John Sinclair 1902 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-0828-0 (ISBN)
Die schwarzen Segel des Unheils.
In der Nähe des Dorfes Calmmeany an der irischen Westküste im Jahr 1801.
Der Klang einer Kirchenglocke mischte sich mit dem Rauschen des Meeres. Es ist wieder so weit, dachte Seamus O'Leary schaudernd. Die Zeit des Todes beginnt ...
Die Glocke kündigte das Grauen an, das von der See her kam. Über Jahrhunderte hinweg hatte das Böse hier immer wieder seine Opfer gesucht.
Nebel war aus den Wiesen aufgestiegen und umwaberte das graue Gemäuer der Kirchenruine. Auch über das Meer hatte sich eine hohe, undurchdringliche Nebelwand gelegt. Und im Grau dieses Nebels hob sich die dunkle Silhouette eines Segelschiffes ab.
'Herr im Himmel, steh uns bei', murmelte O'Leary mit totenbleichem Gesicht ...
Seamus O’Leary sah einen Mönch auf den Strand zulaufen. Das war Bruder Cordwain.
Der Mönch drehte sich jetzt zu O’Leary um und winkte ihm zu.
Ein mutiger Mann, dachte O’Leary. Mutiger als die Meisten von uns. Ich hoffe nur, dass sein Opfer nicht umsonst sein wird.
O’Leary winkte zurück. Er presste die Lippen aufeinander.
Reiß dich zusammen!, ermahnte sich O’Leary innerlich selbst. Er dachte an das, was Bruder Cordwain ihm aufgetragen hatte. Er wusste genau, dass er den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen durfte.
Zwei Männer, die nichts mit dem uralten Fluch des Blutes zu tun haben, werden das Grauen beenden, ging es ihm durch den Kopf, während er weiter auf die Kirchenruine zustrebte. Die Glocke schlug noch immer – heftiger denn je. Es hatte fast den Anschein, als würde in ihrem metallischen Klang die ganze kalte Grausamkeit des Fluchs mitschwingen, der Calmmeany nun schon seit so langer Zeit heimsuchte.
»Gott sei mit dir, Bruder Cordwain«, murmelte O’Leary vor sich hin.
Er flüsterte die Namen einiger Heiliger – und außerdem die uralte Silben, die angeblich eine magische Kraft wachriefen. Eine Kraft, die ihm Schutz geben sollte gegen die Mächte der Finsternis.
Noch nie zuvor in seinem Leben hatte Seamus O’Leary so große Angst gehabt. Mit Ausnahme einer Nacht, als er noch sehr klein gewesen war und seine Mutter ihn auf den Arm genommen und gewiegt hatte.
O’Leary erinnerte sich noch gut daran, wie sie mit ihrem Lied die Schreie zu überdecken versucht hatte, die über Calmmeany zu hören gewesen waren – aus Dutzenden von Häusern, in denen sich die Bewohner verbarrikadiert hatten, obwohl sie eigentlich hätten wissen müssen, dass es gegen diesen Schrecken keinen Schutz gab.
Zumindest nicht für jene, die verflucht waren.
»Du gehörst nicht dazu«, hatte seine Mutter gemurmelt. »Und ich auch nicht. Sie werden uns verschonen. Ganz bestimmt, mein Junge.«
Sie hatte recht behalten. Welch unaussprechliches Grauen dort draußen auch immer gewütet haben mochte, diese Wesen hatten das Haus der Familie O’Leary nicht betreten.
Aber die grausigen Schreie hatten sich in Seamus O’Learys Bewusstsein förmlich eingebrannt. Oft war er nachts aus dem Schlaf hochgefahren, wenn er von dieser furchtbaren Schreckensnacht geträumt hatte.
Seamus O’Leary war inzwischen vierzig Jahre alt, und in all der Zeit war das Geisterschiff nie wieder zurückgekehrt – bis jetzt!
Aber vielleicht war es das letzte Mal, dass Calmmeany von dieser Plage heimgesucht wurde.
