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Das vierte Opfer - Håkan Nesser

Das vierte Opfer

Roman

(Autor)

Buch | Softcover
288 Seiten
2001
btb Verlag (TB)
978-3-442-72719-3 (ISBN)
CHF 12,60 inkl. MwSt
zur Neuauflage
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Zu diesem Artikel existiert eine Nachauflage
In einem ehemals beschaulichen Ferienort treibt ein brutaler Axtmörder sein Unwesen. Drei Menschen hat er schon auf dem Gewissen. Und bald ist auch das vierte Opfer in seiner Gewalt ...


Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Krimiautoren Schwedens. Für seine Kriminalromane um Kommissar Van Veeteren erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in mehrere Sprachen übersetzt und wurden erfolgreich ver

31. August - 10. September 1 Wenn Ernst Simmel gewußt hätte, daß er kurz davor war, das zweite Opfer des Henkers zu werden, hätte er sich vermutlich noch ein paar kräftige Drinks in der Blauen Barke gegönnt. Doch so begnügte er sich mit einem Cognac zum Kaffee und einem verdünnten Whisky in der Bar, wobei er ziemlich fruchtlos und ohne wirkliches Engagement versuchte, mit einer blondierten Frau Blickkontakt aufzunehmen, die schräg gegenüber am Treseneck saß. Offensichtlich war es eine der Neueingestellten unten in der Konservenfabrik. Er hatte sie noch nie gesehen, und er hatte einen gewissen Überblick. Rechts von ihm saß Herman Schalke von de Journaal und versuchte ihn für eine billige Wochenendreise nach Kaliningrad zu interessieren, oder irgendwas ähnliches, und wenn man später versuchen würde, den Abend zu rekonstruieren, dann würde man zu dem Ergebnis kommen, daß Schalke der letzte gewesen sein mußte, der in diesem Leben mit Simmel geredet hatte. Das heißt, wenn man nicht davon ausging, daß der Henker ihm noch etwas mitzuteilen gehabt hatte, bevor er ihn umbrachte. Was allerdings nicht sehr wahrscheinlich war, denn der Stich kam, genau wie beim ersten Fall, schräg von hinten und ein wenig von unten. Was gab es da noch viel zu sagen? »Ach«, hatte Simmel geseufzt und die letzten Tropfen in sich hineingekippt. Zeit, sich nach Hause aufzumachen, zur Frau. Wenn Schalke sich richtig erinnerte. Jedenfalls hatte er versucht, ihn noch zu überreden. Erklärt, daß es doch erst elf Uhr wäre und die Nacht noch jung, aber Simmel war standhaft geblieben. Ja, genau das, standhaft. War einfach von seinem Stuhl gerutscht. Hatte seine Brille zurechtgerückt und das dünne, etwas lächerliche Haar quer über die Glatze gestrichen, wie er es immer tat, als ließe sich damit noch etwas kaschieren´... hatte irgendwas gemurmelt und war gegangen. Das letzte, was Schalke von ihm sah, war sein lichtbeschienener Rücken, als er in der Tür stand und zu zögern schien, welche Richtung er einschlagen sollte. Was natürlich, im nachhinein betrachtet, etwas merkwürdig war. Simmel mußte doch wohl wissen, wo er wohnte? Aber er konnte natürlich auch nur einfach einen Moment stehengeblieben sein, um sich die milde Abendluft zu Gemüte zu führen. Es war ein heißer Tag gewesen, der Sommer war noch nicht vorbei, und die Abende bekamen langsam diese satte Schwere, als lagerten immer noch die Sonnenstunden mehrerer Monate in ihnen. Lagerten dort und wurden immer edler. Wie geschaffen, um einen tiefen Atemzug davon zu nehmen, hatte jemand gesagt. Diese Nächte. Im Nachhinein gesehen ein idealer Abend, um auf die andere Seite zu wechseln, wenn man es unter diesem Gesichtspunkt sah. Schalkes Gebiet bei de Journaal war zwar eher der sportliche und folkloristische Bereich, aber in seiner Eigenschaft als letzter Zeuge hatte er doch wohl die Berechtigung dazu, einen Nachruf auf den so plötzlich dahingerafften Immobilienmakler zu schreiben ... eine Stütze der Gesellschaft, so durfte man wohl sagen, gerade erst in seine Heimatstadt zurückgekehrt nach einigen Jahren im Ausland (an der spanischen