Summa Technologiae (eBook)
672 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-74338-6 (ISBN)
Summa technologiae faßt die zur Zeit greifbaren Ergebnisse der futurologischen Wissenschaft zusammen und entwickelt neue, bei uns bis dahin noch nicht bekannte Konzeptionen.
Das Buch handelt von einigen möglichen »Zukünften« der menschlichen Zivilisation. Die Futurologie ist keine Wissenschaft, sondern Schlachtfeld widerstreitender Interessen. Wenn künftige Entwicklungen eng mit künftigen wissenschaftlichen Entdeckungen zusammenhängen, kommt ihre Prognose der Antizipation dieser Entdeckungen gleich. Das ist logisch unmöglich. Wir können allein die Invarianten unserer Welt aufdecken und mit ihnen die Grenze abstecken, die das Mögliche (Erlaubte) vom Unmöglichen (Verbotenen) trennt.
Was können wir aus der Welt machen, was ist möglich? Fast alles - nur das nicht: daß sich die Menschen in einigen zigtausend Jahren überlegen könnten: »Genug - so wie es jetzt ist, soll es von nun an immer bleiben. Verändern wir nichts, erfinden und entdecken wir nichts, weil es besser, als es jetzt ist, nicht sein kann, und wenn doch, dann wollen wir es nicht.«
<p>Stanis?aw Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) geboren, lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanis?aw Lem zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Polens. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt.</p>
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Es soll von der Zukunft die Rede sein. Aber ist das Vorhaben, von den künftigen Rosen zu sprechen, nicht zumindest unangebracht für jemanden, der sich in den leicht entflammbaren Wäldern der Gegenwart verloren hat? Und die Dornen dieser künftigen Rosen, die Schwierigkeiten unserer Ururenkel untersuchen zu wollen, wo wir schon mit dem heutigen Übermaß an Schwierigkeiten nicht fertig werden – grenzt eine solche Scholastik nicht ans Lächerliche? Wenn wir uns wenigstens damit rechtfertigen könnten, daß wir nach Mitteln suchen, die unseren Optimismus nähren oder daß wir aus Liebe zur Wahrheit handeln, die erst richtig deutlich erkennbar wäre in einer Zukunft, die infolge der Beherrschung des Klimas frei wäre von Stürmen auch im wortwörtlichen Sinne! Die folgenden Äußerungen sind jedoch weder durch eine akademische Leidenschaft noch durch einen unerschütterlichen Optimismus motiviert, der uns zu glauben verhieße: was auch immer geschehen mag, das Ende wird gut sein. Das Motiv ist zugleich einfacher, nüchterner und wohl auch bescheidener, denn wenn ich mir vornehme, über das Morgen zu schreiben, tue ich lediglich das, worauf ich mich verstehe, und dabei zählt nicht einmal, wie gut ich es verstehe, da dies ohnehin meine einzige Fähigkeit ist. Meine Arbeit wird demnach nicht mehr und nicht weniger überflüssig sein als jene andere Arbeit, denn schließlich geht doch jede davon aus, daß die Welt existiert und weiterexistieren wird.
Fragen wir nun, nachdem wir uns derart vergewissert haben, daß die Absicht nichts Anstößiges hat, nach dem Umfang des Themas und der Methode. Es wird die Rede sein von verschiedenen denkbaren Aspekten der Zivilisation, die sich aus heute bekannten Voraussetzungen ableiten lassen, so gering auch die Wahrscheinlichkeit ihrer Verwirklichung sein mag. Die Grundlage unserer hypothetischen Konstruktionen sollen demnach Technologien sein, d. h. die von dem Stand der gesellschaftlichen Kenntnisse und Fähigkeiten abhängigen Verfahren der Verwirklichung von Zielen, die sich die Gesellschaft gesetzt hat, aber auch solcher, die niemand im Auge hatte, als man ans Werk ging.
Die Einzelheiten bestimmter – sowohl bestehender wie auch möglicher – Technologien interessieren mich nicht, und ich müßte mich nicht mit ihnen befassen, wenn die schöpferische Tätigkeit des Menschen – wie die göttliche – frei wäre von jeglichen Verunreinigungen durch das Ungewollte – wenn wir, die methodologische Präzision der Schöpfung erreichend, jetzt oder irgendwann unsere Absicht rein zu realisieren vermöchten, wenn wir sagen könnten: »Es werde Licht«, und als Endprodukt erhielten wir nichts als die reine Helligkeit, ohne unerwünschte Beimengungen. Typischerweise weichen jedoch, wie oben erwähnt, die Ziele voneinander ab, ja, es treten andere, oft sogar ungewollte, an die Stelle der beabsichtigten Ziele. Querulanten wollen sogar im göttlichen Werk ähnliche Störungen erkennen, insbesondere seit der Prototyp eines vernunftbegabten Wesens geschaffen wurde und dieses Modell, der Homo sapiens, in die Massenproduktion gegangen ist – doch überlassen wir derartige Erwägungen lieber den Theo-Technologen. Kurz: der Mensch weiß, was auch immer er tut, fast nie, was er in Wirklichkeit tut – jedenfalls weiß er es nicht genau. Um gleich ein extremes Beispiel zu wählen: keiner der Entdecker der Atomenergie hat als Ziel die heute mögliche Vernichtung des Lebens auf der Erde angestrebt.
Ich muß mich daher fast zwangsläufig für die Technologien interessieren, denn zu einer bestimmten Zivilisation gehört sowohl alles, was die Gesamtheit wünschte, wie auch das, was niemand gewollt hat. Gelegentlich, ja sogar häufig, ging eine Technologie vom Zufall aus, so zum Beispiel, als man auf der Suche nach dem Stein der Weisen das Porzellan entdeckte, doch wächst mit fortschreitender Erkenntnis der Anteil der Absicht, der bewußten Zielsetzung, an den Bemühungen, die zu einer Technologie führen. Freilich können Überraschungen, auch wenn sie seltener werden, dafür nahezu apokalyptische Ausmaße annehmen. Das wurde ja oben schon gesagt.
Es gibt kaum eine Technologie, die nicht zweischneidig ist, wie das Beispiel der Sensen zeigt, welche die Hethiter an den Rädern ihrer Kampfwagen befestigten, oder die sprichwörtlichen zu Schwertern umgeschmiedeten Pflugscharen. Im Grunde ist jede Technologie eine künstliche Verlängerung der natürlichen, allem Lebendigen angeborenen Tendenz, die Umwelt zu beherrschen oder ihr doch zumindest nicht im Kampf ums Dasein zu unterliegen. Die Homöostase – so der gelehrte Ausdruck für die Tendenz zu einem Gleichgewichtszustand, zum Überdauern von Veränderungen – entwickelte die der Schwerkraft widerstehenden Kalk- und Chitinskelette, die Beweglichkeit verleihenden Beine, Flügel und Flossen, die das Fressen erleichternden Eckzähne, Hörner, Kiefer und Verdauungssysteme, die vor ihnen Schutz bietenden Panzer und täuschenden Formen, bis hin zur Verselbständigung der Organismen gegenüber der Umgebung durch die Regulierung einer konstanten Körpertemperatur. So entstanden Inselchen abnehmender Entropie in einer Welt mit allgemein wachsender Entropie. Dabei bleibt die biologische Evolution nicht stehen, denn aus den Organismen, Typen, Klassen und Arten von Pflanzen und Tieren errichtet sie wiederum höhere Ganzheiten, die schon keine Inselchen mehr, sondern Inseln der Homöostase bilden und das Gesicht der gesamten Oberfläche und Atmosphäre des Planeten bestimmen. Die belebte Natur, die Biosphäre, bedeutet zugleich Zusammenarbeit und gegenseitiges Auffressen, ist ein unauflöslich mit dem Kampf verwachsenes Bündnis, wie sich an allen, von den Ökologen untersuchten Hierarchien zeigt: es handelt sich, besonders bei den tierischen Formen, um Pyramiden, an deren Spitze große Raubtiere thronen, die sich von kleineren Tieren ernähren, die wiederum andere Tiere fressen, und erst ganz unten, am Fuße des Lebensreiches, arbeitet der auf dem Lande und in den Meeren allgegenwärtige grüne Transformator, der die Sonnenenergie in biochemische Energie verwandelt und mit Billionen von unscheinbaren Halmen die über ihm sich erhebenden, veränderlichen, da in den Formen vergänglichen, aber beständigen, da als ganze nie vergehenden Massive des Lebens unterhält.
