John Sinclair 1878 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-0004-8 (ISBN)
Es war der Schwarze Tod, der gnadenlos umging. Und er kam schnell. Die Menschen starben binnen Minuten. Der Doktor Pest ging in Hamburg um, wo Glenda gerade Urlaub machte.
Alarmiert von den Berichten, die uns aus der Hansestadt erreichten, machte ich mich auf den Weg und traf auf eine wilde Horde von Piraten.
Ein teuflischer Liliputaner wies mir den Weg dorthin, wo alles vor über dreihundert Jahren begonnen hatte. Es war: Die Pestgasse.
Plötzlich war die Party zu Ende. Als hätte jemand den Stecker gezogen. Die Gäste auf der Tanzfläche erstarrten. Die Gespräche verstummten. Irgendwo zersprang ein Glas klirrend auf dem Boden. Aus irgendeiner Ecke erklang das hysterische Lachen einer Frau.
Dann begann das Blutbad …
Die Soldaten, die mit rasselnder Rüstung in die Villa drangen, wirkten wie aus einem Mittelalter-Film. Der riesige Kerl, der den Trupp anführte, erinnerte an Conan, den Barbar. Allerdings trug er eine rote Henkersmütze. Und die Axt, die er mit beiden Händen führte, war keine Requisite.
Als Erstes bekam es der Gastgeber zu spüren. Constantin Scholz, der erst dreißigjährige Geschäftsführer von Hamburgs größter Casting-Agentur, stellte sich dem Eindringling entgegen. Er reichte dem Riesen gerade mal bis zur Brust. »He, was fällt Ihnen ein, mein Haus …«
Was er sagen wollte, ging in einem Gurgeln unter. Einer der Schergen hatte ihm von hinten eine Lanze in den Hals gebohrt. Sie kam vorne aus seinem Mund wieder hervorgeschossen – wie eine lange blutige Zunge.
Constantin Scholz ging in die Knie. Die Augen starrten verwundert ins Leere, als könne er nicht fassen, was soeben mit ihm passierte.
Aber das Schlimme stand den meisten Gästen noch bevor:
Die seltsam gekleideten Soldaten bildeten eine Gasse. Eine zwergenhafte Gestalt schritt hindurch. Sie trug eine riesige schreckenserregende Maske. Durch die schnabelartige Nase quoll grauer Rauch. In der linken Hand hielt der Maskierte einen Stab, den ein schwarzer winziger Totenkopf krönte. Damit wies die Kreatur in die Menge.
»Ihr seid verflucht! Im Namen des Todes, der Hölle und der ewigen Verdammnis.«
Eine der jungen Frauen schrie auf. Die Umstehenden sahen entsetzt, wie sich schwarze Pestbeulen auf ihrer sonnengebräunten Haut bildeten. Innerhalb von Sekunden hatte der Schwarze Tod ihren gesamten Körper bedeckt.
Dann gellten weitere Schreie durch den Raum.
Nach und nach traf es alle Gäste. Die Pestbeulen verbreiteten sich wie ein Fliegenschwarm.
Diejenigen Gäste, die flüchten wollten, wurden von den Schergen aufgespießt.
***
Anke Lauterbach kam gerade aus dem Badezimmer im oberen Stock, als sie die Schreie hörte.
Zuerst glaubte sie an einen Scherz. Im Laufe des Abends war die Party immer lauter und exzessiver geworden. Kein Wunder, Constantin arbeitete in der Filmbranche, und es gab einige ziemlich verrückte Typen darunter. Dazu kamen der Alkohol und diverse Designerdrogen.
Die Zwanzigjährige hatte bisher nur ein Glas Wein getrunken. Sie war mit ihrer besten Freundin Nicole heute Abend hier. Vorher hatten sie gelost, wer von beiden fahren musste. Anke hatte verloren, also war sie nüchtern geblieben.
