John Sinclair 1822 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-4129-1 (ISBN)
Es war ein Kloster. Dort lebten Nonnen - fromme Frauen. So sah es die Welt auf den ersten Blick. Aber es gab noch einen zweiten, und der war ziemlich gefährlich. Das Kloster, das nach außen hin so harmlos und normal wirkte, gehörte in Wirklichkeit jemand anderem ...
Nach außen hin war alles klar. Aber wer hinter die Fassaden schaute, der sah andere Bilder. Es gab auch misstrauische Patienten, die dem Frieden nicht trauten. Die auch in der Nacht wach lagen und in die Dunkelheit horchten.
Wie Maria Toledo, die Nonne, die in einem schmalen Einzelzimmer lag und nicht schlafen konnte.
Sie war nervös. Das hing mit ihrem inneren Zustand zusammen, denn es war die reine Angst, die sie nicht schlafen ließ. Sie war noch einmal davongekommen. Sie hatte sich ins Krankenhaus schleppen können. Jetzt lag sie hier. Sie war allein mit ihrer Angst, aber auch mit der Hoffnung, dass sich etwas ändern würde. Nur würde das erst am folgenden Tag geschehen und bis dahin musste sie abwarten.
Andere hatten nicht den Mut gehabt wie Maria, obwohl sie litten, aber sie hatten den letzten Schritt noch nicht gewagt.
Das hatte Maria ihnen voraus, und sie hoffte, alles genau richtig gemacht zu haben.
Jetzt lag sie im Bett auf dem Rücken und schaute gegen die Decke.
Maria Toledo war keine Hellseherin. Sie wusste nicht, was noch auf sie zukommen würde, sollte sie überleben. Das war alles noch nicht sicher, denn sie wusste sehr wohl, wie gefährlich die andere Seite war.
Die Hölle war immer grausam gewesen. Das hatte sich auch in der heutigen, der modernen Zeit nicht geändert. Und es hatte immer wieder Menschen gegeben, die sich gegen die Mächte der Hölle gestemmt hatten. Einer von ihnen lebte in London. Mit ihm hatte die Nonne Verbindung aufgenommen. An ihn persönlich war sie nicht herangekommen, aber seine Assistentin oder Mitarbeiterin, eine gewisse Glenda Perkins, hatte versprochen, ihm die Botschaft zu überbringen und dafür zu sorgen, dass er die Nonne am nächsten Tag besuchen würde. Früher ging es leider nicht, und so konnte sie nur hoffen, dass man sie nicht fand. Wenn das geschah, würde man sie töten. Da blieb es dann nicht bei Brandflecken, wie sie sich jetzt auf ihrem Körper verteilten. Die Warnungen waren vorbei. Jetzt ging es ums Ganze.
Den Namen John Sinclair hatte Maria Toledo in Rom gehört. Beim Besuch der Ewigen Stadt war sie mit einem Mann zusammengetroffen, der Father Ignatius hieß und recht viel Einfluss besaß. Mit ihm hatte sie an zwei Abenden wunderbar geredet und so auch von John Sinclair erfahren, dem Mann, der in London lebte und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, gegen die Mächte der Hölle zu kämpfen.
Die Nonne hatte alles genau behalten. Nun war der Zeitpunkt für sie gekommen, um mit John Sinclair Kontakt aufzunehmen.
Ein erster war hergestellt worden, aber viel wichtiger war der zweite, der persönliche, und sie hoffte stark, dass es dazu bald kommen würde.
Noch einige Stunden überstehen, dann war es so weit. Aber die Zeit würde lang werden, sehr lang.
Ein leises Klopfen an der Zimmertür schreckte sie auf. Sie blieb auf dem Rücken liegen und drehte nur den Kopf ein wenig, sodass sie zur Tür schauen konnte.
Die wurde langsam geöffnet. Das Herz der Patientin schlug schneller. Für einen Moment hatte sie einen schlimmen Gedanken, aber der traf nicht zu.
Es war Leni, die Nachtschwester, die sich über die Schwelle schob und das Licht einschaltete. In ihrem weißen Outfit sah sie aus wie ein Gespenst. Hinzu kam, dass sie flache Schuhe trug, die ihr erlaubten, lautlos zu gehen, und so blieb die Stille bestehen, als sie das Zimmer betrat.
Die Nonne lächelte. Sie hob die Hand zum Gruß und freute sich, dass Schwester Leni einen Stuhl herbei schob und darauf Platz nahm. Es deutete darauf hin, dass sie etwas länger bleiben wollte.
Das blonde Haar der Schwester war kurz geschnitten, und in der Dunkelheit schienen die grünen Augen zu leuchten, so intensiv war die Farbe.
»Und jetzt die übliche Frage. Wie geht es Ihnen?«
»Ha, ich freue mich auf Morgen. Auf meinen Besuch. Der ist nämlich etwas ganz Besonderes.«
»Ja, das sagten Sie schon. Und Sie wollen auch jetzt nicht verraten, wer er ist?«
Maria Toledo überlegte. »Nun ja, Sie sind immer so nett zu mir gewesen. Ihnen kann ich es ja sagen.«
»Danke.«
»Er ist Polizist.«
Leni erschrak. »Was ist er? Ein Polizist?«
»Ja. Und sogar ein besonderer. Er arbeitet für Scotland Yard, wenn Sie verstehen.«
»Ehrlich?« Die Schwester staunte.
