Oryx und Crake (eBook)
384 Seiten
Berlin Verlag
978-3-8270-7747-9 (ISBN)
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde für inzwischen mehrere Generationen zum Kultbuch. Zudem stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr "Report der Magd" wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
2
Scheiterhaufen
Vor langer Zeit war Schneemensch noch nicht Schneemensch. Sondern Jimmy. Damals war er ein netter Junge.
Jimmys früheste vollständige Erinnerung war ein riesiges Feuer im Freien. Er muss fünf, vielleicht sechs Jahre alt gewesen sein. Er trug rote Gummistiefel mit einem lächelnden Entengesicht auf jeder Zehe; daran erinnert er sich, denn nachdem er das Feuer gesehen hatte, musste er mit diesen Stiefeln durch eine Wanne mit Desinfektionsmittel laufen. Sie sagten, das Desinfektionsmittel sei giftig und er solle nicht spritzen, woraufhin er fürchtete, das Gift könnte den Enten in die Augen geraten und ihnen wehtun. Man hatte ihm gesagt, die Enten seien nur Bilder, sie seien nicht echt und hätten keine Gefühle, aber ganz überzeugt war er nicht.
Sagen wir fünfeinhalb, denkt Schneemensch. Das dürfte hinkommen.
Es könnte Oktober gewesen sein oder November; die Blätter hingen noch an den Bäumen und waren orange und rot gefärbt. Der Boden war schlammig – anscheinend standen sie auf einer Wiese –, und es nieselte. Das Feuer war ein riesiger brennender Scheiterhaufen aus Kühen und Schafen und Schweinen. Ihre Beine ragten steif und gerade in die Höhe; sie waren mit Benzin übergossen worden, und die Flammen loderten wild heraus und zum Himmel hinauf, gelb und weiß und orange und rot, und es roch stark nach verbranntem Fleisch. Es war wie der Grill hinter dem Haus, wenn sein Vater etwas briet, aber viel stärker, und darunter mischte sich ein Tankstellengeruch und der Gestank nach verbrannten Haaren.
Wie verbrannte Haare rochen, wusste er, denn er hatte sich mit der Nagelschere ein Büschel von seinen eigenen Haaren abgeschnitten und mit dem Feuerzeug seiner Mutter angezündet. Die Haare waren knisternd zusammengeschnurrt, ineinander verkrümmt wie ein Nest dünner schwarzer Würmer, und er hatte noch ein Büschel abgeschnitten und ebenfalls angezündet. Als man ihn erwischte, waren seine Haare entlang der Stirn unregelmäßig zerfranst. Sie machten ihm Vorwürfe, und er sagte, es sei ein Experiment gewesen.
Sein Vater hatte gelacht, seine Mutter nicht. Immerhin, sagte sein Vater, habe Jimmy so viel Verstand bewiesen, die Haare erst abzuschneiden, bevor er sie abfackelte. Seine Mutter sagte, es sei ein Glück, dass er nicht das ganze Haus niedergebrannt habe. Dann stritten sie über das Feuerzeug, das nicht da gewesen wäre (sagte sein Vater), wenn seine Mutter nicht geraucht hätte. Und seine Mutter sagte, alle Kinder seien im Grunde ihres Herzens Brandstifter und ohne Feuerzeug hätte er eben Streichhölzer verwendet.
Sobald die beiden zu streiten begonnen hatten, war Jimmy erleichtert, denn jetzt wusste er, dass er nicht bestraft werden würde. Er musste nichts weiter tun, als still zu sein, und bald würden sie vergessen, warum sie überhaupt gestritten hatten. Aber er fühlte sich auch schuldig, weil er schließlich die Ursache ihres Streits war. Der, das wusste er, damit enden würde, dass eine Tür zugeknallt wurde. Er versank tiefer und tiefer in seinem Stuhl, während die Worte über seinen Kopf hinwegschwirrten, und schließlich kamen das Türknallen – von seiner Mutter diesmal – und der Windstoß, der es begleitete. Es gab immer einen Windstoß, wenn die Tür zugeknallt wurde, ein kleines Schnauben – wuff – direkt in seinen Ohren.
