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Über Juden (eBook)

Essays

(Autor)

eBook Download: EPUB
2012 | 1., Deutsche Erstausgabe
241 Seiten
Jüdischer Verlag
978-3-633-79560-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Über Juden - György Konrád
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»Das Dasein ist für den Juden eine zu heiligende Aufgabe, kein Provisorium, sondern ein auszufüllender Rahmen, eine Herausforderung, auf die wir mit all unserem Wissen antworten müssen.« »Worin besteht dein Judentum, wenn es sich dabei um keine Religion und keine traditionelle Gemeinschaft handelt?« Diese Frage seines Schriftstellerkollegen Amoz Oz bezeichnet den Urgrund einer Untersuchung in Essays, mit denen György Konrád nach allen Seiten des Judentums Ausschau hält: nach Wurzeln des Jüdischen, nach familiären Erinnerungsdepots, nach der Bedeutung von Gemeinschaft als Lebensstrategie, nach dem Ort des absoluten Verbrechens in Auschwitz, nach einem Weltvolk in Nationalstaaten, aber auch nach den charakteristischen Tugenden und Fehlern des Judentums. Es wäre kein Konrádsches Buch ohne den zugleich melancholisch gefärbten und doch ruhig-hoffnungsvollen Blick über das Kreisen der Reflexionen hinaus. Auf Personen, Orten und Stätten ruht dieser Blick, in denen jüdisches Erbe fortlebt: im Bannkreis der Weltstadt so gut wie in der intimen Provinz eines heimatlichen Dorfes oder eines vertrauten Herzens.

<p>Gy&ouml;rgy Konr&aacute;d wurde am 2. April 1933 in der N&auml;he von Debrecen als Sohn einer j&uuml;dischen Familie in Ungarn geboren. Im Jahr 1944 entging er nur knapp seiner Verhaftung durch Nationalsozialisten und ungarische Pfeilkreuzler, die ihn ins Konzentrationslager Auschwitz deportieren wollten. Mit seinen Geschwistern floh er zu Verwandten nach Budapest und lebte dort in einer Wohnung unter dem Schutz der Helvetischen Konf&ouml;deration. Die Ereignisse dieser Jahre beschrieb er in den B&uuml;chern <em>Heimkehr</em> und <em>Gl&uuml;ck</em>. Konr&aacute;d studierte in Budapest Literaturwissenschaft, Soziologie und Psychologie bis zum Ungarnaufstand 1956. Anschlie&szlig;end arbeitete er von 1959 bis 1965 als Jugendschutzinspektor f&uuml;r die Vormundschaftsbeh&ouml;rde eines Budapester Stadtbezirks. Nebenbei publizierte er erste Essays. Ab 1965 stellte ihn das Budapester Institut und Planungsb&uuml;ro als Soziologen f&uuml;r St&auml;dtebau ein. Sein Romandeb&uuml;t <em> Der Besucher </em>ver&ouml;ffentlichte er 1969. Seit dem Erfolg des Erstlingswerkes konzentrierte er sich auf die literarische Arbeit. In seinen Essays pl&auml;dierte er f&uuml;r ein friedliches Mitteleuropa, das die Grenzen zwischen Ost und West &uuml;berwinden solle. Als Demokrat und Dissident z&auml;hlte er neben V&aacute;clav Havel, Adam Michnik, Milan Kundera oder Pavel Kohout zu den wichtigsten Stimmen vor 1989. Weil er zwischen 1978 und 1988 nicht publizieren durfte, reiste er durch Westeuropa, Amerika und Australien. Das Publikationsverbot wurde erst 1989 aufgehoben. Am 13. September 2019 starb Konr&aacute;d im Alter von 86 Jahren in seinem Haus in Budapest.</p>