Sonnenküste unter gleichgesinnten Steuerspekulanten, doch das mußte man in diesem Zusammenhang ja nicht erwähnen), Frau und zwei erwachsene Kinder hinterlassend, achtundfünfzig Jahre alt, aber immer noch in der Blüte seiner Jahre, ganz zweifellos. Die schwere Abendluft schlug ihm wie ein Angebot entgegen, und er blieb zögernd in der Tür stehen. Wäre doch keine schlechte Idee, noch eine Runde über den Fischmarkt und durchs Hafengebiet zu machen! Was hatte er um diese Zeit schon zu Hause zu erwarten? Das Bild von Gretes schwerem Körper stieg in seinem Kopf auf, und der süßliche Schlafzimmergeruch kam ihm in den Sinn, und er entschied sich für einen kleinen Spaziergang. Nur einen kleinen. Schon allein die laue Nachtluft war die Mühe wert, auch wenn er nichts finden würde. Er überquerte die Lange Straße und bog zur Bungeskirche ab. Im gleichen Moment löste sich der Schatten seines Mörders aus dem Dunkel unter den Linden im Leisnerpark und nahm die Verfolgung auf. Still und vorsichtig ... in sicherem Abstand und auf Gummisohlen. Das war der dritte Versuch heute abend, noch hatte er sich im Griff. Er wußte, welche Aufgabe er sich gestellt hatte, und das letzte, was ihm in den Sinn gekommen wäre, war, übereifrig zu reagieren. Simmel ging weiter die Hoistraat entlang und die Treppen hinunter zum Hafen. Am Fischmarkt wurde er langsamer. Bummelte gemächlich schräg über den menschenleeren Kopfsteinpflasterplatz zur Markthalle. Zwei Frauen unterhielten sich an der Ecke zur Doomsgasse, aber sie schienen ihn nicht weiters zu interessieren. Vielleicht wußte er nicht so recht, woran er bei ihnen war, vielleicht hielt ihn etwas anderes zurück. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust. Unten am Kai blieb er ein paar Minuten stehen, rauchte eine Zigarette und betrachtete die Touristenboote, die im Hafen vor sich hindümpelten. Auch der Mörder gönnte sich in diesem Moment eine Zigarette, im Schatten der Lagergebäude auf der anderen Seite der Esplanade. Er hielt sie tief in seiner hohlen Hand verborgen, damit die Glut ihn nicht verriet, und er ließ sein Opfer keine Sekunde aus den Augen. Als Simmel seine Kippe ins Wasser warf und seine Schritte zum Stadtwald hin ausrichtete, war dem Mörder klar, daß es an diesem Abend soweit war. Zwar waren es von der Esplanade nach Rikken, dem halbmondänen Stadtteil, in dem Simmel wohnte, kaum mehr als dreihundert Meter durch den Wald, und es gab auch genügend Lampen entlang dem Spazierweg, aber diverse Feste im Sommer und Veranstaltungen im Freien hatten die eine oder andere zum Bruch gebracht - und dreihundert Meter können ein langer Weg sein ... Als Simmel einen leichten Schritt hinter sich hörte, war er jedenfalls noch nicht weiter als fünfzig Meter in den Wald gekommen, und die Dunkelheit hielt ihn dicht umfangen. Warm und verheißungsvoll, wie gesagt, aber auch dicht. Vermutlich hatte er gar keine Zeit, um Angst zu haben. Und wenn, dann höchstens in den allerletzten Bruchteilen der letzten Sekunde. Die scharf geschliffene Klinge drang von hinten zwischen dem zweiten und vierten Nackenwirbel ein. Sie spaltete den dritten diagonal in zwei Teile, durchschnitt die Wirbelsäule, die Speiseröhre und die Halsschlagader. Wenn die Klinge nur ein paar Zentimeter tiefer geführt worden wäre, hätte sie den Kopf wahrscheinlich ganz und gar vom Körper abgetrennt. Was an und für sich natürlich sehr spektakulär gewesen wäre, aber für das Ergebnis an sich nur von untergeordneter Bedeutung. Allen denkbaren Kriterien zufolge mußte Ernst Simmel bereits tot gewesen sein, als er zu Boden fiel. Sein Gesicht traf mit voller Wucht auf den hartgetretenen Kiesweg, die Brille zersplitterte, und es kam zu einigen sekundären Verletzungen. Das Blut spritzte aus der Kehle, von oben und von unten, und während der Mörder ihn vorsichtig in die Büsche zog, konnte er immer noch ein schwaches Blubbern hören. Er wartete leise in der Hocke, bis die vier oder fünf Jugendlichen vorbei waren, wischte seine Waffe dann im Gras ab und begab sich zurück zum Hafen. Zwanzig Minuten später saß er an seinem Küchentisch mit einer dampfenden Tasse Tee und hörte, wie sich die Badewanne langsam füllte. Wenn seine Frau noch bei ihm gewesen wäre, hätte sie ihn sicher gefragt, ob er einen anstrengenden Tag gehabt hätte und ob er sehr müde sei. »Nicht besonders«, hätte er wahrscheinlich geantwortet. »Es dauert nur seine Zeit, aber es geht alles nach Plan.