Will Jordan lebt mit seiner Familie in Fife in der Nähe von Edinburgh. Er hat einen Universitätsabschluss als Informatiker. Wenn er nicht schreibt, klettert er gerne, boxt oder liest. Außerdem interessiert er sich sehr für Militärgeschichte.
PROLOG
Beslan, Schule Nr. 1, 3. September 2004
Benommen von Furcht und Erschöpfung, hob Natascha den Blick von den alten zerschrammten Bodendielen, die sie seit etlichen Stunden unablässig anstarrte.
Ihr Wächter stand etwa zehn Meter von ihr entfernt und paffte achtlos eine Zigarette. Während er rauchte, lag das sperrige Sturmgewehr in seiner Armbeuge. Er hatte grobe, ungehobelte Gesichtszüge, charakteristisch für Männer in diesem Teil des Landes. Die Haut war von Aknenarben übersät, und er war unrasiert. Der Blick seiner grauen ausdruckslosen Augen war starr geradeaus gerichtet, ohne etwas wahrzunehmen.
Was ging wohl hinter diesen seelenlosen Augen vor?
Ein gedämpftes Husten neben ihr lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre unmittelbare Umgebung. Mehr als fünfhundert Männer, Frauen und Kinder jeden Alters waren in der Turnhalle zusammengepfercht. Sie standen so dicht zusammen, dass sie kaum Platz hatten, sich auch nur zu setzen. Es herrschte eine erdrückende Hitze, und über allem lag der Gestank von Schweiß, Furcht und Urin.
Man hielt sie seit zwei Tagen und Nächten hier fest, ohne dass sie hätten schlafen oder sich erleichtern können, und es war ihnen verboten, sich zu bewegen oder auch nur miteinander zu reden. Als man sie unter viel Geschrei und Schüssen hier zusammengetrieben hatte, waren viele Kinder nahezu hysterisch vor Panik gewesen. Einige hatten vergeblich gefleht, die Turnhalle verlassen zu dürfen, so als wäre dies der Sportunterricht, von dem man sich irgendwie befreien lassen konnte. Andere, die noch zu jung waren, um zu begreifen, was hier vorging, hatten sich wie Schafe Hilfe suchend um ihre Lehrer geschart, den einzigen Trost, den sie hatten.
Aber nach drei Tagen ständiger Angst, Schlafmangel und Androhung von Gewalt waren die Nerven aller Anwesenden vollkommen überreizt, und Natascha hörte nur noch ein gelegentliches Husten, ein Stöhnen oder ein ersticktes Schluchzen. Die Menschen waren körperlich und geistig gebrochen und warteten düster auf das, was da kommen mochte.
Die meisten von ihnen hielten ihre Blicke gesenkt und versuchten, nicht aufzufallen, versuchten, nichts zu tun, was die Aufmerksamkeit auf sie lenken würde. Sie alle hatten den Wert der Anonymität kennengelernt. Am ersten Tag hatten ihre Häscher einen Mann einfach nur deshalb hingerichtet, weil er sich nicht schnell genug hingekniet hatte, und einen anderen dafür, dass er das heimische Ossetisch und nicht russisch gesprochen hatte.
Am zweiten Tag hatten sie zwanzig der gesündesten und leistungsfähigsten Männer zusammengetrieben und sie in den ersten Stock hinaufgeführt. Nur wenige Augenblicke später hatte es gekracht, und dann hörte man das Knattern von automatischen Waffen. Keiner der Männer war zurückgekehrt.
Nataschas leerer Magen knurrte, und die Muskeln in ihrem Unterleib verkrampften sich schmerzhaft. Sie hatte nichts mehr gegessen, seit sie in die Halle getrieben worden waren; ihr Körper erinnerte sie mit wachsender Dringlichkeit daran. Sie war ein schlankes Mädchen von etwa zwölf Jahren und hatte ohnehin nicht viel Fleisch auf den Rippen, aber als jetzt die Folgen des Nahrungsmangels einsetzten, fühlte sie sich schwach und schwindelig.