Zumindest dann, wenn Bruder Cordwains Plan aufging. Und Seamus O’Leary war dazu ausersehen, einen wichtigen Beitrag dazu zu leisten – er, der bisher ein vollkommen unscheinbares Leben als Bauer und Schäfer geführt hatte.
O’Leary erschauderte bis ins Mark, als sich plötzlich der Rhythmus des Glockenschlags beschleunigte.
Er hielt kurz inne, bevor er schließlich die Ruine betrat. Im Kirchenschiff fehlte das Dach. Die Mauern verfielen langsam. Moos hatte sich überall ausgebreitet. Ein großer Steinquader hatte ursprünglich als Altar gedient. Er war gespalten. Angeblich war hier einst ein Blitz hingefahren – ebenso wie in die Glocke, bei deren Weihe der Legende nach ein Priester ums Leben gekommen war.
Seit Generationen war diese Kirche ein Ort, der gemieden wurde. Zu stark waren hier die Kräfte des alten Übels wirksam, das Calmmeany in unregelmäßigen Abständen heimsuchte und seine Opfer unter den Bewohnern wählte, als dass irgendein Einheimischer sich hierher getraut hätte.
Der Klang der Glocke war jetzt schier unerträglich laut geworden. Jeder Glockenschlag schmerzte O’Leary im Kopf. Er hatte das Gefühl, kaum noch klar denken zu können. Aber genau das musste er jetzt. Er durfte keinen Fehler machen und musste alles genauso ausführen, wie Bruder Cordwain es ihm aufgetragen hatte.
Nur dann bestand diesmal vielleicht die Chance, das Übel zu bannen – und damit vielleicht auch die große Schuld, die die Bewohner von Calmmeany einst auf sich geladen hatten.
Eine Blutschuld, die sich über die Generationen hinweg fortsetzte und sich auf die Nachfahren übertrug. Angeblich war O’Leary frei davon, denn er kam von auswärts. Aber er hatte eine Einheimische geheiratet und in den Adern seiner Kinder floss dasselbe verfluchte Blut wie bei fast allen Menschen der Gegend.
Vor allem wegen seiner Familie hatte sich Seamus O’Leary auf den Plan des Mönchs eingelassen. Einen Plan, von dem niemand wusste, ob er funktionieren oder vielleicht sogar noch größeres Unheil heraufbeschwören würde.
O’Leary ging die Treppe hinauf, die zur Glocke führte. Die Stufen waren morsch. Der Holzwurm hatte sich durch die Sprossen gefressen. Es war lebensgefährlich, sich hierher zu begeben.
Dann hatte O’Leary den Glockenturm erreicht.
Der Lärm war ohrenbetäubend.
Die Glocke schwang wie von selbst immer wieder hin und her, angetrieben von einer übernatürlichen Kraft. Die dunklen, verrußten Brandspuren jener Blitzeinschläge, die einst den Priester des Ortes getötet hatten, waren noch deutlich zu sehen.
O’Leary nahm ein Stück Holzkohle aus der Tasche seiner abgewetzten Jacke und begann damit, eine Folge von Zeichen auf das Gemäuer zu malen. Magische Zeichen, deren Form er sich für diesen Moment genau hatte einprägen müssen – ebenso wie die die Worte, die er nun hervorbrachte: »Ganterom secanar rhyvoch!«
O’Leary schrie mit dieser uralten Formel auf den Lippen gegen den ohrenbetäubenden Klang der Glocke an, der sich nun auf eigenartige Weise zu einem schrillen Laut verzerrte.
Gegen jedes Naturgesetz hörte die Glocke nun auf zu pendeln. Sie verharrte regungslos – und doch war ihr Klang noch immer zu hören. Es war jetzt ein verzerrter, metallischer Laut. Ein Geräusch, das mehr und mehr Ähnlichkeit mit klagenden Stimmen hatte.
Wie ein Chor verdammter Seelen, ging es O’Leary durch den Kopf.
Er wiederholte die magischen Worte, die Bruder Cordwain ihm beigebracht hatte, immer wieder aufs Neue. Der schrille Gesang, der ihn umgab, übertönte ihn dabei so stark, dass er nicht einmal seine eigene Stimme hören konnte.