»Ja, warum sollte ich lügen?«
»Und weshalb treffen Sie ihn?«
»Ich muss ihm etwas sagen.«
Leni nickte. »Das hängt sicherlich mit dem Aufenthalt hier bei uns zusammen – oder?«
»Ja.«
Leni nickte gedankenverloren. Dann fragte sie: »Und was machen Ihre Verletzungen? Die Brandwunden?«
»Die sind nicht mehr da.«
Leni lachte und winkte ab. »Hören Sie auf. Das kann ich Ihnen nicht glauben.«
»Aber ich hatte das Gefühl. Ich spüre sie nicht mehr. Es gibt keine Schmerzen.«
»Das ist etwas anderes. Dann scheinen sie wirklich gut verheilt zu sein, denke ich.«
»Ja, bestimmt.«
»Soll ich trotzdem mal nachschauen?«
»Wie Sie wollen, Schwester.«
Leni lächelte und zog die Decke zur Seite. Die Nonne war mit einem Nachthemd bekleidet und mit einer Unterhose. Das Nachthemd hatte sich die Nonne selbst in die Höhe gezogen, so lag der größte Teil des Oberkörpers frei vor den Blicken der Nachtschwester. Sie schaute, sie schüttelte den Kopf, und sie flüsterte etwas.
»Das gibt es nicht.«
»Was ist denn?«, fragte Maria.
»Die – die – Wunden.«
»Was ist mit ihnen?«
»Sie sind – weg!«
Ein gurgelnder Laut drang aus der Kehle der Kranken. Es sollte wohl ein Lachen sein, war aber als solches ein wenig verunglückt. »Das kann doch nicht sein.«
»Es ist aber so!«
»Nichts zu sehen?«
»Nun ja, nicht ganz. An manchen Stellen sehe ich noch den rötlichen Puder.«
»Und?«
»Sonst nichts.« Leni schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht. Ich glaube ja nicht an Wunder. Aber hier scheint doch ein Wunder geschehen zu sein.«
»Meinen Sie?« Maria Toledo war noch immer ziemlich durcheinander. Sie begriff nicht, was mit ihren Brandwunden passiert war. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie so mir nichts dir nichts verschwunden waren.
Sie schaute genau nach. Die Hände hatte sie zu Fäusten geballt. Und sie legte sich gehorsam auf den Bauch, als sie darum gebeten wurde.
»Tja, das ist ein Hammer.«
»Meine ich auch, Schwester.«
Leni richtete das Nachthemd der Nonne. Dabei gab sie einen Kommentar ab. »Das grenzt ja schon an eine Wunderheilung.«
»Nun ja, das will ich nicht sagen. Aber die Brandwunden sind gut zurückgegangen.«
»Stimmt. Aber ich weiß noch immer nicht, wie Sie sich diese eingefangen haben.«
Maria Toledo senkte den Blick. »Das – möchte ich auch nicht sagen.«
»Warum nicht?«
»Morgen vielleicht.«
»Wenn Ihr Besuch da war?«
»Genau.«
Schwester Leni erhob sich von der Bettkante. »So, dann werde ich mal weitergehen. Und Ihnen wünsche ich noch eine ruhige Nacht. Versuchen Sie, Schlaf zu finden.«
»Ich werde mich bemühen.«
»Gut, dann bis später mal.« Die Schwester war bereits an der Tür winkte noch einmal und schaltete das Licht aus.
Maria Toledo blieb allein zurück. Wieder einmal. Der Besuch der Schwester hatte ihr gut getan. Jetzt aber war sie wieder mit ihren Gedanken allein.
Und das waren nicht die besten. Es gab keine Ablenkung mehr. Dafür kehrte die Angst zurück.
Es war kurz nach Mitternacht. Die nächsten Stunden würden sich hinziehen, das wusste sie aus Erfahrung. Da konnte noch viel passieren.
Sie konzentrierte sich auf ihren Herzschlag. Ja, er hatte sich schon verändert. Er war lauter geworden, das fand sie zumindest. Sie hörte ihn überdeutlich, und er erreichte auch ihren Kopf, wo es zu kleinen Explosionen kam.
Ein Fenster gab es auch in diesem schlauchartigen Raum. Es lag recht hoch und war mehr lang als breit. Man konnte auch von einem Schlitz sprechen. Aber es war offen, und etwas frische Luft drang in den Raum, was der Kranken gut tat.
Nur trocknete sie nicht den Schweiß auf ihrer Stirn. Er blieb leider auf dem Gesicht liegen. Dass ihr so warm war, lag nicht nur an den äußeren Temperaturen, es konnte auch an ihrem inneren Zustand liegen, den sie nicht beeinflussen konnte.
Maria wartete und hoffte. Ja, sie hoffte, nicht zu spät reagiert zu haben. Möglicherweise war noch etwas zu retten. Sie setzte auf John Sinclair und hatte nicht vergessen, dass ihr damals Father Ignatius wahre Wunderdinge von ihm berichtet hatte.
Ja, er würde sie beschützen können. Dass die andere Seite die Verfolgung aufgegeben hatte, daran glaubte sie nicht. Die machten weiter. Bis zum bitteren Ende, und sie hatten in Clarissa die perfekte Anführerin. Die nahm alles in die eigenen Hände. Man sagte ihr nach, dass sie mit dem Teufel im Bunde stand, was Maria durchaus glaubte.
Sogar sehr stark glaubte. Clarissa war nicht mehr normal. Sie reagierte oft genug extrem. Zwar sah sie normal aus, doch wer sie länger kannte, der merkte, dass in ihr etwas lauerte, das anders war als bei einem normalen Menschen und auch schlecht erklärt werden konnte.
Diese Gedanken beschäftigten sie auch jetzt, und so war es ihr nicht möglich, einzuschlafen. Das war für sie auch nicht schlimm. Wichtig war, dass sie bis zum Morgen durchhielt, um dann mit diesem Polizisten John Sinclair sprechen zu können.
Sie sah sich selbst nicht als Verräterin an....
| Erscheint lt. Verlag | 11.6.2013 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-4129-3 / 3838741293 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-4129-1 / 9783838741291 |
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