John Sinclair 1869 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-5707-0 (ISBN)
Wo alles vorbei ist haben Menschen keine Hoffnungen mehr.
So erging es auch fünf Polizisten, die sich umbrachten. Es war nicht normal. Irgendetwas hatte sie in den Suizid getrieben.
Das war auch einigen Menschen klar, die beim BKA arbeiteten. Und so wurde Harry Stahl losgeschickt, um die Fälle zu lösen. Das wollte er nicht allein, und deshalb holte er mich ins Boot ...
Die Worte waren gesprochen worden. Es gab kein Zurück, und Julia Bormann sagte erst mal nichts. Nur ihr lautes Atmen war zu hören. Sie saugte die Luft durch die Nase ein und stieß sie auch durch die Nasenlöcher wieder aus.
»Hast du mich verstanden?«
»Sicher, Felix.«
»Warum sagst du dann nichts?«
Die Frau verdrehte die Augen. »Was soll ich denn sagen?«, murmelte sie. »Was willst du hören?«
»Du könntest mir Glück wünschen.«
Julia staunte. Auch darüber, dass sie noch lachen konnte. »Meinst du das im Ernst?«
»Hätte ich es sonst gesagt?«
»Nein, sicherlich nicht, ich kenne dich lange genug. Ich weiß ja, was mit dir los war. Ich habe deine Veränderung miterlebt. Und ich habe nichts tun können.« Ihre Stimme sackte ab. Sie hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten.
Felix nickte. »Und du hast immer gewusst, dass dieser Tag irgendwann kommen wird. Ich bin nicht der Erste, der diesen Weg gegangen ist. Das weißt du auch.«
»Sicher. Man hat darüber gesprochen. Aber es ist nichts an die Öffentlichkeit gedrungen.«
»Das will ich wohl meinen.«
»Bitte, Felix.« Sie wollte noch etwas sagen, aber das konnte sie nicht.
Ihre Stimme versagte, über die Lippen drang nur ein schwaches Krächzen. Dann raffte sie sich auf und ging auf ihren Mann zu. In den Augen schimmerte jetzt das Tränenwasser. Sie konnte auch wieder sprechen und klammerte sich zusätzlich an den Schultern ihres Mannes fest.
»Bitte, überlege es dir. Bleib hier. Geh nicht fort. Du darfst nicht sterben. Du bist einfach noch zu jung. Hast du gehört? Ich will nicht, dass du stirbst.«
»Ich sterbe nicht!«, lautete die lakonische Antwort.
»Doch, du stirbst. Das weißt du, das weiß ich. So ist das nun mal. Du wirst sterben.«
»Ich gehe nur. Aber ich werde wiederkommen. Das habe ich dir gesagt.«
»Wie denn?«
»Lass dich überraschen. Es gibt immer wieder Möglichkeiten. Das solltest du wissen.«
»Es ist Unsinn.« Julia Bormann versuchte es erneut. »Bleibe bei mir, bitte. Denk daran, dass du dich in etwas hineinstürzt, das du nicht mehr rückgängig machen kannst.«
»Der Tod ist nicht das Ende.«
»Ja, das sagen die Religionen auch. Aber damit hat du nichts am Hut. Du bist weder Christ noch Moslem. Du bist in dieser Hinsicht einfach gar nichts.«
»Ich bin Realist.«
»Toll. Und dieser Realismus hat dir gesagt, dass du sterben musst. Ist das so?«
»Ja, so ähnlich. Es wird etwas Neues geben, das weiß ich genau. Und daran kann mich auch niemand hindern.«
Julia kannte ihren Mann. Sie wusste genau, wann es keinen Sinn mehr hatte, auf ihn einzureden, deshalb ließ sie es auch. Sie nickte und trat zur Seite.
»Dann will ich dich auch nicht weiter aufhalten.«
»Das kannst du auch nicht.« Er hatte die Antwort lakonisch ausgesprochen. Für ihn stand fest, dass sie es nicht schaffte. Er war immer seinen eigenen Weg gegangen, und das tat er auch jetzt.
