Professor Zamorra 1021 (eBook)
64 Seiten
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
978-3-8387-4911-2 (ISBN)
Die goldene Stadt der Vampire brannte. Die meisten Bewohner Choquais zerfielen einfach zu Staub, als die magische Schutzsphäre, die es ihnen erlaubt hatte, auch bei Tag zu existieren, erlosch. Den Tulis-Yon erging es kaum besser. Gegen die rasende Wut der von ihrem Joch befreiten menschlichen Sklaven und die Mordlust der von außen eindringenden Armee aus Wuchang hatten selbst die wolfsköpfigen Elitekrieger keine Chance. Nur wenigen gelang die Flucht. Sie würden nie wieder an diesen verfluchten Ort zurückkehren.
China vor 2000 Jahren, Choquai
Kuang-shi lag reglos auf dem Marmorboden seines Thronsaals. Professor Zamorra und Fu Long hatten den unsterblichen Götterdämon in einen tiefen Schlaf versetzt, aus dem es kein Entrinnen gab. Er würde weiterexistieren als Gefangener seiner eigenen Träume. Träume, die Fu Long kontrollierte und aus denen er ein ganz neues Choquai formen würde. Dieses Choquai würde in einer eigenen Dimension existieren und Fu Longs Vampirfamilie als Heimstatt dienen.
»Du willst in seine Träume einziehen?« Zamorra fand die Idee so absurd, dass er beinahe laut aufgelacht hätte. »Na, dann viel Spaß!«
»Nein, ich will sie nur anzapfen, um mit ihrer Hilfe ein neues Choquai zu schaffen, in einer völlig neuen Realität, gespeist von Kuang-shis Träumen, aber kontrolliert durch uns.«
»Eine Art Parallelwelt?« Der Meister des Übersinnlichen hatte immer noch nicht verdaut, dass er zehn Jahre lang ohne Erinnerung an seine wahre Identität als Hofzauberer Tsa Mo Ra in Choquai gelebt hatte. Doch offenbar hielt der Tag noch weitere Überraschungen parat.
»Ja«, erwiderte Fu Long, der chinesische Vampir mit einer menschlichen Seele. »Und ein ideales Exil. In der Welt, aus der wir beide stammen, werden wir für immer Verfolgte sein. Also werden wir uns unsere eigene Welt schaffen, in der wir in Frieden leben können, ohne eure Art zu gefährden. Und sie ist zugleich das perfekte Gefängnis für Kuang-shi. Ihr werdet nie wieder etwas von ihm sehen oder hören.«
Wenig später schickte Fu Long Zamorra und die anderen, die es aus der Realität des Jahres 2005 nach Choquai verschlagen hatte, zurück in ihre Zeit. Doch er hatte noch ein Geschenk für den Meister des Übersinnlichen. Zum Abschied blockierte er alle Erinnerungen an sein Leben als Tsa Mo Ra. Er sollte sein altes Leben unbelastet von der Vergangenheit wieder aufnehmen können.
Dann war es auch für Fu Long Zeit, diesen Ort des Schreckens zu verlassen. Mithilfe des magischen Steins Hong Shi griff er auf Kuang-shis Träume zu und vollzog mit seiner Familie den Übergang in eine neue Realität.
Was zurückblieb, waren brennende Ruinen.1
Washington, D.C., Gegenwart
Professor Zamorra blickte grimmig in seinen Drink. Es war nicht gut gelaufen. Nein, es war wirklich nicht gut gelaufen.
»Noch einen, Sir?«
Der Kellner der bestens sortierten Hotelbar widmete sich seinen wenigen Gästen umsichtig und mit professioneller Freundlichkeit, hielt sich aber ansonsten angenehm im Hintergrund.