»Keine Sorge, alter Kumpel«, sagte sein Vater. »Den Frauen platzt immer leicht der Kragen. Sie wird sich wieder abregen. Essen wir ein Eis.« Das taten sie: aßen Himbeereis aus den mexikanischen Müslischalen mit den blauen und roten Vögeln, handgemalt, weshalb sie nicht in die Spülmaschine durften, und Jimmy aß sein Eis ganz auf, um seinem Vater zu zeigen, dass alles okay war.
Frauen und die innere Hitze, die ihnen den Kragen platzen ließ. Heiß und kalt, ein ständiger Wechsel in dem fremdartigen, moschusduftenden, blütenreichen, wetterwendischen Reich unter ihren Kleidern – geheimnisvoll, wichtig, unkontrollierbar. Das war die Ansicht seines Vaters. Aber um die Körpertemperatur der Männer ging es nie; sie wurde nicht einmal erwähnt, jedenfalls nicht in seiner Kindheit, außer wenn sein Vater sagte: Bleib kühl! Wieso nicht? Warum nichts über die platzenden Krägen der Männer? Diese glatten, scharfkantigen Krägen mit ihren dunklen, schwefeligen, knisternden Unterseiten. Er hätte auch darüber ein paar Theorien brauchen können.
Am nächsten Tag ging sein Vater mit ihm zu einem Friseur, wo im Fenster das Bild eines hübschen Mädchens mit Schmollmund hing. Das schwarze T-Shirt über eine Schulter heruntergezogen, starrte sie aus verschmierten Kohleaugen, die Haare standen steif wie Federkiele ab. Drinnen im Laden war der geflieste Boden voller Haare in Büscheln und Strähnen; sie wurden mit einem Besen zusammengeschoben. Der Friseur legte Jimmy zuerst einen schwarzen Umhang um, aber der war eher eine Art Lätzchen, und das wollte Jimmy nicht, das war kindisch. Der Friseur lachte und sagte, das sei kein Lätzchen, denn wer hätte je von einem Baby mit schwarzem Lätzchen gehört? Es war also in Ordnung; und dann bekam Jimmy einen Kurzhaarschnitt verpasst, um die zerfransten Stellen auszugleichen, was vielleicht überhaupt seine wahre Absicht gewesen war – kürzere Haare. Dann bekam er Zeug aus einer Tube auf den Kopf, um die Haare fest zu machen. Es roch nach Orangenschalen. Er lächelte sich im Spiegel an, dann schnitt er ein finsteres Gesicht mit gerunzelten Brauen.
»Harter Junge«, sagte der Friseur und nickte Jimmys Vater zu. »Ein echter Tiger.« Er fegte Jimmys Haare zu den anderen Haaren auf dem Boden, dann nahm er ihm mit schwungvoller Geste den schwarzen Umhang ab und hob Jimmy vom Stuhl.
Während des Feuers hatte Jimmy Angst um die Tiere, weil sie verbrannt wurden, und das tat ihnen sicher weh. Nein, sagte sein Vater, die Tiere seien tot. So tot wie Steaks und Würste, nur dass sie noch das Fell anhatten.
Und die Köpfe, dachte Jimmy. Steaks hatten keine Köpfe. Die Köpfe änderten die Sache: Er meinte zu sehen, wie ihn die Tiere aus ihren brennenden Augen vorwurfsvoll ansahen. Irgendwie war das alles – das riesige Feuer, der verkohlte Gestank, vor allem aber die lodernden, leidenden Tiere – seine Schuld, weil er nichts getan hatte, um sie zu retten. Gleichzeitig war das Feuer ein prächtiger Anblick – leuchtend wie ein Christbaum, allerdings ein brennender Christbaum. Er hoffte auf eine Explosion am Ende, wie im Fernsehen.
Sein Vater stand neben ihm und hielt ihn an der Hand. »Heb mich hoch«, sagte Jimmy. Sein Vater nahm an, dass er getröstet werden wollte, was stimmte, nahm ihn in die Arme und hielt ihn fest. Aber Jimmy wollte auch besser sehen.
