Die Schere (eBook)
194 Seiten
Klett-Cotta (Verlag)
978-3-608-10784-5 (ISBN)
Ernst Jünger, am 29. März 1895 in Heidelberg geboren. 1901-1912 Schüler in Hannover, Schwarzenberg, Braunschweig u. a. 1913 Flucht in die Fremdenlegion, nach sechs Wochen auf Intervention des Vaters entlassen 1914-1918 Kriegsfreiwilliger 1918 Verleihung des Ordens »Pour le Mérite«. 1919-1923 Dienst in der Reichswehr. Veröffentlichung seines Erstlings »In Stahlgewittern«. Studium in Leipzig, 1927 Übersiedlung nach Berlin. Mitarbeit an politischen und literarischen Zeitschriften. 1936-1938 Reisen nach Brasilien und Marokko. »Afrikanische Spiele« und »Das Abenteuerliche Herz«. Übersiedlung nach Überlingen. 1939-1941 im Stab des Militärbefehlshabers Frankreich. 1944 Rückkehr Jüngers aus Paris nach Kirchhorst. 1946-1947 »Der Friede«. 1950 Übersiedlung nach Wilflingen. 1965 Abschluß der zehnbändigen »Werke«. 1966-1981 Reisen. Schiller-Gedächtnispreis. 1982 Goethe-Preis der Stadt Frankfurt/Main.1988 Mit Bundeskanzler Kohl bei den Feierlichkeiten des 25. Jahrestags des Deutsch-Französischen Vertrags. 1993 Mitterrand und Kohl in Wilflingen. 1998 Ernst Jünger stirbt in Riedlingen.
Ernst Jünger, am 29. März 1895 in Heidelberg geboren. 1901–1912 Schüler in Hannover, Schwarzenberg, Braunschweig u. a. 1913 Flucht in die Fremdenlegion, nach sechs Wochen auf Intervention des Vaters entlassen 1914–1918 Kriegsfreiwilliger 1918 Verleihung des Ordens »Pour le Mérite«. 1919–1923 Dienst in der Reichswehr. Veröffentlichung seines Erstlings »In Stahlgewittern«. Studium in Leipzig, 1927 Übersiedlung nach Berlin. Mitarbeit an politischen und literarischen Zeitschriften. 1936–1938 Reisen nach Brasilien und Marokko. »Afrikanische Spiele« und »Das Abenteuerliche Herz«. Übersiedlung nach Überlingen. 1939–1941 im Stab des Militärbefehlshabers Frankreich. 1944 Rückkehr Jüngers aus Paris nach Kirchhorst. 1946–1947 »Der Friede«. 1950 Übersiedlung nach Wilflingen. 1965 Abschluß der zehnbändigen »Werke«. 1966–1981 Reisen. Schiller-Gedächtnispreis. 1982 Goethe-Preis der Stadt Frankfurt/Main.1988 Mit Bundeskanzler Kohl bei den Feierlichkeiten des 25. Jahrestags des Deutsch-Französischen Vertrags. 1993 Mitterrand und Kohl in Wilflingen. 1998 Ernst Jünger stirbt in Riedlingen.
1
Jedermann hat, wie immer sie gerate und gelinge, seine eigene Kunst. Der Trieb dazu, etwa zum Singen und zum Tanzen, ist ihm angeboren und befriedigt sich im Spiel.
Es wäre müßig, zu fragen, ob dieser Trieb dem religiösen vorausgeht oder ihm folgt. Beide sind untrennbar verbunden wie Ein- und Ausatmen – als Empfangen und Dank.
In dieser Hinsicht betrachtet, sind Religionen mehr oder minder gelungene Kunstwerke. Im Kunstwerk bestätigt sich die Zeit auf hoher Stufe, obwohl Vollkommenes, das außerhalb der Zeit geahnt wird, unerreichbar bleibt. Daher erschöpfen sich im Alltäglichen die Mode, in den Jahrhunderten der Stil.
Wo Bilder fallen, müssen sie durch Bilder ersetzt werden, sonst droht Verlust.
2
Die Kulte können nicht ohne Bilder bestehen. Selbst in der Wüste muß zum mindesten ein Stein gesetzt werden. Dort ist etwas geschehen, dessen wird gedacht. Vielleicht fiel ein Meteor vom Himmel, oder es ist nur ein Gerücht. Dann wirkt das Gerücht stärker als die Tatsache.
Die Bilder sind das Urgestein der Kulte; sie leben länger als die Götter, zu deren Ehren sie errichtet worden sind. Wir stehen vor einer Statue, die aus dem Schutt geborgen wurde, und fühlen: Hier muß ein Gott gewesen sein. Obwohl wir weder das Heiligtum noch seinen Namen kennen, berührt uns ein verborgener Sinn, der auch dem Künstler selbst verschlossen war. Im Kunstwerk lebt ein Glaube, der jedes Dogma überwährt.