Trotzdem hatte sie den ganzen Abend schon Kopfschmerzen verspürt. Aus diesem Grund war sie nach oben gegangen, hatte sich eingeschlossen und einen kalten Waschlappen gegen die Stirn gedrückt. Außerdem hatte sie zwei Aspirin genommen.
Das Pochen hatte aufgehört, dafür glaubte sie, in einen völlig falschen Film geraten zu sein.
Sie stand auf der Balustrade und schaute hinunter auf die Tanzfläche, die sich vor ihren Augen in ein Schlachtfeld verwandelte.
Bizarr gekleidete Männer metzelten die Gäste nieder. Angeführt wurden sie von einem Liliputaner mit einer Pestmaske, aus deren Nase Rauch qualmte.
Ein mit einer Henkerskapuze maskierter Hüne hatte sich soeben ihrer Freundin Nicole zugewandt. Die junge, hübsche Werbeassistentin versuchte, an ihm vorbeizulaufen, aber der Koloss war schneller, als man ihm auf den ersten Blick zutraute.
Er trat der blonden Frau mit erhobener Axt entgegen. Nicole schrie gellend auf. Gleichzeitig zischte die Axt auf sie herab und spaltete den Kopf der Flüchtenden.
Anke presste die Faust gegen die Lippen, um nicht schreien zu müssen. Sie zitterte am ganzen Körper. Das konnte einfach nicht wahr sein! Sie musste träumen!
Aber das Gemetzel ging weiter. Kaum war ihre beste Freundin zu Boden gegangen, wandte sich der Henker dem nächsten Gast zu.
Langsam wich Anke zurück. Doch es war zu spät. Der Kopf des Liliputaners zuckte herum. Die riesige schwarze Nase schien kein Teil der Maske zu sein, sondern etwas Lebendiges. Noch immer quoll schwarzer Rauch aus den Nüstern. Er stieg bis zu Anke hoch. Sie konnte ihn riechen. Er stank nach Schwefel und merkwürdigen Kräutern.
Doch schlimmer waren die Augen. In ihnen loderte das Höllenfeuer. Sie waren direkt auf Anke gerichtet.
»Packt sie!«, schrie der Liliputaner.
Anke zögerte keine Sekunde. Sie wandte sich um und rannte los.
Nur wohin? Es gab nur die eine Treppe, die hinabführte. In ihrer Panik fiel ihr nur das Badezimmer ein, aus dem sie gekommen war. Sie stürzte darauf zu.
Von der Treppe her ertönten die Schritte ihrer Verfolger. Sie waren ihr bereits dicht auf den Fersen.
Die junge Frau wagte nicht zurückzuschauen. Stattdessen fixierte sie die offenstehende Badezimmertür als einzigen Fluchtpunkt.
Der Weg dorthin erschien ihr endlos, obwohl es nur ein Dutzend Schritte waren.
Endlich hatte sie sie erreicht. Sie stürzte in das Badezimmer, warf die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um.
Erleichtert sackte sie zu Boden. Sie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals klopfte. Ihre schweißnassen Hände zitterten.
Beruhige dich!, hämmerte sie sich ein. Das ist alles nur ein Traum. Ein böser Traum!
Gleichzeitig wusste sie, dass es kein Traum war. Der Henker, der ihre Freundin bestialisch getötet hatte, war ebenso wenig ein Traum wie der unheimliche Liliputaner mit der Pestmaske.
Wenigstens war sie in Sicherheit.
Doch die Erleichterung dauerte nur wenige Sekunden. Der erste der Verfolger hatte die Tür erreicht. Schwere Fäuste hämmerten von außen gegen das Holz.
Anke schluchzte auf. Auf dem Boden kriechend wich sie zurück, bis sie die kalte Fliesenwand im Rücken spürte.
Tränen rannen ihr über die Wangen.
Sie wollte noch nicht sterben! Sie wollte leben!
Sie war noch jung, war erst seit einem Haar aus der Provinz nach Hamburg gezogen. Hier hatte sich ihr eine völlig neue Welt eröffnet: Offenheit, interessante Leute, Mode, Partys – all das hatte sie in ihrem Dorf vermisst.