Die homöostatische, sich der Technologien als spezifischer Organe bedienende Tätigkeit des Menschen machte ihn zum – allerdings nur in den Augen des Apologeten, der er ist, machtvollen – Herrn der Erde. Gegenüber klimatischen Störungen, Erdbeben und der seltenen, aber realen Gefahr des Herabstürzens großer Meteore ist der Mensch im Grunde genauso hilflos wie in der letzten Eiszeit. Gewiß, er hat eine Technik entwickelt, um den von dieser oder jener Katastrophe Betroffenen Hilfe zu bringen. Einige vermag er, wenn auch ungenau, vorherzusehen. Bis zur Homöostase im Weltmaßstab ist es noch weit, von einer Homöostase in stellaren Dimensionen ganz zu schweigen. Im Gegensatz zu der Mehrheit der Tiere paßt sich der Mensch nicht so sehr der Umwelt an, sondern verändert vielmehr die Umwelt entsprechend seinen Bedürfnissen. Wird das irgendwann auch im Hinblick auf die Sterne möglich sein? Kann – und sei es in der allerfernsten Zukunft – eine Technologie der Fernsteuerung der Umwandlungsprozess e innerhalb der Sonne entstehen, so daß Wesen, die im Verhältnis zur Sonnenmasse unvorstellbar winzig sind, beliebig den milliardenjährigen Brand der Sonne zu steuern vermögen? Mir scheint, daß das möglich ist, doch sage ich das nicht, um den auch ohne mich genügend gepriesenen menschlichen Genius zu rühmen, sondern im Gegenteil, um den Blick für den Kontrast frei zu machen. Unermeßliche Größe hat der Mensch bisher nicht erreicht. Ins Unermeßliche sind lediglich seine Möglichkeiten gewachsen, dem Nächsten Gutes oder Böses zuzufügen. Derjenige, der einmal imstande sein wird, Sterne anzuzünden und auszulöschen, wird ganze bewohnte Planeten vernichten können und damit aus einem Astrotechniker zu einem Sternenmörder, einem Verbrecher von unerhörtem, weil kosmischem Rang. Falls das erstere, so ist auch das letztere, wie unwahrscheinlich es auch sein mag, wie gering die Chance seiner Verwirklichung auch ist, möglich.
Die Unwahrscheinlichkeit – diese unerläßliche Erläuterung sei gleich hinzugefügt – entspringt nicht meinem Glauben an den unausweichlichen Triumph Ormuzds über Ahriman. Ich vertraue nicht auf Versprechungen und glaube nicht an Versicherungen, die sich auf einen sogenannten Humanismus berufen. Gegen eine Technologie hilft nur eine andere Technologie. Der Mensch weiß heute mehr über seine gefährlichen Neigungen als noch vor hundert Jahren, und nach weiteren hundert Jahren wird sein Wissen noch vollkommener sein. Möge er dann davon Gebrauch machen.
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Die Tatsache, daß die wissenschaftlich-technische Entwicklung sich beschleunigt, ist bereits so deutlich, daß man kein Spezialist zu sein braucht, um sie zu bemerken. Ich glaube, daß die dadurch hervorgerufene Veränderlichkeit der Lebensbedingungen einer der Faktoren ist, welche die Entwicklung homöostatischer sittlich-normativer Systeme in der modernen Welt beeinträchtigen. Wenn das Leben der nächsten Generation in nichts mehr dem Leben der Eltern gleicht, welche Empfehlungen und Lehren kann dann die Alterserfahrung der Jugend bieten? Die Verwischung der Handlungsmuster und Ideale allein durch den unaufhörlichen Wandel wird allerdings verschleiert durch einen anderen Prozeß, der sehr viel eindeutiger und gewiß in seinen unmittelbaren Auswirkungen ernster ist, nämlich die immer rascheren Schwingungen jenes sich selbst erregenden Systems, das eine positive Rückkoppelung mit einer sehr schwachen negativen...
| Erscheint lt. Verlag | 9.12.2013 |
|---|---|
| Übersetzer | Friedrich Griese |
| Vorwort | Stanisław Lem |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 20. Jahrhundert • AI • Artifical Intelligence • Artificial Intelligence • Bedrohung • Chat-GPT • DALL-E • Ehrendoktor der Universität Bielefeld (Dr. rer. nat. h.c.) 2003 • Ehrendoktortitel der Universitäten Oppeln und Krakau sowie der Staatlichen Medizinischen Universität Lemberg 1998 • Entdeckungen • Entwicklung • Essays • Futurologie • generative AI • Geschichte • gpt • KI • Künstliche Intelligenz • Menschheit • Mitglied der Berliner Akademie der Künste 2004 • Möglichkeiten • Osteuropa • Polen • Prognosen • Sammlung • ST 678 • ST678 • Stanislaw Lem • suhrkamp taschenbuch 678 • Summa technologiae deutsch • Technologie • Wissenschaft • Zukunft • Zukunftsforschung |
| ISBN-10 | 3-518-74338-4 / 3518743384 |
| ISBN-13 | 978-3-518-74338-6 / 9783518743386 |
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