Cover 1
Informationen zum Buch/Inhalt 2
Impressum 4
Über Juden 5
I Die erste Entscheidung 7
II Die Pflicht, weiterzuleben 22
III Weltvolk in Nationalstaaten 36
IV Ungarisch-jüdische Bilanz 43
V Tausch 75
VI Alle treffen wir eine Wahl 88
VII Tante Zsófi und Onkel Gyula 99
VIII Über István Farkas 106
IX Zu zweit 115
X Heute gibt es keinen einzigen mehr 123
XI Gedenkstunde 134
XII Das absolute Verbrechen 152
XIII Studienreise 158
XIV Befreiung der Erinnerung? 170
XV Augen 175
XVI Amos Oz auf Entdeckungsreise 182
XVII Europa und Israel 186
XVIII Das alte Budapester Judenviertel 203
XIX Denkmäler 209
XX Wir sind ein Erbe 219
Inhalt 245

I

DIE ERSTE ENTSCHEIDUNG

Jemand, den die Vorsehung zum Kind eines jüdischen Menschenpaars gemacht hat, nimmt zur Kenntnis, wer und was er ist. All das, was er vom Judentum weiß, einschließlich des familiären Erinnerungsdepots, führt ihn unweigerlich auf die eine Frage: ob er sich selbst akzeptieren, ob er sich für den entscheiden soll, als der er geboren wurde, ob er seine Eltern und die weitere Familie annehmen, ob er sich als dazugehörig betrachten soll. Oder aber, ob er sich von dieser Gemeinschaft und Dazugehörigkeit nicht besser befreien sollte. Mit anderen Worten: Ob er sich dazu entscheiden soll, selbst nicht länger Jude zu sein. Begreift er sich indes als Jude, dann ist intensiveres Nachdenken darüber unbedingt geboten.

»Worin besteht dein Judentum, wenn es sich dabei um keine Religion und keine traditionelle Gemeinschaft handelt?« fragte mich im Frühjahr 1986 mein Schriftstellerkollege Amoz Oz. »Wie kann man nach Auschwitz noch immer in Mitteleuropa leben? Die Deutschen haben die Aktion lediglich geleitet, Helfershelfer jedoch unter Österreichern und Polen, Litauern und Ukrainern, Ungarn und Rumänen, Kroaten und Slowaken zur Genüge gefunden. Der gesamte Raum in der Mitte Europas und damit zusammen auch deine Heimat haben zum Ausdruck gebracht, daß sie die Anwesenheit der Juden nicht wünschen, und zu ihrer Vernichtung haben sie mehr oder weniger aktiv beigetragen. Was hast du dort zu suchen?«

Wie bin ich Jude? Möglicherweise kann ich darüber auf den Hügeln von Jerusalem am gründlichsten nachdenken. Ich weiß nicht, woher dieser Starrsinn kommt, daß ich auf Dauer nicht weit weg von jenem Hauseingang wohnen möchte, vor dem ich fast erschossen worden wäre. Einige Häuser weiter weg habe ich als Jungverheirateter gelebt. Auch das mag eine Rolle spielen.

Jude außerhalb Israels zu sein stimmt irgendwie pessimistisch. Ich mache mir nicht einmal Hoffnungen, irgendwo unproblematisch existieren zu können. Warum auch? Ich praktiziere den traditionellen Beruf einer gewissen Sorte von Juden, die Disziplin eines Außenseiters, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Einsamkeit muß ebenso erlernt werden wie Zusammenleben. Vielleicht betrachten Juden die Dinge ähnlich wie ich. Doch wenn ich aus dem Fenster zu den Bäumen und Bergen hinausblicke oder wenn ich voller Rasierschaum in den Spiegel sehe, kommt es mir nicht in den Sinn, daß ich dies als Jude tue.

Die Sehnsucht der Juden nach einer Gemeinschaft ist ergreifend. Deren Erfüllung allerdings läßt noch auf sich warten. In Israel haben sie es erreicht, als Staat einsam zu sein. Im Fach Einsamkeit ein gutes Prüfungsergebnis zu erzielen ist nicht leicht. Der Mensch führt den Allmächtigen und den Kugelschreiber mit sich und sucht nirgendwo nach der Heimat des Mutterschoßes.

