Der Band vereint 21 Kurzgeschichten, ein Filmskript, einen Essay – und ein Gedicht.
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen.Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.
Einleitung
Mythen, Glauben, Überzeugung
und Ripley’s Unglaublich, aber wahr!
Als ich ein Kind war, glaubte ich alles, was mir gesagt wurde, was ich las, und jede Ausgeburt meiner übersteigerten Fantasie. Das genügte zwar für mehr als nur ein paar schlaflose Nächte, aber es erfüllte die Welt, in der ich lebte, mit Farben und Formen, die ich nicht für ein ganzes Leben voll geruhsamer Nächte eingetauscht hätte. Sehen Sie, ich wusste schon damals, dass es Menschen auf der Welt gab – sogar zu viele –, deren Fantasie entweder verkümmert oder abgestorben war, die in einem geistigen Zustand lebten, der völliger Farbenblindheit nahekam. Sie taten mir immer leid; ich hätte mir nie träumen lassen (jedenfalls damals nicht), dass viele dieser fantasielosen Typen mich entweder bemitleideten oder verächtlich auf mich herabsahen – nicht nur weil ich unter einer Vielzahl irrationaler Ängste litt, sondern auch, weil ich in fast jeder Hinsicht zutiefst und rückhaltlos leichtgläubig war. »Das ist ein Junge, der die Brooklyn Bridge nicht nur einmal kaufen wird, sondern immer wieder, sein ganzes Leben lang«, müssen einige von ihnen gedacht haben (von meiner Mutter weiß ich es ganz sicher).
Das traf damals sicher zu, schätze ich, und wenn ich ganz ehrlich sein will, dann ist auch heute noch etwas Wahres daran. Meine Frau erzählt den Leuten noch heute mit größtem Vergnügen, dass ihr Mann im zarten Alter von einundzwanzig Jahren bei seiner ersten Präsidentschaftswahl für Richard Nixon gestimmt habe. »Nixon sagte, er hätte einen Plan, wie wir uns aus Vietnam zurückziehen können«, sagte sie, gewöhnlich mit einem vergnügten Funkeln in den Augen. »Und Steve hat ihm geglaubt!«
Das stimmt; Steve hat ihm geglaubt. Und das ist längst nicht alles, was Steve im Verlauf seiner manchmal exzentrischen fünfundvierzig Lebensjahre geglaubt hat. Beispielsweise war ich der letzte Junge in unserem Viertel, der sich zu der Auffassung bekehren ließ, die vielen Nikoläuse an jeder Straßenecke bedeuteten nur, dass es keinen echten Nikolaus gab (ich zweifle immer noch an der Logik dieses Gedankengangs; es ist, als sagte man, eine Million Schüler seien der Beweis dafür, dass es keinen Lehrer gibt). Ich zweifelte nie an der Behauptung meines Onkels Oren, dass man den Schatten eines Menschen mit einem stählernen Zelthering abtrennen konnte (das heißt, wenn man genau am Mittag hineinstach), oder an der Theorie seiner Frau, dass jedes Mal, wenn man fröstelte, eine Gans über die Stelle lief, an der man einmal sein Grab haben würde. Wenn ich dabei an mein Leben denke, so heißt das, dass es mein Schicksal ist, hinter Tante Rhodys Scheune draußen in Goose Wallow, Wyoming, begraben zu werden.
Außerdem glaubte ich alles, was mir auf dem Schulhof erzählt wurde; ich schluckte kleine Fische genauso arglos wie Brocken so groß wie Wale. Ein Junge erzählte mir einmal im Brustton der Überzeugung, wenn man ein Zehncentstück auf die Eisenbahnschienen lege, würde der nächste Zug darauf entgleisen. Ein anderer Junge brachte mir bei, wenn man ein Zehncentstück auf die Eisenbahnschienen lege, würde es vom nächsten Zug, der des Weges kam, total platt gedrückt werden, und wenn der Zug vorbei sei, könne man eine flexible und beinah durchsichtige Münze von der Schiene nehmen, so groß wie ein Silberdollar. Ich war der Meinung, dass beides zutraf: Die Zehncentstücke wurden auf den Schienen total platt gequetscht, bevor sie die Züge zum Entgleisen brachten, die das Plattquetschen besorgt hatten.
