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Oh süße Lust (eBook)

Für alle im Rausch der Leidenschaft

Mia Meyster (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2014 | 1. Auflage
160 Seiten
Hoffmann und Campe (Verlag)
978-3-455-89006-8 (ISBN)

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Oh süße Lust -
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Vom ewig währenden Spiel um Lust und Liebe erzählen diese Gedichte, Briefe und Geschichten. Sinnlich und leidenschaftlich, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen schreiben Dichterinnen und Dichter über Verlangen, Erfüllung und Genuss. Mit Texten von Giacomo Casanova, Stefan Zweig, Richard Brautigan, Heinrich Heine. Ricarda Huch, Wolf Biermann, José Saramago u. v. a.

Giacomo Casanova Die schöne O-Morphi


Als ich eines Tages mit meinem Freunde Patu auf der Messe Saint-Laurent war, bekam er den Einfall, mit einer vlamischen Schauspielerin, namens Morphi, zu soupieren, und er lud mich ein, mich daran zu beteiligen. Das Mädchen hatte für mich keinen Reiz; aber was tut man nicht einem Freund zuliebe? Ich stimmte also zu. Nachdem wir mit der Schönen gespeist hatten, bekam Patu Lust, die Nacht einer süßeren Beschäftigung zu widmen, und da ich ihn nicht verlassen wollte, so verlangte ich ein Kanapee, um darauf in Züchten die Nacht zu verbringen.

Die Morphi hatte eine Schwester, einen kleinen Schmutzfinken von etwa dreizehn Jahren; diese sagte mir: wenn ich ihr einen kleinen Taler geben wollte, würde sie mir ihr Bett abtreten. Ich erklärte mich einverstanden, und sie führte mich in ein Kämmerchen, wo ich einen Strohsack auf vier Brettern fand.

»Und das nennst du ein Bett, mein Kind?«

»Ich habe kein anderes, mein Herr.«

»So eins will ich nicht, und du bekommst deinen kleinen Taler nicht.«

»Sie wollten sich also auskleiden?«

»Selbstverständlich.«

»Welch’ ein Einfall! Wir haben gar keine Bettlaken.«

»Du schläfst also ganz angezogen?«

»O nein!«

»Nun, so lege dich hin, wie du es sonst tust, und ich gebe dir den kleinen Taler.«

»Warum denn?«

»Ich will dich in diesem Zustand sehen.«

»Aber Sie werden mir nichts tun?«

»Ganz und gar nichts!«

Sie legt sich auf den armseligen Strohsack und deckt sich mit einem alten Vorhang zu. Wie sie so daliegt, denke ich nicht mehr an ihre Lumpen; ich sehe nur noch eine vollendete Schönheit. Aber ich möchte sie ganz sehen. Ich treffe Anstalten, meinen Wunsch zu befriedigen; aber sie widersetzt sich. Ein Sechsfrankentaler macht sie gefügig, und da ich an ihr keinen anderen Mangel sehe als völlige Abwesenheit von Sauberkeit, so beginne ich sie eigenhändig abzuwaschen.

Du wirst mir erlauben, lieber Leser, eine ebenso einfache wie natürliche Kenntnis vorauszusetzen: nämlich, dass in derartigen Fällen mit der Bewunderung eine andere Art von Beifallsbetätigung untrennbar verbunden ist. Zum Glück, und wie es auch nicht anders zu erwarten war, fand ich die kleine Morphi bereit, mich alles machen zu lassen mit Ausnahme des einzigen, woran mir nichts lag. Sie erklärte mir, das würde sie mir nicht erlauben, denn nach der Meinung ihrer Schwester wäre das fünfundzwanzig Louis wert. Ich antwortete ihr, über den Preis für diesen Hauptpunkt würden wir ein anderes Mal sprechen; vorläufig wollten wir ihn ganz außer acht lassen. Nachdem sie hierüber beruhigt war, stand alles übrige mir zur Verfügung, und ich fand an ihr eine trotz der Frühreife sehr ausgebildete Begabung.