Daß es zwischen mir und den anderen einen Abstand gibt, halte ich nicht für tragisch, ja, nicht einmal für traurig. Nirgendwo auf der Welt ist es vorgekommen, daß ich in einer Stadt oder einem Dorf keinen Gesprächspartner gefunden hätte. Gegen Angreifer kann man sich sowohl kollektiv als auch allein in Gesellschaft einiger Freunde verteidigen. Mit Waffengewalt, durch die Feder oder auch nur durch einen stummen Blick. Unsere Hasser müssen wir nicht angreifen, ja, ihnen nicht einmal Aufmerksamkeit schenken.

Die Religion umspannt Person und Gemeinschaft als Lebensstrategie. Die Juden gaben sich allein damit, daß sie lebten, nicht zufrieden. Dabei war auch dies schon ein Geschenk. Von morgens bis abends dachten sie darüber nach, wie ein rechtschaffenes Leben auszusehen habe. In einer Welt, die dich bestraft und gelegentlich sogar tötet, nach deiner eigenen Überzeugung zu leben – ein biblischer Ansporn. Ein verrücktes Volk sind wir. Fixe Ideen, Propheten und Weltrevolutionäre finden sich unter uns in beachtlicher Anzahl.

Selbst wenn er fast genauso ist wie seine Umgebung, selbst wenn er sich alles, was die Aufenthaltskultur ihm zu bieten hat, seinen Fähigkeiten entsprechend angeeignet hat, auch dann bleibt der Jude irgendwie anders. Wer Angst davor hat, sich zu unterscheiden, für den ist es eine ziemlich große Bürde, als Jude geboren zu sein. Er wird gezwungen sein, sich im Sport des Außenseiterseins abzuhärten. Wer gern seine jüdische Identität betont, der wird sich in Israel wohler fühlen. Für jenes eine, daß er Jude und ihm dies anzusehen ist, wird man ihn dort nicht hassen. Aber auch in Israel gibt es Menschen, die eine gar zu große Betonung dieser Tatsache nervös macht.

Es gibt mehr oder weniger aufgeklärte Städte, wo der Mensch nicht verachtet wird, weil er dies oder jenes ist und nicht so wie die anderen. Unter den von mir bisher aufgesuchten Städten war es in New York am natürlichsten, daß die anderen andersartig, verschieden sind. Dort wird der Sich-Unterscheidende am wenigsten dafür bestraft. Will der Mensch sein Zuhause nicht fluchtartig verlassen müssen, dann muß er etwas dafür tun, daß die eigene Stadt ihm, dem anderen, eher mit Neugier als mit Argwohn begegnet. Fühle ich mich in der seelischen Haut des Andersseins wohl und vertrete ich eine passionierte Minderheit, werde ich mich leichter für ein solches Verhalten entscheiden.

Wo es ein seit langem am selben Ort lebendes christliches Mehrheitsvolk gibt, dort ist der Jude Gast, auch wenn seine Vorfahren seit Jahrhunderten dort leben, vielleicht sogar länger als die Nachbarn. Je mehr er sich als Jude zu erkennen gibt, desto eher ist er Gast. Verhält er sich unruhig, kann der Hausherr Lust bekommen, über ihn herzufallen. Der Allmächtige würde das nicht zulassen? Wer weiß. Den Gedanken der Schöpfung müssen wir nicht unbedingt mit der Vorstellung von Güte verbinden. Der Tod rastet nicht, ist raffgierig. Angesichts der Hinfälligkeit des Lebens anderer können einige der Verlockung, es zu vernichten, nicht widerstehen. Der Dämon entbindet die Menschen vom Schuldbewußtsein, um sie zu befähigen, sich auf das Verbrechen einzulassen. Er raunt ihnen zu, daß das Leben einiger nicht heilig sei, setzt Abstraktionen höher an. Der Teufel verleiht Rechtstitel zum Töten.

Meine Onkel, Juden ungarischer Staatsbürgerschaft und Bildung, Patrioten Hungariae, fühlten sich in der Donaumonarchie nicht als Gäste. So waren meine Onkel im Ersten Weltkrieg allesamt mehrfach ausgezeichnete Offiziere des gemeinsamen Heeres geworden. Sie gaben sich tollkühn, droschen Karten, führten ein Lotterleben, sangen und spielten Geige. Fast so wie die vornehmen ungarischen Herren aus der Provinz. Es hat den Anschein, daß dies weniger und auch mehr gewesen sein könnte als das abgewogene Verhalten eines Gastes.

