Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Die Falle (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2015 | 1. Auflage
194 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-74158-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Falle - Emmanuel Bove
Systemvoraussetzungen
6,99 inkl. MwSt
(CHF 6,80)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen

Während der Jahre der Besetzung und des Vichy-Regimes in Frankreich gerät der Gaullist und Widerständler Joseph Bridet, ein wenig erfolgreicher Journalist, der mit Hilfe seiner Freunde in Vichy zu de Gaulle nach London gelangen will, aus ungeklärten Gründen in die Fänge der Kollaborationsbürokratie. Auch die fluchtartige Rückkehr nach Paris rettet ihn nicht, er wird verhaftet und in ein Internierungslager eingewiesen, aus dem heraus die Deutschen Geiseln für ihre »Vergeltungsmaßnahmen« abtransportieren. Die Falle schnappt zu.



<p>Emmanuel Bove wurde 1898 geboren; er starb, 47j&auml;hrig, in Paris. Im Alter von 23 Jahren schrieb er<em> Meine Freunde</em>, das als sein Hauptwerk gelten kann.</p>

Emmanuel Bove wurde 1898 geboren; er starb, 47jährig, in Paris. Im Alter von 23 Jahren schrieb er Meine Freunde, das als sein Hauptwerk gelten kann.

KAPITEL 1


Seit Bridet in Lyon war, suchte er ein Mittel, nach England zu kommen. Es war nicht leicht. Er verbrachte seine Tage damit, überall hinzulaufen, wo die Aussicht bestand, auf Freunde zu stoßen, die er noch nicht wiedergesehen hatte. Regelmäßig besuchte er die Brasserie nahe dem großen Theater, wo sich die Journalisten trafen, die sich, wie es hieß, zurückgezogen hatten, er ging die Rue de la République auf und ab und suchte auf den Terrassen der Cafés nach bekannten Gesichtern, mehrmals am Tag kehrte er ins Hotel zurück, in der Hoffnung, dort einen Brief, eine Verabredung, kurz: ein Lebenszeichen von draußen vorzufinden.

Doch in diesem Gewühl, das über die Stadt hereingebrochen war, inmitten der Schwierigkeiten, die ein jeder zu bewältigen hatte, unter all diesen Leuten, die in Paris, auch wenn sie sich kannten, nicht miteinander verkehrten, war kein Platz für das geringste Solidaritätsgefühl. Man gab sich die Hand, war bemüht, bei der zehnten Begegnung noch genauso erfreut auszusehen wie bei der ersten, fühlte mit in der Riesenkatastrophe, tat so, als ob man glaube, daß Unglück eher vereint als trennt, aber sobald man nicht mehr von der allgemeinen Not sprach und versuchte, jemanden speziell für den eigenen kleinen Fall zu interessieren, fand man sich vor einer Mauer.

Abends kehrte Bridet erschöpft zurück. Da die Hotels nur für Durchreisende bestimmt waren, mußte er, um sein Zimmer behalten zu können, jede Woche seine Abreise vortäuschen. »Es ist schon grotesk«, dachte er, »daß ich nach drei Monaten immer noch kein Mittel gefunden habe mich abzusetzen. Das wird regelrecht gefährlich.« Allmählich ahnte alle, daß er weg wollte. Nichts enthüllt unsere Absichten besser als anhaltendes Unvermögen. Wer immer nur verlangt, ohne zu bekommen, der vermittelt am Ende den Eindruck dessen, dem nie etwas gelingt, der zu jener etwas lächerlichen Kategorie von Menschen gehört, deren Wünsche zu groß sind für die eigenen Möglichkeiten.

Am 4. September 1940 wachte Bridet früher auf als gewöhnlich. Er bewohnte im Hôtel Carnot ein kleines Zimmer, Nr. 59, das letzte. Es ging auf die Place Carnot, gegenüber dem Bahnhof Perrache. Die ganze Nacht hatte er das Kommen und Gehen gehört. Nie waren die Franzosen so viel gereist. Vor Tagesanbruch hatte er die ersten Straßenbahnen gehört. Das Leben ging also weiter wie gehabt! Es gab also noch Arbeiter, die zur Arbeit gingen! Und dieses geregelte Leben, das von den rangierenden Waggons im Morgengrauen und dem Kreischen der Eisenräder auf den Schienen heraufbeschworen wurde, hatte etwas Trostloses.