»Auf jeden Fall«, erwiderte Zamorra. »Doppelt!«
»Sofort, Sir!«
Der französische Parapsychologe hatte einen Auchentoshan bestellt, einen schottischen Whisky, der die für die Lowlands typische Milde aufwies. Zamorra trank ihn wie üblich ohne Eis. Auch auf Wasser, das Einzige, was von Whiskykennern als Zusatz zum eigentlichen Getränk geduldet wurde, verzichtete er. Er wollte den Geschmack nicht verwässern.
Schon gar nicht an diesem Abend.
Der Kellner brachte das Glas, stellte ein Schälchen Erdnüsse daneben und zog sich dezent zurück. Die attraktive, etwas zu stark geschminkte Blondine, die am kürzeren Ende des L-förmigen Tresens saß, lächelte Zamorra an und prostete ihm mit ihrem Getränk zu, einem giftgrünen Cocktail, der mit einer absurden Vielzahl von Schirmchen, Obstscheiben und bunten Püscheln verziert war. Zamorra vermutete, dass sie eine Prostituierte war, die in der Bar des angenehm kleinen, fast familiären Fünf-Sterne-Hotels am Potomac River auf der Suche nach Geschäftsleuten war, die die einsamen Nächte in einer fremden Stadt mit einem kleinen Abenteuer etwas aufpeppen wollten. Es störte ihn nicht, aber er hatte auch kein Interesse.
Zamorra nickte der Blonden freundlich zu, achtete aber darauf, dass es nicht wie eine Einladung aussah. Die Frau lächelte verstehend und widmete sich ausgiebig ihrem Smartphone.
»Gute Entscheidung, Sir«, sagte der Kellner. »Ich habe nichts gegen die Ladys, wirklich nichts. Auch wenn es in den Vereinigten Staaten illegal ist, aber die müssen schließlich auch ihre Miete bezahlen, und wenn sie jemandem damit ein paar schöne Stunden bescheren, warum nicht? Aber diese Dame kenne ich nicht. Und ich sehe es nur äußerst ungern, wenn amüsierwillige Hotelgäste ausgeraubt werden, nachdem ihnen jemand K.-o.-Tropfen verabreicht hat.«
»Kommt das öfter vor?«
»Öfter, als sie denken!«
Zamorra leerte zügig seinen Whisky und bestellte noch einen.
»Harter Tag?«
»Kann man wohl sagen.«
Wobei das sicher Ansichtssache war. Für jemanden, der es gewohnt war, mindestens alle zwei Wochen gegen die Herrscharen der Hölle anzutreten, sollte es eigentlich ein Klacks sein, an einer amerikanischen Eliteuniversität einen Vortrag vor ein paar Hundert Studenten zu halten. Zumal Zamorra der akademische Betrieb durchaus vertraut war. Bevor seine Karriere eine völlig unerwartete Wendung genommen hatte, hatte der Parapsychologe in Harvard, an der University in New York und an der Pariser Sorbonne gelehrt. Und auch heute noch hielt er weltweit Gastvorträge und veröffentlichte in angesehenen Fachzeitschriften.
Zugegebenermaßen hatte er diesen Teil seines Lebens in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Wer konnte sich schon an den Schreibtisch setzen und in Ruhe Vorträge oder Artikel ausarbeiten, wenn er permanent damit beschäftigt war, die Welt zu retten? Dabei hatte er sich diesmal sogar eine Woche für die Vorbereitung frei gehalten. Doch als er tatsächlich mit der Arbeit beginnen wollte, war natürlich wieder etwas dazwischen gekommen. Wie sollte es auch anders sein?
Die Arbeit eines Gelehrten und das Leben eines Dämonenjägers passen einfach nicht zusammen, dachte Zamorra grimmig, und nahm einen weiteren großen Schluck von seinem Scotch.
Selbstkritisch musste er zugeben, dass der Vortrag, den er in letzter Minute zusammengeschustert hatte, einer der schwächsten seiner Karriere gewesen war. Allerdings keiner, für den er sich schämen musste. Er bot immer noch genug Substanz, um einem aufgeschlossenen Publikum neue Erkenntnisse zu vermitteln und ungeahnte Perspektiven zu eröffnen.
