John Sinclair 1864 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-5529-8 (ISBN)
Er hieß Adrian Cobain und war das, was man einen Gedankenleser nennt. Damit trat er auf, damit machte er seine Show, und er war zudem in der Lage, Menschen zu manipulieren. Er impfte ihnen die Angst ein, und wenn sie Wachs in seinen Händen waren, dann konfrontierte er sie mit der uralten Mumie des Pharao...
Neben Julia saß Sheila Conolly. Sie hatte sich überreden lassen, mit ihr zusammen die Show des Gedankenlesers und Menschenkenners zu besuchen. Er nannte sich selbst so und war ein Psychologe und Menschenkenner zugleich. Er spielte mit seinen Opfern, er manipulierte sie, aber er stellte sie nicht bloß und gab sie nicht der Lächerlichkeit preis.
»Was ist los, Julia?«
»Ach, ich weiß auch nicht.«
»Wieso?«
»Mir ist so warm geworden, glaube ich.«
»Und da hast du geseufzt?«
»War mehr ein Versehen.«
Sheila Conolly schaute ihre Freundin von der Seite her an. Sie hatte jetzt die Antwort gehört. Nun wollte sie sehen, was mit ihr passierte oder passiert war. Der Schweißfilm auf ihrer Haut war nicht zu übersehen, und der unbedingt klare Blick war ebenfalls nicht mehr vorhanden. Julia bewegte zuckend ihre Augen, und wieder atmete sie scharf die Luft ein.
Sheila fragte sich, ob es gut gewesen war, dass Julia eine solche Veranstaltung besuchte. Es war ihr Risiko gewesen. Sie wusste, auf was sie sich einlassen würde. Sie war erwachsen. Daran gab es nichts zu rütteln, und sie hatte auch den Mann auf der Bühne sehen wollen, der Adrian Cobain hieß. Ob das wirklich sein richtiger Name oder ein Pseudonym war, das wusste Sheila nicht.
Sie stieß ihre Freundin noch mal an. »Sollen wir gehen?«, flüsterte sie.
»Nein.«
Sheila nickte. »Aber du hast doch was«, sagte sie.
»Ja. Angst, Sheila. Ja, ich habe Angst.«
»Ach. Und wovor?«
Julia Fleming überlegte, ob sie die Wahrheit sagen sollte. Sie kam sich schon leicht lächerlich vor. Wenn sie sagte, was sie störte, würde Sheila sie kaum für ernst nehmen.
»Es ist schon gut«, sagte sie. »Ich habe das, was man eine normale Angst nennt.«
»Meinst du?«
»Ja.«
Sheila glaubte ihr das nicht, fragte aber auch nicht weiter, sondern ließ ihren Blick wieder nach vorn gleiten, um sich die Bühne näher anzuschauen. Sie sah Adrian Cobain, der durchaus als attraktiver Mann gelten konnte. Er war schlank, mittelgroß, und hatte sich für eine schwarze Kleidung entschieden. Das Haar glänzte lackschwarz und war sorgfältig gescheitelt.
Auf seiner Oberlippe wuchs ein ebenfalls schwarzer Streifen, ein Oberlippenbart.
Die Bühne gehörte ihm. Er war der Chef. Er beherrschte alles und das mit einfachen Bewegungen.
Sheila und ihre Bekannte saßen ziemlich weit vorn. Da Cobain das Publikum mit in seine Show hineinnahm, geriet man als vorn sitzender Gast leicht in den Dunstkreis des Künstlers, der genau wusste, wie er sich zu bewegen hatte.
Er spazierte hin und her. Den Kopf hielt er dabei gedreht, damit er in das Publikum schauen konnte. Seine Haltung war perfekt. Der Rücken durchgedrückt.
Der Gang federnd, und manchmal wirkte er sogar ein wenig arrogant. Er schaute auf die Besucher, die praktisch im Dunkeln saßen und nur ab und zu das Scheinwerferlicht ertragen mussten, wenn es wieder zu einem Spiel auf der Bühne kam.