« »Das ist gut, mein Liebling«, hätte sie darauf antworten können. Wäre vielleicht zu ihm gekommen und hätte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. »Das ist gut ...« Er nickte und führte die Tasse zum Mund. 2 Der Strand war unendlich. Unendlich und unveränderlich. Ein graues, stilles Meer unter einem blassen Himmel. Ein Streifen feuchter, fester Sand am Wasser, auf dem er gemächlich entlangschlendern konnte. Ein trockenes, grauweißes Band reichte bis zu dem kleinen Hügel mit Strandgräsern und windgepeitschten Büschen. Über den Salzwiesen im Landesinneren zogen Vögel weite Kreise und erfüllten die Luft mit ihren düsteren Schreien. Van Veeteren schaute auf die Uhr und blieb stehen. Er zögerte einen Augenblick. In der diesigen Ferne konnte er zwar den Kirchturm von s'Greijvin erkennen, aber die Entfernung war groß. Wenn er weiterginge, würde es sicher eine Stunde dauern, bis er sich im dortigen Café am Markt mit einem Bier niederlassen könnte. Vielleicht wäre es ja die Mühe wert, aber jetzt, wo er erst einmal angehalten hatte, war es nicht so einfach, sich wieder auf Trab zu bringen. Es war drei Uhr. Er war nach dem Mittagessen aufgebrochen, oder wenn man es genau nahm, war es eher das Frühstück gewesen. Jedenfalls so gegen ein Uhr, nach einer weiteren Nacht, in der er früh zu Bett gegangen war, aber der Schlaf sich erst in den frühen Morgenstunden eingefunden hatte. Schwer zu sagen, was der wahre Grund seiner Unruhe und Rastlosigkeit war, wenn er in dem wackligen Doppelbett lag und sich hin- und herwälzte, während das Morgengrauen immer stärker hereindrang ... schwer zu sagen. Die Ferien dauerten jetzt bereits drei Wochen, ziemlich lange für seine Verhältnisse, aber trotzdem nicht ungewöhnlich lange. Und zumindest während der letzten Woche hatte sich sein Tagesrhythmus kontinuierlich verändert. In vier Tagen würde es an der Zeit sein, wieder ins Büro zu kommen, und er hatte nicht das Gefühl, daß er es auf rüstigen Beinen tun würde. Und das, obwohl er eigentlich kaum etwas anderes getan hatte, als sich auszuruhen. Am Strand gelegen und gelesen. Im Café in s'Greijvin gesessen oder näher dran in Hellensraut. Den unendlichen Strand rauf und runter spaziert. Die erste Woche mit Erich war ein Fehler gewesen, das hatten beide bereits nach dem ersten Tag eingesehen, aber das Arrangement ließ sich nicht so leicht über den Haufen werfen. Der Urlaub war nur unter diesen Voraussetzungen bewilligt worden: daß der Vater die Verantwortung für den Sohn übernahm und daß dieser hier an der Küste blieb. Der Sohn hatte immer noch zehn Monate seiner Strafe abzusitzen, und sein letzter Aufenthalt in der Freiheit hatte so einiges zu wünschen übrig gelassen. Van Veeteren blickte aufs Meer hinaus. Das lag so still und unbegreiflich da, wie es das die ganze letzte Woche getan hatte. Als könnte nichts es wirklich erschüttern, nicht einmal der Wind. Die Wellen, die am Strand eines natürlichen Todes starben, schienen schon lange Leben und Hoffnung hinter sich gelassen zu haben. Das hier ist nicht mein Meer, dachte Van Veeteren. In den letzten Arbeitswochen im Juli hatte er auf die Tage mit Erich förmlich gewartet. Als sie da waren, wartete er, daß sie vorbeigehen würden, damit er wieder seine Ruhe hatte. Und nachdem er jetzt zwölf Tage