Dann malte er das letzte Zeichen auf den grauen Stein.
»Ganterom secanar rhyvoch!«, schrie Seamus O’Leary noch einmal.
Plötzlich spürte er die Auswirkungen einer unsichtbaren, allgegenwärtigen Kraft. Ihm wurde schwindelig. Für einen Moment glaubte O’Leary, er wäre vollkommen taub, und die Zeit schien im Schneckentempo voranzuschreiten. Jede Bewegung fiel ihm unendlich schwer.
Er hatte das Gefühl, nicht von Luft, sondern von einer zähflüssigen, unsichtbaren Substanz umgeben zu sein, die es fast unmöglich machte, auch nur eine einzige schnelle Bewegung auszuführen. Selbst einige der Ratten, die bis dahin über die dicken Balken im Dachstuhl des Turms gehuscht waren, schienen von dieser eigenartigen Lähmung befallen zu sein und bewegten sich mit so großer Verzögerung, als ob die Pest in ihnen steckte.
In diesem besonderen Augenblick veränderten sich all die Zeichen, die Seamus O’Leary angebracht hatte. Die eigentlich eher runenartigen, von geraden Linien und spitzen Formen gekennzeichneten Symbole bildeten runde Schlingen und spinnennetzartige Fortsätze aus.
Schwarzer Rauch schoss im selben Augenblick aus allen dreizehn Zeichen hervor, während sich dunkle, an ein Spinnennetz erinnernde Verbindungen zwischen ihnen bildeten. Der Rauch schwebte auf eine Weise, die allen Naturgesetzen widersprach, auf die Glocke zu, die von einem immer heller werdenden Lichtflor umgeben wurde.
Schließlich glühte die Glocke auf, so als würde sie geschmolzen. Aber sie verlor keineswegs ihre Form. Und es war auch nicht heiß.
Gleißendes Licht schoss nun aus der Glocke hervor, und Seamus O’Leary fühlte, wie er von einer unheimlichen Kraft erfasst wurde.
Er taumelte zurück und suchte verzweifelt nach Halt. Dann spürte er in seinem Rücken die Wand. Die unheimliche Kraft drückte ihn förmlich gegen das Gemäuer. Die Helligkeit blendete ihn, und er konnte sich nicht mehr bewegen. Das grelle Licht schoss jetzt wie eine Feuerfontäne durch den Dachstuhl des Turms hindurch, so als wäre dort nichts, was diese magische Kraft aufzuhalten vermochte.
Für Augenblicke war Seamus O’Leary scheinbar nur von diesem Licht umgeben. Gleichzeitig spürte er, wie ihn diese gleichermaßen unheimliche wie unerklärliche Kraft vollkommen durchdrang. So heftig geschah dies, dass O’Leary am liebsten laut aufgeschrien hätte, wäre er dazu noch fähig gewesen.
Dann war es plötzlich vorbei. Seamus O’Leary sank auf die Knie. Erst jetzt bemerkte er, dass sie zitterten.
Der Zauber hat gewirkt, begriff er schließlich.
Nun hing alles von Bruder Cordwain ab. O’Leary hatte seinen Beitrag geleistet. Alles, was er hatte tun können, hatte er getan, und wieder Erwarten hatte er es sogar geschafft, die uralten Zaubermächte zu wecken, die offenbar an diesem Ort in besonderer Weise wirksam waren.
»Gott sei mit dir, Bruder Cordwain«, murmelte Seamus O’Leary vor sich hin. »Mit dir – und uns allen!«
***
Bruder Cordwain erreichte den Strand. Die Küste in der Gegend um Calmmeany war ansonsten zumeist schroff und felsig. Unzählige Schiffe waren hier im Verlauf der Jahrhunderte schon an den Riffen zerschellt. Aber in dieser Bucht gab es einen der wenigen Abschnitte, in denen grobkörniger Sand...
| Erscheint lt. Verlag | 23.12.2014 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-7325-0828-5 / 3732508285 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-0828-0 / 9783732508280 |
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