Schlagartig stoppte er seinen Gang. Die Menschen, die sich vielleicht bei seinen letzten Schritten noch unterhalten hatten, hielten plötzlich die Münder.
Adrian Cobain lächelte. Es war ein Lächeln, an dem sich seine Augen nicht beteiligten. Nach einer Weile nickte er und begann sofort zu sprechen.
»Ihr Glücklichen«, sagte er, »ihr Glücklichen, dass ihr euch überwunden habt, zu mir zu kommen. Das ist ideal gewesen. Das war einfach wunderbar, denn jetzt werde ich einen Gast zu mir bitten, um ihn dann in die Geheimnisse eines fremden Volkes einzuweihen. Es sind wichtige und besondere Geheimnisse. Es ist ein sehr altes Wissen, über das der Glückliche dann verfügt. Oder wird es die Glückliche sein, die ich gleich zu mir auf die Bühne hole?«
Er legte eine Pause ein, als wollte er in die atemlose Stille hineinlauschen, die sich unter den Zuschauern ausgebreitet hatte. Jeder wartete darauf, dass es weiterging, aber jeder hoffte auch, dass es ihn nicht erwischte.
Julia Fleming stöhnte leise auf. Ihre Hände verwandelten sich in Fäuste.
»Was hast du?«, fragte Sheila.
»Nichts, gar nicht.«
»Doch, du hast Angst.« Sheila legte ihre Hand auf die Schulter der Freundin.
»Ja, das habe ich.«
»Okay. Und wovor?«
»Dass es mich erwischt.
Sheila lachte leise. »Unsinn. Es gibt so viele Menschen hier. Warum sollte es gerade dich erwischen?«
»Weil ich so ein Pechvogel bin. Und ich spürte das schon im Voraus, glaube es mir.«
»Unsinn, Julia. Für so etwas bist du gar nicht zuständig, sondern der Typ auf der Bühne.«
»Das sagst du.«
»Und das meine ich auch so.«
Von der Bühne meldete sich Cobain nicht mehr. Er ging stattdessen auf und ab, schaute ins Publikum, lächelte, suchte aus und nickte vor sich hin.
Dann blieb er stehen. Sehr plötzlich, und so heftig, dass es Menschen gab, die leise aufschrien.
Cobain lachte. »Gleich ist es soweit, meine Herrschaften. Einer von Ihnen wird zu mir auf die Bühne kommen und zu einem Wissenden werden, das verspreche ich euch. Ich weiß schon, wen ich mir ausgesucht habe. Ich freue mich auf ihn, auf sie, auf dich, auf …« Er streckte seinen Arm aus, und der rechte Zeigefinger schnellte vor. »Auf dich, meine Liebe!«
Der Mann und der Finger hatten ein Ziel gefunden. Es war eine Frau. Es war Julia Fleming …
***
Auch sie sah den ausgestreckten Finger, und sie wusste sofort, wohin er zeigte. Nämlich auf sie. Und plötzlich gab es für sie auch nur zwei Personen. Den Mann auf der Bühne und sie selbst. Alles andere war in den Hintergrund getreten.
»Sie sind es!«
Ja, ich bin es!, dachte Julia und zitterte leicht. Ich kann es nicht verbergen. Ich bin es. Er zeigt auf mich. Aber ich will es nicht sein. Ich denke gar nicht daran. Ich bin doch nicht verrückt. Nein, nein, der schafft das nicht.
»Würden Sie bitte aufstehen und zu mir auf die Bühne kommen, Madam?«, erkundigte er sich höflich.
Ich bin gemeint!, schoss es Julia durch den Kopf. Sie wollte sich dagegen wehren, aber das schaffte sie nicht. Sie hatte den Blick angehoben und sah in die Augen des Mannes.
Da stand sie auf.
