Prager Tagblatt (eBook)
456 Seiten
Wallstein Verlag
978-3-8353-2634-7 (ISBN)
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Vorwort
Das Buch, das nun Prager Tagblatt heißt, trug ursprünglich einen anderen Namen. Bei seinem ersten Erscheinen im Jahr 1957 stand Rebellische Herzen in roter Flammenschrift auf dem Umschlag, auf dem außerdem, schematisch dahingetuscht, die Köpfe eines jungen Paars vor der Silhouette Prags zu sehen waren. Als der Roman 1968, in dem Jahr, in dem Max Brod starb, als Taschenbuch veröffentlicht wurde, hatte der Verlag auf Wunsch des Autors den Titel verändert, und anstelle einer Liebesgeschichte wurde nun ein eher dokumentarisches Werk versprochen: Denn das Prager Tagblatt war bis 1939 nicht nur die bekannteste deutschsprachige Prager Zeitung, sondern eines der wichtigsten deutschsprachigen Blätter überhaupt gewesen, und zwar vor allem wegen seines Feuilletons. Die Veränderung des Titels entspricht dabei gleichsam einer Verkehrung der Leserichtung: Denn das Buch beginnt als »Roman einer Redaktion«, um dann, mit immer schmaler werdender Perspektive, in die Geschichte einer fatalen Liebe zu führen. Diese muß Max Brod zuletzt als das minder Wichtige erschienen sein.
Zwischen den Ereignissen, die der Roman schildert, und der Niederschrift des Buches liegen gut zwanzig Jahre: Dazwischen liegen nicht nur der Zweite Weltkrieg, die Vernichtung der europäischen Juden, die Teilung Europas in zwei politische Blöcke und die Wiedererstehung der Tschechoslowakei als Vasallenstaat des sowjetischen Imperiums. Dazwischen liegt auch ein radikaler Schnitt im Leben Max Brods, der im März 1939, mit dem letzten Zug, der die polnische Grenze überquerte, das nun ganz von der Wehrmacht besetzte Land verließ, nach Palästina ging und dort erst mühsam wieder zu seinem Beruf, zum Schreiben zurückfand. Erst Ende der vierziger Jahre veröffentlichte er wieder Romane, und dann arbeitete er auch wieder als Journalist, als Musikkritiker vor allem, für die deutschsprachige Tageszeitung Neueste Nachrichten in Tel Aviv. Man muß diese doppelte Distanz, die räumliche und die zeitliche, im Sinn behalten, um diesem Roman gerecht zu werden, der eigenartig changiert: zwischen allegorischem Genrestück (»der Heilige und die Hure«) und historischer Dokumentation, zwischen Zeitungsroman und politischem Panorama.
Es gibt ein Motto in diesem Roman vom Prager Tagblatt, einen Satz, der von einem verqueren Heiligen ausgesprochen wird und der immer wieder erscheint: »Ja, ja, die Menschen haben es nicht leicht«, lautet er. Vielleicht ist er nach einem Satz in August Strindbergs Traumspiel aus dem Jahr 1901 modelliert, in dem die Göttertochter Agnes voller Mitleid durch die Welt zieht und mit der Formel »Es ist schade um die Menschen« leidvoll zur Kenntnis nimmt, daß alle Lebensentwürfe zum Scheitern verurteilt seien und am Ende nichts zurückbleibe als eine Wand trauriger, verzweifelter Gesichter. »Man würde übrigens irren«, schreibt Max Brod am Ende dieses Romans, an dem er zu einer philosophischen Weltbetrachtung ausholt, »wenn man meinte, daß es Heimweh nach Prag ist, was mich veranlaßt hat, all diese Begebenheiten niederzuschreiben.« Seitdem er Prag verlassen habe, habe er »nie auch nur einen Augenblick lang Heimweh gehabt. Heimweh? Dieses alte Prag ist versunken.« Hier, auf den letzten Seiten des Buches, ist es, als schaue auch dieser Autor auf eine Wand aus traurigen Gesichtern. Es sind vor allem die Gesichter der ehemaligen Kollegen aus der Zeitung, von denen nur wenige Krieg und Holocaust überlebten.
Das Prager Tagblatt, gegründet im Jahr 1876, war schon vor der Ausrufung der Ersten Tschechoslowakischen Republik die führende liberale Zeitung Böhmens, und sie blieb es bis zu deren Auflösung, allerdings unter veränderten Voraussetzungen. Denn von der Selbstverständlichkeit, mit der die deutschsprachige Bevölkerung des Landes kulturell beherrschend war, war nach diesem Datum ebensowenig geblieben wie von der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich als Teil einer deutschsprachigen Ökumene betrachtete, die sich vom Baltikum bis nach Siebenbürgen oder Lothringen erstreckte. Die deutschsprachige Bevölkerung bildete nunmehr in der Tschechoslowakei nur noch eine Minderheit, und sie war zudem gespalten: in einen weitaus größeren Teil, der sich um seine Souveränität betrogen glaubte und sie wiederzuerlangen trachtete, und in eine Minderheit innerhalb dieser Minderheit, eben den Liberalen, denen es mit den bürgerlichen Idealen von Bildung, Toleranz und Weltläufigkeit in diesem doppelten Gegenüber um so ernster war. Das Prager Tagblatt, das in der Darstellung von Max Brod wie eine wunderbare Einheit aus künstlerischem Eigensinn und journalistischem Ethos erscheint, ist Ausdruck einer solchen Minorität des Allgemeinen – einer Minorität übrigens, in der jüdische Autoren, weil deutschsprachig und meist zumindest liberal, wenn nicht sozialistisch gesonnen, eine besonders große Rolle spielten.
