Killmousky (eBook)
223 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-73448-3 (ISBN)
Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele, Essays und Romane. Für <em>Pong </em>erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman <em>Apostoloff </em>wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Ihr erstes Theaterstück, <em>Vor dem Gericht</em>, wurde 2012 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt. Lewitscharoff war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste. Sibylle Lewitscharoff verstarb am 14. Mai 2023 im Alter von 69 Jahren in Berlin.
I
Er lag im Bett. Bis vor kurzem hatte Killmousky neben ihm geschlafen. Es war jetzt eine ganze Weile her, genauer gesagt, es hatte sich in einer Sonntagnacht im Mai 2011 zugetragen: der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, wie es am Schluß von Casablanca heißt. Auch als eine Art Filmfreundschaft hatte begonnen, was sich zwischen Killmousky und ihm abspielte, und zwar an jenem Sonntag im Mai zehn Minuten nach Mitternacht. Ellwanger hatte gerade die Austaste der Fernbedienung gedrückt. Das in weißen Nebel gehüllte Bild mit dem orangefarbenen ZDF-Zeichen erlosch. Eine englische Krimiserie hatte er angeschaut, die ihn zuverlässig amüsierte – Inspector Barnaby. Diesmal war sie sogar sehr lustig gewesen. Wie immer wimmelte es von absurden Morden in der englischen Provinz. Ihm gefielen der kompakte Inspektor und sein treuer Adlatus, vor allem gefielen ihm die umwerfend guten Schauspieler, die in den ländlich robusten Kostümen der englischen Provinzler auftraten, nicht zu vergessen das Innenleben der Herrenhäuser und Cottages mit den kuriosen Gegenständen, den engen Treppen, die zu den winzigen Dachkammern führten. Da fiel es nicht weiter ins Gewicht, daß die Morde surreal und die Motive ziemlich verdreht waren, besonders in ihrer Häufung. Mindestens drei oder vier Leichen gab es in jeder Folge. Alles unwahr, aber heiter und entspannend.
Diesmal hatte es Inspector Barnaby mit einem kleinen schwarzen Kater zu tun bekommen, den er sogleich Killmousky nannte. Barnaby hatte eine Katzenallergie und war auch sonst ein Feind der Haustiere, jedenfalls wollte er sie nicht in den eigenen vier Wänden dulden. Obwohl Killmousky an der geröteten Nase des Inspector Schuld trug, schien es so, als dürfe er bleiben, was sich in den weiteren Folgen allerdings nicht bewahrheiten sollte.
Der witzige Name des Katers ging Ellwanger nicht aus dem Kopf. Wer da warum gestorben war, entschwand hingegen schnell aus seinem Gedächtnis. Amüsiert hatte er sich gerade die letzte Zigarette vor dem Schlafengehen angesteckt, da maunzte und greinte es draußen auf der Terrasse. Er öffnete die Tür, und herein spazierte eine kleine schwarze Katze mit hochgerecktem Schwanz. Allen Ernstes: Killmousky war zu ihm gekommen! Höchstens zehn Minuten nach Ablauf der Sendung.
Er war ein ebensolcher Haustierverächter wie Barnaby und dachte nicht im Traum daran, das Viech bei sich aufzunehmen. Aber er war so überrascht, daß er es nicht sofort hinausscheuchte. Wenig später stellte sich sogar heraus, daß seine Katze gar keine Katze war, sondern ein Kater. Tatsache, ein echter Killmousky!
Der inspizierte erst mal die Räume, gründlich, aber offenbar ohne jede Scheu, dann rieb er den schwarzen Kopf am Bein des rechtmäßigen Bewohners.
Es dauerte nicht lange, da goß der Hausherr ein wenig Milch in eine Schüssel und holte einen Rest Leberwurst aus dem Kühlschrank. Schon zwei Tage später wußte er, daß man Katzen die Milch nicht pur, sondern besser etwas Wasser mit ein paar Tropfen Milch servierte; er lernte rasch dazu. Killmousky wirkte ausgehungert. Er war klein, zierlich gebaut und extrem dünn, schwarz von Kopf bis Fuß. Sein Fell glänzte. Killmousky machte keinerlei Anstalten, sich nach der Mahlzeit wieder zu entfernen, mehrfach wurde ihm die Terrassentür geöffnet, um ihn wieder zu entlassen. Aber jedesmal zögerte das Katerchen auf der Schwelle und wandte sich wieder um. Es endete damit, daß er schon in der ersten Nacht im Bett des Hausherrn schlief. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft eben.