Sie leckte sich die trockenen Lippen und versuchte, die Gedanken an kühles, erfrischendes Wasser zu unterdrücken. Wie oft hatte sie das Glas Wasser am Mittagstisch abgelehnt und ihren Vater um ein Glas Fruchtsaft oder eine süße Limonade angebettelt. Jetzt hätte sie für ein Glas Wasser getötet.
Ihre Gedanken wurden von Rufen aus dem Gang vor der Turnhalle unterbrochen. Sie und die anderen Gefangenen zuckten vor Furcht zusammen. Aber trotz ihres plötzlich heftig pochenden Herzens versuchte Natascha zu lauschen und den Grund für den Lärm herauszufinden. Denn trotz des offensichtlichen Ärgers in den Stimmen schienen sie nicht miteinander zu streiten. Es klang mehr so, als würden sie einfach nur schreien, um ihrem Frust Luft zu machen und zu versuchen, ihre nachlassende Entschlossenheit zu stärken.
Sie sprachen tschetschenisch. Natascha verstand zwar nicht, was sie sagten, aber das spielte auch keine Rolle. Selbst sie konnte die Veränderung bei ihnen spüren.
Einige, wie der rauchende Mann vor ihr, waren älter, ruhiger und hatten ihre Gefühle unter Kontrolle. Die meisten jedoch waren jung, wild und tollkühn. Nachdem sich dieses unbehagliche Patt hinzog, ohne dass ein Ende in Sicht kam, wurden die Männer immer frustrierter und aggressiver. Offenbar entwickelte sich die Lage nicht so, wie sie es erwartet hatten. Irgendetwas stimmte nicht.
»Es wird bald passieren«, flüsterte Natascha.
»Was meinst du damit?« Mit Jelena war sie schon so lange befreundet, dass sie sich gar nicht mehr an eine Zeit ohne sie erinnern konnte. Sie war ein bisschen pummelig, nicht direkt fett, aber mollig. Sie würde sich zu einer üppigen Schönheit entwickeln; später dann, als Erwachsene, würde sie korpulent und matronenhaft werden.
Das Mädchen hockte auf dem Boden, und ihr dunkles Haar hing ihr schlaff und feucht ins Gesicht. Sie hob zwar nicht ihren Blick, aber Natascha sah, dass ihre Augen vom vielen Weinen gerötet waren.
Sie beugte sich zu ihr hinunter und deutete mit einem Nicken auf den Mann mit dem Gewehr. Er hatte seine Zigarette weggeworfen und ging jetzt vor der Tür auf und ab. Die breiten Schultern hatte er vor Anspannung zusammengezogen. »Sie werden immer nervöser. Sie werden schon bald irgendetwas unternehmen.«
»Was denn?«
»Ich weiß es nicht.« Sie schluckte, obwohl ihre Kehle trocken und wund war. »Vielleicht töten sie uns alle.«
»Das können sie doch nicht machen! Die Soldaten draußen werden sie daran hindern!« Aber es war nur ein schwacher Protest und klang zudem nicht sonderlich überzeugend.
Da sie vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten und isoliert waren, konnte niemand sagen, was da draußen passierte. Sie hatten das Brummen von starken Motoren gehört, das Wummern von Rotoren und gelegentlich lautes Geschrei unter den Männern, aber nicht mehr. Selbst wenn die gesamte russische Armee draußen versammelt wäre, hätte das für sie nicht den kleinsten Unterschied gemacht.
»Sie haben sie gestern auch nicht daran gehindert, all diese Männer zu töten«, erklärte Natascha. »Warum sollte es heute anders sein?«
»Vielleicht ergeben sie sich ja. Sie wollen doch ganz sicher nicht hier sterben!«
Natascha bemerkte sofort den Haken an diesem Argument. »Vielleicht sind sie aber auch wie die Männer, die mit den Flugzeugen in Amerika in diese Hochhäuser geflogen sind. Vielleicht macht es ihnen nichts aus zu sterben.«
Jelena schniefte und zuckte mit den Schultern, als wäre ihr das egal. »Also? Was können wir tun?«
Das war die Frage. Natascha war kein Soldat. Aber wie bei jedem Lebewesen war der stärkste Instinkt in ihr der Überlebenstrieb.