Die kleine Helene brachte ihrer Schwester getreulich die sechs Franken, die ich ihr gab, und erzählte ihr, wie sie sie sich verdient hatte. Als ich gehen wollte, kam sie zu mir und sagte mir, wenn ich Lust hätte, würde sie etwas vom Preise ablassen, denn sie brauche Geld. Ich antwortete ihr lachend, ich würde sie am nächsten Tage besuchen. Patu, dem ich mein Erlebnis erzählte, glaubte, ich übertriebe, und um ihm zu beweisen, dass ich ein Kenner weiblicher Schönheit sei, bestand ich darauf, dass er sich Helenen in derselben Stellung ansähe, worin ich sie gesehen hätte. Er gab zu, dass der Meißel des Praxiteles niemals etwas Vollkommeneres habe schaffen können. Weiß wie eine Lilie bot Helene das schönste Bild, das Natur und Malerkunst zusammen hervorzaubern könnten. Ihre schönen Züge hatten etwas so Liebliches, dass dem Beschauer ein unbeschreibliches Glücksgefühl, eine köstliche Ruhe sich in die Seele senkten. Sie war blond, und trotzdem hatten ihre herrlichen blauen Augen den ganzen Glanz der schönsten schwarzen Augen.

Am nächsten Abend besuchte ich sie wieder; da ich mich jedoch zu dem geforderten Preise nicht verstehen wollte, machte ich mit der älteren Schwester ab, ich sollte für jeden Besuch zwölf Franken bezahlen, wofür mir die Benützung ihres Zimmers freistände; diese Abmachung sollte so lange gelten, bis ich Lust bekäme, ihr sechshundert Franken zu zahlen. Es war ein starker Wucher, aber die Morphi war von griechischer Abstammung und über leere Gewissensbedenken völlig erhaben. Ich hatte gar keine Lust, ihr diese hohe Summe zu geben, weil ich kein Verlangen nach dem Gegenwert empfand; was ich erhielt, war alles, was ich wünschte.

Die ältere Schwester glaubte mich an der Nase zu führen, denn in zwei Monaten hatte ich dreihundert Franken ausgegeben, ohne etwas mit dem Mädchen gemacht zu haben; sie schrieb diese Zurückhaltung meinem Geiz zu; ein sonderbarer Geiz!

Ich bekam Lust, den herrlichen Mädchenleib im Bilde zu besitzen, und ein deutscher Künstler malte sie mir göttlich schön für sechs Louis. Die Stellung, die er sie einnehmen ließ, war entzückend. Sie lag auf dem Bauch, Arme und Busen auf ein Kissen aufgestützt, aber den Kopf so herumgedreht, wie wenn sie zu drei Vierteln auf dem Rücken gelegen hätte. Der geschickte und geschmackvolle Künstler hatte den unteren Teil ihres Leibes mit so viel Kunst und Wahrheit gemalt, dass man sich nichts Schöneres wünschen konnte. Ich war entzückt von diesem schönen Porträt, das sprechend ähnlich war, und ich schrieb darunter: O-Morphi – ein Wort, das zwar nicht homerisch, aber nichtsdestoweniger griechisch ist und Schöne bedeutet.

Aber wer kann die geheimen Wege des Schicksals vorauswissen! Mein Freund Patu bekam Lust, eine Kopie des Bildes zu besitzen; einen so unbedeutenden Dienst schlägt man einem Freunde nicht ab, und derselbe Maler erhielt den Auftrag, sie anzufertigen. Nun wurde dieser Maler nach Versailles berufen; er zeigte dort unter mehreren Porträts auch dieses reizende Bild, und Herr de St.-Quentin fand es so schön, dass er nichts Eiligeres zu tun hatte, als es dem König zu zeigen. Als großer Kenner auf diesem Gebiet beschloss Seine Allerchristlichste Majestät, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, ob der Maler naturgetreu kopiert hätte, und wenn das Original ebenso schön war wie das Abbild, so wusste der Enkel des heiligen Ludwig sehr wohl, was er damit anfangen könnte.

Der gefällige Freund des Fürsten, Herr de St.-Quentin, wurde mit der Sache beauftragt: dies war sein Amt. Er fragte den Maler, ob das Original wohl nach Versailles gebracht werden könnte; der Künstler hielt dies für sehr leicht möglich und versprach ihm, sich danach zu erkundigen.