und Nächte in absoluter Einsamkeit verbracht hatte, sehnte er sich danach, wieder mit seiner Arbeit anfangen zu können. Oder war es vielleicht doch nicht so einfach? War es einfach nur eine beschönigende Umschreibung für das eigentliche Problem - die Frage nämlich, ob es einen Punkt gibt, ab dem man sich nicht länger nach etwas sehnt, sondern ab dem man nur noch von etwas fort will. Weg. Sich danach sehnt, etwas abzuschließen und aufzubrechen, aber nicht danach, etwas neu anzufangen? Wie eine Reise, deren Verlockung im gleichen Takt abnimmt, je weiter man sich vom Ausgangspunkt entfernt, die immer bitterer wird, je näher man dem Ziel kommt ... Weg, dachte er. Beenden. Begraben. Das ist es, was man den Weg nach unten nennt. Und es gibt immer ein anderes Meer. Er seufzte und zog sich den Pullover aus. Band ihn sich um die Schultern und machte sich auf den Heimweg. Der Wind blies ihm ins Gesicht, und ihm war klar, daß der Rückweg länger dauern würde ... Es war eigentlich gar nicht schlecht, am Abend ein paar Stunden für sich allein zu haben. Das Haus mußte saubergemacht werden, der Kühlschrank geleert, das Telefon abgestellt. Er wollte am nächsten Morgen früh los. Es gab keinen Grund, den Aufbruch unnötig zu verzögern. Er trat gegen eine liegengelassene Plastikflasche im Sand. Morgen beginnt der Herbst, dachte er. Er hörte das Telefon schon am Gartentor. Automatisch verlangsamte er seine Bewegungen, zögerte mit dem nächsten Schritt und suchte nach den Schlüsseln in der Hoffnung, daß es aufhören würde zu klingeln, bevor er ins Haus kam. Vergeblich. Die Töne durchschnitten hartnäckig die Dämmerung und die Stille. Er nahm den Hörer auf. »Ja?« »Van Veeteren?« »Kommt darauf an.« »Haha ... Hier ist Hiller. Wie geht's so?« Van Veeteren unterdrückte den Impuls, sofort wieder aufzulegen. »Ausgezeichnet, danke. Aber ich bin davon ausgegangen, daß mein Urlaub erst am Montag zu Ende ist ...« »Ganz genau! Ich hab mir gedacht, du könntest noch ein paar Tage zusätzlich gebrauchen.« Van Veeteren antwortete nicht. »Würdest du gern noch ein bißchen an der Küste bleiben, wenn du die Möglichkeit hättest?« »...« »Noch eine Woche oder so? Hallo!?« »Wenn der Herr Polizeipräsident zur Sache kommen könnte«, sagte Van Veeteren. Hiller bekam einen simulierten Hustenanfall, und Van Veeteren seufzte. »Ja, hrrm, da ist so eine kleine Sache oben in Kaalbringen ... das dürfte nicht mehr als vierzig, fünfzig Kilometer von deinem Haus entfernt liegen, ich weiß nicht, ob du davon weißt. Jedenfalls sind wir um Unterstützung gebeten worden.« »Worum handelt es sich denn?« »Mord. Zweifachen. Irgend so ein Wahnsinniger rennt da herum und haut den Leuten mit der Axt oder so den Kopf ab. Heute steht auch was in der Zeitung drüber, aber vielleicht hast du ...« »Ich habe seit drei Wochen keine Zeitung mehr gelesen«, erklärte Van Veeteren. »Der letzte ... ich meine, der zweite Mord geschah gestern, oder eher vorgestern. Tja, auf jeden Fall müssen wir Verstärkung schicken, und da du sowieso in der Gegend bist ...« »Vielen Dank.« »Du kannst dich erst mal drum kümmern. Ich schicke Münster oder Reinhart nächste Woche nach. Natürlich nur, wenn du den Fall bis dahin nicht gelöst hast.« »Wie heißt der Polizeichef? Ich meine, in Kaalbringen.« Hiller hustete wieder. »Er heißt Bausen. Ich glaube nicht, daß du ihn kennst ... Er hat jedenfalls nur noch einen Monat bis zu seiner Pensionierung, und es scheint ihm nicht besonders viel Spaß zu machen, ausgerechnet jetzt diesen Fall am Hals zu haben.« »Wie verwunderlich«, sagte Van Veeteren. »Dann fährst du also morgen hin?« beendete Hiller das Gespräch. »Damit du nicht hin und her fahren mußt. Kann man eigentlich noch baden?« »Ich mache den ganzen Tag nichts anderes.« »Soso ... ja, schön. Also, dann rufe ich an und sage ihnen, daß du morgen nachmittag auftauchen wirst. Okay?