Sie informiert die Polizei und reicht die Scheidung ein. Arthurs Anwälten gelingt es jedoch, Liddy als nicht zurechnungsfähig hinzustellen. Während Liddy um ihr Sorgerecht kämpft, werden weibliche Leichen gefunden, die Opfer eines äußerst brutalen Serienkillers.
Jack Ketchum ist das Pseudonym des ehemaligen Schauspielers, Lehrers, Literaturagenten und Holzverkäufers Dallas Mayr. Er gilt heute als einer der absoluten Meister des Horror-Genres. 2011 wurde er zum Grand Master der World Horror Convention ernannt. Er erhielt fünfmal den Bram Stoker Award, sowie 2015 den Lifetime Achievement Award der Horror Writers Association. Jack Ketchum verstarb am 24. Januar 2018 in New York City, New York.
1
Kinder
Wolfeboro, New Hampshire · Juni 1962
Das kleine Mädchen hatte aufgehört gegen die Tür zu hämmern. Das brachte sowieso nichts.
Sie konnte die da draußen nicht mal mehr hören.
Die feuchte, stickige Luft in der Hütte roch schwer nach Erde und altem, fauligem Holz. Es wurde allmählich dunkel. Das Licht durch die Spalten in den fensterlosen Wänden wurde schwächer und schwächer.
Sie hatten irgendwas in den Türrahmen geklemmt, ein Stück Holz oder so. Sie konnte die Tür keinen Zentimeter von der Stelle bewegen. Zusammengekauert saß sie gegen die schwitzende, glitschige Wand gelehnt, roch den feuchten Lehmboden und den vollen Moschusgeruch ihrer Tränen und dachte: Keiner wird mich finden.
Sie stellte sich vor, wie sie irgendwo da draußen im Sumpf – gut möglich, dass sie inzwischen schon eine halbe Meile entfernt waren – durch flaches, schwarzes Wasser und Morast stapften, der einem die Gummistiefel von den Füßen ziehen konnte, und mit ihren zweizackigen Metallspießen nach Fröschen stachen. Jimmy hatte bestimmt schon ein paar beisammen, die jetzt tot oder sterbend in seinem Eimer lagen. Billy war nicht so schnell wie Jimmy und deshalb womöglich leer ausgegangen.
Das musst du dir ansehen, hatten sie gesagt. Das ist cool.
Die alte Blockhütte lag irgendwo am Ende der Welt. Ihr Daddy nannte so etwas ein scheußliches Bauwerk. Seit Jahren schon versank die Hütte langsam im Sumpf, und für Jagdausflüge wurde sie schon lange nicht mehr benutzt.
Liddy war erst sieben.
Sie hatte nicht reingehen wollen.
Die Jungen, Jimmy und Billy, waren neun und zehn. Warum hatte sie also als Erste reingehen sollen?
Warum immer sie?
Das hatte sie sich insgeheim gedacht, war dann aber doch durch die offen stehende Tür gegangen. Schließlich durfte sie die Jungs nicht merken lassen, dass sie Angst hatte. Auch nicht, als Jimmy sie reinschubste und lauthals zu lachen anfing und einer von beiden die Tür zuhielt und der andere irgendwas zwischen Tür und Rahmen stopfte. Sie saß in der Falle.
Sie hämmerte gegen die Tür. Schrie. Weinte.
Sie hörte die beiden draußen lachen, dann wie sie durchs Wasser stapften.
Dann hörte sie lange nichts mehr.
Sie kauerte neben der Tür, starrte auf den Erdboden und fragte sich, ob es hier Schlangen gab und wenn ja, ob sie wohl nachts in die Hütte kriechen würden.
Es musste inzwischen Zeit zum Abendessen sein.
Daddy würde wieder wütend sein.
Mom würde sich Sorgen machen.
»Na los. Bitte«, sagte sie zu niemand Bestimmtem. »Lasst mich raus. Bittebittebitte!«
Was nur zur Folge hatte, dass sie wieder zu weinen anfing.
Die Jungs redeten ständig über das, was hier passiert ist. Sie redeten über nichts anderes. Jeder wusste es.