3
Jedermann ist auch der Autor seines eigenen Lebenslaufes, sein Autobiograph. Er ist sein Romancier und ist sich dieser Aufgabe bewußt. Daraus erklärt sich, daß fast jeder einen Roman zu schreiben zum mindesten einmal begonnen hat.
Die Frage bleibt, wie dem Einzelnen diese Darstellung gelingt. Das hat nichts mit seinen äußeren Umständen zu tun, und auch nicht damit, ob sein Roman zu einem glücklichen Ende führt. Zu fragen ist vielmehr, wie er mit seinem Pfund gewuchert hat – und dieses Pfund ist vorgegeben, schon ehe er das Licht der Welt erblickt.
4
»So mußt du sein« – diese Qualität des Menschen zu treffen, sein Verhängnis, sei es tragisch, heroisch, komisch oder widerwärtig, ist Aufgabe des Autors; sein Stoff ist die Welt schlechthin.
Shakespeares Falstaff, Dostojewskis Raskolnikow, Büchners Woyzeck sind in diesem Sinn gelungen, obwohl der eine ein Säufer war, der andere ein Mörder, der dritte ein Idiot. Selbst das Banale kann, wie im »Oblomow«, in diesem Spektrum aufglänzen.
Würden wir nun sagen, die Charaktere seien dank der Kunst gelungen, so wäre das nur eine halbe Aussage. Der Autor hat vielmehr an einem beliebigen Punkte das Genie der Welt entdeckt. Das fordert unsere Teilnahme, unser Mitleid, auch Furcht und Schrecken in der Tragödie.
Der Autor hat eine Berufung, nicht einen Beruf. Daher ist ihm zu Werten wie Schuld und Unschuld oder Schön und Häßlich ein umfassenderer Blick zu eigen, als er im Alltag üblich ist. Das kann zu Konflikten führen wie für den Richter, der dem Gesetz auch dort zu folgen hat, wo es ihm im Innersten widerstrebt.
5
Zeus nimmt an der Schlacht der Götter und Menschen teil als an einem Schauspiel; es erregt ihn, und er wägt ab: das Schicksal ist stärker als selbst er.
6
Ich erwähnte schon einmal den Pastor, der aus der Kirche kommt, nachdem er über die Güte Gottes gepredigt hat, und von einem Buckligen angesprochen wird:
»Sehen Sie mich an, Herr Pastor.«
»Ich finde, daß Er für einen Buckligen nicht schlecht geraten ist.«
Wenn ich mich recht entsinne, strich ich die Stelle bei Karl Julius Weber an, fand sie aber bei Diderot und anderen wieder; sie könnte auch bei Montaigne stehen. Offenbar eine Wanderanekdote mit solidem Kern.
Der Bescheid trifft die Sache, doch ist er wenig tröstlich für die Person. Er würde einem Anatomen oder einem Maler wie etwa Breughel, auch einem Lama besser anstehen als einem Geistlichen christlicher Konfession.
Ein Schnitt kann auch heilen; der Verweis auf die Sache ist bei den Zynikern beliebt. Er konfrontiert den Betroffenen ohne Umschweif mit dem Schicksal; und irgendeinen Buckel trägt jeder mit sich herum. Es fragt sich, wie er sich damit abfindet oder sogar zum Besten wendet, was ihn drückt. Weber meint, »Bucklichte ersetzen meist durch Geist, was dem Körper abgeht oder zu viel aufgelegt ist«, und er zählt eine Reihe von Genies auf, die dieses Kreuz trugen, darunter auch Lichtenberg.
7
Es trifft sich, daß ich heut morgen, am 3. September 1987, in der Zeitung eine Maxime las, die mich nachdenken ließ. Dazu nebenbei: Im Maß, in dem ein Thema uns beschäftigt, nimmt das Bezügliche zu, als hätten wir an eine Tür geklopft, die in ein Ideen-Panorama führt.
Diese Maxime wird einem Zeitgenossen zugeschrieben, der als unser bedeutendster Galerist bezeichnet wird und dessen achtzigsten Geburtstag man gestern feierte. Sie lautet: »Wenn wir glaubten, die Kunst müsse moralisch sein, so wäre dies das Ende der Kunst.«
Darüber kann man, wie gesagt, nachdenken. Was mit dem Satz gemeint ist, leuchtet ein; dem läßt sich zustimmen. Er nimmt Stellung in dem nie endenden Streit, bei dem Kunst als Geschmackssache gilt, und in Anspruch genommen wird, sie müsse überhaupt »etwas« sein. Das unterschätzt ihren Rang.
Wenn Wilhelm II. bei der Einweihung des neuen Hannoverschen Rathauses vor einem Hodler-Bilde sagte: »Die ganze Richtung paßt mir nicht«, so entsprang sein Urteil eher dem Willen als der Anschauung. Sie war weniger ästhetisch fundiert als politisch, und insofern nicht ohne Instinkt.
