Zeig dich, Mörder (eBook)
302 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-73989-1 (ISBN)
Jack Dana war als US-Marine an den einschlägigen Kriegsschauplätzen der Welt im Einsatz. Nach einer Verletzung beginnt er zu schreiben, und gleich sein erster Roman wird ein großer Erfolg. Als er von einer längeren Reise zurückkehrt, muss er erfahren, dass sich sein Onkel Harry, der wie ein Vater für ihn war, in seinem Wochenendhaus auf Long Island das Leben genommen hat. Doch Jack, der seinen Onkel besser kennt als jeder andere, glaubt nicht an Selbstmord. Wollte jemand Harry aus dem Weg räumen? Doch weshalb? Und welche Rolle spielt Kerry Black dabei, die schöne Kollegin Harrys, der Jack zusehends verfällt? Jack verstrickt sich immer tiefer in die Machenschaften der einflussreichen Kanzlei, bei der Harry gearbeitet hat - und gerät bald selbst in Lebensgefahr ...
Louis Begley hat mit Zeig dich, Mörder einen eleganten und dabei fesselnden Roman geschrieben, der die Leser von den Bürotürmen New Yorks mitten nach Long Island führt. Geistreich und hintersinnig entblättert er die protzigen Fassaden malerischer Wochenendhäuser - und inszeniert ein Katz-und-Maus-Spiel, das den Leser um seinen Helden Jack Dana bangen lässt.
<p>Louis Begley, 1933 in Polen geboren, arbeitete bis 2004 als Anwalt in New York. Als Schriftsteller wurde er mit seinem Roman<em> Lügen in Zeiten des Krieges</em> weltweit bekannt. Seine Bücher wurden in 18 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet.</p>
Louis Begley, 1933 in Polen geboren, arbeitete bis 2004 als Anwalt in New York. Als Schriftsteller wurde er mit seinem Roman Lügen in Zeiten des Krieges weltweit bekannt. Seine Bücher wurden in 18 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Auf Deutsch erschienen zuletzt Schmidts Einsicht (2013), Erinnerungen an eine Ehe (2013) und Zeig dich, Mörder (2015). Christa Krüger übersetzte u.a. Werke von Louis Begley, Penelope Fitzgerald und Richard Rorty. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
I
Dies ist eine wahre Geschichte. Die Namen bestimmter Personen habe ich geändert, um die Betroffenen zu schützen. Sonst habe ich nichts verborgen. Mit meinem Gewissen bin ich im Reinen. Was ich getan habe, würde ich ohne jedes Zögern wieder tun. Manche werden meinen, ich hätte mich an die Regeln halten sollen – auf das Strafrecht vertrauen und hinnehmen, dass der Mörder Strafmilderung gegen Schuldbekenntnis aushandelt. Sei’s drum. Ich verachte Feiglinge und scheinheilige Weicheier und ihre selbstgefällige Naivität.
Mein Name ist Jack Dana. Ich bin ehemaliger Offizier der Marineinfanterie und war Zugführer der Force Recon. Ich bin auch Autor von drei erfolgreichen Büchern. Das erste schrieb ich im Militärkrankenhaus Walter Reed, wo man mich operierte, um die Schäden an meinem Beckenknochen in Ordnung zu bringen, die mir die Kugeln eines Taliban-Heckenschützen bei Delaram (einem üblen Ort in der afghanischen Provinz Helmand) zugefügt hatten, knapp eine Minute bevor mein Team ihn erschoss. Es klingt vielleicht seltsam, dass jemand wie ich – der die härtesten Kampfschulen des Marinekorps mit Auszeichnung absolviert hat, Schulen, in denen man lernt, Feinde abzuknallen, die das Pech haben, in Schussweite zu sein, oder ihnen, wenn sie nah genug sind, ein Messer zwischen die Rippen zu jagen –, dass so einer anfängt, Romane zu schreiben. Jedes Ding hat seine Zeit; so ist es eben. Was ich gelernt hatte, wendete ich bei Einsätzen im Irak und in Afghanistan an, und im Häuserkampf während des zweiten Gefechts um Falludscha merkte ich, wie leicht es ist, einen Mann umzubringen. Man drückt langsam auf den Abzugshahn; die Patrone findet ihr Ziel, und der Mann sackt zusammen und kippt um. Noch einfacher: Man wirft eine Rucksackladung Sprengstoff durch ein Fenster, und das Haus stürzt ein. Ich hätte auch einfach weiter damit gemacht, aber nach den Reparaturen, auf die meine Chirurgen so stolz waren, war ich zwar wieder in exzellenter Verfassung, doch für einen Offizier der Marineinfanterie war sie nicht mehr exzellent genug. Was soll’s. Bücherschreiben war gewissermaßen eine Rückkehr in das Leben, das ich mir für mich vorgestellt hatte, bevor wir am 11. September 2001 angegriffen wurden.