Er kam infolgedessen zu mir, um mir den Vorschlag mitzuteilen, den ich entzückend fand; ich sprach darüber sofort mit der älteren Schwester, die vor Freude ganz außer sich war. Sie begann also sofort, ihre jüngere Schwester zu säubern, ließ ihr ein nettes Kleid machen, und zwei oder drei Tage darauf fuhren sie mit dem Maler nach Versailles, um das Abenteuer zu bestehen. Der Vermittler für die kleinen Vergnügungen des Königs hatte bereits seinem Kammerdiener Bescheid gesagt. Dieser nahm die beiden Frauenzimmer in Empfang und brachte sie nach einem Gartenhäuschen. Der Maler wartete in einem Gasthof den Ausgang seiner Vermittlung ab. Eine halbe Stunde darauf kam der König allein nach dem Gartenhaus, fragte die junge O-Morphi, ob sie Griechin sei, zog das Porträt aus seiner Tasche, sah die Kleine genau an und rief: »Ich habe niemals etwas Ähnliches gesehen!« Bald darauf setzte er sich, nahm die Kleine auf den Schoß und erwies ihr einige Liebkosungen; nachdem er sich mit seiner eigenen königlichen Hand überzeugt hatte, dass die Frucht noch nicht gepflückt worden war, gab er ihr einen Kuss.

O-Morphi sah aufmerksam ihren Gebieter an und lächelte.

»Worüber lachst du?«

»Ich lache darüber, dass Sie einem Sechsfrankentaler so ähnlich sehen, wie ein Tropfen Wasser dem andern.«

Über diese Naivität lachte der Monarch laut auf; hierauf fragte er sie, ob sie in Versailles bleiben wollte.

»Das kommt auf meine Schwester an«, antwortete die Kleine; aber diese Schwester beeiferte sich, dem König zu sagen: ein größeres Glück könnte sie sich gar nicht wünschen.

Der König schloss sie wieder ein und ging; aber eine Viertelstunde darauf kam St.-Quentin und holte sie ab. Er brachte die Kleine in eine Wohnung, wo eine Frau schon auf sie wartete; dann begab er sich mit der älteren Schwester zu dem deutschen Maler, dem er fünfzig Louis für das Porträt gab. Die Morphi bekam nichts. Er ließ sich nur ihre Adresse geben, indem er ihr versicherte, sie würde von ihm hören. Wirklich bekam sie schon am nächsten Tage tausend Louis. Der gute Deutsche gab mir fünfundzwanzig Louis für mein Porträt und versprach nur, das in Patus Besitz befindliche mit der größten Sorgfalt für mich zu kopieren. Ferner erbot er sich, mir umsonst alle Mädchen zu malen, deren Bild ich zu besitzen wünschte.

Es war für mich ein wirkliches Vergnügen, die Freude zu sehen, womit die gute Vlamin die fünfhundert Doppellouis betrachtete, die wir ihr verschafft hatten. Angesichts dieses Reichtums wusste sie nicht, wie sie mir, den sie für den Urheber ihres Glückes hielt, ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte. Die junge Schöne O-Morphi – so nannte der König sie stets – gefiel dem Herrscher noch mehr durch ihre Naivität und ihr niedliches Wesen als durch ihre seltene Schönheit, die regelmäßigste, die ich nach meiner Erinnerung gesehen habe. Er wies ihr eine Wohnung in seinem Hirschpark an, der ein wirklicher Harem für den wollüstigen Monarchen war, und zu welchem nur Damen, die bei Hofe vorgestellt waren, Zutritt hatten. Nach einem Jahr bekam die Kleine einen Knaben, der wie so viele andere spurlos verschwand; denn solange die Königin Marie lebte, erfuhr...

Erscheint lt. Verlag 24.1.2014
Verlagsort Hamburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Anthologien
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Biermann • Briefe • Casanova • Gedichte • Liebe
ISBN-10 3-455-89006-7 / 3455890067
ISBN-13 978-3-455-89006-8 / 9783455890068
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