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Und dann kommst Du dahin an einem schönen Sommertag (eBook)

Die Frauen von Ravensbrück

(Autor)

eBook Download: EPUB
2014 | 1. Auflage
432 Seiten
Verlag Antje Kunstmann
978-3-95614-019-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Und dann kommst Du dahin an einem schönen Sommertag -  Loretta Walz
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Ravensbrück war das größte Frauen-Konzentrationslager der NS-Geschichte. 1980 hat Loretta Walz begonnen, Überlebende in Videointerviews zu befragen und sich dabei für das 'ganze Leben' der Frauen interessiert: wie sie aufgewachsen, wie sie zum Widerstand, ins KZ gekommen sind, wie sie überleben konnten und wie ihre Erfahrungen ihr weiteres Leben beeinflussten. Die Frauen berichten von grausamer Erniedrigung und unmenschlicher Arbeit, von medizinischen Experimenten und Zwangssterilisationen, dem Krankenrevier, in dem noch 1944 Kinder geboren wurden, aber auch von ungebrochener Solidarität und Tapferkeit, von kluger Sabotage und heimlicher Hilfsbereitschaft. In den Stimmen der Frauen aus 15 west- und osteuropäischen Ländern wird die Geschichte des Konzentrationslagers, von Widerstand und Verfolgung aus weiblicher Sicht lebendig. Mit ihrer behutsamen und sehr persönlichen Annäherung bahnt Loretta Walz zugleich dem Umgang mit Erinnerung neue Wege.

Loretta Walz, geboren 1955 in Stuttgart, lebt seit 1981 in Berlin als Regisseurin, Autorin, Filmproduzentin und Dozentin für Filmproduktion und -gestaltung (u.a. an der UdK, Berlin). 1980 begann sie, in der dokumentarischen Tradition Eberhard Fechners und Claude Lanzmanns, mit der Interview-Sammlung 'Widerstand leben - Frauenbiographien'.

Loretta Walz, geboren 1955 in Stuttgart, lebt seit 1981 in Berlin als Regisseurin, Autorin, Filmproduzentin und Dozentin für Filmproduktion und -gestaltung (u.a. an der UdK, Berlin). 1980 begann sie, in der dokumentarischen Tradition Eberhard Fechners und Claude Lanzmanns, mit der Interview-Sammlung "Widerstand leben – Frauenbiographien".

»ALLES VERGESSENE SCHREIT IM TRAUM UM HILFE«


Maria Zeh


1978 lernte ich die damals 75-jährige Maria Zeh aus Stuttgart kennen. Ich arbeitete an einem Dokumentarfilm für den Westdeutschen Rundfunk mit dem Titel »Alles Vergessene schreit im Traum um Hilfe«1. Maria Zeh sollte eine der Hauptprotagonistinnen sein.

»Wir brauchen beides: die Erinnerung, um zu wissen, wer wir sind, und das Vergessen, um zu werden, was wir sein wollen. Und beides lässt sich nicht trennen.« So las ich in einer Kolumne von Elke Heidenreich. Doch was passiert mit Erlebnissen, die man nicht vergessen kann? Die so prägend sind, dass sie einem den Weg, das zu werden, was man sein will, nicht mehr offen lassen? Dies war die Fragestellung des Films.

Das Interview mit Maria Zeh zeichneten wir in meiner damaligen Wohnung in Stuttgart auf, denn sie scheute sich, drei fremde Männer – das Filmteam – in ihrer Wohnung zu empfangen.2 Das zweite Gespräch führte ich zusammen mit Helma Fehrmann3 bei ihr zu Hause. Maria Zeh war eine große, gepflegte, sehr elegante Frau mit einer starken Präsenz. Auffallend waren ihre unbändige Neugierde und Offenheit: Sie wollte nichts im Leben verpassen.

Maria Zeh war 1903 in Stuttgart zur Welt gekommen. Im ersten Interview erzählte sie von ihrer Kindheit in einer warmherzigen, kinderreichen Familie in einem Stuttgarter Vorort am Neckar, vom Besuch der Marxistischen Arbeiterschule und von ihrem Engagement in der oppositionellen Lehrerschaft. »Ich hatte Freundinnen, die waren Pfarrerstöchter und Lehrerinnen, und die haben mich mitgenommen in die Marxistische Arbeiterschule. Das war für mich eine neue Welt. Ich war seit 1931 verheiratet, sportlich sehr aktiv, und das hat mich so gepackt, dass ich da richtig eingestiegen bin. Zu der Zeit war ich nicht mehr berufstätig. Mein Mann war Beamter auf Lebenszeit geworden; da wurde ich als Doppelverdienerin entlassen. Ich war 28 Jahre alt. Die Arbeit hat mir gefehlt. Ich war soziale Helferin in einem Betrieb, und das bin ich mit Leib und Seele gewesen. Obwohl es uns wirtschaftlich gut ging, war ich schockiert und hab mich dann da richtig reingestürzt. Da ist mir natürlich eine ganz neue Welt eröffnet worden. Ich habe viele Bildungslücken bei mir entdeckt und nicht nur Genossinnen, sondern Freundinnen gewonnen. Mein Mann war Sportler, er war gut und in jeder Beziehung großzügig. Ich hab ihm gesagt, dass ich in Kurse gehe, mit Mädchen, und die kamen auch zu uns, da war er ein großer Gastgeber. Es waren meist Lehrerinnen aus der Umgebung von Stuttgart, und sonntags war bei uns der Treff. Das war die Zeit der Erwerbslosigkeit und Geldnot. Als der Faschismus begann, wurden die Lehrerinnen entlassen, und die Anlaufstelle war ich. Sie kamen alle zu uns in ihrer ersten Ratlosigkeit

Anfang der 30er Jahre trat Maria Zeh in die Kommunistische Partei ein. »Das war eine Zeit, wo man den Faschismus schon geahnt hat, und damals wurden wir speziell geschult für die illegale Arbeit. Man hat uns gesagt, wenn der Faschismus kommt, dann werden wir von der Marxistischen Arbeiterschule dran sein, weil das als kommunistisch gilt. Es wurde auch gesagt, wenn einer andere belastet, der belastet sich selbst. Also: Wenn man anfängt, auf einem Treppengeländer zu rutschen, dann kann man sich nicht mehr halten. Genauso ist es mit den Aussagen: Wenn man einmal anfängt, gibt’s kein Ende mehr. Daran hab ich mich immer gehalten. Ich habe dann aktiv in der oppositionellen Lehrerschaft mitgearbeitet, dort kamen Blätter raus, wurden Informationen verschickt, gab es Schulungen usw.

Das wurde dann immer härter, es kamen die ersten Verhaftungen, und die Sache wurde ernst. Manche meiner Freundinnen konnten nicht mehr zu Hause sein, und ohne viele Worte hatte ich dann die Aufgabe, nach Quartieren, Geld und Papieren zu gucken, sodass sie in die Illegalität konnten. Geld hatten sie auch keines. So kamen halt alle zu uns. Als die ersten abgerückt sind, mussten die dann auch versorgt werden, man musste Geld überbringen und so weiter – da ist man immer so in Sorge gewesen, dass keiner hochgeht, dass man an sich selbst nie gedacht hat. Ich hab das aus selbstverständlicher Kameradschaft gemacht. Da hab ich erst gemerkt, wie viele Bekannte ich anpumpen konnte. Meine Schwiegermutter war gut gestellt und hat mir immer Geld geschenkt für Modellkleider oder Schuhe, da ging alles Geld hinein. Für mich hat es gar nichts mehr gegeben außer der illegalen Arbeit. Die Kurierdienste waren immer eine gefährliche Sache, deshalb hab ich mein Äußeres damals sehr geschützt. Ja, und dann kam der große Tag meiner Verhaftung, alle Männer, die mit uns arbeiteten, waren ja schon verhaftet worden. Mein Mann hatte am 30. Juli 1935 Geburtstag. Ein Freund hat uns angerufen, wir sollen zu ihm kommen, es gibt für ihn ein Fest. Dort sind wir hingefahren, es war eine lustige Nacht, und alle haben dort geschlafen. Morgens kam das Mädchen und sagte, wir sollen aufstehen. Ich sag: ›Mein Mann hat doch Urlaub.‹ Dann hat mein Mann gesagt, wir müssten auf eine Behörde. Das war die Gestapo. Dann bin ich nicht mehr wiedergekommen

Zwei Tage und Nächte wurde Maria Zeh im Stuttgarter Gefängnis Büchsenstraße verhört. »Vor allem wollten sie Namen wissen, wer die Leute unterstützt, die Papiere besorgt, Flugblätter gemacht und verteilt hat usw., und natürlich wussten die schon vieles ganz genau. Ich hab mir – aufgrund meiner marxistischen Schule – eine Geschichte ausgedacht, und bei der bin ich geblieben. Später kam ich zur Untersuchungshaft ins Frauengefängnis in der Weimarstraße. Es gab täglich viele Gegenüberstellungen, und der Mußgay4 hat gesagt: ›Guck doch der ihre Augen an, die sagt nichts.‹ Ich hab jeden Tag – wie ein Examinand – meinen Text aufgesagt, genau das, was ich bei der Gestapo gesagt hab. Das ist sehr schwierig, wenn man überhaupt nichts zu schreiben hat. Es ist schrecklich, in einer Zelle zu sitzen, ohne alles. Dann kamen immer mehr Verhaftungen und Gegenüberstellungen. Da war einer, dem ist’s Blut runtergelaufen, der Rudi Bergmann: ›Der hat gerade alles gesagt, und so geht’s Ihnen auch.‹ Da gab es auch Genossinnen, die gesagt haben, was die Gestapo weiß, das kann man ruhig zugeben. Aber das hab ich nicht gemacht

»Unwürdig, die Frau eines Beamtenoffiziers zu sein«


»Eines Nachts kam ein Wärter und brachte mich in einen Saal, in dem ungefähr zwanzig Personen und mein Mann waren. Er sagte, er lässt sich nicht scheiden, und die Gestapo hat gesagt: ›Sie werden geschieden!‹ Mein Mann war so traurig und sagte: ›Was haben Sie aus meiner Frau gemacht?‹ Man kann sich ja vorstellen, wie man aussieht, wenn man monatelang da drin hockt. Ich durfte keine Garderobe rein- oder rausgeben und musste immer das Gleiche anhaben, wegen Schmuggelgefahr. Am 24. Dezember, an Heiligabend 1935, kam ein junger Gestapomann und hat mir die Scheidungsurkunde gebracht: ›Unwürdig, die Frau eines Beamtenoffiziers zu sein.‹ Er war ein kleiner Beamter und älter als ich. Ich vergesse nie die Glocken von der Hospitalkirche, da musste ich mit kaltem Wasser siebzig Treppen runterwaschen. Am selben Abend! Ich war geschieden! Die meinten, wenn ich geschieden bin, würde ich vielleicht was sagen

Sechs Monate lang blieb Maria Zeh in Einzelhaft im Gefängnis Büchsenstraße, bevor sie in das Frauengefängnis Weimarstraße verlegt wurde. Auch dort wurde sie weiter verhört und blieb in einer Zelle allein. »Bei den Verhören, da hat man täglich zu mir gesagt: › Sie verrecken ja doch bei uns. Sie verrecken bei uns! Sie kommen nimmer raus!‹ Ganz genauso ging das achtunddreißig Monate lang. Wenn man dann einen Widerstand in sich aufbringt, dann bekommt man diese Kraft. Da war so eine ungeheure Lebenssehnsucht, je näher man am Abkratzen war. Ich hatte die ganz feste Überzeugung, die Gewissheit, dass der Faschismus nicht siegt. Das gab mir die ganze Kraft. Ich hatte ganz großes Glück, dass ich hier sitze

Maria Zeh ist überzeugt, dass sie selbst nur überleben konnte, weil ihre Freundin Lilo Herrmann5 sie nicht verraten hat. »In der Zelle, in der Mußgay immer gesagt hat, die verreckt da drin, in der Zelle hat der sich später aufgehängt. Nachdem er alle Kameraden verraten hatte, nach 1945, hat er sich in der Zelle 36 aufgehängt

Die Biene in der Zelle


Maria Zeh erzählte, wie sie sich alleine in der Zelle mit Turnübungen beschäftigte, um nicht in Apathie zu verfallen, wie wichtig die Geräusche um sie herum waren, und dass man ständig Gefahr lief, in den Wahnsinn abzugleiten, weil auch die Gedanken keinen Fluchtweg hatten. »Da kam eine Biene in meine Zelle – in die dunkle Zelle eine Biene! Sie flog herum und wieder davon. Abends kam sie wieder rein, und dann hab ich mit ihr gesprochen: ›Auf welchen Wiesen warst du? Wo gibt’s hier die Auen? Hat es da draußen nach Gras gerochen?‹ Da war man so unglaublich erregt und war von einer solchen Lebenssehnsucht erfüllt. Man wusste ja, du bist eingeschlossen, aber manchmal war es auch so, als ob die guten Gedanken der Menschen wie ein warmer Mantel um einen waren. Es gab auch...

Erscheint lt. Verlag 15.9.2014
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
Schlagworte 2. Weltkrieg • Berichte • Biografie • Die Frauen von Ravensbrück • Experimente • Frauen • Gefangene • Genelogie • Geschichte • Holocaust • Konzentrationslager • Krieg • KZ • Loretta Walz • Ravensbrück • Sachbuch • Shoah • Und dann kommst Du dahin an einem schönen Sommertag • WWII
ISBN-10 3-95614-019-2 / 3956140192
ISBN-13 978-3-95614-019-8 / 9783956140198
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