Felix schenkte ihr nicht mal ein Lächeln oder sagte etwas zum Abschied, als er sich umdrehte und die Tür öffnete. Dann ging er, und seine Frau hörte die Schritte im Treppenhaus verklingen.
Julia Bormann stand vor der Wohnungstür und nagte an ihrer Unterlippe. In ihrem Kopf jagten sich die Gedanken. Sie liebte ihren Mann. Sie waren seit dreizehn Jahren verheiratet. Sie führten eine recht glückliche Ehe, auch wenn keine Kinder da waren. Aber schwanger wollte Julia werden, denn es wurde Zeit. Sie war fünfunddreißig Jahre alt, und da tickte eben die Uhr.
Er war jetzt gegangen. Sie hatte es kommen sehen. Felix hatte sich in den letzten Wochen verändert. Er war nachdenklicher und in sich gekehrter geworden. In seinem Kopf bewegten sich viele Gedanken, aber er hatte nie auf Fragen eine Antwort gegeben und mehr über diese Gedankenströme erzählt.
Bis er dann von seinem Tod gesprochen hatte.
Und das hatte Julia erschreckt. Zunächst hatte sie etwas gelacht und die Worte einfach nur für Gerede gehalten. Dann aber war sie nachdenklich geworden, weil Felix nie aufgehört hatte, davon zu reden. Von einem Leben nach dem Jetzigen. Nicht nach der Erfüllung im Paradies, wie man das von einer anderen Religion her kannte, er hatte nichts Konkretes gesagt, aber wohl eine andere Zeit oder Welt gemeint. Er war versessen darauf, und Julia wusste auch, dass es jemanden gab, der ihn auf diesen Trip gebracht hatte.
Sie hatte ihn danach gefragt. Hatte Namen wissen wollen, aber keinen bekommen. Er hatte wohl von einem noch jüngeren Mann gesprochen, der mit dem Wissen der anderen Welt ausgestattet worden war.
Sie hatte da nicht mithalten können. Das war schade, aber nicht zu ändern. Und jetzt war er tatsächlich gegangen. Er hatte sein Versprechen eingelöst.
»Nein«, sagte sie und schüttelte den Kopf. Im gleichen Augenblick kam es über sie. Julia fing an zu schreien. Immer wieder das gleiche Wort. Sie wollte nicht aufgeben, und in ihr regte sich der große Widerstand. Noch mal schrie sie das »Nein!«, laut heraus und schlug mit beiden Händen gegen die Wand.
Sie wollte nicht aufgeben. Sie musste weitermachen, denn sie hatte sich vorgenommen, ihren Mann zu retten. Es dauerte nur Sekunden, bis sie sich angezogen hatte. Dann schnappte sie sich die Autoschlüssel und verließ die Wohnung.
So leicht gab eine Julia Bormann nicht auf, so leicht nicht …
***
Sie war zur Garage gelaufen, die ein Stück entfernt lag und hatte den Corsa hervorgeholt. Dass ihr Mann nicht mit ihm unterwegs war, das hatte sie genau gewusst. Wenn er fuhr, dann verließ er sich auf sein Motorrad, und das hatte er auch an diesem späten Abend getan.
Die Maschine stand auch nicht direkt am Haus. Er hatte sie bei einem Freund abgestellt. Dort war in einem Schuppen Platz genug. Zudem hatte der Freund seine Maschine dort ebenfalls stehen.
Julia konnte nur hoffen, dass sie schneller war als ihr Mann. Sie kannte seine Zeiten ungefähr, die er benötigte und er hatte es auch nicht besonders eilig. Der Tod lief ihm nicht weg.