»Warte auf mein Zeichen«, sagte sie. Sagten Leute das nicht immer in solchen Augenblicken? Sie hoffte nur, dass sie überzeugender klang, als sie sich fühlte. »Wenn es losgeht, bleib bei mir.«
Als Jelena den wachsenden Trotz und die Verzweiflung ihrer Freundin wahrnahm, riss sie die Augen auf. »Du wirst uns umbringen!«, zischte sie. Die Angesprochene hob das Kinn. Eine winzige Flamme der Wut flackerte in ihr auf.
»Besser, als einfach zuzulassen, dass diese Mistkerle uns umbringen!«, stieß Natascha zwischen den Zähnen hervor und blickte ihre Freundin an. »Jelena, sieh mich an. Sieh mich an!« Zögernd hob das Mädchen seinen Blick vom Boden und sah ihr in die Augen. »Ich kann uns hier rausbringen, aber nur, wenn du mir vertraust. Vertraust du mir?«
In Jelenas Augen schimmerten Tränen, aber sie nickte trotzdem. »Ja.«
Natascha packte ihre Hand. »Wir kommen hier raus. Ich verspreche es dir.«
Kaum hatte sie das gesagt, ertönte erneut Geschrei im Flur vor der Halle. Doch diesmal hörte es sich anders an. Die Männer riefen sich keine Aufmunterungen zu, sondern sie stritten untereinander. Ihre Aggression wuchs zusehends.
Dann waren plötzlich zwei weitere Schützen in der Turnhalle. Es waren junge Männer, hager und mit wild aufgerissenen Augen, die von Pferden in einer Stampede. Sie schwangen ihre Sturmgewehre, als wollten sie im nächsten Moment losfeuern. Als die Geiseln das spürten, versuchten sie zurückzuweichen, vergeblich. Jeder Versuch war nutzlos, denn sie wurden durch die reine Masse der Körper daran gehindert.
Der Raucher mischte sich jetzt ebenfalls in den Streit ein. Er stellte sich den jungen Männern in den Weg, um zu verhindern, dass sie noch näher kamen, und versuchte, sie dazu zu bewegen, vor die Tür zurückzugehen. Er war, jedenfalls in Nataschas jugendlichen Augen, eine beeindruckende Gestalt, groß und breit. Aber seine jüngeren Kameraden ließen sich offenbar nicht davon einschüchtern.
Sie waren hier aufgetaucht, um etwas zu unternehmen, und sie würden sich durch nichts aufhalten lassen.
Es ging ganz schnell. Der ältere Mann streckte die Hand aus, um den ersten Soldaten neben sich am Arm zu packen, aber der stieß ihn von sich, sodass der Ältere sein Gleichgewicht verlor. Er knurrte wütend und trat erneut zu den beiden, drehte sein Sturmgewehr um, um es wie einen Knüppel zu schwingen. Aber der zweite junge Mann hatte das erwartet. Er hob sein Sturmgewehr, zielte auf die Brust des älteren Mannes und feuerte.
Der Knall, mit dem sich die Waffe entlud, hallte laut wie Donner durch die Halle, in den sich die furchtsamen Schreie der Geiseln mischten. Der ältere Mann stürzte wie ein Sack Kartoffeln...
| Erscheint lt. Verlag | 17.8.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Ryan Drake Series | Ryan Drake Series |
| Übersetzer | Wolfgang Thon |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Betrayal (Ryan Drake 3) |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Schlagworte | CIA • CIA-Agent • CIA, KGB, Mission: Impossible, CIA-Agent , Scharfschütze, Washington, Mission: Vendetta, Der Absturz • Der Absturz • eBooks • KGB • Mission: Impossible • Mission: Vendetta • Scharfschütze • Serien • Thriller • Washington |
| ISBN-10 | 3-641-15912-1 / 3641159121 |
| ISBN-13 | 978-3-641-15912-2 / 9783641159122 |
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