Und jetzt sollte ihre Zukunft durch ein paar Irre zerstört werden!
Ja, es waren Irre! Sie klammerte sich an die Erklärung. Es war wichtig, damit sie nicht überschnappte. Wie damals dieser Wahnsinnige – wie hieß er noch – Charles Manson!
Sie griff nach ihrem Handy. Noch immer zitterten ihr die Hände. Fast fürchtete sie, sie würde das Mobiltelefon nicht bedienen können.
Etwas polterte gegen die Tür und ließ sie erzittern.
Anke drückte die Notruftasten. Zweimal glitten ihre Finger daneben.
Sie schrie auf, als erneut etwas gegen die Tür krachte. Es war eine Axt! Das Holz splitterte …
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Ruf durchging. Endlich meldete sich eine routiniert klingende Stimme.
»Guten Abend, Sie sprechen mit der Notrufzentrale Hamburg. Mein Name ist Polizeiobermeister Landwehr. Was kann ich für Sie tun?«
Anke wollte etwas sagen, aber die Stimme versagte ihr. Gebannt schaute sie auf die Tür.
Ein zweiter und dritter Axthieb, diesmal mit noch größerer Wucht geführt, machte aus der Tür Kleinholz. Die restlichen Bretter fielen nach innen.
Langsam trat der Hüne mit der Henkerskapuze vor. Er musste sich bücken, damit er durch den Türrahmen passte.
Anke konnte nur noch schluchzen. Jetzt würde er auch sie töten! Auf die gleiche Weise, wie er es mit Nicole getan hatte.
Wie hypnotisiert klebte ihr Blick an der Schneide der Axt, an der noch immer Teile von Nicoles Hirn hafteten.
Der Koloss ließ die Axt sinken.
Für einen Moment glomm ein Hoffnungsfunke in Anke auf. Doch der erlosch sogleich wieder.
Neben dem Henker tauchte der Liliputaner auf. Der beißende Rauch, der aus den Nasenlöchern der schrecklichen Maske quoll, trieb ihr zusätzlich die Tränen in die Augen.
»Warum weinst du, Kind?«, sprach er. Seine Stimme klang krächzend. »Du solltest glücklich sein, denn du bist auserwählt.
»Auserwählt.« Ihre Stimme war wieder da, doch sie klang ihr selbst fremd in den Ohren.
»Du bist auserwählt, die Pest hinaus in die Stadt zu tragen.«
»Ich bin auserwählt …«
Als sie ihre nackten Arme betrachtete, entdeckte sie die schwarzen Male darauf.
Es waren Dutzende, und mit jeder Sekunde wurden es mehr.
»Ich bin auserwählt«, flüsterte sie verzückt.
Es war nicht mehr Ankes Stimme. Es war die Stimme einer Besessenen.
***
»Hier Peter Dreiunddreißig. Wir stehen jetzt vor der Villa und können nichts Verdächtiges feststellen. Es ist alles ruhig. Hinter den Fenstern brennt Licht. Also scheint jemand zu Hause zu sein. Wir schauen uns mal um. Ende.«
Polizeioberkommissar Volker Niemann brach die Funkverbindung ab und nickte seiner jüngeren Kollegin Polizeimeisterin Julia Müller zu. »Alles klar, sehen wir mal, was dahintersteckt. Du hast ja gehört, was unser Kollege gesagt hat: Die Frau klang ziemlich hysterisch …«
»Fragt sich nur, was sie getrunken hat.«
Volker Niemann warf seiner Kollegin einen Seitenblick zu. Sie fuhren erst seit einem Monat als Team zusammen. Er war der Ältere, seit zwanzig Jahren bereits fuhr er Streife. Sie war die...
| Erscheint lt. Verlag | 8.7.2014 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-7325-0004-7 / 3732500047 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-0004-8 / 9783732500048 |
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