Die sensible Zusammensetzung von Angleichung und Abweichung finden, uns selbst – auf unsere Weise – als Juden behaupten, ohne damit zu prahlen, das haben die weiseren Juden in jenem Annäherungsprozeß versucht, in dem die übereilte Assimilation ebenso ihre Strafe erhielt wie die halsstarrige Dissimilation.

Der Gast sollte ein gut entwickeltes Gefühl für Selbstkritik haben. Sonst ist ein Zusammenleben mit den anderen nicht ohne größere Störungen möglich. Diese Sensibilität ist die Grundvoraussetzung für ein rücksichtsvolles Miteinander. Fähig zur Selbstkritik sind wir nur dann, wenn wir den Juden in uns kennen und pflegen.

In seinen charakteristischen Tugenden sind auch die Fehler des Judentums zu suchen. Die Juden vermögen Leben und Religion nicht mit der gebotenen heiteren Gelassenheit voneinander zu trennen. Was nicht geweiht worden ist, dem haftet in ihren Augen Zweifelhaftes an. Sich isolierender Hochmut, Ablehnung des Besten vom Mastrind, des Rückens also. Wenn Juden sich von den Geboten und Verboten der eigenen Religion distanzieren, neigen sie zur Suche nach einem neuen Glauben, einer umfassenden Lebensstrategie. Juden, so könnten wir sagen, sind religionshungrig.

Wir wollen uns dessen, daß unser Tun richtig sei, sicher sein. Jovialer Zynismus sich behaglichen Einrichtens im moralisch Verdächtigen ist uns fremd. Fragwürdiges Handeln versuchen wir, mit dem Herrn abzustimmen. Zwar täuschen wir ihn gelegentlich, doch übergehen können wir ihn nicht. Entweder feilschen wir mit dem Ewigen, oder aber wir verleugnen ihn.

Verleugnen wir ihn, dann fabrizieren wir uns eine andere Gottheit. Wenn schon keine göttliche, dann menschliche Transzendenz, gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle Götter, revolutionären oder toleranten Fortschritt. Und wir fangen an, das eine oder andere Gesicht unserer Welt zu vergöttlichen. Soziologische Begriffe erhalten die Geltung einer Offenbarung. Neuartige Beschreibungen von Mechanismen des Universums und des menschlichen Bewußtseins, Manifeste und die ars poetica vermögen wir für lebenswichtig zu halten.

Dies kann auch als groteskes Verhalten an sich auffallen. Noch dazu geht es mit jener Unannehmlichkeit einher, daß es unter den Juden viele gibt, die bedrückend wertorientiert, urteilend, streng oder sarkastisch sind. Ich kenne mehrere Juden, die andere persönlich dafür verantwortlich machen, daß sie ihre Meinung nicht teilen. Die häufig einem Verstehen vorgreifende Kritik wird umrankt von einem Moralkult. Für jenen Menschen, der so schrecklich korrekt ist, sind die anderen inkorrekt.

Die Erinnerungen an das Ghetto und an die Vernichtungslager sowie die damit verbundenen intuitiven Automatismen bleiben in der Seele, in der schriftlichen und mündlichen Überlieferung der Juden gegenwärtig. Mit dem in die Seelen eingebrannten Ghetto hängt der auf der Lauer liegende Kritizismus zusammen. Oft hat es den Anschein, als wäre uns die trennende Grenze wichtiger als die erotische...

Erscheint lt. Verlag 19.9.2012
Übersetzer Hans-Henning Paetzke
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Original-Titel Zsidókról
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Aufsatzsammlung • Buber-Rosenzweig-Medaille 2014 • Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1991 • Geschichte • Goethe-Medaille 2000 • Identität • Juden • Karls-Preis der Stadt Aachen 2001 • Ungarn • Zsidókról deutsch
ISBN-10 3-633-79560-X / 363379560X
ISBN-13 978-3-633-79560-4 / 9783633795604
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