Nach 14 Jahren Ehehölle bringt Rosie Daniels endlich die Kraft auf, vor der Gewalt ihres brutalen Mannes zu fliehen. Doch der ist ein rachelüsterner Cop und folgt ihr dicht auf den Fersen ...
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen.Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.
Sie sitzt in der Ecke und versucht, Luft in einem Zimmer einzuatmen, in dem es bis eben noch genügend gegeben hat, die aber nun völlig verschwunden zu sein scheint. Wie aus weiter Ferne hört sie ein dünnes Hchch-hchch und weiß, es ist die Luft, die ihren Hals hinabströmt und in fiebrigen, kurzen Stößen wieder entweicht, aber das ändert nichts an dem Gefühl, dass sie hier in der Ecke ihres Wohnzimmers ertrinkt, während sie die Fetzen des Romans betrachtet, in dem sie gelesen hatte, als ihr Mann nach Hause kam.
Nicht dass es ihr viel ausmacht. Die Schmerzen sind so groß, sie kann nicht auf Nebensächlichkeiten wie Atmung oder die Tatsache achten, dass kein Sauerstoff mehr in der Luft zu sein scheint, die sie einatmet. Die Schmerzen haben sie verschluckt wie der Wal angeblich Jonas, diesen heiligen Kriegsdienstverweigerer. Sie pochen wie eine giftige Sonne, die tief in ihrem Inneren scheint, an einer Stelle, wo bis heute Abend nur das angenehme Gefühl von etwas heranwachsenden Neuem vorgeherrscht hat. Etwas Gutem.
Schmerzen wie diese hat sie, soweit sie sich erinnern kann, noch niemals empfunden – nicht einmal damals, mit dreizehn, als sie mit dem Fahrrad einem Schlagloch ausweichen wollte, stürzte, sich den Kopf auf dem Asphalt aufschlug und eine Platzwunde zuzog, die, wie sich später herausstellte, genau elf Stiche lang war. Sie erinnerte sich an eine silberne Lanze des Schmerzes, gefolgt von einer dunklen, sternenerfüllten Überraschung, die in Wirklichkeit eine kurze Ohnmacht gewesen war … aber jene Schmerzen hielten keinem Vergleich mit diesen Qualen stand. Diesen schrecklichen Qualen. Ihre Hand auf ihrem Bauch spürt Haut, die keine Haut mehr ist; als wäre ihr Leib aufgeschnitten und das lebende Baby durch einen heißen Stein ersetzt worden.
O Gott, bitte, denkt sie. Bitte lass das Baby unversehrt sein.
Aber jetzt, wo ihr Atmen sich endlich ein wenig normalisiert, stellt sie fest, dass das Baby nicht unversehrt ist, dass er dafür gesorgt hat. Wenn du im vierten Monat schwanger bist, dann ist das Baby immer noch mehr ein Teil von dir als von sich selbst, und wenn du in einer Ecke hockst, das Haar dir in verschwitzten Strähnen am Gesicht klebt und du dich fühlst, als hättest du einen heißen Stein verschluckt …
Etwas haucht dunkle, feuchte Küsse auf die Innenseiten ihrer Oberschenkel.
» Nein « , flüstert sie. » Nein. O gütiger Gott, nein. Großer Gott, barmherziger Gott, lieber Gott, nein. «
Lass es Schweiß sein, denkt sie. Lass es Schweiß sein … oder vielleicht hab ich mir auch in die Hose gemacht. Ja, das ist es wahrscheinlich. Als er mich zum dritten Mal geschlagen hat, hat es so wehgetan, dass ich mir in die Hose gemacht und es nicht mal bemerkt habe. Das ist es.
Aber es ist weder Schweiß noch Pipi. Es ist Blut. Sie sitzt hier, in der Ecke des Wohnzimmers, betrachtet das verstümmelte Taschenbuch, das halb auf dem Sofa und halb unter dem Beistelltisch liegt, und ihre Gebärmutter ist im Begriff, das Baby zu erbrechen, das sie bis jetzt ohne Beschwerden oder irgendwelche Probleme getragen hat.
» Nein « , stöhnt sie. » Nein, lieber Gott, bitte sag nein.«
Sie kann den Schatten ihres Mannes sehen, der verzerrt und in die Länge gezogen wie eine Vogelscheuche oder der Schatten eines Gehängten an der Wand des Durchgangs vom Wohnzimmer in die Küche tanzt. Sie kann einen Schattentelefonhörer sehen, der an ein Schattenohr gepresst wird, und den langen Schatten der Spiralkordel. Sie kann sogar seine Schattenfinger sehen, die die Spiralen aus dem Kabel drehen, sie einen Moment lang festhalten und dann in ihre ursprüngliche Form zurückschnalzen lassen wie eine schlechte Gewohnheit, die man einfach nicht ablegen kann.
Ihr erster Gedanke ist, dass er die Polizei ruft. Was selbstverständlich lächerlich ist – er ist die Polizei.
»Ja, ein Notfall«, sagt er. »Das können Sie aber singen, wunderbar, und sie ist obendrein schwanger.« Er horcht, lässt die Schnur durch die Finger gleiten, und als er wieder spricht, ist sein Ton gereizt. Die Andeutung von Zorn in seiner Stimme lässt ihre Angst wieder aufflackern und füllt ihren Mund mit einem metallischen Geschmack. Wer würde sich mit ihm anlegen, ihm widersprechen? Oh, wer könnte so närrisch sein, das zu tun? Selbstverständlich nur jemand, der ihn nicht kannte – der ihn nicht so kannte, wie sie ihn kannte. »Selbstverständlich werde ich sie nicht bewegen, halten Sie mich für einen Idioten?«
Ihre Finger gleiten unter ihr Kleid und am Schenkel hinauf zum durchnässten, heißen Baumwollstoff ihres Schlüpfers. Bitte, denkt sie. Wie oft ist ihr dieses Wort durch den Kopf gegangen, seit er ihr das Buch aus den Händen gerissen hat? Sie weiß es nicht, aber da ist es schon wieder. Bitte lass die Flüssigkeit an meinen Fingern klar sein. Bitte, lieber Gott. Bitte lass sie klar sein.
Aber als sie die Hand unter dem Kleid hervorzieht, sind ihre Fingerspitzen rot von Blut. Noch während sie sie betrachtet, frisst sich ein monströser Krampf durch ihr Inneres wie das Blatt einer Säge. Sie muss die Zähne zusammenbeißen, um einen Schrei zu unterdrücken. Sie hat Verstand genug, in diesem Haus nicht zu schreien.
»Vergessen Sie diesen Quatsch, kommen Sie einfach her! Aber dalli!« Er knallt den Hörer auf die Gabel.
Sein Schatten tanzt an der Wand und schwillt an, und plötzlich steht er unter dem Torbogen und sieht sie mit seinem geröteten, hübschen Gesicht an. Die Augen in diesem Gesicht sind so ausdruckslos wie Glasscherben, die am Rand einer Landstraße funkeln.
»Nun sieh dir das an«, sagt er, hebt kurz beide Hände und lässt sie dann mit einem leisen Klatschen wieder an die Seite sinken. »Sieh dir diese Schweinerei an.«
Sie streckt ihm die eigene Hand entgegen, zeigt ihm die blutigen Fingerspitzen – einen deutlicheren Vorwurf wagt sie nicht.
»Ich weiß«, sagt er, als würde die Tatsache, dass er es weiß, alles erklären und die ganze Angelegenheit in einen zusammenhängenden, rationalen Kontext bringen. Er wendet sich ab und betrachtet starr das zerfetzte Taschenbuch. Er hebt das Stück auf der Couch auf, dann bückt er sich und holt das unter dem Beistelltisch hervor. Als er sich aufrichtet, kann er den Umschlag sehen, der eine Frau in weißer Bauernbluse zeigt, die am Bug eines Schiffs steht. Ihr Haar weht dramatisch im Wind und entblößt die alabasterfarbenen Schultern. Der Titel, Miserys Reise, ist mit roten Buchstaben geprägt.
»Das ist das Problem«, sagt er und fuchtelt mit den Überresten des Taschenbuchs vor ihr wie ein Mann mit einer zusammengerollten Zeitung vor einem Welpen, der auf den Boden gepinkelt hat. »Wie oft hab ich dir schon gesagt, was ich davon halte, dass du so einen Mist liest?«
An sich lautet die Antwort darauf: niemals. Sie weiß, sie könnte hier genauso in der Ecke sitzen und eine Fehlgeburt haben, wenn er nach Hause gekommen wäre und gesehen hätte, wie sie die Nachrichten im Fernsehen anschaute oder einen Knopf an einem seiner Hemden annähte, oder einfach nur auf der Couch lag und ein Nickerchen machte. Es sind schwere Zeiten für ihn, eine Frau namens Wendy Yarrow macht ihm Ärger, und wenn Norman Ärger hat, müssen andere es ausbaden. Wie oft habe ich dir schon gesagt, was ich davon halte, dass du so einen Mist liest?, hätte er unabhängig davon gebrüllt, um was für einen Mist es sich handelte. Und dann, kurz bevor er mit den Fäusten loslegte: Ich will mit dir reden, Schatz. Aus der Nähe.
»Verstehst du nicht?«, flüstert sie. »Ich verliere das Baby.«
Es ist unglaublich, aber er lächelt. »Du kannst wieder eins bekommen«, sagt er. Als würde er ein Kind trösten, das seine Eistüte hat fallen lassen. Dann trägt er das zerrissene Taschenbuch in die Küche, wo er es zweifellos in den Mülleimer werfen wird.
Du Dreckskerl, denkt sie, ohne zu wissen, dass sie es denkt. Die Krämpfe setzen wieder ein, diesmal nicht nur einer, sondern viele, sie schwärmen in ihr aus wie grässliche Insekten, und sie streckt den Kopf tief in die Ecke und stöhnt. Du Dreckskerl, wie ich dich hasse.
Er kommt aus dem Durchgang und geht auf sie zu. Sie strampelt mit den Füßen und versucht, sich in der Wand zu verkriechen, während sie mit schreckerfüllten Augen zu ihm aufschaut. Einen Moment lang ist sie davon überzeugt, dass er sie diesmal umbringen wird, ihr nicht nur wehtun oder ihr das Baby nehmen, das sie sich so lange gewünscht hat, sondern sie richtig umbringen wird. Es hat etwas Unmenschliches an sich, wie er mit gesenktem Kopf, an den Seiten hängenden Händen und schwellenden Oberschenkelmuskeln...
| Erscheint lt. Verlag | 12.8.2013 |
|---|---|
| Übersetzer | Joachim Körber |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Rose Madder |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | eBooks • Ehehölle • Ehemann • ERINYES • Gemälde • Gewalttätig • Horror • Labyrinth • misery • Norman Daniels • Psychothriller • Rose Madder • Rose Madder, Rose McClendon, Norman Daniels, Ehehölle, Ehemann, gewalttätig, Gemälde, Misery, Vorleserein, Teufelsrochen • Rose McClendon • Stier • Teufelsrochen • Thriller • Vorleserein |
| ISBN-10 | 3-641-12797-1 / 3641127971 |
| ISBN-13 | 978-3-641-12797-8 / 9783641127978 |
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