erholung. Denn in Waldeck gab es keinen Rummel, keine Discos, nur Gasthöfe, wo man sich einen Rausch antrinken konnte und hinterher vom Wirt auf die Straße gesetzt wurde.
Aber am gestrigen Tag hatte die Totenglocke geläutet. An diese Arbeit konnte sich der Küster und Totengräber nie gewöhnen. Immer wieder klang ihm das dünne Bimmeln noch lange in den Ohren nach. Er mochte die Totenglocke nicht.
Der Umgang mit Leichen machte ihm nichts aus. Leichen redeten nicht, Leichen taten ihm nichts. Und vor allen Dingen gaben sie keine Widerworte, wie Marie, die alte Haushälterin des Pfarrers und gleichzeitig Drachen vom Dienst.
Aber gestorben war lange keiner mehr aus dem Dorf. Den Alten bekam die frische Luft des bayerischen Waldes, einer im Dorf ging sogar auf die Hundert zu.
Das würde ein Fest werden.
Fred Spatzek freute sich jetzt schon darauf.
An diesem Abend – es war ein Montag, und er hatte die Abendglocke schon geläutet – machte sich Fred Spatzek für seinen kleinen Spaziergang bereit. Er endete regelmäßig im Gasthaus. Der Rückweg ging dann nicht so schnell. Vor allen Dingen die letzte Steigung bis zur Kirche hin bereitete ihm bei fünf Halben im Bauch immer große Mühe. Und wenn Marie ihn dann noch sah, gab es sowieso immer ein Donnerwetter.
Fred Spatzek zog sich in seiner Schlafkammer um. Den Rock des Küsters legte er auf das Bett, zog ein anderes Hemd an, eine Hose aus grobem Cord und streifte die Jacke über.
Er besah sich im Spiegel.
Eine Schönheit war Fred Spatzek nicht.
Einundfünfzig Jahre zählte er bereits, die Haare auf seinem Kopf konnte er bald einzeln legen, und aus seinem schmalen Gesicht stach die Nase spitz hervor. Das Kinn fiel zum Hals hin ab, und um seine Augen hatten sich unzählige Fältchen gruppiert.
Er pfiff vor sich hin, denn er hatte großen Durst. Den zu löschen, war für ihn immer ein Vergnügen.
Spatzek verließ seine Kammer, schloss die Tür ab und ließ den Schlüssel in die Jackentasche an der rechten Seite gleiten. Dann schritt er die Stufen der schmalen Holzstiege hinunter. Durch das schmale Fenster am ersten Treppenabsatz fiel das Abendlicht. Bald würde die Dämmerung einsetzen und wie mit langen, dunklen Fingern in die Täler kriechen.
Waldeck lag etwas höher, auf dem Kamm eines Hügels. Zum Westen hin erstreckte sich dichter Wald, während in der anderen Richtung, auf die Grenze zu, die Bäume abgeholzt worden waren.
Spatzek erreichte das Erdgeschoss. Links lag die Wohnung des Pfarrers. Essenduft drang an Spatzeks Nase, und der Küster schnüffelte.
Er schlich zur Haustür.
Marie brauchte nicht unbedingt zu sehen, dass er wieder einmal verschwand.
Doch die hatte Argusaugen.
Plötzlich trat sie aus einer Nische und verbaute dem armen Spatzek den Weg.
»Na«, sagte sie mit ihrer Reibeisenstimme, und der Totengräber zuckte regelrecht zusammen. »Willst du wieder saufen?«
Spatzek grinste. »Nur ein Bierchen, Marie!«
Die Frau nickte. »Das kenne ich, du Säufer. Hinterher kommst du wieder stockbetrunken angetorkelt. Mich wundert es, dass der Pfarrer dich noch nicht entlassen hat.«
Spatzek hob die Schultern und schaute Marie an. Sie brachte mindestens zwei Zentner auf die Waage. Das Gesicht ähnelte dem eines Posaunenengels mit rosigen Wangen, und das immer noch schwarze Haar hatte sie zu einem Knoten hochgesteckt. Marie trug ein blaues Kleid und eine blütenweiße Schürze, die noch nach Stärke roch.
Spatzek hob die Hand. »Ich schwöre dir, dass …«
»Schwöre nichts, was du nicht halten kannst, du versoffener Strick.«
Spatzeks Arm fiel nach unten.
Bevor Marie jedoch zu einer weiteren Moralpredigt ansetzen konnte, klingelte es.
Marie drehte sich um.
Die Haustür besaß einen Glaseinsatz. Dahinter sah sie die Umrisse einer männlichen Person. Marie ging hin und öffnete.
Otto Hirmer, ein Bauer, stand vor der Tür und knetete seine großen Hände. Er hatte verweinte Augen, und Marie wusste sofort, dass etwas passiert war.
