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Professor Zamorra 1019 (eBook)

Khiroc
eBook Download: EPUB
2013 | 1. Aufl. 2013
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-4909-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Professor Zamorra 1019 - Oliver Fröhlich
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Dylan McMour rang nach Atem. Vergeblich. Er spürte den weichen Teppich im Rücken, das Gewicht des Mannes auf seiner Brust - und den nahenden Tod. Der Kampf hatte ihn ausgelaugt und seine Kräfte erlahmen lassen. Er schlug nach dem Angreifer, zerkratzte ihm das Gesicht, aber das hielt diesen nicht auf. Sein Blick flackerte unstet durch den Raum, glitt über die Zauberutensilien, über rituelle Gegenstände, Pülverchen, magische Kreiden, Kolben, Schalen und Mörser. Alles zu weit weg, um es als Waffe zu benutzen. Hinter dem Turmfenster erhob sich die Sonne zu einem neuen Tag. Einem, den Dylan nicht mehr erleben würde. Das Letzte, was er sah, bevor er in den Abgrund des Todes stürzte, war das Rot und Weiß des Angreifers. Und das Amulett vor dessen Brust, das über Dylans brechendem Blick pendelte ...

Mit einem Schrei auf den Lippen fuhr der Schotte hoch.

Der Eisbeutel, den er sich auf die Stirn gelegt hatte, um diesen elenden Kopfschmerzen Herr zu werden, klapperte zu Boden.

Recht so! Geholfen hatte er schließlich kein bisschen. Der Schädel wummerte heftiger denn je.

Dylan schwang sich herum und setzte sich aufrecht auf die Couch. Den Eisbeutel ließ er liegen. Stattdessen griff er nach dem halb geleerten Whiskyglas auf dem Wohnzimmertisch und kippte sich die bernsteinschimmernde Flüssigkeit in einem Schluck in die Kehle.

Ein vierzig Jahre alter Scotch, weich, vollmundig, mit einer leicht torfigen Note. Viel zu teuer und schade, um ihn sich achtlos hinter die Binde zu kippen.

Sei’s drum.

Dylan schnappte sich die Flasche, die geöffnet auf dem Tisch stand, und goss das Glas noch einmal randvoll.

Als er die Hand zum Mund führte, zitterte sie so stark, dass der Whisky über den Glasrand schwappte und ihm über die Hand floss. Egal.

Er leerte auch dieses Glas, knallte es auf den Tisch und ließ sich stöhnend gegen die Sofalehne sinken.

Endlich ging es ihm etwas besser. Zumindest hatte der Steinbrucharbeiter in seinem Schädel eine kleine Pause eingelegt.

Aus verquollenen Augen schaute er zu dem großen Fernseher an der Wand, auf dem sich ohne Unterlass das Menü einer DVD wiederholte. Sekundenlang ertrug er die nervige Musik, doch als sich sein Kopf wieder meldete und mit einer neuen Schmerzattacke drohte, beugte er sich zum Tisch, wühlte sich durch fettiges Burger-Papier, schnappte die Fernbedienung, warf dabei einen Pizzakarton und eine Schachtel mit chinesischem Essen hinunter und brachte die Glotze zum Verstummen.

Endlich Ruhe.

Dylan starrte zum linken Unterarm, an dem er seit einigen Wochen ein Armband trug. Den Feuerreif, wie Eric Thomson – der frühere Besitzer des magischen Schmuckstücks – es genannt hatte. Das Gegenstück zum Schattenreif am rechten Arm.

Ein Paar, das irgendwie zusammengehörte, auch wenn der Schotte die genauen Hintergründe noch nicht herausgefunden hatte. Er wusste zwar, dass Thomson die Armbänder in einer Höhle gefunden hatte, in der Obhut von untoten Wahyukalla-Indianern. Diese hatten sie zu Lebzeiten als Geschenk der Götter angesehen, das ihnen zu großen Triumphen über verfeindete Stämme verhalf.

Auch Eric Thomson bekam die Kraft der Armreife zu kosten. Doch er war der Versuchung der Macht erlegen. Er nutzte sie aus – und es kam zu Unfällen, geboren aus Liebe, Verzweiflung und Notwehr. In seinem Wahn redete er sich ein, die Armbänder seien schuld. Deshalb schenkte er eines davon einem Dämonenjäger namens Steigner.