Mörder waren hier gewesen. Ausgebrochene Irre, die Sachen mit Kindern gemacht hatten.
Vor allem mit kleinen Kindern.
Liddy hasste Billy und Jimmy.
Sie wünschte, sie wären tot. Dann wünschte sie sich, sie wäre tot.
Weil sie wieder nicht gehorcht hatte.
Sie hätte niemals mitgehen dürfen.
Mom und Daddy hatten sie vor diesem Ort gewarnt. Du wirst mir unter gar keinen Umständen dorthin gehen, hatte ihre Mom gesagt.
Aber es gab nicht viele Kinder in der Gegend und überhaupt keine Mädchen zum Spielen und irgendjemanden musste man doch haben. Und manchmal waren Billy und Jimmy ja auch nett zu ihr. Manchmal überstand sie einen ganzen Tag, ohne herumgeschubst, gekniffen oder geschlagen zu werden.
Als wäre sie wirklich die Schwester von irgendjemandem.
Also war sie mitgekommen. Obwohl sie gewusst hatte, dass wahrscheinlich irgendetwas schieflaufen würde. Obwohl sie den Jungs vollkommen vertrauen musste, auch was den Weg hier herauf anging, weil der Pfad weitab vom Schuss lag und sie diesen Abschnitt des Waldes noch nie zuvor gesehen hatte.
Es war, als hätte sie sich … verirrt.
Selbst wenn sie aus dieser Hütte rauskam, wusste sie nicht genau, wie sie wieder nach Hause zurückfand.
Wenn Sie die ganze Nacht hierbleiben musste, würde sie bestimmt verrückt werden.
Es gab da diese Geschichte, die Jimmy immer über den Sumpf erzählte.
Er sagte, dass sein älterer Bruder Mike vor langer Zeit mal allein hier oben gewesen war und dass er etwas im Wasser gesehen hatte. Dass es zuerst wie ein Stück Holz ausgesehen hatte, aber als Mike näher rankam, hatte er bemerkt, dass es ein Mann war, ein Toter, dessen halbes Gesicht weggehackt war – es war vollständig und vollkommen sauber vom Scheitel bis zum Kinn abgetrennt, so dass ein geöffnetes Auge ihn anstarrte und das andere einfach nicht mehr da war. Die Nase war genau in der Mitte gespalten und der halbe Mund stand zu einem riesengroßen O geformt offen, so dass der Mann, wie Mike erzählte, in erster Linie überrascht aussah. In seinem Hinterkopf konnte er ein Durcheinander von Gehirn, Blut und Knochen erkennen. Er rannte sofort zur Polizei und kehrte mit den Beamten eine Stunde später zu der Stelle zurück, aber der Mann war nicht mehr da. Der Mann war verschwunden. Sie hatten überall nach ihm gesucht.
Jimmy war ein Lügner, genau wie sein großer Bruder Mike, aber Jimmy erzählte ständig, dass der Mann jetzt hier herumspukte. Dass man ihn nachts durch seinen halben Mund stöhnen und durch seine halbe Nase schwer atmen hören konnte, während er sich durch das schmutzige, mit Schlangen, Fröschen und Blutegeln verseuchte Wasser schleppte.
Aber das war bloß eine Geschichte.
Trotzdem – wenn sie die ganze Nacht hierbleiben musste, würde sie verrückt werden. Sie zitterte am ganzen Leib.
Es wurde dunkel.
»Mommy«, flüsterte sie.
Sie hörte Schritte. Jemand watete durch den Morast. Kam auf sie zu.
»Mommy«, sagte sie,
Sie dachte an den toten Mann.
Sie rief nicht Hilfe, sondern Mommy.
Ihr langer, brauner Pferdeschwanz blieb am rauen, verwitterten Holz hängen, als sie von der Tür wegrutschte. Ihre Kopfhaut brannte, als sich ein Haarbüschel löste. Sie sprang auf und rannte zu der am weitesten entfernten Wand. Sie spürte, wie winzige Splitter des alten, verfaulten Holzes in ihre Handflächen stachen. Trotzdem presste sie ihren Rücken dagegen und beobachtete die Tür.