Wenn er denn ein solches Publikum gehabt hätte. Denn das war an diesem Nachmittag das eigentliche Problem gewesen: Das Publikum war saumäßig.
Zamorra hatte seine akademische Laufbahn in einer Zeit des Umbruchs begonnen. Als junger Wissenschaftler hatte er viel Zeit mit den Studenten der 68er-Generation verbracht, für deren Aufbegehren gegen die verkrustete gesellschaftliche Ordnung, gegen sinnlose Kriege und die Ausbeutung der Dritten Welt er immer viel Sympathie gehabt hatte.
Die Studierenden des Jahres 2013 waren komplett anders, und Zamorra fühlte sich unter ihnen wie ein Alien. Die meisten waren so angepasst und auf ihre Karriere bedacht, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen wären, eine so obskure Veranstaltung wie einen Vortrag über Parapsychologie zu besuchen. Diejenigen, die dennoch gekommen waren – und es waren nicht allzu viele –, teilten sich in zwei Lager, und Zamorra wusste nicht, welches er weniger leiden konnte.
Da waren die Skeptiker. Engstirnige Rationalisten, die jeden Hinweis auf eine Realität jenseits ihrer Wahrnehmung mit Hohn und Spott bedachten, ohne sich die Mühe zu machen, sich ernsthaft auf die Argumentation der Gegenseite einzulassen.
Vielleicht noch schlimmer waren die Gläubigen. Sie hatten überhaupt kein Problem, mit dem, was Zamorra ihnen zu vermitteln versuchte. Im Gegenteil. Sie hätten es auch kritiklos akzeptiert, wenn er ihnen erzählt hätte, dass die Welt von einem pinkfarbenen Huhn namens Gottfried erschaffen worden wäre. Sie waren so frustriert von der kalten Welt der Wissenschaft, dass sie einfach alles glaubten, was ihnen als Alternative angeboten wurde.
Was beide Lager vereinte war, dass sie dem Vortrag kaum folgten. Kaum hatte Zamorra etwas gesagt, das sich gut in ihr Weltbild einbauen ließ – als Argument für die Existenz paranormaler Phänomene oder als Beleg für die blödsinnigen Behauptungen der Parapsychologie – schickten sie es gleich per Facebook oder Twitter in die Welt hinaus. Sobald er aus seinem reichen Erfahrungsschatz Beispiele für die Allgegenwart des Übernatürlichen brachte, googelten sie wie wild um die Wette, um Beweise dafür zu finden, dass es sich entweder um reale Ereignisse oder um reine Erfindungen handelte.
Und dann gab es die Zwischenrufer. Solche, die ihn mit Fragen zu provozieren versuchten, ebenso wie solche, die sich bei ihm mit eigenen, oft völlig absurden »Belegen« für die Existenz paranormaler Phänomene einzuschmeicheln versuchten.
Nach einer halben Stunde war die Stimmung so aufgeheizt, dass die Zuhörer drohten, übereinander herzufallen. Irgendwann betete Zamorra geradezu darum, eine wüste Dämonenschar möge die altehrwürdige Universität angreifen und seinen Einsatz erfordern. Im Vergleich zu einer weiteren halben Stunde mit den völlig außer Rand und Band geratenen Studierenden wäre das eine wahre Wohltat gewesen.
Als die Zeit endlich um war, verzichtete Zamorra auf den üblichen Frage-und-Antwort-Teil. Er hatte so stark geschwitzt, dass er glaubte, zehn Kilo leichter zu sein. Er fuhr umgehend ins Hotel, setzte sich an die Bar und gönnte sich einen Whisky. Und dann noch einen. Und noch einen.
Zamorra bemerkte die beiden Männer erst, als es fast zu spät war. Ein breitschultriger...
| Erscheint lt. Verlag | 3.12.2013 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Professor Zamorra | Professor Zamorra |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-4911-1 / 3838749111 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-4911-2 / 9783838749112 |
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