»Darauf läuft es hinaus«, sagte Jimmys Vater, nicht zu Jimmy, sondern zu einem Mann, der neben ihm stand. »Wenn es erst mal angefangen hat.« Jimmys Vater klang zornig; die Antwort des Mannes ebenfalls.
»Sie sagen, es war Absicht.«
»Würde mich nicht wundern«, sagte Jimmys Vater.
»Kann ich ein Kuhhorn haben?«, fragte Jimmy. Er sah nicht ein, warum es verschwendet werden sollte. Er wollte eigentlich um zwei Hörner bitten, aber das wäre vielleicht zu viel verlangt.
»Nein«, sagte sein Vater. »Diesmal nicht, alter Kumpel.« Er tätschelte Jimmys Bein.
»Um die Preise in die Höhe zu treiben«, sagte der Mann. »Um mit ihrem eigenen Zeug mörderische Gewinne zu machen.«
»Mörderisch ist es allerdings«, sagte Jimmys Vater in angewidertem Ton. »Aber es könnte auch ein Wahnsinniger gewesen sein. Irgendein Kult-Ding, was weiß man denn.«
»Warum nicht?«, sagte Jimmy. Die Hörner wollte sonst niemand. Aber diesmal beachtete sein Vater ihn nicht.
»Die Frage ist, wie haben sie das hingekriegt?«, sagte er. »Ich dachte, unsere Leute hätten uns hermetisch abgeriegelt.«
»Das dachte ich auch. Wir blechen schließlich genug. Was tun die Typen die ganze Zeit? Sie werden ja nicht fürs Schlafen bezahlt.«
»Könnte Bestechung gewesen sein«, sagte Jimmys Vater. »Sie werden die Banküberweisungen nachprüfen, obwohl man schon ziemlich bescheuert sein müsste, um solches Geld auf der Bank zu deponieren. Jedenfalls werden Köpfe rollen.«
»Eine gründliche Untersuchung, und ich möchte nicht in ihrer Haut stecken«, sagte der Mann. »Wer kommt denn von draußen rein?«
»Leute, die was reparieren. Lieferwagen.«
»Man müsste das alles intern erledigen.«
»So ist es geplant, höre ich«, sagte sein Vater. »Der Erreger scheint aber was Neues zu sein. Wir haben den Bioprint.«
»Da können auch zwei mitspielen«, sagte der Mann.
»Da können jede Menge mitspielen«, sagte Jimmys Vater.
»Warum haben die Kühe und die Schafe gebrannt?«, fragte Jimmy seinen Vater am nächsten Tag. Sie saßen beim Frühstück, alle drei zusammen, es muss also ein Sonntag gewesen sein. Das war der Tag, an dem Mutter und Vater beide beim Frühstück da waren.
Jimmys Vater war bei seiner zweiten Tasse Kaffee. Während er trank, machte er sich Notizen auf einem Blatt voller Zahlen. »Sie mussten verbrannt werden«, sagte er, »damit es sich nicht ausbreitet.« Er blickte nicht auf; er war mit seinem Taschenrechner beschäftigt, kritzelte etwas mit dem Bleistift.
»Was ausbreitet?«
»Der Erreger.«
»Was ist ein Erreger?«
»Ein Erreger macht dir einen Husten«, sagte seine Mutter.
»Werde ich auch verbrannt, wenn ich Husten habe?«
»Höchstwahrscheinlich«, sagte sein Vater und drehte das Blatt um.
Jimmy bekam Angst, denn er hatte in der letzten Woche gehustet. Die Husterei...
| Erscheint lt. Verlag | 10.3.2014 |
|---|---|
| Übersetzer | Barbara Lüdemann |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Dystopie • Erzählungen • Friedenspreis des Deutschen Buchhandels • Gentechnik • Gesellschaft • Kanadische Literatur • Liebesgeschichte • Umweltkatastrophe • Wald • Wissenschaft • Zivilisationskritik • Zukunft |
| ISBN-10 | 3-8270-7747-8 / 3827077478 |
| ISBN-13 | 978-3-8270-7747-9 / 9783827077479 |
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