»Nur zu«, sagte Jimmy. »Ruf nach deiner Mommy.«
Dann stieß er die Tür auf. Die Scharniere kreischten.
»Du Mädchen!«
Er rannte los. Billy folgte ihm auf dem Fuß.
»Wartet!«, rief sie. Sie lief hinter ihnen her.
Ihre Gummistiefel sanken in den Morast, Schlamm bespritzte ihre nackten Beine und ihre Shorts. Tapfer kämpfte sie sich voran. Aber sie war nicht so schnell wie die beiden. Nicht mal annähernd.
Als sie den Sumpf hinter sich gelassen hatte, waren sie schon den Hügel hinauf und zwischen den Bäumen verschwunden.
Als sie auf dem Hügel angekommen war, konnte sie die Jungs nirgendwo mehr sehen.
Sie war wieder allein.
Der Abend war angebrochen. Es konnte nur noch Minuten dauern, bis es dunkel wurde. Durch die dichten Bäume und Sträucher schien schon jetzt kaum noch Licht.
Welche Richtung?
Sie dachte, dass sie vielleicht …
Sie lief von einer Hügelkuppe zur nächsten. Und wieder zur nächsten. Sie hatte Angst und weinte. Jeder Hügel sah aus wie der vorherige und keiner kam ihr bekannt vor. Nur Gebüsch, Grünzeug, fahlweiße Birken und dichtes, gemeines Dornengestrüpp. Sie lief, so schnell sie konnte. Lief gegen die Zeit und die Dunkelheit an.
Sie stolperte, fiel, schrammte sich an einem Felsen die Knie auf und spürte, wie ihr Musikantenknochen kribbelte und taub wurde, nur um anschließend wieder furchtbar wehzutun und zu pulsieren. Sie spürte die Holzsplitter tiefer in ihre Handfläche eindringen. Sekunden später stolperte sie wieder, diesmal über einen halb unter Laub verborgenen Ast, und fiel auf die Seite.
Auf den Pfad.
Auf gut ausgetretene, festgestampfte Erde.
Und jetzt erkannte sie auch den großen Felsen, den mit Katzengold drin. Er lag genau vor ihr und war mit Katzengold gesprenkelt. Jimmy hatte auf dem Hinweg obendrauf gestanden.
Ja!
Jetzt musste sie doch nicht hier draußen sterben, würde nicht verhungern oder von Verrückten umgebracht oder von Schlangen gebissen werden. Sie würde auch nicht den rasselnden Geisteratem des Mannes mit dem gespaltenen Schädel hören. Sie würde es nach Hause schaffen.
Tränen strömten über ihre schlammbedeckten Wangen. Man konnte sich kaum vorstellen, dass sich ein Mensch gleichzeitig so gut und so schlecht fühlen konnte. Ihr Herz hämmerte vor Erleichterung.
Sie hatte es nach Hause geschafft.
Ihr Vater erwartete sie auf der Veranda. Er trank ein Bier, trug noch das Hemd, das er in der Bank angehabt hatte, saß in seinem Schaukelstuhl und hörte zu, wie sie ihm alles zu erklären versuchte.
Ihre Mutter stand in der Tür hinter dem Fliegengitter. Sie beobachtete sie, während sie die Hände ruhig über ihren aufgetriebenen Bauch gelegt hatte. Ihre Mutter war im achten Monat schwanger.
Als sie ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte, stellte ihr Vater sein Bier ab, stand auf, ging zu ihr hinüber und blieb am äußersten Rand der Veranda stehen.
»Was ist los mit dir?«, fragte er. »Du bist doch sonst so schlau. Wo hast du deinen...
| Erscheint lt. Verlag | 31.3.2014 |
|---|---|
| Übersetzer | Ralf Schmitz |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Stranglehold |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Demütigung • eBooks • Ehe • Ehemann • Gewalt • Heyne Hardcore • Horror • Leichen • Missbrauch • Mord • Psychopath • Psychothriller • Qualen • Roman • Sadismus • Serienmörder • Spannung • Thriller • Verbrechen |
| ISBN-10 | 3-641-14134-6 / 3641141346 |
| ISBN-13 | 978-3-641-14134-9 / 9783641141349 |
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