Es gab für sie keine andere Lösung. Sie musste es tun, denn sie sah nur ihn, der auf sie wartete, wie ein Bräutigam auf seine Braut.
»He, Julia …«
Die Stimme hatte sie von der rechten Seite erreicht. Es war Sheila Conolly, die zu ihr gesprochen hatte, die auch gehört worden war, von der sie allerdings keine Notiz mehr nahm.
»Was tust du?«
Julia schwieg. Sie spürte die andere Hand an ihrer und hörte erneut die Stimme.
»Du wolltest doch nicht …«
»Ich muss.«
»Ach ja?«
»Und ich will auch.«
»Bitte, lassen Sie die Lady doch gehen!«, hörte Sheila die Stimme von der Bühne. Sie hob den Blick an und schaute gegen die Augen des Mannes. Für einen winzigen Moment hatte sie den Eindruck, als hätte sich das normale Gesicht zu einer bösen Fratze verzogen, die allerdings wieder sehr schnell verschwand.
»Ja, verdammt, lass mich, Sheila.«
»He, he, nicht so heftig. Aber keine Sorge, ich lasse dich schon los.«
»Das will ich auch meinen.«
Julia Fleming hatte endlich freie Bahn. Die kleine Treppe hatte sie mit wenigen Schritten erreicht, und der Künstler kam ihr mit ausgestreckter Hand entgegen.
Er nahm die ihre und führte sie auf die Bühne, drehte sich dem Publikum entgegen und rief mit lauter Stimme: »Bitte einen kräftigen Applaus für diese wunderbare und auch mutige Lady, die sich allem stellen will, obwohl sie nicht weiß, was auf sie zukommt.«
Der Applaus brandete auf. Manche Gäste trampelten auch. Andere wiederum pfiffen, aber es gab auch eine Zuschauerin, die nicht mitmachte. Das war Sheila Conolly. Sie saß bewegungslos auf ihrem Platz und starrte gegen die Bühne, auf der auch Julia Fleming stand, was ihr ganz und gar nicht passte.
Adrian Cobain stellte sich schräg neben seine Spielpartnerin.
»Darf ich dann um deinen Namen bitte? Der Vorname genügt.«
»Ich heiße Julia Fleming.«
»He, jetzt weiß ich, wie du wirklich heißt, und die anderen Menschen hier wissen es auch.«
»Das ist nicht schlimm.«
»Danke, dass du es so siehst.« Cobain drehte sie jetzt so, dass sich beide anschauten, dann nickte er und fragte: »Wie fühlst du dich?«
»Wie immer.«
»Also nicht schlecht?«
»So ist es.«
»Das freut mich dann, denn niemand soll sich in meiner Nähe schlecht fühlen, verstehst du?«
»Ja, das schon.«
»Dann können wir beginnen?«
»Sicher.«
»Gut, Julia. Strecke mir deinen rechten Arm bitte entgegen, und halte die Finger gestreckt.«
Das tat sie.
»Danke, das ist sehr gut.« Eine Sekunde später fing er damit an, die Hand und auch einen Teil des Arms zu streicheln. Für die Zuschauer war alles gut zu sehen, weil beide jetzt voll im Licht standen. Er streichelte mit sanften Bewegungen, und manchmal sah es so aus, als würde die Handfläche den fremden Arm nicht berühren, sondern sanft über ihn hinweggleiten.
»Spürst du etwas?«
»Ja.«
»Tut es dir gut, Julia?«
»Sehr gut«, flüsterte sie.
»Das freut mich. Es zeigt mir, dass du dich wohl fühlst, obwohl du jetzt deinen Arm nicht mehr bewegen kannst, auch wenn du es willst. Wenn ich dir jetzt sage, senke ihn, dann wirst du...
| Erscheint lt. Verlag | 1.4.2014 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-5529-4 / 3838755294 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-5529-8 / 9783838755298 |
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