Die Sonne war aufgegangen, aber sie war noch nicht über die Häuser auf der anderen Seite des Platzes gestiegen, und die Strahlen, die auf nichts ruhten, sich einfach im Raum ausbreiteten, gaben dem Himmel etwas Frühlingshaftes. Plötzlich setzte sich an die Decke ein fahles goldgelbes Licht. Bridet erinnerte sich an Ferienmorgen, und ihm zog sich das Herz zusammen. So schön war das Leben noch immer. Auch er hatte Lust zu reisen. Aber was würde er in Avignon, in Toulouse, in Marseille Besseres finden? Man erstickte überall. Wo man auch hinging, man fühlte sich von einer immer zahlreicher auftretenden Polizei erdrückt. Zu jedem Polizisten kam ein weiterer, manchmal sogar in Zivil, der in seiner Eile, den Dienst anzutreten, nicht abgewartet hatte, bis man ihm eine Uniform gab.

»Es widert mich an, aber ich muß wohl Basson aufsuchen«, murmelte Bridet. Tag für Tag sagte er sich, er müsse nach Vichy gehen. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er zu lange gewartet hatte. Den ganzen Sommer hatte er sich in den Dörfern des Puy-de-Dôme, der Ardêche, der Drôme herumgetrieben, in der Hoffnung auf irgend etwas – was, wußte er selbst nicht –, und jetzt hatte er das Gefühl, daß das, was er in dem Durcheinander nach dem Waffenstillstand umstandslos hätte tun können, täglich schwieriger wurde.

Er hatte Freunde, Basson zum Beispiel. Der würde ihm irgendeinen Auftrag verschaffen, einen Paß. War er erst einmal aus Frankreich heraus, würde Bridet sich schon durchschlagen. England war schließlich nicht unerreichbar. »Ich muß unbedingt zu Basson«, sagte er sich ein ums andere Mal. Er müßte nur seine wahren Absichten verbergen. Er würde jedem sagen, daß er sich in den Dienst der Nationalen Revolution stellen wolle.

»Wird man mir glauben?« fragte er sich. Ihm kam in den Sinn, daß er viel geredet, daß er unverblümt gesagt hatte, was er dachte, daß es ihm sogar heute noch passierte, daß er seinen Mund nicht halten konnte. Bislang war diese Redseligkeit offenbar folgenlos geblieben, aber nun auf einmal, wo es zu handeln galt, kam es ihm vor, als würde alle Welt seine Pläne kennen. Um sich wieder Mut zu machen, überlegte er, daß die Leute einen im Grunde nicht nach dem beurteilen, was man gesagt hat – schließlich haben sie selbst so manches gesagt –, sondern nach dem, was man im gegenwärtigen Augenblick sagt. Er mußte nur voll und ganz für den Marschall eintreten. Das war ein wunderbarer Mann. Er hatte Frankreich gerettet. Ihm war zu danken, daß die Deutschen Achtung für uns hatten. Sie überstanden ihren Sieg. Wir – wir überstanden unsere Niederlage, was unseren beiden Völkern ermöglichte, fast von gleich zu gleich miteinander zu sprechen. Das genau mußte man sagen. Einem Fanatiker gegenüber konnte man sogar noch weiter gehen. Würde jeder Franzose sich im Innersten prüfen, wäre er ehrlich gegen sich selbst, müßte er zugeben, daß er bei der Unterzeichnung des Waffenstillstands eine ungeheure Erleichterung empfunden hatte.

»Ihr wart auf den Landstraßen, und nun seid ihr zu Hause«, hatte der Marschall gesagt. Bridet mußte nur dasselbe sagen. Er sollte keine Skrupel haben, solche Menschen zu hintergehen. Er durfte ihnen alles mögliche erzählen. Später, wenn er zu de Gaulle gestoßen wäre, würde er sich schon aus der Affäre ziehen.

Nachdem er sich angekleidet hatte, verließ er das Hotel. Hundert Meter weiter betrat er ein anderes Hotel, um seiner Frau die gewohnte morgendliche Stippvisite abzustatten.

Den großen Zentralspiegel verbarg das berühmte Plakat mit der Trikolore, in deren Mitte der Kopf des Marschalls prangte, fast in Dreiviertelprofil, in demonstrativer Schlichtheit mit einem gestärkten abknüpfbaren Kragen, einem Käppi mit kerzengeradem Sitz und jenem Ausdruck abgrundtiefer Biederkeit, leichter Bitterkeit, Festigkeit, gepaart mit Güte, den schlechte Künstler so gekonnt wiederzugeben vermögen.