Ich bin das einzige Kind eines Philosophieprofessors an der Harvard University und einer Flötistin, die in einem Bostoner Kammerorchester spielte, und aufgewachsen bin ich in einem komfortablen Schindelhaus an einer Nebenstraße der Brattle Street in Cambridge, Massachusetts. Nach dem Ende meiner Schulzeit in einem Internat in New Hampshire, das auch mein Vater und sein einziger, etwas jüngerer Bruder besucht hatten, ging ich nach Yale. Warum Yale statt Harvard, der Alma Mater meines Vaters und meines Onkels? Ich wollte nicht im langen Schatten meines Vaters stehen. Aus dem gleichen Grund hütete ich mich vor der Philosophie und studierte stattdessen griechische und römische Alte Geschichte, da auch ich eine akademische Karriere anstrebte. Dass ich aus Cambridge weggegangen war, sollte ich jedoch bald bitter bereuen. Im Frühling meines ersten Collegejahres wurde meine schöne und begabte Mutter krank. Weihnachten desselben Jahres war sie tot, Opfer eines grausam aggressiven Ovarialkarzinoms. Mein Vater war grenzenlos verzweifelt. Ich fuhr an den Wochenenden zu ihm, so oft ich konnte, aber meistens mühte ich mich vergeblich, ihm aus der Depression herauszuhelfen. Er hatte sich nie ganz von den Wunden und anderen Traumata erholt, die er im Vietnamkrieg erlitten hatte. Im Winter meines letzten Collegejahres traf ihn ein schwerer Schlaganfall. Vom Genick abwärts gelähmt, glitt er nach und nach in ein Wachkoma, und Onkel Harry konnte die Klinik schließlich unter Einsatz seiner gesamten ruhigen Autorität und juristischen Kompetenz dazu bewegen, das Patiententestament meines Vaters und meine Wünsche zu respektieren und die lebenserhaltenden Apparate abzuschalten. Wir begruben ihn neben meiner Mutter im Mount Auburn Cemetery.
Meine Mutter war ein Einzelkind. Onkel Harry, jetzt mein einziger noch lebender Verwandter, hatte nie geheiratet und sah in mir den Sohn, den er sich gewünscht hätte. Damit niemand voreilige Schlüsse zieht oder den Verleumdungen glaubt, die über ihn verbreitet wurden, stelle ich hier klar, dass er alles andere als offen oder im Verborgenen schwul war. Aber er hatte kein Glück in der Liebe, ließ sich mit verheirateten Frauen ein, die sich am Ende nicht dazu durchringen konnten, ihre gehörnten Ehemänner aufzugeben, und einmal mit einer Frau, die ihre Karriere wichtiger fand als ihn. Sie war eine berühmte Ballerina, die ihm von Anfang an erklärt hatte, mit einer Ehe werde ihre Kunst wohl nicht vereinbar sein. Allmählich lebten sie sich auseinander. Seine letzte große Liebe war eine viel jüngere peruanische Rechtsanwältin, eine Schönheit mit rabenschwarzem Haar, die stolz auf ihre Inkavorfahren war. Sie lernten sich in Lima kennen, wo sie ihm als peruanische Unterbevollmächtigte bei seinen Verhandlungen über eine Investition seines Mandanten Abner Brown in eine Kupfermine assistierte. Dieser verschlossene und exzentrische texanische Milliardär war der amerikanischen Öffentlichkeit damals noch nicht als Inbegriff rechtsextremer Politik bekannt. Harry hatte erst kurze Zeit für Brown gearbeitet, weil ein zufriedener Mandant ihn empfohlen hatte. Harry war ein Mann von untadeligen Manieren und unbeugsamen Prinzipien. Geschäftliches mit einer privaten Romanze zu vermischen war für ihn tabu, und er war überzeugt, dass sein Werben um Olga erst während der Barbecue Party begann, die Brown auf seiner Ranch in der Umgebung von Houston gab, um den erfolgreichen Abschluss der peruanischen Transaktion zu feiern, die, wie er in einem Toast auf Harry sagte, sein Vermögen lässig um fünfhundert Millionen Dollar vermehrt habe. Über den Tisch gezogen habe Harry diese bürokratischen peruanischen Affen, erklärte er schadenfroh und hämisch lachend. Zum Glück war keiner der verhöhnten Affen zugegen. Olga war die einzige Peruanerin auf Browns Fest. Harry entschuldigte sich bei ihr für dessen abscheuliche Tirade und stellte dabei zu seiner Verwunderung und Freude fest, dass sie gar nicht daran gedacht hatte, zornig auf ihn zu sein, und dass ihr klar war, warum er so sorgsam vermieden hatte, persönliche Gefühle in das Arbeitsverhältnis einfließen zu lassen. Dass er um sie werben würde, hatte sie erwartet, und sie ließ es gern geschehen. Es dauerte nicht lange, bis sie beschlossen zu heiraten, sobald Olga ihre Arbeit an schwebenden Verfahren abgeschlossen oder anderen Anwälten in ihrer Kanzlei übertragen hätte. Sie planten, im September 1992 in Lima Hochzeit zu feiern. Das Schicksal verfolgte andere Pläne. Olga war eine von mehr als zwanzig Personen, die im Juli des gleichen Jahres Opfer eines Bombenattentats auf der Tarata-Straße wurden, das die Aufständischen des »Leuchtenden Pfades« verübten. Anschließend lähmten eine Woche lang schwere Anschläge die Stadt Lima. Abimael Guzmán, der Führer der Bewegung »Leuchtender Pfad«, wurde zwei Monate später gefasst, und damit war den Aufständischen der Wind aus den Segeln genommen, aber für meinen Onkel war das kein Trost. Er betrachtete sich als Witwer und trauerte sein Leben lang um seine verlorene Inka.