»Ist Mutter …?«
Hirmer nickte. »Ja, sie ist gestorben.«
»Und der Pfarrer? Er war doch gar nicht bei ihr.«
Hirmer hob die Schultern. »Es – es ging sehr schnell«, berichtete er stokkend. »Mutter fiel plötzlich um und war tot. Herzschlag, glaube ich. Sie war immerhin über fünfundachtzig.«
Marie nickte. »Ja, ja, das kommt schnell.« Dann griff sie nach der Hand des Mannes. »Auf jeden Fall mein herzliches Beileid, Otto. Es tut mir leid.«
»Danke!«
Der Pfarrer hatte gehört, dass gesprochen wurde. Er kam aus seinen Privaträumen. Marie sah ihn zuerst und erzählte mit wenigen Worten, was geschehen war.
»Friede sei mit ihr«, sagte der Geistliche salbungsvoll und reichte Hirmer ebenfalls die Hand, um zu kondolieren.
Der Pfarrer war ein Mann, der die Sechzig bereits überschritten hatte. Sein weißes Haar wuchs nur noch an den Seiten des Kopfes. Er hatte ein gesundes rosiges Gesicht, immer ein freundliches, gütiges Lächeln auf den Lippen und sah eigentlich aus wie ein Bilderbuchpastor.
Und er war schrecklich konservativ. Er hielt nichts von dem modernen Kram und hatte sich sogar geweigert, ein Paar zu trauen, von dem er wusste, dass die Frau keine Jungfrau mehr war.
In Waldeck hielt man eben noch auf Konventionen.
»Wie ist es denn passiert?«, erkundigte er sich leise.
Otto Hirmer erzählte seine Geschichte zum zweiten Mal, und der Pfarrer nickte.
»Ja, ja«, sagte er dann. »Man weiß nie, wann der Sensenmann zuschlägt. Irgendwann trifft es uns auch.«
Fred Spatzek jedoch war sauer. Seinen Bierabend konnte er vergessen, denn nun begann sein Job als Totengräber.
Fred Spatzek musste das Grab für die Tote ausheben. Für ihn ein Routinejob. Allerdings ahnte er nicht, dass er dabei das nackte Grauen kennenlernen sollte …
*
Irgendwie passte der Felsen nicht in die Umgebung. Schon von der Form her nicht und auch nicht vom Material.
Er sah aus wie ein riesiger Finger, der sich mahnend in den Himmel streckte. Dunkel glänzte das Gestein. Ja, es war ein regelrechter Glanz, den er ausstrahlte, denn der Felsen bestand aus einer Metallverbindung und sah aus wie Eisenpulver. Immer wieder blitzten silbern kleinere Körnchen auf, und wenn einmal die Sonne darauf schien, begann der Felsen zu strahlen.
Seltsam war nur, dass im Umkreis von fünf Metern kein einziger Baum, kein Strauch und auch kein Gras wuchs. Der Boden war trocken und steinig, er hatte Ähnlichkeit mit der Vulkanerde in Italien am Vesuv.
Jahrhunderte stand der Felsen dort und trotzte der Natur. Er hatte die Stürme der Zeit überstanden, und um seine Herkunft rankten sich Sagen und Legenden.
Böse Legenden …
Die einen besagten, dass der Teufel selbst in einem Anfall von Wut, weil ihm eine Jungfrau nicht zu Willen gewesen war, diesen Stein aus der Hölle geholt und dort in den Boden gerammt hatte. Danach war er Treffpunkt für die Hexen geworden. Im Mittelalter feierten sie dort ihre grässlichen Feste. Doch der Hexenwahn ging vorbei. Geblieben aber war die Angst der Menschen vor diesem Felsen. Und immer warnten Eltern ihre Kinder davor, in die Nähe des Steins zu gehen, und die Kinder gehorchten.
Die Tradition saß eben noch sehr tief.
Selbst aufgeklärte junge Leute – oder die, die sich für aufgeklärt hielten –, vermieden es, sich diesem Platz zu nähern, denn er war verflucht.
Das hatte der Pfarrer von der Kanzel gepredigt. Und der musste es schließlich wissen.
Und so rangten sich weiter die Sagen und Legenden, wurde der Felsen zu einem Horrorort, den jeder vermied, über den jedoch oft gesprochen wurde. Vor allen Dingen an den langen Abenden wussten Einheimische den Touristen die größten Schauergeschichten zu berichten, sodass eine Gänsehaut garantiert war.
Was nun wirklich mit diesem Felsen los war, das wusste niemand. Doch die Menschen hatten recht. Es gab ein Geheimnis um den Stein. Das jedoch war schlimmer, als die...
| Erscheint lt. Verlag | 20.5.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-2825-4 / 3838728254 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-2825-4 / 9783838728254 |
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