Berlin bei Nacht (eBook)
265 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-73062-1 (ISBN)
<p>Susanne Gretter studierte Anglistik, Romanistik und Politische Wissenschaft in Tübingen und Berlin. Sie hat zahlreiche Bücher herausgegeben, darunter die Reihe <i>Die kühne Reisende. </i>Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Berlin.</p>
Marica Bodroži?
Die Arbeit der Maulbeere
Von seltenen weißen Maulbeerbäumen im alten Westen der Stadt hörte ich zum ersten Mal in einer Bar, die wegen ihres grünen Eingangs berühmt war. Ich ging gleich nach meinem Umzug durch diese Farbentür, weil ich in der gleichen Straße lebte und die geheimnisvolle Stätte auf meinen kleinen Rundgängen nicht übersehen konnte. Niemand hatte mir die Regeln erklärt, aber es gab welche, die Tür wurde von innen bewacht. Oft wurde ein unbekanntes Gesicht abgewiesen, und verloren blieb der Fremde im Schneegestöber der Nacht oder im Nachsirren der sommerlichen Wärme ratlos draußen stehen. Und alle, die den einsam Dastehenden auf der Straße sahen, wussten, dass er an der Grünen Tür abgewiesen worden war, neu sein musste in der Hauptstadt, auch der Nacht noch unbekannt, die ihn augenblicklich namenloser unter all den tausend neuen Namenlosen machte, die sich auf den Weg in einen Neubeginn gewagt hatten, mit anderen Vokabeln im Kopf, mit anderen Pässen in ihren Jacken und Taschen.
Als ich eintrat, lächelte man mich sogar an, eine Frau war es, ein Wesen jedenfalls, das ich mit meinem Dorfkindherzen für eine Frau hielt und das sich nur eine Minute später bei der Bestellung meines Cocktails als Mann entpuppte. Es gab verschiedene Räume hinter der Grünen Tür, sie gingen alle ineinander über. Ich schritt durch alle hindurch und machte damit, ohne es zu wissen, die Umstehenden auf mich aufmerksam. Der letzte Raum schien mir im ersten Augenblick leer zu sein, aber dann war es der innerste Hain, und ich entdeckte ganz hinten, unter einer an der Wand angebrachten golden schimmernden kleinen Lampe, einen älteren Herrn mit weißem Bart, der ein bisschen wie Goethe aussah. Er wartete auf mich. William Blake, sagte er, so sei sein Name. Ich drehte mich intuitiv um und stellte fest, dass die Tür, durch die ich zu dem Weißbärtigen vorgedrungen war, nicht mehr existierte. An ihrer Stelle befand sich nur noch ein hinlänglich verunsicherndes Schimmern, das in einer Art Verwandtschaftsverhältnis zu dem Gold der kleinen Lampe stand. Ich ging ein paar Schritte zurück, schließlich ging es um mein Leben, und ich berührte mit beiden Händen die Stelle, an der einst die Grüne Tür gewesen war. Aber sie war nur noch in meinem Gedächtnis zu sehen, und meine Fingerkuppen samt papillarer Linien fingen wie kleine Abgesandte des nächtlichen Himmels zu leuchten an. Fragend sah ich zu William Blake, den ich in der Zwischenzeit als Kenner des Wahren Weges akzeptiert hatte, und da er das sah, bewegte sein linker Zeigefinger sich auf den meinen zu, und meine Augen öffneten sich in seiner Iris. Gleich war es Freundschaft. Unsere Blickverschmelzung nahm mich auf eine Reise mit, die ich schon immer machen wollte. William Blake und ich machten uns gemeinsam auf den Weg. Die vielen Menschen sahen uns nach. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass sie selbst genau wussten, wohin er mich bringen würde, und ihre Augen gingen mit uns, sahen uns an, sahen dann auch auf die Weiße Maulbeere, die er mir auf dem alten Kirchplatz zeigte, und die Maulbeere war natürlich kein alltäglicher Baum, jedenfalls nicht etwas, das man untertags sehen konnte. Die Morus Alba war vielmehr eine geheime Zentrale, geheim, sage ich, aber ich weiß genau, dass sie unter den Nachtwanderern alles andere als geheim ist. Denn in meinem Augenverbündeten hatte ich einen Lehrer und Rettung vor der Hässlichkeit der Welt gefunden. Blake hieß mich die Augen zumachen, was zu einer doppelten Verunsicherung in mir führte, aber ich hatte die Wahl, mit geschlossenen Augen das Sehen zu erlernen oder es für immer aufzugeben. Ich entschied mich für die dichterische Weisung, für das hier und dort Unzerstörbare.
Wir gingen gemeinsam in den Baumstamm hinein, wie ich nur wenige Minuten vorher allein durch die Grüne Tür gegangen war. Wir sahen hinaus aus diesem Inneren und die Welt hatte keine Haut. Die weißen Früchte blitzten in der Nacht wie kleine Sankt-Martins-Laternen. Die Sterne am Himmel rückten näher an uns heran, weil wir uns nicht mehr mit unserem Denken schützten. In jedem Stern steckte ein weißes Büchlein, das mich mein Lehrer wie eine Frucht pflücken und auf den Boden legen ließ. Ich sammelte mit übermenschlich großer, sich immerzu steigernder Freude bestimmt hundertzwanzig Werke vom Himmel. William schnitzte mir mit beeindruckender Fingerfertigkeit aus der Baumrinde einen praktischen Koffer, sogar mit doppeltem Boden, und verlangte, dass ich die letzten elf Bücher dort hineinlegte. Mein Baumlehrer benutzte das Wort Bücherherberge und das erschien mir sehr schön, wenn auch durch und durch rätselhaft, das Maulbeerwunder so zu nennen. Aber William beharrte auf dieser Bezeichnung und ich bekam Ehrfurcht vor den Sternenwerken, denn ich begriff, dass sie lebende Wesen waren. Und ich liebte sie mit dem ganzen Vermögen meiner Seele.
Da unsere Reise von Beginn an wundersamen Gesetzen unterworfen war und alles Erlebte ausschließlich an meine Vorstellungskraft appellierte, waren Zeit und Raum ausgehebelt und ich erwartete Blakes ungebrochene Aufmerksamkeit für den Rest dieser Nacht. Dann kam alles anders, wahrscheinlich, weil meine Erwartungshaltung William verärgerte, einen Seelenstau auslöste und mich gleichsam in der Schnelligkeit meines Gedankens den Gesetzen irdischen Lebens überantwortete. Die Grüne Tür und meine neue Lebensstraße waren unendlich weit entfernt von meinen Augen. Natürlich fing sich in meinem Kopf einiges zusammenzudrängen an und eine Frage wäre das Logischste in diesem Augenblick gewesen, wenn sich nicht die Dunkelheit der Nacht wie ein eisiges Gewahrwerden meiner bemächtigt hätte, eine Schwärze war das, in der mein Lehrer unauffindbar blieb. Vor mir lag ein alter Kirchplatz, ich entdeckte Glocken. Die Dichte der Nacht bedrängte mich, meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die undurchdringliche Schwärze. William Blake war ohne Abschied gegangen. Eine ganze Weile starrte ich hilflos ins Dunkle, ich ging drei, vier Schritte zurück, griff mit der linken Hand nach hinten, ertastete den Baum, in dem wir die Sternensitzung erlebt hatten und wo ich zu meinen Büchern gekommen war. Der mächtige Maulbeerstamm war noch da und einmal meinte ich Blakes schütteres Haar wie zarte Blitze in der Ferne erblickt zu haben.