Killmousky war witzig. Eine Schauspielernatur. Ellwanger war es inzwischen unmöglich, sich ein Leben ohne Kater vorzustellen. Ja, die Liebe zu Killmousky ging so weit, daß beim eigentlichen Herrn im Haus von Herrschaft nicht mehr die Rede sein konnte – der hatte sich alsbald den Ticks und Gewohnheiten seines neuen Genossen völlig untergeordnet.
Gegen sechs Uhr in der Früh im Sommer, gegen halb acht im Winter beliebte es Killmousky, ihn zu wecken. Er ging dabei sanft zu Werke, strich mit dem Pfötchen ein bißchen auf seiner Brust herum, knabberte und riß dann etwas entschiedener an den Haaren hinter seinem Ohr. In der Früh hieß das gemeinsame Programm: auf zur fröhlichen Jagd im Garten! Ellwanger im Pyjama mit Hausschuhen – bei warmem Wetter. Im Winter, wenn Schnee lag, mit Mantel über dem Pyjama, dicken Socken an den Füßen, die in Gummistiefeln steckten. Sommers wie winters tat Killmousky seine Imponiersprünge im Garten mit aufgeplustertem, gesträubtem Schwanz und gab (es war schwer zu entscheiden, wen nun genau) den Löwen, den Panther oder den Tiger. Die Aufgabe des Herrn war es, ihn dabei zu jagen. Höhepunkt war jedesmal, wenn Killmousky wie ein Blitz den Baum hochschoß und in den Ästen herumturnte, während Ellwanger unten seine erste Zigarette rauchte und den Kater dabei anspornte. Nicht ganz so rasch, wie er hinaufgeschossen war, kam Killmousky dann wieder herunter und verschwand im Nachbargarten, ohne sich nach ihm umzudrehen. Ellwanger drückte die Zigarette aus, schloß die Terrassentür und legte sich noch einmal ins Bett.
Nach dem ersten Auftauchen des Katers hatte er auf den Straßen von Solln Ausschau nach Zetteln an den Bäumen gehalten, auf denen manchmal nach entflogenen Wellensittichen, entlaufenen Katzen oder Hunden gesucht wurde. Killmousky wurde offenbar von niemandem vermißt. Schon nach einer Woche hatte Ellwanger begonnen, sich wie der rechtmäßige Halter aufzuführen, hatte einen Transportkorb gekauft und Killmousky zum Tierarzt geschafft, hatte ihn impfen und sich einige Ernährungstips geben lassen. Jesus! Was für eine Aktion, den Kater in den Korb hineinzustopfen. Killmousky ließ aus seinem Gefängnis ein tiefes verstörtes Grollen hören und war hinterher stundenlang beleidigt.
Danach hätte er Killmousky nicht mehr freiwillig herausgerückt. Der Kater gehörte jetzt zu ihm.
Wobei sich diese Zugehörigkeit in großer Freiheit bewährte, denn während er ins Büro ging, verlebte Killmousky den Tag draußen, war aber jedesmal pünktlich zur Stelle, sobald der Hausherr das Gartentörchen aufklinkte, und geleitete ihn maunzend hinein. Abends hatte Killmousky Hunger, da durfte nicht lange gefackelt werden. Aber der Kater war kein großer Fresser, er leerte seinen Napf immer nur halb. Wenn ihm das Futter nicht paßte, rührte er es gar nicht erst an.