Nur kurz danach wurde ihm bewusst, dass er das nicht hätte tun dürfen. Die Armreife gehörten zusammen. Doch er konnte Steigner nicht mehr finden. Der Verlust trieb Thomson in den Wahnsinn. Aber was er auch unternahm, er fand den Schattenreif nicht.

Dies war erst Dylan McMour vergönnt. Nach Steigners Tod nahm der Schotte das Armband an sich, froh darüber, endlich eine Waffe gegen Dämonen gefunden zu haben. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass er damit nur die Hälfte eines Paars besaß.

Obwohl er den Schattenreif erst vor etwa zwei Jahren an sich gebracht hatte, trug er ihn nun schon jahrhundertelang. Eine magische Rückkopplung hatte Dylan nämlich achthundert Jahre in die Vergangenheit geschleudert. Um in die Gegenwart zurückzukehren, war ihm nichts übrig geblieben, als die komplette Zeit zu durchleben. Der Schotte konnte sich an kaum etwas aus der Odyssee durch die Menschheitsgeschichte erinnern, aber er war sich sicher, dass er währenddessen den Schattenreif nicht abgenommen hatte.

Wie sich Dylan eingestehen musste, hatte er sich nach seiner Rückkehr in die Gegenwart verändert. Er war reizbar geworden, aggressiv. Seine frühere Lockerheit war wie weggeblasen.

Und er hatte feststellen müssen, dass er Zamorra hasste!

Dylan sah in dem Parapsychologen aus Frankreich einen ehemaligen Konkurrenten um das ewige Leben, der ihm die Unsterblichkeit gestohlen hatte. Erst als der Schotte auf Eric Thomson traf und den Feuerreif erhielt, erst als er dadurch schlaglichtartig von dessen Vergangenheit erfuhr, erkannte er, dass der Hass auf Zamorra nicht aus seinem eigenen Inneren stammte.

Vielmehr handelte es sich um Thomsons Gefühle. Offenbar hatte der alte Mann die jahrelange Trennung von seinem Schmuckstück nicht verkraftet und war darüber wahnsinnig geworden. Über eine magische Verbindung zwischen den Armreifen hatte der Schotte die negativen Empfindungen aufgefangen und sie für seine eigenen gehalten.

Deshalb hatte Dylan auf innere Ausgeglichenheit gehofft, jetzt, da er beide Armbänder besaß.

Das Gegenteil war der Fall.

Statt endlich zur Ruhe zu kommen, wurde es jeden Tag schlimmer. Sein verdammtes Hirn wollte einfach nicht die Klappe halten. Es malträtierte ihn mit zusammenhanglosen Bildern. Mit Erinnerungsfetzen an seine Odyssee durch achthundert Jahre der Menschheitsgeschichte. Kämpfe gegen Dämonen, brennende Schiffe, aufsteigende Rauchsäulen, Explosionen, schreiende Menschen. Gewalt, Blut und Tod, quer durch die Jahrhunderte.

An nichts davon konnte er sich wirklich erinnern. Nur an das Gefühl der geborgten Unsterblichkeit, denn während seiner Reise durch die Historie war Dylan nicht gealtert.

Unsterblichkeit! Was für ein großes Wort. Was für ein Geschenk. Was für ein Fluch.

In seinem Inneren brodelten Traurigkeit und die Ahnung von Erinnerungen an Frauen, die er einst geliebt hatte. Denen er beim Altern zusah, während er jung blieb. Die starben, wenn er leben durfte.

Hatte er sich auf seiner Reise durch die Zeiten manchmal gewünscht, die Unsterblichkeit zu verlieren, um an der Seite eines seelenverbundenen Menschen alt zu werden? Oder entsprang dieser Gedanke nur einer romantischen Verklärtheit?

»Ist doch scheißegal«, brummte er. »Seit ich zurück in meiner Zeit bin, hat sich das Thema sowieso erledigt.«

Richtig. Weil den einzigen Schluck, den die Hüterin vor der Versiegelung der Quelle des Lebens hatte erübrigen können, Zamorra für sich in Anspruch genommen hatte. Weil er sich vorgedrängt hatte, der Herr Dämonenjäger, der Meister des Überheblichen, der …

Du hast ihm den Vortritt gelassen! Er hat sich nicht vorgedrängt.