Andere faszinierende Schulhoftatsachen, die ich in den Jahren an der Center School in Stratford, Connecticut, und der Durham Elementary School in Durham, Maine, in mich aufnahm, betrafen so grundverschiedene Dinge wie Golfbälle (innen giftig und ätzend), Fehlgeburten (die manchmal lebend, als missgebildete Monster, zur Welt kamen und von medizinischen Angestellten, die geheimnisvoll als »spezielle Krankenpfleger« bezeichnet wurden, getötet werden mussten), schwarze Katzen (wenn einem eine über den Weg lief, musste man sofort das Zeichen gegen den bösen Blick machen, andernfalls riskierte man den fast sicheren Tod vor Sonnenuntergang) und Risse auf dem Gehsteig. Ich denke, ich muss nicht ausdrücklich erklären, welche gefährlichen Zusammenhänge zwischen Letzteren und den Wirbelsäulen völlig unschuldiger Mütter bestehen.
Eine der Hauptquellen für wunderbare und erstaunliche Tatsachen waren damals die Taschenbuchausgaben von Ripley’s Unglaublich, aber wahr, die Pocket Books herausbrachte. Durch Ripley’s fand ich heraus, dass man einen starken Sprengstoff herstellen konnte, indem man das Zelluloid von den Rückseiten von Spielkarten schabte und das Zeug dann in ein Stück Rohr steckte; dass man sich ein Loch in den Kopf bohren und dann eine Kerze hineinstecken konnte, wodurch man zu einer Art menschlichem Nachttischlicht wurde (die Frage, warum jemand so etwas machen sollte, kam mir erst Jahre später); dass es wirklich Riesen gab (ein Mann war über zwei Meter vierzig groß), wirklich Elfen (eine Frau war kaum größer als fünfunddreißig Zentimeter) und UNGEHEUER, SO SCHRECKLICH, DASS MAN SIE NICHT BESCHREIBEN KONNTE …, aber in Ripley’s wurden sie alle beschrieben, genüsslich, in allen Einzelheiten, und gewöhnlich sogar mit Bild (selbst wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, werde ich nie das von dem Mann vergessen, der eine Kerze mitten in seinem rasierten Schädel stecken hatte).
Diese Taschenbuchreihe war – jedenfalls für mich – die wunderbarste Kuriositätenschau der Welt, die ich in der Gesäßtasche herumtragen und mit der ich mich an Regentagen beschäftigen konnte, wenn keine Baseballspiele stattfanden und alle von Monopoly die Nase voll hatten. Gab es all die sagenhaften Kuriositäten und menschlichen Monster von Ripley’s wirklich? Das scheint in diesem Zusammenhang kaum wichtig zu sein. Für mich gab es sie, und das ist wahrscheinlich das Entscheidende – in den Jahren von sechs bis elf, in denen die menschliche Fantasie weitgehend geformt wird, gab es sie tatsächlich. Ich glaubte daran, so wie ich glaubte, dass man mit einem Zehncentstück einen Zug entgleisen lassen konnte und dass einem der weiche Glibber in der Mitte eines Golfballs die Hand vom Arm ätzen würde, wenn man unachtsam war und etwas davon abbekam. Durch Ripley’s Unglaublich aber wahr sah ich zum ersten Mal, wie schmal die Grenze zwischen dem Sagenhaften und dem Schwindel manchmal sein konnte, und mir wurde klar, dass der Vergleich von beidem ebenso sehr dazu beitrug, die gewöhnlichen Aspekte des Lebens wie die gelegentlichen Ausbrüche des Unheimlichen zu erhellen. Vergessen Sie nicht, wir sprechen hier vom Glauben, und Glauben ist die Wiege von Mythen. Was ist mit der Wirklichkeit, fragen Sie? Nun, soweit es mich betrifft, kann die Wirklichkeit sich einpökeln lassen. Ich habe nie auch nur einen Dreck auf die Wirklichkeit gegeben, zumindest in meinen Büchern nicht. Sie ist für die Fantasie nicht selten das, was Pfähle für Vampire sind.
Ich glaube, Mythen und Fantasie sind in Wirklichkeit fast austauschbare Konzepte, und Glaube ist der Ursprung von beiden. Glaube woran? Ich finde, das spielt eigentlich keine besonders wichtige Rolle, um die Wahrheit zu sagen. An einen Gott oder viele. Oder daran, dass ein Zehncentstück einen Güterzug entgleisen lassen kann.
Meine Gutgläubigkeit hatte nichts mit religiösem Glauben zu tun; das jedenfalls sollte eindeutig klar sein. Ich wurde methodistisch erzogen und halte mich noch so weit an die fundamentalistischen Lehren meiner Kindheit, dass ich glaube, ein solcher Anspruch wäre bestenfalls anmaßend und schlimmstenfalls regelrecht blasphemisch. Ich glaubte diese ganzen unheimlichen Geschichten, weil ich dazu geschaffen war, sie zu glauben. Manche Menschen gewinnen Rennen, weil sie geschaffen wurden, schnell zu laufen; oder sie spielen Basketball, weil Gott sie einen Meter neunzig groß geschaffen hat; oder sie lösen lange, komplizierte Gleichungen an der Wandtafel, weil sie geschaffen wurden, die Stellen zu sehen, wo die Zahlen zusammenpassen.
Und doch kommt auch der Glaube an irgendeiner Stelle ins Spiel, und ich glaube, diese Stelle hat etwas damit zu tun, dass man immer und immer wieder dasselbe macht, obwohl man im Grunde seines Herzens der Überzeugung ist, man kann es nie besser machen, als es schon ist, und wenn man unbedingt weiterdrängt, kann es eigentlich nur bergab gehen. Wenn man seinen ersten Versuch an der Piñata unternimmt, hat man eigentlich nichts zu verlieren, aber beim zweiten (und dritten … und vierten … und vierunddreißigsten) riskiert man Versagen, Depressionen und im Falle eines Geschichtenerzählers, der innerhalb eines fest umrissenen Genres arbeitet, Selbstparodie. Aber wir machen weiter, die meisten jedenfalls, und es wird immer schwieriger. Ich selbst hätte das vor zwanzig Jahren nicht geglaubt, nicht einmal vor zehn, aber es stimmt. Es wird schwieriger. An manchen Tagen denke ich, dass dieser alte Wang-Textcomputer vor fünf Jahren aufgehört hat, elektrischen Strom zu verbrauchen; dass er von Stark – The Dark Half an nur noch mit Glauben läuft. Aber das ist schließlich egal, wenn nur die Worte auf dem Bildschirm erscheinen, richtig?
Der Einfall zu jeder einzelnen Geschichte in diesem Buch kam mir...
| Erscheint lt. Verlag | 9.9.2013 |
|---|---|
| Übersetzer | Joachim Körber |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Nightmares & Dreamscapes |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Alpträume • August in Brooklyn • Crouch End • Das Ende des ganzen Schlamassels • Das fünfte Viertel • Das Haus in der Maple Street • Der Bettler und der Diamant • Der Fall des Doktors • Der Nachtflieger • Der rasende Finger • Die Zehn-Uhr-Leute • Dolans Cadillac • Dolans Cadillac, Das Ende des ganzen Schlamassels, Kinderschreck, Der Nachtflieger, Popsy, Es wächst einem über den Kopf, Klapperzähne, Zueignung, Der rasende Finger, Turnschuhe • eBooks • Entschuldigung, richtig verbunden • Es wächst einem über den Kopf • Hausentbindung • Horror • Kinderschreck • Klapperzähne • Kopf runter • Kurzgeschichte • Mein hübsches Pony • Popsy • Regenzeit • Shortstory • Thriller • Turnschuhe • Umneys letzter Fall • Verdammt gute Band haben die hier • Zueignung |
| ISBN-10 | 3-641-13007-7 / 3641130077 |
| ISBN-13 | 978-3-641-13007-7 / 9783641130077 |
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