John Sinclair 1877 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-5810-7 (ISBN)
Es war für meine Freundin Karina Grischin schlimm - man hatte ihr die Seele geraubt und sie einer Doppelgängerin überlassen. Es war der perfekte Coup des Matthias gewesen. Aber Karina wollte ihre Seele zurückhaben. Das wusste auch Matthias und gab ihr die Chance. Nur eine Bedingung knüpfte er daran. Karina sollte mich töten, dann bekäme sie ihre Seele zurück ...
Karina Grischin tat nichts.
Bis der Hund plötzlich einen Schritt zurückging und leise jaulte. Das war seine Reaktion, die er bei einem Menschen so gut wie nie zeigte.
Er hatte Angst. Er druckte sich. Er zog sich etwas zurück. Es war auch kein normales Gehen, sondern mehr ein Schleifen.
Die Agentin blieb stehen und griff unter ihren Mantel, der ihr nur bis zur Hüfte reichte. Dort holte sie ein Messer hervor.
Dann lachte sie.
Der Hund lachte nicht. Er jaulte auch nicht. Er sah nur aus, als wollte er sich umdrehen und dann weglaufen.
Dazu kam es nicht mehr. Karina Grischin handelte blitzschnell. Sie stach zu, und sie traf auch, denn das Tier konnte nicht mehr ausweichen. Die Klinge drang tief in das Fleisch hinein, und jetzt gab der Hund Töne ab, die schon an die eines Menschen erinnerten.
Es war mit einem Schrei zu vergleichen.
Im Gesicht der Frau regte sich kein Muskel, als sie die Klinge wieder aus dem Körper zog. Vor ihr stand der Hund noch auf den Beinen, was ihr nicht gefiel, sie wollte ihn zu ihren Füßen liegen sehen. Immer den totalen Sieg haben.
Deshalb stach sie noch mal zu.
Diesmal traf sie den Körper an einer anderen Stelle. Sie hatte die Waffe zudem gedreht, und so fuhr die Klinge unter der Schnauze hinein in die Kehle.
Jetzt spritzte auch das Blut hervor. Es erwischte die Killerhand der Frau, die ihren Arm sofort wieder zurückzog und dann selbst auch nach hinten ging.
Das Tier stand noch immer.
Aber jetzt zitterte es. Blut tropfte aus der zweiten Wunde zu Boden. Das sah Karina Grischin, und sie zeigte plötzlich ein Lächeln. Sie war auch bereit, ein drittes Mal zuzustoßen, doch das war nicht mehr nötig. Sie sah, wie das Tier zitterte, seine Schnauze aufriss, jämmerlich stöhnte, um dann mit ruckartigen Bewegungen zusammenzubrechen.
Auf der Erde blieb der Hund liegen. Seine Beine hatte er von sich gestreckt, und die Agentin hörte nichts mehr, was noch auf ein Leben hingedeutet hätte.
Das Tier war tot.
Sie nickte, als wollte sie sich selbst loben, aber sehr bald schon fror die Bewegung ein, denn sie hatte etwas gehört. Und das nicht mal weit von ihr entfernt.
Es war die Stimme eines Mannes, die fast bellend klang. Er rief nach seinem Hund, und plötzlich tauchte seine Gestalt am Ende der Gasse auf. Sie wirkte in diesem Augenblick wie ein Scherenschnitt.
Er drehte den Kopf und blickte hinein in den düsteren Einschnitt. Eigentlich war da nicht viel zu sehen, aber er schien doch etwas erkannt zu haben, denn er ging weiter und trat in die Gasse hinein.
Sein Fehler!, dachte Karina und saugte die Luft durch die Nase ein. Dann hörte sie, dass der Mann beim Gehen den Namen seines Hundes rief und ihn dabei sogar mit zahlreichen Kosenamen belegte.
Das Tier meldete sich nicht.
Der Mann gab nicht auf und rief weiter. Dabei ging er auch vor, bewegte seinen Kopf von einer Seite zur anderen, schaute auch mal nach vorn, ging noch zwei Schritte weiter, bevor er anhielt, als wäre er gegen die berühmte Wand gelaufen.
Er hatte Karina Grischin gesehen. Aber er sah noch mehr. Vor ihren Füßen lag eine dunkle Gestalt, von der jetzt der Geruch nach Blut ausging, und das bemerkte auch der Mann, der plötzlich nicht mehr wusste, wo er hinschauen sollte. Er hatte die Frau gesehen, die hinter dem stand, was auf dem Boden lag.
»Ist das mein Hund?«
»Ich denke schon.«
»Und weiter?«, fragte der Mann mit Zitterstimme.
»Er ist tot!«
Genau die Antwort sorgte dafür, dass der Mann anfing zu schreien. Es waren keine lauten Schreie, sondern mehr ein Jammern, das durch die Gasse wehte.
Karina Grischin sagte nichts. Aber sie amüsierte sich. Ihr Mund zeigte ein Lächeln, das eingefroren zu sein schien. Was hier passierte, war genau nach ihrem Geschmack.
Jetzt fiel der Mann auf die Knie. Er dachte im Moment nicht an seinen Hund, sondern an die Agentin, die das Tier getötet hatte.
»Du, du!«, keuchte er, »du hast ihn getötet.«
»Stimmt.«
»Warum hast du das getan? Warum?«
»Er hat mich gestört.«
Es sah so aus, als wollte der Mann noch etwas sagen. Den Mund hielt er bereits offen, aber er brachte nichts mehr hervor. Dafür sackte er zusammen, fiel über sein totes Tier und weinte.
Die Agentin stand wie eine Eins auf der Stelle. Sie starrte auf den Mann nieder, und dann fiel ihr ein, dass sie noch immer ihr Messer in der Hand hielt.
Der Hund war tot, der Mann aber lebte, und Karina dachte darüber nach, ob sie den Menschen auch töten sollte. Er hatte sie gesehen, er war in der Lage, Aussagen zu machen.
Auf der anderen Seite würde sich kaum jemand darum kümmern, ob ein Hund getötet worden war. Dafür schickte die Polizei niemanden los, der den Fall aufklärte.
Aber sie wollte ihn auch nicht einfach laufen lassen. Viel hatte er von ihr nicht gesehen, und das sollte auch so bleiben. Deshalb entschied sie sich für eine andere Variante.
Sie schlug mit der Handkante zu.
Karina Grischin wusste genau, wohin sie zu schlagen hatte. Sie traf den Nacken des Mannes, der auf der Stelle zusammenbrach und auch so liegen blieb.
Sie war zufrieden. Der kleine Ausflug in der Nacht hatte ihr gut getan.
Jetzt wollte sie wieder zurück in das Haus, das Matthias für sie und ihre Doppelgängerin gemietet hatte.
Karina selbst sah es auch als Versteck an, denn sie ging davon aus, dass man sie suchte. Die Kollegen vom Geheimdienst ließen es nicht zu, dass sie abhanden kam. Man suchte sie im gesamten Riesenreich der Sowjetunion und möglicherweise noch in anderen Staaten.
Sie hatte sich damit abgefunden, in ein neues Leben eingestiegen zu sein. Auch wenn ihr das nicht hundertprozentig gefiel und oft genug Probleme da waren.
Karina Grischin ging weg. Es war noch Zeit genug, um sich hinzulegen und bis zum Morgen zu schlafen. Was der nächste Tag bringen würde, das wusste sie nicht.
In der Dunkelheit war sie unterwegs gewesen. Aber nicht zu Fuß, sondern mit einem Fahrrad, das in der Nähe stand. Es stand dort noch immer. Niemand hatte es gefunden oder hatte es manipuliert.
Die Agentin schwang sich in den Sattel und fuhr hinein in die Dunkelheit …
***
Karina Grischin war mit einem sicheren Instinkt ausgestattet. Das Haus, das ihr als Versteck diente, hatte sie erreicht, und sie wusste sofort, dass sie keinen Besuch bekommen hatte. Das Haus lag im Dunkeln, es war still in der Gegend, und als sie die Tür aufschloss, da wusste sie, dass sie auch weiterhin allein bleiben würde.
In die Wohnung, in der sie mit ihrem Partner Wladimir Golenkow gelebt hatte, konnte sie nicht mehr zurück. Sie wurde überwacht. Die Kollegen wollten Karina unbedingt befragen, wobei es auch sicherlich um Wladimir Golenkow ging, um einen Diener Rasputins, der nicht mehr am Leben war.
Golenkow war durch die Goldene Pistole des Reporters Bill Conolly getötet worden. In einer unzerstörbaren Blase hatte er sich aufgelöst. Dafür hatte eine magische Säure gesorgt.1
Sie war noch da.
Und sie wurde nun von zwei Seiten angefeindet. Zum einen von den Dienern Rasputins und zum anderen von ihren eigenen Leuten, die ihr nicht mehr trauten.
Sie ging ins Haus, in dem es dunkel war. Hier brannte auch keine Notbeleuchtung. Es war einfach nur finster und still. Das änderte sich, als Karina ihr Zimmer betrat.
Sie schaltete eine Tischlampe ein, in deren Lichtschein sie sich hinsetzte und ins Leere schaute. Karina dachte daran, dass sie Knall auf Fall ihre Wohnung hatte verlassen müssen. Sie hatte so gut wie nichts mitnehmen können und hatte sich voll und ganz in die Hände ihres Lebensretters Matthias begeben. Eines jungen Mannes, der über ungewöhnliche Kräfte verfügte.
Er hatte ihr die Unterkunft besorgt und sie auch mit dem Nötigsten eingedeckt. Genügend Bargeld hatte sie bekommen und das nicht nur in Rubel, das meiste hatte man ihr in Euro gegeben und auch in großen Scheinen.
Sie sollte unabhängig sein, wenn es zum großen Showdown kam. Und dass alles darauf hinauslief, das stand für sie fest. Sie fragte sich nur, wie das aussehen würde. Waren ihre Feinde wirklich nur die Erben Rasputins?
Es sah so aus, aber sie hätte keinen Eid darauf leisten können, und so lag alles in den Händen ihres neuen Partners.
Er hatte die Macht.
Er hatte dafür gesorgt, dass es sie zweimal gab. Zum einen in echt und zum anderen als Gemälde mit der Ausrüstung einer Kriegerin. Dass ein Gemälde nicht nur tot war, das hatte sie erleben müssen, denn Matthias hatte es geschafft, es zum Leben zu erwecken.
Aber zu welch einem Preis!
Karina Grischin hatte dafür ihre Seele hingeben müssen. Dagegen hatte sie sich nicht wehren können und hätte es auch gar nicht gewollt. Sie kam damit zurecht.
Oder nicht?
Inzwischen hatte sie Zweifel. Karina war zu einer anderen Person geworden, obwohl sie noch immer so aussah wie früher. Ohne Seele fehlte ihr etwas. Sie kannte kein Mitleid mehr. Keine Empathie. Sie war nur noch auf sich allein gestellt, und das hatte sie in den letzten Stunden wieder erlebt.
Den Hund hatte sie einfach aus dem Weg geräumt, ohne dabei ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben. Und bei seinem Herrn hätte sie es auch getan, wenn es heller Tag gewesen wäre. So aber war sie kaum normal zu sehen gewesen und brauchte vor einer Identifizierung keine Angst zu haben.
Wie ging es jetzt weiter?
Sie wusste es nicht. Und sie selbst konnte auch keine großen Pläne mehr machen,...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2014 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-5810-2 / 3838758102 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-5810-7 / 9783838758107 |
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