Lea Schmidbauer wurde 1971 in Starnberg am Starnberger See geboren. Sie studierte ein paar Semester Amerikanische Kulturgeschichte, bevor sie sich an der Filmhochschule in München bewarb. Seit 2007 schreibt sie Drehbücher für Kinofilme und die Pferdeabenteuerreihe »Ostwind«. Lea Schmidbauer lebt und arbeitet in München und als Teilzeitlandwirtin in einem kleinen Dorf in Mittelfranken, wo auch ihr Islandpony Penny zu Hause ist.
3. Kapitel
Das altehrwürdige Gutshaus glitzerte in der Sommersonne und Mikas Gesichtszüge erhellten sich, als sie endlich in das große Tor des Gestütes einbog. Und da war auch ihre Großmutter! Sie stand neben einer hübschen jungen Frau mit braunen Locken, die einen Wallach in einen Pferdeanhänger bugsierte. Mika wollte sich gerade bemerkbar machen, als sie das Gesicht ihrer Großmutter sah. Sie sah aus, als wäre sie in den vergangenen Monaten um Jahre gealtert.
»Charlotte!«, sagte Maria Kaltenbach und sah die junge Frau fast flehend an. »Willst du dir das nicht noch mal überlegen? Du reitest hier seit du sechs Jahre alt bist.«
Charlotte sah betreten zu Boden. »Tut mir leid, Frau Kaltenbach. Ich weiß, ich habe Ihnen viel zu verdanken, aber bei Sasse haben sie jetzt diese neue Gegenstromanlage und einen Reitplatz mit Flutlicht. Ich will mit Attila einfach noch mehr erreichen und …«
Maria hob die Hand. »Schon gut«, sagte sie, aber es klang ganz und gar nicht gut.
Charlotte klappte die Rampe des Anhängers zu. »Danke. Für alles«, sagte sie und reichte ihrer alten Lehrerin die Hand. Doch Maria Kaltenbach drehte sich wortlos um und ging in Richtung der Stallungen davon. Charlotte warf einen letzten traurigen Blick auf Kaltenbach, dann stieg sie ins Auto.
Stirnrunzelnd sah Mika ihrer Großmutter nach. Was war los? »Mann!«, rief sie erschrocken aus, als sie plötzlich rücklings umkippte. Das zweite Mal an diesem Tag! Doch diesmal fiel sie wenigstens weicher, nämlich in eine Schubkarre voller Heu, die ihr jemand in die Kniekehlen geschoben hatte. Und dieser Jemand war natürlich Sam. Der sie frech angrinste, während er sie über den Hof schob. »Taxi gefällig?«
Mühsam rappelte Mika sich in der schwankenden Schubkarre auf. »Ja, vor zwei Stunden!«, sagte sie vorwurfsvoll. »Hast du meine SMS nicht gekriegt?« Sam grinste reumütig.
»Doch, tut mir leid. Aber der Traktor ist immer noch nicht repariert und für den Führerschein spar ich noch. Außerdem wollte ich dir den ganzen Weg in der Schubkarre ersparen.« Nach diesen Worten blieb er stehen und kippte seine Ladung behutsam vor den Treppen des Gutshauses aus.
»Na, dann: danke«, lenkte Mika ein und umarmte ihn. Sam musste sich richtig dabei strecken, denn die »kleine« Mika überragte ihn mittlerweile um fast einen Kopf.
»Solltest du nicht in Paris sein?«, fragte Sam und grinste sie dabei wissend an. Mika zuckte unbestimmt die Schultern.
»Ich hatte so ein komisches Gefühl«, erklärte sie Sams Rücken. Sam hatte nämlich mittlerweile ihren Rucksack geschnappt und verschwand gerade vor ihr im Haus. An der Tür blieb Mika noch einmal stehen und drehte sich um. Sie atmete tief und zufrieden ein: Kaltenbach. »Wenigstens ist hier alles wie immer«, sagte sie glücklich, legte die Hand auf die Türklinke – und hielt den Knauf in der Hand.
Mika und Sam saßen nebeneinander auf dem Dach vor Mikas Zimmer und beobachteten Tinka, die ohne Sattel und Trense auf ihrem Pony Archibald saß und offensichtlich Mika und Ostwind nacheiferte. Leider interessierte sich der dickköpfige Schecke aber weitaus mehr für das saftige grüne Gras unter seinen Hufen. Sam und Mika mussten grinsen.