Als Oswald Spengler zehn Jahre später notierte, Hodler stemme mit Papphanteln, traf er den Kern der Sache näher, und zwar in einer den Maler, und nicht nur ihn, berührenden Kardinalfrage: wo die Kunst aufhört und die Karikatur beginnt. Das ist keine bloße Geschmacksfrage. Sie betrifft den modus in rebus bis in die belebte und die unbelebte Natur. Wo das Maß leidet, wird das Auge verletzt.
Auch die Natur kann sich keine Giraffe mit beliebig langem Hals leisten. Nicht erst Darwin hat ihr die Grenzen gesetzt. Wenn einfache Menschen in zoologischen Gärten beim Anblick gewisser Tiere zu lachen beginnen, so ist das verständlich: sie haben den Eindruck, daß Proteus hier ein wenig zu weit ging, daß er zu balancieren begann.
Das Komische ist eine der Klippen auch im Alltag – bis in die Hut- und Bartmoden. Das Verhältnis verkehrt sich, wo es selbst, etwa in der Arena oder im Theater, als Kunst behandelt wird. Es gibt zahllose Spaßvögel, doch ist nichts seltener als ein genialer Clown.
8
Zur Maxime zurück. Sie ließe sich auch umkehren: »Wenn wir glaubten, die Kunst müsse unmoralisch sein, so wäre dies das Ende der Kunst.«
Ein Streit in den Vorhöfen. Dem Wort »Kunst« lassen sich beliebig viele Adjektiva voranstellen, ohne daß damit eine bestimmte Aufgabe getroffen würde – vorausgesetzt, daß überhaupt eine Aufgabe oder selbst eine Tätigkeit besteht. Ein Maler hat Sicht, doch keine Absichten.
Daß die Kunst spezifisch nicht faßbar ist, beweist ihre Autarkie, sogar ihre Souveränität – um nicht noch weiter zu gehen. Götter, Titanen, Heroen, Bettler, Cäsaren, Unholde, Spießbürger sind Motive, durch die sie hindurchgeht, Großes bewirkend, doch ohne sich selbst zu ändern – sie gleicht der Welle, die Schiffe hebt und vernichtet, gleichviel ob sie dem Handel, dem Krieg, dem Raub oder der Lust dienen.
9
Die Kunst hat Horizonte, doch keinen Horizont. Sie gleicht darin dem Universum, ist universal. Die Betrachtung kann zur Andacht führen, zur Fernsicht auf Gebirge; die Formen schmelzen ein. Kaum läßt sich noch sondern, was Himmel und Wolke, was Fels und Gletscher ist. Die Sonne macht Feierabend; sie schenkt uns ein Nachglühen. Das Museum wird geschlossen; das Konzert ist aus.
Ein Pergament wurde beschrieben, eine Leinwand bemalt. Die Zeit wird Lettern und Bilder löschen, dennoch ist etwas Unauslöschliches geschehen. Der Einzelne kann vergessen, daß ihn ein großes Gedicht oder die Mona Lisa begeisterte. Verändert hat es ihn trotzdem, auch wenn die Geisteskräfte abnehmen oder wenn schon die Mutter es dem Ungeborenen im Blutstrom übertrug.
Vielleicht vergaß er sogar den eigenen Namen – das Altern ist nicht nur ein Ab-, es ist auch ein Aufräumen.
10
Zwischen dem Horizont des Meisters und dem des Kritikers bestehen Entsprechungen. Die höchste ist Kongenialität. Eine schwache Kritik wird selbst dort nicht genügen, wo sie verehrt. Lob kann auch schädigen. Das beste Urteil fällt die Zeit, indem sie die Sterne ihrem Range nach verblassen läßt. Sie treten in die Herrlichkeit zurück.
Die Zahl der dunklen Sterne ist unendlich größer als die jener, die verehrt werden. Die Alten hielten die Fixsterne für Nadelstiche im Firmament, das uns von einer blendenden Lichtflut abschirmt – so betrachtet, ist jeder genial.
11
Die Welle teilt Kraft mit, die sie empfangen hat, als ein Sturm oder ein Beben sie aufwarf oder als ein Schiff zum Hafen fuhr. Sie leitet die Bewegung, ohne daß das Wasser sich vom Ort bewegt. Ein Seil behält die gleiche Länge, nachdem ein Schwung hindurchgeglitten ist. Es diente als Medium, ähnlich wie der Kupferdraht, der Impulse über Länder und Meere trägt.
Die Kraft gewinnt erst Qualität, wo sie auf einen Empfänger trifft. Die Welle wird Brandung erst am Riff. Der Steuermann hört sie vor dem Schiffbruch in der Nacht.
»Qualitätlos« meint einen Zustand, in dem...
| Erscheint lt. Verlag | 19.3.2015 |
|---|---|
| Verlagsort | Stuttgart |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Aphorismus • Billig • eBook • E-Book • Essay • günstig • Mensch und Technik • Roman • Taschenbuch • Tod • Trauma • Zeit |
| ISBN-10 | 3-608-10784-3 / 3608107843 |
| ISBN-13 | 978-3-608-10784-5 / 9783608107845 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich