Professor Zamorra 1003 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-4893-1 (ISBN)
Mit ausgebreiteten Flügeln glitt Nastrodir über Wälder und Seen. Er genoss das neue Leben und seine Freiheit. Jenseits von Gwychrurs Hain zogen drei Artgenossen ihre Kreise, stürzten sich in wagemutigen Manövern der Grasfläche entgegen, fingen sich ab und stiegen wieder auf. Nastrodir wollte sich ihnen anschließen, mit ihnen fliegen, da geriet er ins Trudeln. Etwas lähmte seine Schwingen, seine Muskeln. Verzweiflung breitete sich mit der Wucht einer Explosion in ihm aus. Und Wut. Trauer. Hass auf sich selbst und andere. Als er erkannte, dass diese Gefühle nicht von ihm, sondern von einem alten Freund stammten, war es bereits zu spät. Er stürzte ab wie ein Stein ...
Immer wieder spielte Zamorras Kopfkino ihm die letzte Szene aus dem schrecklichen Film vor, der sich seit Tagen um sie herum ereignete.
Seit Tagen? Diese Angabe ist doch wohl höchst relativ, Herr Professor, finden Sie nicht?
Alles war damit losgegangen, dass Asmodis Nicole, Robert Tendyke und ihn nach Avalon mitgenommen, ja, fast schon entführt hatte – angeblich, um die dortige Luziferträne vor dem Zugriff des verrückt gewordenen Wächters der Schicksalswaage zu bewahren.
Die Geschichte stellte sich jedoch als Lug und Trug heraus. Tatsächlich wollte der ehemalige Fürst der Finsternis das Artefakt an sich reißen, um damit LUZIFER zu stärken. Der gefallene Engel nämlich hatte die Vernichtung der Hölle nicht nur teilweise überlebt, er hatte sie sogar selbst forciert, um sich so von einem Jahrmillionen alten Fluch zu befreien. Nun trieben seine Reste in einer magischen Sphäre in Kolumbien ihr Unwesen, zu schwach, um die Hölle neu erstehen zu lassen, und dennoch viel zu gewaltig für das Team um Professor Zamorra.
Schon einmal war Asmodis an der Bergung der Träne gescheitert, doch diesmal hoffte er, mit seiner und der Alten Kraft in seinem Sohn Robert Tendyke erfolgreicher zu sein. Aber Rob durchschaute den Plan seines Erzeugers und verlor im anschließenden Streit durch Asmodis’ Hand das Leben. Und zwar endgültig, ohne die Chance auf Wiedergeburt, wie Zamorra befürchtete. Denn durch den umgepolten Spionage-Bug in seinem Amulett konnte er in der Erinnerung des ehemaligen Höllenfürsten lesen, dass der Tod Tendyke so schnell ereilte, dass sich dieser nicht mehr auf den Schlüssel und die Worte zu konzentrieren vermochte, derer es für eine erfolgreiche Wiedergeburt bedurfte.
Die Herrin vom See – niemand anders als Lilith, die Mutter von Asmodis und Merlin – schleuderte Nicole und Zamorra durch ein Weltentor zurück auf die Erde, direkt vor die Füße der Peters-Zwillinge, Tendykes Lebensgefährtinnen.
Mithilfe des weiterhin aktiven Amulettbugs wurde Zamorra auf mentalem Weg Zeuge, wie sich Asmodis vor LUZIFER für sein Versagen verantworten musste. Leider ertrug Taran, das Bewusstsein in Merlins Stern, die enorme Präsenz des Höllenkaisers nicht lange. Er fiel in Ohnmacht, brannte geistig aus oder starb. Der Professor wusste nicht, welche Möglichkeit der Wahrheit entsprach. Und er wusste auch nicht, was aus Asmodis geworden war, da die Verbindung zu früh abbrach. Hatte LUZIFER ihn womöglich sogar vernichtet? Zamorra wollte es nicht ausschließen.