« »Ich will Münster haben«, sagte Van Veeteren. »Wenn es sich einrichten läßt«, erwiderte Hiller. Van Veeteren legte den Hörer auf. Blieb noch einen Moment lang stehen und starrte das Telefon an, bevor er den Stecker herauszog. Ich habe vergessen, einzukaufen, fiel ihm plötzlich ein. Verflucht noch mal! Warum fiel ihm das gerade jetzt ein? Er war gar nicht hungrig, also mußte das irgendwie mit Hiller zusammenhängen. Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Ging auf die Terrasse und setzte sich in den Liegestuhl. Ein Axtmörder? Er öffnete die Dose und schenkte sich das hohe Glas voll. Versuchte sich daran zu erinnern, ob er jemals mit diesem ungewöhnlichen Tätertyp zu tun gehabt hatte. In den dreißig Jahren oder mehr, die er bei der Polizei war. Aber wie er es auch drehte und wendete, er konnte aus den dunklen Tiefen seiner Erinnerung keinen einzigen Axtmörder hervorlocken. Dann wird es wohl Zeit, dachte er und hob sein Glas. 3 »Frau Simmel?« Die korpulente Frau öffnete die Tür sperrangelweit. »Bitte schön.« Beate Moerk trat über die Schwelle und versuchte teilnahmsvoll auszusehen. Sie gab Frau Simmel ihren dünnen Mantel, den diese umständlich auf einen Bügel an der Garderobe hängte. Dann zeigte sie ihr den Weg, ging voran und zupfte nervös an dem engen schwarzen Kleid, das sicher schon einige Jährchen auf dem Buckel hatte. Auf einem rauchfarbenen Glastisch im Wohnzimmer war zwischen den massiven Ledersofas Kaffeegeschirr aufgedeckt. Frau Simmel ließ sich auf ein Sofa sinken. »Sie kommen doch von der Polizei?« Beate Moerk setzte sich und legte ihre Aktentasche neben sich. Sie kannte diese Frage. Hatte sich fast schon an sie gewöhnt. Offensichtlich konnte man es gerade noch akzeptieren, wenn weibliche Polizisten die Uniform trugen. Daß der Beruf nicht notwendigerweise von den Kleidern abhing, ging nicht so leicht in die Köpfe. Daß es tatsächlich möglich war, hübsche Zivilkleidung zu tragen und trotzdem seine Aufgaben zu erfüllen. Vielleicht war es überhaupt schwieriger, Frauen zu vernehmen. Männern war es eher peinlich, aber sie gingen aus sich heraus. Frauen kamen direkt zur Sache, behielten aber gleichzeitig eine gewisse Reserviertheit. Aber Frau Simmel dürfte wohl kein Problem werden, redete sie sich ein. Dort saß sie auf ihrem Sofa und atmete schwer. Groß und plump mit etwas verweinten, ahnungslosen Augen. »Ja, ich bin Polizeiinspektorin. Ich heiße Beate Moerk. Tut mir leid, daß ich Sie so kurz danach behelligen muß ... Ist niemand bei Ihnen?« »Meine Schwester«, sagte Frau Simmel. »Sie ist nur eben einkaufen gegangen.« Beate Moerk nickte und zog einen Notizblock aus der Tasche. Frau Simmel schenkte Kaffee ein. »Zucker?« »Nein, danke. Können Sie mir schildern, was am Dienstag abend passiert ist?« »Ich habe schon ... ich habe gestern schon mit einem anderen Polizisten darüber geredet.« »Mit Kommissar Bausen, ja. Könnten Sie es noch einmal wiederholen?« »Ich verstehe nicht, warum ... da war doch nichts Besonderes.« »Ihr Mann ist gegen acht Uhr weggegangen?« Frau Simmel schluchzte leise auf, fing sich dann aber wieder. »Ja.« »Warum?« »Er wollte einen Geschäftsfreund treffen ... in der Blauen Barke, nehme ich an.« »Wickelte er dort öfters seine Geschäfte ab?« »Ab und zu. Er ist ... war ... in der Immobilienbranche.« »Aber Ihr Mann scheint allein in der Blauen Barke gesessen zu haben.« »Dann ist er wohl nicht gekommen.« »Wer?« »Der Geschäftsfreund.«

Reihe/Serie btb-TB ; 72719
Übersetzer Christel Hildebrandt
Sprache deutsch
Original-Titel Borkmanns punkt
Maße 118 x 187 mm
Gewicht 282 g
Einbandart Paperback
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror
Schlagworte Krimis/Thriller • Schwedischer Krimipreis • Skandinavische Krimis
ISBN-10 3-442-72719-7 / 3442727197
ISBN-13 978-3-442-72719-3 / 9783442727193
Zustand Neuware
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