Seit ich im Internat war, durfte ich in den Weihnachts- und Frühlingsferien allein zu Harry fahren, und auf diese Besuche freute ich mich das ganze Schuljahr. Er arbeitete in Manhattan als Sozius der mächtigen Kanzlei Jones & Whetstone. Seine Wohnung in der Fifth Avenue war nur wenige Schritte vom Metropolitan Museum entfernt. Auf seine nachdrückliche Empfehlung erkundete ich die Galerien des Museums, manchmal in Begleitung eines jungen Kurators. Harry kannte alle Welt, und solche Dinge zu arrangieren war offenbar leicht für ihn. Abends – und immer, wenn er mittags Zeit hatte – lud er mich in seinen Club ein oder in eines der französischen Restaurants, in denen er am liebsten aß. An anderen Abenden gingen wir in die Oper, ins Theater oder Ballett, und ich kann ohne Übertreibung sagen, dass Harry meinen Kunst- und Musikgeschmack formte. Manchmal besuchte ich ihn auch gemeinsam mit meinen Eltern. Gewöhnlich im Sommer, wenn sie und Harry Urlaub machten. Dann verbrachten wir ein langes Wochenende in seinem Haus auf Long Island in dem Viertel Sag Harbors, das verschont geblieben war, als 1845 eine Feuersbrunst den alten Teil dieser einst bedeutenden Hafenstadt weitgehend zerstört hatte. Sein Haus war ein Bau aus dem frühen 19. Jahrhundert, ein Labyrinth von kleinen Zimmern, viele davon seltsam geschnitten, samt einer Scheune, die in ein Studio mit hoher Decke und eigenem Bad umgebaut worden war. Das Studio war offiziell Harrys Arbeitszimmer, aber als ich ihn endlich allein in Sag Harbor besuchen durfte, sagte er, ich solle es als mein Schlafzimmer und meinen eigenen Bereich betrachten. Nach dem ersten Sommer schlief ich aber kaum mehr dort. Ich war lieber im Gästezimmer gegenüber von Harrys Schlafzimmer und merkte, dass er seinen Mittagsschlaf gern auf dem Sofa im Studio hielt. Obwohl sein Haus so komfortabel und sein Segelboot, die Bucht und die Strände so reizvoll waren, dauerten unsere Familienbesuche in Sag Harbor immer nur kurz, und das lag an der Spannung, die zwischen ihm und meinem Vater herrschte. Oberflächlich betrachtet, war ihre Beziehung so herzlich, wie es sich für zwei Brüder mit nur drei Jahren Altersunterschied gehört, und keiner von beiden erwähnte je, was zwischen ihnen stand. Aber es war da: eine schwarze Sturmwolke an einem strahlenden Sommerhimmel. Die Erklärung dafür gab mir meine Mutter, als sie wusste, dass sie bald sterben würde. Sie stand Harry besonders nahe, und sie wollte, dass ich ihn und...
| Erscheint lt. Verlag | 10.1.2015 |
|---|---|
| Übersetzer | Christa Krüger |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Killer Come Hither |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | American Academy of Letters Award in Literature 1995 • C.H. Beck Übersetzerpreis 2009 • Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg 2008 • Erzählungen • Jeanette-Schocken-Preis Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur 1995 • Killer Come Hither deutsch • Krimi • Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2000 • Long Island • New York • Nordamerika (USA und Kanada) • Page Turner • Romane • Spannung • ST 4682 • ST4682 • suhrkamp taschenbuch 4682 • USA Nordosten • Vereinigte Staaten von Amerika USA |
| ISBN-10 | 3-518-73989-1 / 3518739891 |
| ISBN-13 | 978-3-518-73989-1 / 9783518739891 |
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