Kaum waren er und Nicole zurück im heimischen Château Montagne, um zu besprechen, wie es nun weitergehen sollte, erreichte sie die Nachricht, dass sich Paris in eine dämonisch verseuchte Ruinenstadt verwandelt hatte. Sie machten sich auf, das Phänomen zu ergründen, und gerieten in eine Zone der Zerstörung, in der andere physikalische Gesetze und ein wesentlich schnellerer Zeitablauf galten als im Rest der Welt.
Leider fielen sie nach einem Angriff in die Hände eines Dämonendieners und verbrachten lange qualvolle Tage in Gefangenschaft. Zumindest gemessen an Pariser Zeitverhältnissen. Außerhalb der sich ausbreitenden Zone mochten vielleicht nur ein paar Stunden vergangen sein.
Glücklicherweise gelang es Nicole, sie aus der misslichen Lage zu befreien. Sie setzten ihren Weg fort und stießen in den Ruinen von Notre Dame schließlich auf den Verursacher der Zerstörung: einen uralten Mann, der sich zu ihrem Entsetzen als ein dämonisch veränderter Rhett Saris ap Llewellyn herausstellte.
Der Erbfolger, ihr langjähriger Freund, war offensichtlich unter den magischen Bann eines Wesens namens Sendradin geraten, war sogar mit ihm verschmolzen. Zumindest war es das, was Zamorra aus Rhetts boshaftem Gefasel heraushörte.
Es kam zum Kampf, bei dem Rhett Nicole in den einzigen noch halbwegs erhaltenen Turm der Kathedrale verschleppte. Zamorra folgte ihnen und sah sich letztlich gezwungen, den veränderten Erbfolger zu erschießen, um Nicoles Leben zu retten.
Diese letzte Szene war es, die sich wie in Endlosschleife in seinem Kopf wiederholte.
Der rote Laserstrahl aus dem E-Blaster, der Rhett ein Loch zwischen die Augen brannte, sein Zurücktaumeln und der Sturz vom Turm. Wieder und wieder und wieder.
»Bist du irre?« Nicole befreite sich aus Zamorras Umklammerung am Fuße der Turmtreppe und sah ihn vorwurfsvoll an. »Du weißt doch genau, was geschieht, wenn Rhett stirbt!«
Ja, das wusste er. Er würde die magische Verbindung zwischen ihnen lösen und deshalb körperlich altern. Sich in einen Tattergreis verwandeln. Unfähig zur Dämonenjagd.
»Was hätte ich denn tun sollen?«, ereiferte er sich. »Zusehen, wie er dich von dieser Steinbestie töten lässt?«
»Genau das! Gerade in der jetzigen Situation bist du unverzichtbar für die Welt.«
»Und du bist unverzichtbar für mich! Außerdem glaube ich, dass Rhett es darauf angelegt hat.«
»Was soll das heißen?«
Zamorra zuckte mit den Schultern und blickte die Treppe hinauf ins Freie. Noch immer hingen die schwarzen Wolken am Himmel, doch die Blitze ließen allmählich nach. »Warum hat er uns nicht einfach umgebracht? Wieso hat er mich fortwährend provoziert und, als er damit nichts erreichte, dein Leben bedroht? Ich glaube, weil Rhett – der echte Rhett, der in den Tiefen dieses Widerlings festsaß – wollte, dass ich ihn von seinem Schicksal erlöse. Das musste er aber so anstellen, dass es diesem Sendradin, der ihn beherrschte, nicht auffiel.«
»Bist du dir sicher?«
»Nein, aber ich wünsche mir, dass ich recht habe.«
Er betrachtete seine Hände. Wies die Haut schon mehr Falten auf als noch vorhin? Verkrümmten sich die Finger nicht bereits? Wann setzten die Schmerzen in den Gelenken ein?
Es geschah – nichts.
»Eigentlich dachte ich, dass der Effekt sofort auftritt«, sagte er.
»Tut er aber nicht«, stellte Nicole das Offensichtliche fest. »Und das heißt?«
Zamorra schüttelte den Kopf, als ihm die Antwort auf diese Frage klar wurde. Aber das war unmöglich! Er hatte Rhett zwischen die Augen geschossen! Aber welche andere Möglichkeit bestand noch? Er wusste keine. »Das heißt, dass er noch lebt.«
Sekundenlang sahen sie sich an, dann hasteten sie Treppe hinauf, um sich zu vergewissern.