Max Brod, der von 1924 bis 1939 Redakteur dieser Zeitung war, ist mit seiner Beschreibung der Redaktion nicht allein: »Nie wieder ist mir auf so kleinem Raum eine so große Zahl von Käuzen und Originalen begegnet wie im alten ›Prager Tagblatt‹«, heißt es in Die Tante Jolesch von Friedrich Torberg, der dort ebenso Redakteur war wie Max Brod, »nie wieder eine so einzigartig aus Witz und Wachheit, aus Begabung und Können gemischte Atmosphäre.« Und Max Brod gibt sich große Mühe mit diesen Käuzen: Während der gesamten ersten Hälfte des Buches liegt das Augenmerk weitaus mehr auf dem schieren Ineinander des redaktionellen Betriebs als auf der sich erst allmählich entwickelnden Intrige, auf deren einer Seite sich das genialisch sinnlich-erotische Wesen Karly mit ihrem hemmungslosen Egoismus befindet, auf dessen anderer sich Doktor Fliegibus, der Philosoph der Demut und der Nächstenliebe, mit seiner Philanthropie einrichtet. Und wenn dem zuweilen fast erratischen Charakter dieser Redaktion eine so große Bedeutung zugemessen wird, so spiegeln sich auch darin die besonderen Voraussetzungen dieser Zeitung. Denn gewiß: noch Mitte der dreißiger Jahre besaß eine Tageszeitung, ohne das Gegenüber von Rundfunk und Fernsehen, eine wesentlich herausgehobenere Bedeutung, als dies heute der Fall sein könnte. Und gewiß auch: wenn das Feuilleton darin besonders wichtig war, dann weil es mit literarischen Mitteln allein die Anschauung lieferte, die dann auch, in einem komplizierten Wechselspiel, ab den zwanziger Jahren zur Sache der Bildmedien wurde.
Zu diesem Feuilleton gehören nicht nur Egon Erwin Kisch, Franz Werfel oder Max Brod selbst (in der dritten Person auftretend, einmal sogar im Doppelpack mit Franz Kafka), die – neben vielen anderen Schriftstellern – alle in diesem Roman ihre Rolle spielen, sondern auch für das praktische Künstlertum, für eine seltsam pünktlich liefernde und sorgfältig redigierende Bohème, die Max Brod als Eigenart des Prager Tagblatts beschreibt und die offenbar vom Chefredakteur bis zum Büroboten gereicht haben muß. Die andere Seite dieses Feuilletons war indessen die politische Loyalität der Zeitung zu Tomáš Garrigue Masaryk, dem späthumanistischen Philosophen und Präsidenten der Republik, der sich im Streit zwischen Deutschen und Tschechen, zwischen radikalem Nationalismus und alle möglichen Revanchismen erstaunlich lange, nämlich zwischen 1918 und 1935 in diesem Posten und als wichtigster Politiker des Landes halten konnte. Die Zeitung muß, unter instabilen politischen Voraussetzungen, in prekären Abhängigkeiten und bei durchaus zweifelhaften Aussichten für die Zukunft der Nation, eine Art öffentliches Widerlager dieses Präsidenten gewesen sein, zum Vorteil beider Seiten.
Es mag eines der letzte Male gewesen sein, daß das literarische Feuilleton eine solche Bedeutung erreichte, und sie dokumentiert sich auch im Umgang mit der deutschen Sprache: An der Peripherie der auseinanderfallenden deutschsprachigen Ökumene scheint es noch in den dreißiger Jahren ein erkennbar an den Klassikern geschultes, gelenkiges, freies und überaus plastisches Deutsch gegeben zu haben, das zumindest einer ganzen Gruppe von Autoren eine Selbstverständlichkeit war. »Jeder, der mitarbeitete, setzte seinen Ehrgeiz darein, seine Sache möglichst perfekt zu leisten, knapp, ohne Phrasen, mit Einsatz aller Nerven«, schreibt Max Brod über die Redaktion, und seine eigene Sprache ist von diesem Ideal nicht weit entfernt – auch wenn es darin dann größere Virtuosen gibt, Leo Perutz zum Beispiel und dann vor allem Franz Kafka. Die tschechische Sprache – wie überhaupt: die tschechische Majorität – scheint übrigens in der Welt dieses Romans ganz selbstverständlich neben der deutschen zu existieren, in einer zumindest lange Zeit gutmütigen Gemeinsamkeit, bei der man sich vorstellen kann, daß die in einer solchen Situation notwendigen Übersetzungsleistungen nicht zuletzt das Bewußtsein für die eigenen, auch für die eigenen sprachlichen Möglichkeiten schärfte.
»So viel Düsternis – und über alles hin die gute Laune gestrichen wie ein Honigbrei. Das war das Prager Tagblatt«, heißt...
| Erscheint lt. Verlag | 1.12.2014 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Max Brod - Ausgewählte Werke |
| Vorwort | Thomas Steinfeld |
| Verlagsort | Göttingen |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 19. Jahrhundert • Erzähler • Franz Kafka • Max Brod • Prag • Prager Tagblatt • Roman • Schriftsteller |
| ISBN-10 | 3-8353-2634-1 / 3835326341 |
| ISBN-13 | 978-3-8353-2634-7 / 9783835326347 |
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