»Es ist so schön ruhig hier«, sagte Mika und ließ den Blick weitläufig über den Hof schweifen. Außer der schimpfenden Tinka war weit und breit niemand zu sehen. Sie sah Sam fragend an.
»Irgendwie SEHR ruhig. Wo sind denn eigentlich … alle?« Sam sah plötzlich sehr ernst aus.
»Viele sind mit Michelle zu Sasse rüber. Ins Leistungszentrum.« Sam schnaubte verächtlich. »Und als klar war, dass es dieses Jahr keine ›Kaltenbach Classics‹ geben wird, haben wir nochmal zwei Drittel verloren.«
»Kein Turnier?« Mika machte große Augen. Sam schüttelte düster den Kopf.
»Früher gab es immer ’ne ellenlange Warteliste für einen Trainingsplatz und jetzt …« Er stand auf. »Aber lass dir das lieber von deiner Großmutter erzählen. Ich muss noch füttern.« Und damit kletterte er zurück ins Zimmer. Mika sah ihm nachdenklich nach.
»Es ist alles in allerbester Ordnung. Kaltenbach geht es gut!«, erklärte Maria Kaltenbach mit fester Stimme. Sie saß am Küchentisch in der gemütlichen Küche des Gutshauses und sah Mika an, die mit baumelnden Beinen auf der Marmorarbeitsplatte ihr gegenüber hockte. Marianne, Marias resolute Haushälterin, stand hinter Mika am Herd und warf ihr einen vielsagenden Blick zu.
»O-kay«, sagt Mika zweifelnd und spießte beherzt einen steinharten Knödel von dem Teller, den Marianne ihr gereicht hatte.
»Möchtest du noch ein Stück Blutwurst?«, fragte Marias Haushälterin fürsorglich.
»Hm-hm!« Mika schüttelte heftig den Kopf, aber ihr Mund war schon voller Zementknödel und Marianne verlor keine Zeit.
»Na sischer!«, beantwortete sie ihre eigene Frage und lud Mika stolz zwei der gruseligen rotbraunen Würste auf den Teller.
»Die hat der Ottfried grad gebracht. Läbe quasi noch.«
Na vielen Dank auch, dachte Mika und wandte sich schnell wieder ihrer Großmutter zu, die appetitlos in ihrem Essen stocherte.
»Oma?«, begann sie vorsichtig. Maria sah auf.
»Ja?«
»Ostwind hat so ein paar komische Kratzer an seinem Bauch. Weißt du, woher die sein könnten?«
Maria legte sorgfältig ihr Besteck zur Seite und sah Mika streng an.
»Es ist doch kein Wunder, dass er Kratzer hat. Er ist ja schließlich bei jedem Wetter da draußen!« Ihre Stimme wurde lauter. »Und wenn ich den wenigen Interessenten sage, dass mein einziges konkurrenzfähiges Springpferd völlig verwahrlost Tag und Nacht auf einer Koppel herumspringt, dann schauen die mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. Und das zu Recht!«
Sie schlug mit der flachen Hand so fest auf die Tischplatte, dass die Gläser klirrten. Mika zuckte zusammen. Eine Weile herrschte frostiges Schweigen in der Küche. Dann versuchte Marianne, das Eis zu brechen.
»Stellt euch vor: Der Ottfried hat mir vorhin erzählt, dass er im Wald unten ein Einhorn gesehen hat. Ein Einhorn! Ist das zu glauben?«
»Nein!«, sagte Frau Kaltenbach energisch.
»Ja?«, fragte Mika interessiert.
Marianne sah die beiden verwirrt an, dann fuhr sie fort.
»Jedenfalls, heut’ Morgen in der Früh is’ der Ottfried auf Arbeit und da hat’s am Waldrand gestanden. Das …«
Maria unterbrach sie unwirsch: »Danke, Marianne, aber behalte deine Märchengeschichten doch lieber für dich.«
Marianne wendete sich gekränkt wieder ihren Töpfen zu und Maria zwinkerte ihrer Enkelin zu.