Papperlapapp. Was machte das schon für einen Unterschied. Sie beide waren unsterblich gewesen. Sie beide hatten dieses Geschenk verloren. Und nur Zamorra hatte es zurückbekommen! Verfluchter Drecksack.

Hast du nicht gerade noch gedacht, dass du dich danach sehntest, die Unsterblichkeit zu verlieren? Und jetzt trauerst du ihr doch nach? Wie passt das zusammen?

»Hör auf, mich zu belehren!«, brüllte er, ohne zu wissen, wen er damit meinte.

Für einen kurzen Augenblick überfiel ihn ein heftiges Déjà-vu. Es kam ihm vor, als hätten genau die gleichen Gedanken ihn schon einmal geplagt. Er schüttelte das Gefühl ab.

Es waren aber nicht nur die zusammenhanglosen Erinnerungsfetzen, die ihn in den Wahnsinn trieben. Nicht alleine die Wut und der Neid auf Zamorras Unsterblichkeit. Nicht bloß die inneren Widersprüche, an denen er zerbrach.

Nein, es gab auch noch etwas anderes. Etwas … etwas …

Ach, er wusste es selbst nicht.

Eine unerklärliche Sehnsucht? Das traf es nicht, kam dem Gefühl aber nah.

Manchmal glaubte er, er vermisse eine Frau namens Kalisi. Aber schon im nächsten Augenblick hasste er sie. Sehnte sich nach ihrer Berührung und wollte sie zugleich umbringen. Dabei hatte er keine Ahnung, wer sie war! Eine Frau in seinem Leben in der Vergangenheit, vergessen wie alles andere? Oder lag die Wahrheit tiefer?

Zuweilen glaubte er aber auch, dass die Sehnsucht nichts mit Kalisi zu tun hatte. Aber womit dann?

Plötzlich sehnte er sich nicht nur nach Kalisi, sondern fürchtete sich zugleich vor einem Mann, dessen Namen er nicht greifen konnte. Thomas, Taromus, etwas in dieser Richtung.

Was ihn aber vollends in den Irrsinn trieb, war das Gefühl, selbst dieser Thomas/Taromus zu sein. Im gleichen Augenblick war er aber auch Kalisi. Und so erlebte er aus ihrer beider Augen mit, wie er sie beschimpfte, bedrohte, angriff und …

Dylan schüttelte sich.

»Reiß dich zusammen, Mann!«

Wieder griff er nach der Flasche, aber sie war leer. Nachdem er auf ihrem Grund keinen Trost gefunden hatte, beschloss er, in einer anderen danach zu suchen.

Er stemmte sich hoch, torkelte zur Hausbar – und verharrte.

Plötzlich war ihm noch ein anderes Bild in den Sinn gekommen. Eine Frau mit sonderbaren, marmorierten Augen. Eines grün, das andere zur Hälfte ebenfalls grün, die zweite Hälfte jedoch schimmerte in warmem Braun. Zugleich kam ihm ein Name in den Sinn: Henriette.

Nein, das fühlte sich falsch an.

Hariett!

Ja, so war es richtig. Hariett.

Wer war sie? Eine weitere Frau aus seiner Vergangenheit? Oder nur eine Wahnvorstellung, eine Vision, das Wunschbild einer Lebenspartnerin?

Und diese Tiere! Riesige Vierbeiner, bis auf einen Haarkranz um den Kopf nackt und schauderhaft hässlich. Dylan hatte einmal ein Bild von einem Grizzly gesehen, dem man das Fell entfernt hatte. Die Biester, die plötzlich vor seinem inneren Auge erstanden, erinnerten ihn daran. Sie strahlten pure Mordlust aus. Diesen Eindruck konnten nicht einmal die kunstvollen Schlieren wettmachen,...

Erscheint lt. Verlag 3.12.2013
Reihe/Serie Professor Zamorra
Professor Zamorra
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Horror
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies
ISBN-10 3-8387-4909-X / 383874909X
ISBN-13 978-3-8387-4909-9 / 9783838749099
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