John Sinclair 1924 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-1149-5 (ISBN)
Bereits seit einigen Nächten stiegen Mateo und die beiden anderen immer wieder in dieses unterirdische Reich hinab. Mühsam bahnten sie sich ihren Weg, um Nacht für Nacht ein kleines Stück weiterzukommen. So auch heute. Immer tiefer ging es nach unten, weiter auf ihr Ziel zu. Mateos Anspannung wuchs. Er spürte, dass die dicke dunkle Ratte ihn auf Schritt und Tritt verfolgte. Das Tier beobachtete ihn aufmerksam. Und das Funkeln in den schwarzen Rattenaugen schien zu sagen: 'Ihr Narren! Wenn ihr wüsstet, was euch erwartet ...'
Die Ratte setzte ihren Weg über den steinernen Sims, der auf Kopfhöhe an der Wand des engen Tunnels verlief, leise fort.
Ungleich lauter waren das Ächzen und Schnaufen der Männer, das Poltern und Knirschen der Felsstücke und Mauerreste, die sie links und rechts des Weges aufstapelten.
Trotzdem war die Ratte zu hören.
Tico Vernandez störte sich daran kaum mehr als sein in jeder Hinsicht größerer Bruder Javier, der im Licht der mitgebrachten Camping-Laternen stoisch wie eine Maschine vor sich hin arbeitete.
Tico, längst nicht so kräftig wie Javier, aber doch viel stärker, als es sein fast magerer Körper vermuten ließ, war es keineswegs angenehm, dass die Ratte ihn belauerte. Genauso wenig wie den merkwürdigen Umstand, dass das fette Tier – nur dieses eine, kein weiteres – allabendlich, wenn sie hier herunterkamen, in den Bauch der Erde unter Mexiko-Stadt, auf sie zu warten schien. Was wollte das Tier von ihnen?
Ach, egal. Tico bückte sich und hob den nächsten Brocken auf, den Mateo Souza mit dem Spaten gelöst und aus dem Haufen, der ihnen den Weg versperrte, herausgehebelt hatte. Er legte ihn zu den anderen auf die inzwischen fast hüfthohe Mauer, die sie aus Steinschutt und Trümmern entlang der eigentlichen Gangwand aufgeschichtet hatten.
Mateo ächzte und schnaufte am lautesten unter der schweren Arbeit, die sie sich aufgehalst hatten. Trotzdem hörte er nicht auf, das elende Rattenvieh in einer Tour zu verfluchen, und das mit jedem Mal fantasievoller.
Offenbar hielt ihn das in Schwung. Denn allem Keuchen zum Trotz ließ seine Kraft nicht nach, obwohl er Tico vom Leibesumfang her um mindestens das Dreifache übertraf, dabei aber einen guten Kopf kleiner war als Javier.
Jetzt war die fast unterarmlange Ratte auf dem Sims an Tico und Javier vorbeigehuscht. Sie hockte nun direkt über Mateo und glotzte auf ihn herab. Sie schien zu grinsen.
Da grunzte Mateo, und das Grunzen schwoll an zu einem gutturalen Schrei. Mateo holte mit dem Spaten aus – und drosch zu.
Letztlich wohl doch mehr zufällig als wirklich gezielt traf die scharfe Kante des Spatenblatts das Tier genau in der Mitte seines pelzigen Leibes und hieb ihn mit einem dumpfen Laut entzwei.
Das Funkeln in den Augen der Ratte erlosch schlagartig, ihr Blick blieb auf Mateo geheftet. Der rosige Schwanz zuckte noch einmal, verkrampfte und erschlaffte. Beide Hälften des Kadavers blieben auf dem Sims liegen. Eingeweide quollen hervor. Blut floss über die Kante des Mauervorsprungs.
Stille trat ein und währte zwei, drei Sekunden lang.
Dann dröhnte Javier: »Mateo!«
Tico und Mateo fuhren zusammen, duckten sich, erwarteten ein Donnerwetter. Denn Javier hasste Gewalt, gleich, ob sie sich gegen Menschen oder Tiere richtete.
»Entschuldige. Das war nicht meine Absicht!«, beteuerte Mateo.
Javier nahm Mateos runden Wuschelkopf zwischen seine riesigen Hände.
»Ich wollte das Biest doch nur verscheuchen …«, quetschte Mateo hervor.
»Mateo Souza! Du dicker, dummer Esel … du bist ein Genie!« Javier lachte herzhaft und küsste Mateo auf die schweißnasse Stirn. »Hier sind wir richtig – wir sind am Ziel!«
***
»Da! Seht ihr das?«, fragte Javier Vernandez. Er war ein baumlanger Bursche, dessen Kopf mit dem wie lackiert wirkenden schwarzen Haar aus jeder Menschenmenge herausragte. Hier unten in diesem niedrigen Gang musste er ihn fortwährend einziehen.
Javier zeigte auf die Wand, dorthin, wo das Blut der toten Ratte in einer etwa handbreiten Bahn herablief. Oder vielmehr lief es dort eben nicht einfach so herab, wie Tico jetzt im Licht einer Lampe, die Javier hochhielt, sehen konnte. Hier und da setzte sich das Blut ab in Vertiefungen im Stein, so flach, dass sie vorher gar nicht zu erkennen gewesen waren.
Und wenn man ein wenig zurücktrat, so weit es die Enge des Tunnels eben zuließ, und wusste, wonach man zu suchen hatte, dann zeigte sich, dass sich diese Vertiefungen auch links und rechts der Spur aus Rattenblut fortsetzten.
Mateo sah es jetzt ebenfalls. Er tunkte einen Finger ins Blut und zeichnete die fast unsichtbaren Rillen in der Wand nach.
»Halt das mal.« Javier reichte Tico die Lampe.
Dann öffnete er seine Umhängetasche und entnahm ihr den Plan, den er in das Licht von Ticos Leuchte hielt. Mit dem Zeigefinger der anderen Hand fuhr er die Linien auf dem Plan nach, die nur dann einen Sinn ergaben, wenn man wusste, was man da in der Hand hielt – eine Schatzkarte.
Der Plan bestand jedoch nicht nur aus Linien, die Wege und unterirdische Gänge symbolisierten. Er enthielt darüber hinaus Zeichen, die einzelne Stellen entlang dieser Wege und Gänge markierten.
Javier suchte offenbar nach ganz bestimmten Zeichen. Als er sie fand und sein Finger darauf verharrte, wusste Tico schon, dass sie mit den Symbolen an der Wand übereinstimmen würden.
»Das ist die Wand, durch die wir müssen«, erklärte Javier.
»Aber«, sagte Mateo verdutzt, »ich dachte, die wäre noch ein ganzes Stück den Gang runter. Warum hast …«
»Ich muss irgendetwas auf dem Plan falsch verstanden haben«, antwortete Javier. »Eine Entfernungsangabe oder sonst was.«
»Vielleicht haben wir auch irgendwo einen falschen Abzweig genommen«, meinte Tico.
Sie waren schließlich nicht einem geraden Weg gefolgt. Immer wieder waren andere davon abgegangen, manche davon so eingestürzt und verschüttet, dass man sie leicht übersehen konnte. Es war nicht schwer, sich in diesem Labyrinth zu verlaufen, selbst wenn man einer Karte folgte – vor allem, wenn diese Karte ein paar hundert Jahre auf dem Buckel hatte und alle Angaben darauf in der Bilderschrift der Azteken verfasst waren.
»Auch möglich«, räumte Javier ein. »Hättest du also die Ratte nicht erschlagen«, er drehte den Kopf wieder Mateo zu, »und hätte deren Blut die Zeichen auf der Wand nicht sichtbar gemacht, dann hätten wir womöglich noch nächtelang weitergebuddelt, ohne je ans Ziel zu kommen.«
Ob es ein solches »Ziel« überhaupt gab, ob das redensartliche X auf der Karte wirklich für einen Schatz stand, blieb noch abzuwarten. Diesen Einwand und seine noch immer nicht ganz ausgeräumten Zweifel an der Echtheit der Karte behielt Tico allerdings für sich.