Nastrodir sah den Boden auf sich zurasen. Er versuchte die Flügel auszubreiten, sich abzufangen, wieder aufzusteigen oder zumindest in einen Gleitflug überzugehen. Doch es gelang ihm nicht. Das Gefühlschaos seines alten Freundes, das auf ihn übergeschwappt war, lähmte ihn förmlich.
Kurz bevor er in die Gipfel des Waldes krachte, packten ihn zwei Klauen im Genick. So unerträglich der Schmerz der sich in seinen Panzer bohrenden Krallen normalerweise gewesen wäre, übertünchte er doch nicht die seelischen Qualen, die er empfand.
Der Sturz verlor an Tempo und kam höchstens eine Schwingenbreite über den Bäumen zum Stillstand.
Nastrodir reckte den Kopf nach hinten und sah über sich einen Drachen mit gelblichgolden schimmernden Schuppen.
»Gwychrur«, ächzte er.
Der Alte hatte ihn tatsächlich vor dem Tod gerettet.
Er setzte Nastrodir auf einer weiten Wiese seines Hains ab und landete unmittelbar daneben. Aus seinen schwarz glänzenden Augen betrachtete er den beinahe Verunfallten.
»Ich mache mir Sorgen um dich, Nastrodir«, sagte er. »Seit deiner Rückkehr beobachte ich dich. Du hast dich gut entwickelt, aber manchmal … nun, manchmal benimmst du dich wie einer von ihnen!«
Nastrodir musste nicht fragen, wen Gwychrur damit meinte. »Weil ich lange genug bei ihnen gelebt habe.«
»Ich weiß. Und das ist das Problem. Du hängst noch zu sehr an ihnen.«
»Tu ich nicht!«
Gwychrur stieß ein Grollen aus, und Rauchwolken stiegen ihm aus den Nüstern. »Na schön, dann tust du es also nicht. Warum bist du gerade fast abgestürzt?«
»Ein … ein Luftloch«, antwortete Nastrodir.
Der Alte ließ eine weitere Wolke entweichen. »Lüg mich nicht an! Drachen lügen nicht. Und gegenüber einem Alten schon gar nicht.«
»Ein Freund ist in großer Not. Ich kann sein Leiden spüren.«
»Ein Freund?«
»Ja.«
»Einer von ihnen, richtig?«
Nastrodir zögerte.
»Richtig?«, fragte Gwychrur noch einmal.
»Ja.«
»Wie ich sagte: Du hängst noch zu sehr an ihnen.«
»Nicht an allen. Nur an einigen wenigen. Und an einem besonders. Er ist es, dem es schlecht geht.«
»Ein Drachentöter!«
»Ein Mensch«, widersprach Nastrodir.
»Das ist das Gleiche.«
»Aber nicht nur er leidet. Ich spüre es! Seine ganze Welt ist in Gefahr. Sie könnte untergehen.«
Gwychrur richtete sich zu voller Größe auf und umrundete Nastrodirs grünschwarzen Schuppenleib. »Na und? Was schert dich das?«
»Die Menschen sind nicht so, wie du sagst.«
»Und wenn schon! Lass sie untergehen, dann ist es egal, wie sie waren.«
Nastrodir ließ den Schädel auf die Wiese sinken. Doch nach einigen Sekunden richtete er ihn wieder auf und sah den Alten an. »Das kann ich nicht! Bitte, lass mich zurückkehren. Ich muss ihm helfen.«
Gwychrur lachte. Kleine Flammen tänzelten ihm vor den Nasenlöchern. »Zurück in die Welt der Drachentöter?...
| Erscheint lt. Verlag | 3.12.2013 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Professor Zamorra | Professor Zamorra |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-4893-X / 383874893X |
| ISBN-13 | 978-3-8387-4893-1 / 9783838748931 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich