Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Koala (eBook)

Roman
eBook Download: PDF
2014 | 1. Auflage
184 Seiten
Wallstein Verlag
978-3-8353-2595-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Koala -  Lukas Bärfuss
Systemvoraussetzungen
8,99 inkl. MwSt
(CHF 8,75)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Lukas Bärfuss hat einen gedanklich weit ausgreifenden Roman geschrieben, der über die Frage, warum jemand willentlich den Tod gesucht hat, zu einer anderen vordringt: Welche Gründe gibt es, sich für das Leben zu entscheiden? Ein ganz gewöhnlicher Mensch, sein ganz gewöhnliches Leben und sein ganz gewöhnliches Ende. Aber nichts an dieser Geschichte in Lukas Bärfuss` neuem Roman will uns gewöhnlich scheinen. Denn das erzählte Ende ist ein Suizid, und der ihn verübt hat, ist sein Bruder. Auch wenn die Statistik sagt, dass für die Menschen zwischen zwanzig und vierzig Jahren Suizid die zweithäufigste Todesursache überhaupt ist, hilft das niemandem in seinem individuellen Schicksal. Die Fragen, die sich unweigerlich stellen, finden nicht zu Antworten, die denen, die zurückbleiben, wirklich Trost spenden. Bärfuss spürt dem Schicksal des Bruders nach, über das er zunächst wenig weiß. Und er begegnet einem großen Schweigen. Das Thema scheint von einem großen Tabu umstellt. Und von einem Geheimnis. Warum nannten seine Freunde ihn Koala? Wie kam er zu diesem Namen? Und hat vielleicht der Name gar das Schicksal des Bruders mitbestimmt; wird ein Mensch seinem Namen ähnlich? Die Geschichte der Tierart in Australien, die heute vor der Ausrottung steht, gerät in den Blick des Autors, und so ist das Buch auch eine Natur-Geschichte über den Umgang des Menschen mit dem anderen Menschen, mit dem Tier, mit Gewalt überhaupt.

Lukas Bärfuss, geb. 1971 in Thun/Schweiz, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatiker. Seine Stücke werden weltweit gespielt. Sein überaus erfolgreicher Debütroman »Hundert Tage' wurde für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert und in 17 Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss lebt in Zürich. Preise u. a.: Mülheimer Dramatikerpreis (2005)- Anna-Seghers-Preis (2008)- Mara-Cassens-Preis (2008)- Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (2009)- Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis (Sonderpreis) (2009)- Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster (2010)- Kulturpreis Berner Oberland (2011)- Berliner Literaturpreis (2013)

Lukas Bärfuss, geb. 1971 in Thun/Schweiz, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatiker. Seine Stücke werden weltweit gespielt. Sein überaus erfolgreicher Debütroman »Hundert Tage" wurde für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert und in 17 Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss lebt in Zürich. Preise u. a.: Mülheimer Dramatikerpreis (2005)- Anna-Seghers-Preis (2008)- Mara-Cassens-Preis (2008)- Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (2009)- Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis (Sonderpreis) (2009)- Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster (2010)- Kulturpreis Berner Oberland (2011)- Berliner Literaturpreis (2013)

Umschlag 1
Titel 4
Widmung 5
Text 6
Impressum 185

Wann sie kamen, war ungewiss, aber sie kamen nach Mitternacht. Er hörte Stimmen, im nächsten Augenblick sah er Lichter am Innenzelt, und ehe er begriff, riss jemand den Reißverschluss hoch, zerrte ihn aus den Decken und zog ihn ins Freie.

Da standen sie in einem Halbkreis. Fackeln erhellten ihre von Ruß geschwärzten Gesichter, einige in Kapuzen, andere mit Masken, Schweine, Hexen, Dämonen. Er kannte sie, einen jeden von ihnen. Einer löste sich aus der Reihe, trat auf ihn zu, fesselte seine Hände mit einem Kälberstrick, nahm ihm die Brille ab und verband seine Augen.

Dann ging es los.

Er wusste, was jetzt kommen würde.

Jedenfalls glaubte er, dass er es wusste.

Sie trieben ihn aus dem Lager, zogen ihn eine Böschung hinauf, wo seine nackten Füße auf dem feuchten Gras ausrutschten. Er fiel mit dem Gesicht halb in den Dreck, halb auf seine Faust, die er zum Schutz hochgerissen hatte. Einen Moment blieb er liegen. Der Geruch von feuchter Erde, nicht unangenehm.

Komm, steh auf. Weinen wird nicht helfen. Du musst weiter.

Bald stand er auf einem abschüssigen Weg, über groben Kies und durch frische Kuhfladen ging es bergab in einen Wald hinein, dessen Finsternis er selbst durch die Augenbinde erkennen konnte. Er hatte alle Mühe, auf den Beinen zu bleiben, so rasend zogen sie ihn vorwärts. An Baumstrünken und losen Steinen schlug er sich die Knöchel blutig, er schrie, es war ihnen egal. Irgendwo hörte er, wie eine Trommel schlug und eine Flöte eine idiotische Melodie aus drei Tönen spielte – als wollte sie ihn verhöhnen. Immer wieder vernahm er Stimmen, kurze Zurufe, in denen er ihre eigene Angst erkannte. Sie fürchteten sich vor der Nacht. Vor dem, was sie taten. Sie hatten Angst vor sich selbst, und das war nichts, was ihn beruhigte.

Irgendwann spürte er feuchte Bohlen unter seinen Füßen und die Nähe von Wasser. Eine Schwelle – er trat ins Leere, taumelte, fing sich wieder, aber der Boden schwankte, und er fand nur schwer das Gleichgewicht. Eine Hand legte sich auf seine Schulter und bedeutete ihm, dass er sich setzen solle. Nichts als ein nacktes Brett unter seinem Hintern – gute Fahrt, rief da noch einer, und dann wurde der Kahn hart hinaus aufs Wasser gestoßen. Augenblicklich umfing ihn Stille, es wurde kühler, er fröstelte. Sein Schweiß verdampfte in der Nacht, er zitterte und begriff: Er war alleine, alleine auf einem Boot, gefesselt und mit verbundenen Augen. Er wusste: Nach ein paar hundert Metern kam das Stauwehr. Und nach dem Stauwehr? Da kam nichts mehr.

Er musste eine Entscheidung treffen.

Versuchen, sich von den Stricken zu befreien und an Land schwimmen?

Ruhig sitzen bleiben und nicht aufbegehren?

War das die Prüfung?

Wie sollte er sich entscheiden?

Wer war er denn? Ein kleiner Scheißer in einem Bugs Bunny-Pyjama. Ein kleiner Scheißer mit einer dicken Brille. Ein kleiner Scheißer, dem gerade die ersten Haare am Sack wuchsen. Ein kleiner Scheißer aus einem kleinen Scheißkaff, wo es nichts gab außer Fabriken und Soldaten. Und so ein kleiner Scheißer wie er entscheidet sich nicht. Er macht sich die Hose nass. Und beginnt zu plärren, leise nur, damit die Nacht es nicht hört.

Er hatte gedacht, dass die Sache Spaß machen würde.

Wenigstens ein bisschen.

Und während er starr vor Kälte und Angst langsam auf das Wehr zutrieb und in die Finsternis lauschte, erklang mit einem Male die Flötenmelodie wieder, ganz nahe diesmal. Er hatte sich geirrt. Er war nicht alleine auf diesem Boot und fragte sich, ob ihn diese Erkenntnis erleichtern oder zusätzlich beunruhigen sollte – da geriet das Boot ins Schwanken, jemand packte ihn und löste seine Fesseln. Die Augen immer noch verbunden, machte man sich an seinen Armen zu schaffen, und es dauerte einen Moment, bis er begriff. Er sollte etwas anziehen. Etwas Klammes, Steifes. Eine Weste. Aber wozu?

Ein Stoß in den Rücken, er taumelte, fiel, die kalte Tiefe verschlang ihn. Er sank, ergeben, bis fast auf den Grund. Das Sirren der Kiesel in der Strömung. Er war zu erschrocken, um zu schwimmen, aber das war auch nicht nötig. Mit einem Seil an der Weste zogen sie ihn ans Ufer, wie eine verlorene Fracht hievten sie ihn an Land.

Drei Hexen waren es, die dem Patschnassen Weste und Augenbinde abnahmen, ihm eine Decke über die Schultern legten und die Brille wieder auf die Nase setzten. Er stand zwischen hohen Tannen, von irgendwo drang ein Schimmer, er wusste nicht, woher.

Sie gaben ihm einen Brei zu essen, einen ekligen Schleim, den er nicht runterbrachte, was bei einer der drei Hexen Mitleid zu erregen schien, jedenfalls reichte sie ihm lächelnd einen Becher. Er trank, es war Essig, er spuckte, würgte, sie lachten ihn aus und ließen ihn stehen, tanzten zu der Flöte und der Trommel, zu den Tönen, die aus der Nacht über ihm zu fallen schienen, drei wilde Geister, die über den Waldboden wirbelten und plötzlich in seinem Rücken verschwanden.

Er drehte sich um und sah noch, wie sie in eine Tanne stiegen.

Jetzt wusste er, was er zu tun hatte.

Ast um Ast nahm er, stieg höher und höher, hinauf, woher das Licht kam. Da saßen sie, der ganze Stamm, zu zweit, zu dritt auf einem Ast, dreißig schmutzige Vögel, Kerzen in ihren offenen Händen erhellten pausbäckige Gesichter, sie grinsten ihn an, Flaum um manches Kinn, dreißig kleine Scheißer wie er selbst.