Sie war um zwei Straßenecken gefahren und hatte den Corsa dann angehalten. Der Wagen wurde von einem dicken Baumstamm am Straßenrand gedeckt, aber sie war in der Lage, einen Blick auf das Haus zu werfen, in dem der Freund ihres Mannes wohnte. Da brauchte Felix nicht erst hinzugehen. Er hatte einen Schlüssel zu dem Tor neben dem Haus. Von dort aus gelangte man auf einen kleinen Hof und zu der Garage, in der seine Maschine stand. Mit ihr würde Felix verschwinden.
Julia glaubte nicht, dass er schon da war, und sie hatte Glück, denn plötzlich tauchte im Schein der Laterne eine Gestalt auf, die schnell weiterlief. Sie hatte auch ein Ziel. Es war das Tor zum Hof, das der Mann öffnete.
Deutlich war jetzt Felix Bormann zu erkennen, der sich noch mal umschaute, bevor er durch die Öffnung in den Hof schlüpfte.
Julia atmete auf und durch. Sie war froh, auch wenn sie noch immer unter einer gewissen Angst litt und auch unter einer starken Spannung stand. Aber es war alles okay geworden. Sie konnte durchatmen, denn sie hatte richtig kalkuliert.
Die Maschine wurde im Hof nicht gestartet. Julia hatte ein Fenster nach unten gedreht. Es waren überhaupt keine Geräusche zu hören. Wahrscheinlich wurde die Maschine von Felix zur Tür geschoben.
Von innen wurde die Tür noch weiter geöffnet, und dann sah sie ihren Mann. Sein Aussehen hatte sich etwas verändert, weil er jetzt einen Helm trug. Und misstrauisch schien er auch nicht zu sein, denn kaum hatte er die Maschine auf die Straße geschoben, da bestieg er sie auch und drehte sich nicht zuvor um. Sekunden später gab der Motor sein Röhren von sich, und dann fuhr er an.
Das tat auch Julia. Sie hatte Glück, denn das Motorrad fuhr in die Richtung, in der sie parkte. Also konnte sie sich sofort an die Verfolgung machen.
Sie wusste nicht, wo ihr Mann seine Tat durchziehen wollte. Da konnten sie durchaus noch fahren. Und sie hatte auch keine Idee, wie er das durchziehen wollte.
Warf er sich vor einen Zug? Stürzte er sich von einer Brücke, oder schoss er sich eine Kugel in den Kopf, was am wenigsten spektakulär war. Was immer er auch vorhatte, Julia Bormann wollte es unter allen Umständen verhindern.
Ihre Wohnung lag nicht mitten in der Stadt, sondern etwas außerhalb. Tagsüber herrschte schon in dieser Gegend nicht besonders viel Verkehr, in der Nacht war er so gut wie eingeschlafen.
Deshalb konnte man wunderbar fahren, ohne groß gestört zu werden. Aber es gab auch einen Nachteil. So war ein Verfolger eigentlich recht schnell zu entdecken, und daran musste Julia auch denken.
Felix Bormann fuhr aus der Stadt und hinein in das leicht hügelige Gelände. Es gab keine großen Steigungen, aber lang gestreckte Kurven, die für einen Motorradfahrer ideal waren.
Julia blieb ihrem Mann auf der Spur. Allerdings hielt sie auch einen gehörigen Abstand bei. Auf keinen Fall wollte sie entdeckt werden.
Und so rollten sie hinein in die ländliche Umgebung, was sie schon wunderte, denn Felix machte es spannend. Die Umgebung war wieder flacher geworden. Ab und zu sah sie ein Haus als ein Licht, das sie wie ein Auge anzuschauen schien, dann fuhr sie wieder hinein in die Dunkelheit und konzentrierte sich auf das Licht der Scheinwerfer, das der Wagen vor sich her schob.
Und es hatte sich trotzdem etwas verändert. Ab und zu tauchten an der rechten Seite die blanken Schienen auf. Eine Bahnstrecke führte dort vorbei, und Julia wusste, dass dort Güterzüge fuhren. Bisher hatte sie noch keinen...
| Erscheint lt. Verlag | 6.5.2014 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-5707-6 / 3838757076 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-5707-0 / 9783838757070 |
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