»Derselbe Ottfried hat kürzlich den alten Schäferhund Willi von unserem Tierarzt für einen Werwolf gehalten«, sagte sie leise. Aber nicht leise genug.
»Der isch aber auch net ganz koscher, der Willi«, kam es beleidigt vom Herd. Mika und ihre Großmutter grinsten sich an.
Am nächsten Morgen wurde Mika früh wach. Schlaftrunken drehte sie den Kopf auf ihrem blütenweißen Kopfkissen – und sah Ostwind, der wenige Meter von ihr entfernt am Gatter stand. Sie war zwar gestern todmüde in ihr gemütliches Bett im Gutshaus gekrochen, aber sie hatte dort einfach keine Ruhe gefunden. Deshalb hatte sie sich ihr Kopfkissen geschnappt und war hierhergekommen. Zu Ostwind. Auf seine Koppel.
Mika rappelte sich auf und ging zu ihm. Er stand ganz still da und sah aufmerksam in Richtung Wald. Behutsam legte sie ihm eine Hand auf den Rücken und spürte ein leises Zittern über sein schwarzes Fell gehen. Sie folgte ratlos seinem Blick. Irgendwas sah er. Aber was?
Kurz darauf gingen sie zusammen spazieren. Das half immer, wenn Mika einen Knoten im Kopf hatte.
»… und Oma ist auch komisch«, stellte Mika fest und Ostwind neben ihr schnaubte, was sie als Zeichen seiner Zustimmung nahm. Sie balancierte gerade auf einem Baumstamm, eine Hand auf dem Rücken ihres Pferdes.
»Ich seh’ doch, dass irgendwas nicht stimmt! Ich versteh’ das nicht«, fuhr sie seufzend fort, was Ostwind wieder mit einem Schnauben quittierte. Mika grinste. »Ja. Hauptsache ich verstehe dich. Du …« Doch weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment machte der Hengst einen unerwarteten Satz zur Seite und galoppierte mit einem lauten Wiehern querfeldein davon in den Wald. Mika verlor ihre Balance und stolperte vom Baumstamm.
»Hey!!«
Eine Schrecksekunde lang konnte sie nur zusehen, wie Ostwind mit erhobenem Schweif zwischen den Bäumen verschwand. Dann begann auch Mika zu rennen.
Mika rannte durch den schattigen Wald so schnell ihre langen Beine sie trugen. Ostwind war zwar weit vor ihr, aber das Gelände war unwegsam und Mika war schnell. Da vorn sah sie seine Schweifspitze hinter einer Kieferngruppe verschwinden. Wo wollte er hin? Offenbar schien er den Weg genau zu kennen. Mika schlug einen Haken und folgte Ostwind, der sich gerade einen Weg durch eine dichte, grüne Hecke gebahnt hatte. Zu spät erkannte Mika, was das für eine Hecke war: Brombeeren. Die dornigen Ranken peitschten gegen ihre Beine und zerkratzen ihre Arme.
»Aua! Warte!«, fluchte sie. Mit spitzen Fingern löste sie eine Brombeerranke von ihrer Jeans. Und in diesem Moment ging ihr ein Licht auf. Das war des Rätsels Lösung! Daher hatte Ostwind seine Wunden! Aber das würde bedeuten, dass er schon mal hier gewesen war. Alleine? Warum? Mika spürte, wie Wut in ihr hochstieg. Sie fühlte sich verlassen. Warum verstand sie nicht, was mit ihm los war? Sie blickte hoch und sah in weiter Entfernung Ostwinds Hinterteil, das im Grün der Tannen verschwand. Wütend setzte sie ihm nach. »Mann! Was soll das?«
Fluchend kämpfte Mika sich...
| Erscheint lt. Verlag | 11.5.2015 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| Kinder- / Jugendbuch ► Kinderbücher bis 11 Jahre | |
| Schlagworte | ab 10 • eBooks • Kinderbuch • Kinderbücher • Pferd • Pferde • Pferdeabenteuer • Pferdegeschichten • Pferdehof • Pferde, Pferdeabenteuer, Pferdegeschichten, Pferd, Pferdehof, Reiten, Reitturnier, Turnier • Reiten • Reitturnier • Turnier |
| ISBN-10 | 3-641-17067-2 / 3641170672 |
| ISBN-13 | 978-3-641-17067-7 / 9783641170677 |
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