Keiner von ihnen hatte in den vergangenen zehn Tagen ein Stück Seife gesehen oder die Unterhose gewechselt. Sie aßen geröstete Haferflocken, Fleischkonserven und Aprikosen aus der Dose, sie setzten sich auf einen Balken und kackten in die Grube, die sie in den Waldboden gegraben hatten. Sie legten sich mit den Fliegen und Mücken in ihren Zelten schlafen, in der muffigen Luft feuchter Socken und schlammverkrusteter Hosen. Kinder noch, mit absonderlichen Ritualen und einer unerbittlichen Hackordnung. Jene, die keine Protektion genossen, wurden mit Pflöcken auf den Waldboden gespannt, ausgebreitet wie Leonardos vitruvianischer Mensch, den Launen der Fähnriche und der Ameisen überlassen. Bis in die Dämmerung trieben sie sich im Gelände herum, interessierten sich fürs Wichsen und die Knochen, die sie im Schlick fanden, in der Schlucht, auf einer Erkundung des Flussbettes, und die manche für menschliche hielten. Sie interessierten sich für die im First des Hauptzeltes eingehängten Kavalleriesäbel, gekreuzt und blankgezogen, an deren Schneide sich einer die Stirn aufschlitzte. Der Mull, mit dem man das Blut stillte, ergab mit den Knochen aus der Schlucht ein hübsches Paket, das man einer lästigen Verehrerin mit der Aufforderung sandte, den Tod des Geliebten anzuerkennen und einzusehen, dass weitere Liebesbezeugungen sinnlos seien. Für Mädchen und zarte Gefühle hatte man keinen Sinn. Man ergötzte sich lieber an den frisch gefetteten Klappspaten, die sie wie das restliche Gerät in den Zeughäusern der Armee beschafften. Sie erörterten keine Fragen des Gemüts, sondern die Art und Weise, wie ein doppelter Palstek korrekt geknüpft wurde und wie viele Drehungen ein ordentlicher Henkerknoten mindestens aufweisen musste – es waren nach allgemeiner Auffassung acht. Sie interessierten sich für jede Art der Fesselung, besonders für jene ohne Seil und Strick, bei der man die Beine so um den Stamm einer jungen Tanne knotete, dass der Unglückliche im Schneidersitz seinen Baum umschlang wie ein Kind, das sich vor dem unbekannten Besuch fürchtet, das Bein der Mutter. Morsen war eine weitere Leidenschaft, sowohl das gewöhnliche mit Taschenlampen, Hohlspiegeln oder Flaggen, mit deren Hilfe man Botschaften ohne wesentlichen Inhalt von einem Hügel zum anderen übermittelte – beim anderen Morsen hingegen, auf der Brust eines kleinen Scheißers, der es gewagt hatte, die Aufmerksamkeit eines großen Scheißers zu erregen, waren die Nachrichten, mit denen man die Rippen des Unbelehrbaren traktierte, von Bedeutung: Punkt, Punkt, Strich, Punkt, Strich, Punkt, Punkt – Ich soll das Schanzwerkzeug nicht ungeputzt zurück in die Kiste legen. Mit Fresspaketen geht man zuerst zu den Fähnrichen. Die Äquidistanz zwischen zwei Höhenkurven beträgt auf einer Landkarte im Maßstab eins zu fünfundzwanzigtausend zehn, nicht fünfzehn Meter.

In diese Gesichter schaute er nun und wartete, dass man ihm seinen Namen nannte, den Namen, mit dem er von nun an gerufen werden und der ihm seine andere, geheime Persönlichkeit enthüllen würde, sein wahres Wesen, verborgen vor der Gesellschaft, hier aber lebendig und sichtbar. Er war bereit, seinem Signum zu begegnen, seinem Totem, das ihn behüten würde, nicht nur unter seinen Kameraden. Die Kraft seines Totems, seine Sendung sollten ihn leiten auch jenseits dieses Zirkels, unter jenen, die nichts von seiner Existenz wussten, nichts von seinem ständigen Begleiter, dem ewigen Schatten, der Quelle seiner Kraft, Zuflucht und Schicksal.

Mit seinem ersten Namen würde man nach ihm rufen, der zweite Name...

Erscheint lt. Verlag 3.3.2014
Verlagsort Göttingen
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Australien • Bruder • Familie • Freitod • Geheimnisse • Geschwister • Koala • Leben • Lebensgeschichte • Lebenswille • Lukas Bärfuss • Natur • Roman • Schicksal • Selbstmord • Sterben • Suizid • Tabu • Tabuthema • Tierarten • Tod
ISBN-10 3-8353-2595-7 / 3835325957
ISBN-13 978-3-8353-2595-1 / 9783835325951
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
PDFPDF (Ohne DRM)

Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopier­schutz. Eine Weiter­gabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persön­lichen Nutzung erwerben.

Dateiformat: PDF (Portable Document Format)
Mit einem festen Seiten­layout eignet sich die PDF besonders für Fach­bücher mit Spalten, Tabellen und Abbild­ungen. Eine PDF kann auf fast allen Geräten ange­zeigt werden, ist aber für kleine Displays (Smart­phone, eReader) nur einge­schränkt geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür einen PDF-Viewer - z.B. den Adobe Reader oder Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür einen PDF-Viewer - z.B. die kostenlose Adobe Digital Editions-App.

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Roman

von Wolf Haas

eBook Download (2025)
Carl Hanser (Verlag)
CHF 18,55