Eigentlich hatte Ellwanger es gut getroffen in seinem Häuschen in Solln, einstöckig, mit fünf Zimmern, die bis auf Küche und Bad alle auf den Garten hinausgingen. Der Garten war wirklich zauberhaft, weil er mit dem Garten der Hausbesitzerin verschmolz beziehungsweise nur durch ein paar großgewachsene Buchsbaumkugeln von ihm getrennt war. Sie wohnte weiter hinten in einem geräumigen Haus. Auf seiner Terrasse waren Solnhofener Schieferplatten verlegt, die Bäume spendeten Schatten. Ellwanger hatte es gut. Gut auch deshalb, weil er sich mit der Besitzerin der beiden Häuser und des Gartens vorzüglich verstand. Eine ungewöhnliche Frau seines Alters, Mitte Fünfzig, einerseits eine Münchnerin, wie sie im Buche stand, die sich nicht zu schade war, hin und wieder in ein Dirndl zu schlüpfen, zum anderen war die Frau weltläufig und zugleich exzentrisch. Obwohl sie keine habhaften erotischen Beziehungen unterhielten, hätte er sich nicht gescheut, zu sagen, er liebe Frau Kirchschlager. Er konnte sich nicht erinnern, je mit einer Frau bekannt geworden zu sein, mit der er sich auf eine diskrete und zugleich gewitzte Art so gut verstand. Wochenlang war sie immer wieder unterwegs, arbeitete als Restauratorin im Metropolitan Museum of Art oder für andere international bedeutende Museen. Sie kannte die Welt viel besser als er und war in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er hingegen war auch in München immer ein Provinzler geblieben, der seine gedrückte Herkunft aus dem Hohenlohischen niemals hatte abstreifen können. An Frau Kirchschlager bewunderte er den freizügigen Umgang mit allem und jedem, ihre Generosität und nicht zuletzt den zutiefst bayerischen Witz.
Heute morgen war alles anders.
Killmousky hatte sich redliche Mühe gegeben, ihn in den Garten zu locken, aber Ellwanger beschränkte sich darauf, den Kater hinauszulassen, und legte sich sofort wieder ins Bett. Heute war Donnerstag, ein Werktag wie jeder andere auch, für Ellwanger aber eine neue, noch unbekannte Art von Donnerstag. Gestern hatte er seine Sachen gepackt, den Schreibtisch geräumt und war – wie man so schön sagte – auf eigenen Wunsch aus dem Amt geschieden. Mit ausgiebigem Händeschütteln und vielen guten Wünschen seitens der Kollegen, die darauf bestanden hatten, am Wochenende noch richtig zu feiern. Frau Reidemeister hatte sogar geweint.
Ellwanger fiel kein Grund ein, warum sie seinen Abgang feiern sollten. Dem Abschied lag nichts Ehrenwertes zugrunde, sondern etwas Vertracktes. Mit der Pension würde er wohl auskommen, bescheiden wie er war, zumindest solange es Frau Kirchschlager gab, die ihm das Häuschen zu einem sehr günstigen Preis überlassen hatte, äußerst günstig für Münchner Verhältnisse.
Aber sonst? Wie um Gotteswillen sollte er die Zeit hinbringen? Womit denn? Er hatte keine Hobbys, er verachtete Hobbys aus tiefstem Herzen. Sein Vater war so ein Hobbywerker gewesen, ein Kellergeschöpf der mürrischen und gewalttätigen Sorte, der regelmäßig die Mutter verprügelte. Ellwanger haßte Keller. Gottlob gab es in seinem Häuschen nur einen Raum im Untergeschoß, der zur Aufbewahrung von Lebensmitteln diente, weil es da unten ziemlich kühl war.
Was nun? Frauen? Zigaretten? Fernet Branca? Den lieben langen Tag? Mit Killmousky konnte...
| Erscheint lt. Verlag | 16.4.2014 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 21. Jahrhundert • Brüder-Grimm-Professur 2013 • Detektiv • Deutsche Krimi-Autoren • Deutsche Krimis • Deutschland • Ermittler • Ex-Kommissar • Georg-Büchner-Preis 2013 • Ingeborg-Bachmann-Preis 1998 • Kater • Katze • Kleist-Preis 2011 • Krimi • Mitteleuropa • Mord • New York • Nordamerika (USA und Kanada) • Page Turner • Preis der Leipziger Buchmesse 2009 • Preis der Literaturhäuser 2007 • Roman • Ruhestand • Sibylle Lewitscharoff • Spannung • ST 4601 • ST4601 • suhrkamp taschenbuch 4601 • Unterhaltung • Upperclass • USA Nordosten • USA Nordosten: Mid-Atlantic States • Vereinigte Staaten von Amerika USA • Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2011 |
| ISBN-10 | 3-518-73448-2 / 3518734482 |
| ISBN-13 | 978-3-518-73448-3 / 9783518734483 |
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