Javier behauptete, dass zumindest das Rindenpapier, auf das der Plan gezeichnet war, sehr alt und somit authentisch war. Es ließ sich nicht leugnen, dass Javier sich auskannte, wenn es um süd- und vor allem mittelamerikanische Archäologie ging. Damit befasste er sich seit seiner Kindheit.
Zu einem Studium hatte es finanziell nicht gereicht, aber Javier war inzwischen ein gefragter Praktiker in der Branche. Mateo, ebenso wenig studiert wie Javier, begleitete ihn bei seinen Jobs als Helfer, bezeichnete sich selbst aber lieber als »Assistent von Señor Vernandez«.
Seit einiger Zeit nahmen sie auch Tico mit. Was, wie Tico zugeben musste, sein Risiko, sich auf der Straße mit den sogenannten falschen Leuten einzulassen, deutlich verringert hatte. Nach dem Tod seiner Mutter war diese Gefahr eine Zeit lang sehr groß gewesen. Hätte Javier ihr auf dem Sterbebett nicht versprochen, sich gut um seinen kleinen Bruder zu kümmern, wäre Tico womöglich schon abgerutscht.
Inzwischen hatte Tico Spaß an der archäologischen Arbeit. Er mochte das Gefühl, wirklich selbst verdientes Geld in der Tasche zu haben. Viel war es bis jetzt nicht – aber wenn an der Karte, die sie hier herunter geführt hatte, etwas Wahres dran war, dann mochte sich das bald ändern, vielleicht schon heute Nacht!
Dem Plan zufolge wartete nämlich genau hinter dieser Mauer, die mit genau diesen aztekischen Symbolen gekennzeichnet war, ein Schatz. Gold und Silber angeblich, das die Azteken um das Jahr 1520, als sie selbst sich noch Mexica genannt hatten und die Spanier in ihr Reich eingefallen waren, hier unten versteckt hatten, damit es den Invasoren nicht in die Hände fiel.
Und sollten Tico und seine Begleiter nun diesen Aztekenschatz tatsächlich finden, dann mussten sie ihn noch nicht einmal dem Staat übergeben. Denn anders als sonst arbeiteten sie in diesem Fall auf eigene Faust. Was dabei heraussprang, wanderte in ihre eigene Tasche – abzüglich des Anteils desjenigen, von dem Javier den Plan bekommen hatte … dem Mönch.
Tico musste sich, während Javier und Mateo im Licht der Lampe die Zeichen auf der Wand mit denen auf dem Plan abglichen, ein Seufzen verkneifen, als er an den Mönch dachte. Diese dubiose Figur machte für ihn den fragwürdigsten Punkt der ganzen Geschichte aus.
Selbst hatte Tico den Mönch nicht kennengelernt, nicht einmal gesehen. Eines Abends war er an Javier herangetreten, hatte ihm die Karte gezeigt und die Geschichte dahinter erzählt. Die war als solche durchaus glaubwürdig.
Führte man sich die damaligen Ereignisse vor Augen – es kamen fremde Eroberer ins Land, die auf die Bodenschätze der Einheimischen scharf waren –, war es nachvollziehbar, dass die Bedrängten versucht hatten, in Sicherheit zu schaffen, was nur möglich war. Und auch dass sie einen Lageplan dieses Schatzes angefertigt hatten, um ihn wiederzufinden oder eine nachfolgende Generation darauf zu verweisen, war nur logisch.
Aber wie war ein heutiger Mönch in den Besitz dieser Karte gekommen? Und warum suchte er nicht selbst nach dem Schatz, sondern nahm die Hilfe von Fremden in Anspruch?
Diese und ähnliche Fragen hatten sowohl Tico als auch Mateo an Javier gestellt. Und der, so sagte er, habe genau das auch den Mönch gefragt....
| Erscheint lt. Verlag | 26.5.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-7325-1149-9 / 3732511499 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-1149-5 / 9783732511495 |
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