Yolande hatte ebenfalls ein Zimmer gefunden. Es war, wie das ihres Mannes, zu klein, als daß zwei darin hätten schlafen können. Bridet war damit gar nicht so unzufrieden. Er befand sich in einem solchen Zustand der Niedergeschlagenheit, daß er es vorzog, allein zu sein. Er hatte seine Frau sehr geliebt, aber seit dem Waffenstillstand hatte er sich ihr, ohne daß ihm dies richtig klar wurde, ein wenig entfremdet. Sie hatte plötzlich Launen und Wünsche, die nicht mehr die seinen waren. Die Katastrophe hatte auch sie schwer getroffen, und nun schien sie zu entdecken, daß es im Leben wichtigere Dinge gab als häusliche Eintracht.

Sie machte sich jetzt Sorgen um ihre Familie, die in Paris zurückgeblieben war – sie, die sich jahrelang nicht um sie gekümmert hatte. Sie konnte es kaum erwarten, Leute wiederzusehen, die ihr bisher gleichgültig gewesen waren. Unaufhörlich redete sie von ihrem kleinen Modegeschäft in der Rue Saint-Florentin, von ihrer Wohnung, so als hätte sie dort allein gelebt. Bridet hatte gespürt, daß er in ihren Augen nach und nach wohl nicht zu einem Fremden, aber doch zu einem jener Wesen geworden war, die man ein wenig vernachlässigt, da sie trotz der Liebe, die sie uns entgegenbringen, nichts für uns tun können. Und im Grunde seines Herzens fand er, daß sie recht hatte, wenn sie ihn so einschätzte. Tatsächlich konnte er nichts für sie tun. Solange es eine Armee gegeben hatte, deren Teil er war, hatte er seine Frau verteidigt. Jetzt verteidigte er sie nicht mehr. Er konnte nicht an ihrer Stelle um einen Ausweis nachsuchen, konnte weder ein schlichtes Zimmer noch ein Taxi für sie auftreiben, konnte ihrer Familie in Paris kein Geld schicken, konnte sich nicht um das Geschäft kümmern, er konnte überhaupt nichts tun. Sie wußte es, und ganz sachte gewöhnte sie sich daran, sich nur auf sich selbst zu verlassen.

Er setzte sich neben sie. Bislang hatte er nicht die kleinste Andeutung gemacht, daß er beabsichtigte wegzugehen. – Hör mal, Yolande. Ich muß ernsthaft mit dir reden.

Sie schaute ihn an, offenbar ohne zu bemerken, daß er ernster war als sonst. Die Hotelhalle war voller Menschen. Man hätte leise sprechen, sich dauernd umdrehen müssen.

– Komm mit da rüber, sagte Bridet. Da sind wir ungestörter.

Yolande erhob sich. Sie gingen in den hinteren Teil der Hotelhalle und setzten sich dort nebeneinander.

– Ich hab mir die ganze Nacht Gedanken gemacht. Ich muß zu Basson.

Yolande schwieg. Bridet erhitzte sich. Er hatte jetzt genug. Er bedauerte, daß er es nicht früher getan hatte. Jetzt war seine Entscheidung gefallen. Er würde zu Basson gehen. Er würde den Eindruck vermitteln, als spräche er ganz offen mit ihm. Er würde ihm erzählen, daß er den Marschall bewundere … Er würde ihn um Beistand bitten. Basson war ein alter Kamerad. Er würde ihm die Bitte nicht abschlagen. Aber wir sagen so vieles, wenn wir unzufrieden und elend die Monate zusammen hinbringen, wir schmieden so viele Pläne, ohne daß unser Leben sich im geringsten ändert, daß wir dann, wenn wir eine Entscheidung getroffen haben, plötzlich merken, daß keiner Grund hat, sie ernstzunehmen.

– Du bist verrückt! sagte sie.

Bridet antwortete...

Erscheint lt. Verlag 7.3.2015
Übersetzer Bernd Schwibs
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Original-Titel Le piège
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Belletristische Darstellung • Frankreich • Französischer Thriller • Geschichte 1940-1943 • Kollaboration • Le piège deutsch • Page Turner • résistance • Spannung • ST 2986 • ST2986 • suhrkamp taschenbuch 2986 • Thriller Frankreich • Vichy-Regime • Westeuropa
ISBN-10 3-518-74158-6 / 3518741586
ISBN-13 978-3-518-74158-0 / 9783518741580
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Roman

von Iris Wolff

eBook Download (2024)
Klett-Cotta (Verlag)
CHF 9,75
Radiosendungen nach Deutschland | Neuausgabe mit einem Vorwort und …

von Thomas Mann

eBook Download (2025)
Fischer E-Books (Verlag)
CHF 18,55