Mit meiner neuen Lebensbibliothek ausgestattet, ging ich quer durch die Stadt, bis ich auf einen Fluss und das Regierungsgebäude stieß. Nun wusste ich, wo ich mich befand, und ging unbeirrt weiter. In den frühen Morgenstunden kamen mir einige Betrunkene und auch ein paar Nüchterne singend entgegen. Einer von ihnen segnete mich übermütig und ein anderer schrie: Das hier ist mein neues Leben. Ich lächelte sie alle freundlich an und vertraute ihnen auf eine seltsam tiefgründige und für mich vollkommen neue Weise, ich lernte etwas Unaussprechliches über die Gewissheit, über die Hoffnung jenseits der Sprache. Mein ängstliches Wesen erfuhr in dieser Nacht seine Begrenzung. Ich merkte es daran, dass ich mich kein bisschen um meinen kostbaren Koffer sorgte. Aber später fragte ich mich, ob ihn die Nachtschwärmer überhaupt sehen konnten. In meiner Straße waren schon die Lampen ausgeschaltet worden. Die Stadt musste Strom sparen. Ich betrat meine Wohnung auf leisen Sohlen, stellte meine Bücherbeute im Flur ab und ging wieder raus, um William in der Grünen Bar zu suchen. Die Gesichtskontrolle ging dieses Mal noch schneller vonstatten. Die verwandlungsfähige Kellnerin zwinkerte mir wissend zu und gab mir den gleichen Cocktail wie vordem zu trinken, aber beharrlich blieb sie in ihrer Erscheinung eine Frau und verwandelte sich nicht mehr in einen Mann. Ich blieb friedlich an der Bar sitzen, ohne nach meinem Dichterfreund zu suchen, denn die Räume vom frühen Abend waren verschwunden. Als ich für einen Moment an den innersten Hain dachte und zur Spiegelwand hinter den Getränken sah, glaubte ich eine kleine Aureole hinter meinem Kopf leuchten zu sehen, aber meine Fähigkeit zur Einbildung hätte ich nie beweisen können. Ein weicher Wind durchströmte den Raum, die Kellnerin hatte die Grüne Tür geöffnet und schickte uns Nachtschwärmer in die Sonne des Morgens. Der große Winterfeldtplatz vor der Bar war leer. Die Stille der schlafenden Stadt umarmte mich, und ich ging wach, wie jemand, der lange Zeit friedfertig geträumt und sich von allen Mühen des Lebens ausgeruht hatte, zu meinen Büchern nach Hause. Es begannen meine Jahre des Lesens und des Lernens. Anderntags kaufte ich mir einen Baumreiseführer und suchte nach allen Maulbeerbäumen der Stadt, und ich lernte auf meiner Suche viele Menschen kennen, Liebende und Verräter, Trinker und Dichter, Holzkenner und Buchmacher, auch zwei wahre Zwillinge, singende, die sich Doctorella nannten und alles über das Geheimnis der Farben und ein Leben ohne Garten wussten. Mein neues komplexes Leben war aufregend, ich hatte eine Bibliothek und Freunde, die vorher Fremde für mich waren. Bald wurde ich die Frau eines weisen und schönen und weitgereisten Mannes, wir bekamen Kinder und mein Weitgereister und ich bauten mit unseren eigenen Händen ein Haus aus Holz an einem schimmernden See. Ich gab jedem, den ich traf, ein Buch aus meinem Maulbeerkoffer, die Bücher im doppelten Boden gab ich aber nicht her, denn sie waren nur für mich gemacht, Oktani, Paradiesvogel, Winkelmaß, Wolf, Andromeda, Eidechse, Plejaden, Sirius und die anderen Abgesandten meiner Seele behielt ich. Blakes Netzwerk ist das Netzwerk der verwandten Sterne. Alles andere muss ich hier, in dieser lauten Welt, verschweigen. Und ich will auch nicht über die vollkommene Glücksmöglichkeit sprechen. Blake hat mir davon abgeraten. Ein lesender Mensch muss selbst zum Buch werden. Und wie das geht,...
| Erscheint lt. Verlag | 22.5.2013 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Anthologien |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Anthologie • Auswahl • Berlin • Blütenlese • Deutschland • Erzählungen • Geschichten • Mitteleuropa • Nordostdeutschland • Sammlung • ST 4431 • ST4431 • suhrkamp taschenbuch 4431 • Zusammenstellung |
| ISBN-10 | 3-518-73062-2 / 3518730622 |
| ISBN-13 | 978-3-518-73062-1 / 9783518730621 |
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