Irrläufer (eBook)
242 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-74324-9 (ISBN)
Die sieben Erzählungen dieses Bandes, entstanden 1946 und 1947, bilden den Anfang von Lems schriftstellerischer Laufbahn: sie legen Zeugnis ab von Lems Suche nach ?seiner? Gattung, nach ?seinen? Themen. Die erstmals in deutscher Sprache vorliegenden Texte erzählen von Vernichtungsmaschinen verschiedenster Art, vom Einsatz atomarer Waffen, von tödlich wirkenden Bakterienzerstäubern, von Drogen, die feindliche Agenten zur Preisgabe ihrer Information zwingen.
<p>Stanis?aw Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) geboren, lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanis?aw Lem zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Polens. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt.</p>
Stanisław Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) geboren, lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanisław Lem zählt heute zu den erfolgreichsten und meist übersetzten Autoren Polens. Viele seiner Werke wurden verfilmt. Stanisław Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) geboren, lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanisław Lem zählt heute zu den erfolgreichsten und meist übersetzten Autoren Polens. Viele seiner Werke wurden verfilmt.
Der Garten der Dunkelheit
Ich habe keine Geliebte, kein Haus,
keine Stelle, auf der ich lebe.
Alle Dinge, an die ich mich gebe,
werden reich und geben mich aus.
Rainer Maria Rilke, »Der Dichter«
I
Die letzten Septembertage waren blau, doch mit einem grünen Schattenstreifen, gleichsam in eine Glaskugel eingeschmolzen, die die Sonne klein erscheinen ließ. Die dunklen Nächte zogen lange vor Sonnenaufgang in silbernem Schimmer daher und verteilten ihn bis in die kleinsten Winkel des Parks. Die Georginen schlummerten noch in ihren Beeten. Die Luft brach das Licht in immer dunklere Tönungen; die Bäume, eingetaucht in rotes und braunes Gold, richteten sich höher auf als bisher, ohne dem Lauf der Zeit trotzen zu können. Unsichtbare Insekten zeichneten lange Silberfäden in die Luft. Raupen nagten fieberhaft an den letzten grünen Trieben. Blätter flatterten auf den Zweigen wie zerfetzte Segel. Sie rissen sich los und wurden vom Wind verweht: große verschreckte Falter, die auf breiten Flügeln voll geheimnisvoller Augen schwebten, in Wirbeln getrübter Luft durch die dunklen Alleen rasten und zu Boden stürzten. Kein Gras war zu sehen, nur ein eiliges Geräusch war zu hören, ein leises Rascheln, eine kaum wahrnehmbare Bewegung in den Laubhäufchen, die mit zarten Zeichnungen geädert waren. Aus der schwülen Dunkelheit krabbelten grauglänzende Käfer, die mechanisch die Beine bewegten und alles, was verdorrt, vergilbt und abgestorben war, sammelten, die sich im Untergrund der wachsenden Teppiche verbargen, verirrt in den Korridoren ihrer eiligen Wanderung, die die Blätter in eine unbelebte Erschütterung versetzte. Dann tauchte die Sonne in immer dichtere Luftmassen ein, funkelnd, wie hinter einer dicken Eisschicht, bis sie im Violett erstarrte. Die Dämmerung ist ein ganz besonderer Augenblick, in dem sich die zwischenmenschliche Welt zu spalten beginnt. Die bisher zusammengehörenden Gegenstände und deren Schatten trennen sich, einzeln verfolgt von jedem Augenpaar. Der Horizont, der der Perspektive entschlüpft, die ihn in einem unsichtbaren Gefüge umklammert, verschwindet, und die nahe Umgebung wird frei, vervielfältigt sich und verwandelt und verändert das einheitliche Panorama des Tages in einen Reigen sich durchdringender Bilder. Die Dunkelheit ist nicht die einzige Urheberin dieser Verwandlung: sie treibt nur Keile in die Ritzen der starren Architektur, verteilt die Blicke mit einem Pinsel Sepia, verschiebt die Kulissen so lange, bis der Himmel sich in einzelne Kuppeln spaltet, die so zum Menschen gehören wie das Schneckengehäuse zur Gartenschnecke.
Christoph verließ die Werkstatt, als die ersten Schatten die Verwandlung der Landschaft einleiteten. Damit die Welt nicht allzusehr zerfloß, von den Nachtwinden auf ihrer Achse vorangetrieben, und um das nächtliche Treiben wenigstens etwas zurückzuhalten, waren Lampen über den Straßen aufgehängt, in deren Lichtkegeln die Gegenstände runder erschienen. Sie warfen Schatten auf den Sand, und die geblendeten Sternengalaxien des Himmels zogen sich in die Leere zurück. Und nur hinter den Grenzen des Wachseins bäumte sich die Dämmerung auf, verwandelte die Bäume der Umgebung und beherrschte die leeren Winkel, um sich auf die erblindeten Laternen zu stürzen. Christoph eilte zum Park, um schnellstens die Zone der feindlichen Einflüsse zu passieren und unter die Bäume zu gelangen. Unbeirrt verfolgte er den richtigen Weg und ging eilends dahin mit leichtem Schritt, der das Gras nicht knickte, nur leise in den Blätterhaufen raschelte und die dichten Zweige auseinanderschob.
Hinter einer Hecke mit gezackten Spitzen befand sich eine kleine freie Fläche mit niedrigem Gras. Es war ein Plätzchen, das nur die Gärtner kannten. Tagsüber zogen sie mit ihren grünen Mützen, mahagonifarben, wie aufrecht gehende Käfer im Garten umher und spießten mit den Stockspitzen die Laub- und Papierfetzen auf, die die Wege verunzierten, und am Abend gingen sie einer nach dem anderen in Richtung des Sträucherdickichts davon. Hinter einem verborgenen Pförtchen, das fast ganz vom Efeu überwuchert war, befand sich ein großer, in die Erde eingelassener Behälter mit kaltem Süßwasser, ein Faß Regenwasser. Daraus schöpften sie mit ihren scheppernden Gießkannen, verließen langsam das Dickicht und sahen sich um, ob jemand sie beobachtete. Vorsichtig verteilten sie das milde Regenwasser auf die Blumen. Christoph hatte diese kleine Enklave entdeckt. Dort fand er sich ein, wenn der letzte Gärtner in seinem fernen Haus verschwunden war und die grünen Gardinen vor den kleinen Fenstern zugezogen hatte.
Christoph blickte sich um, wich einer hell leuchtenden Tafel aus, als wäre sie eine Vogelscheuche, öffnete die Pforte und trat ein. Die Sträucher umgaben in dunklen Gruppen die runde Fläche. In der Mitte stand der Behälter mit dicken glitschigen Wänden aus nie trocken werdendem Holz. Daneben befand sich eine kleine Bank. Er setzte sich, hob den Kopf und konnte den großen Brunnen der Sterne beobachten. Um einen zweiten – noch kälteren und schärferen – gestirnten Himmel zu sehen, genügte es, sich ein wenig über das Faß zu beugen. Das leichteste Zittern der Wasseroberfläche verband sich mit dem Flimmern der Sterne. Auf diesem zweiten Firmament waren die Abgründe einer unverhofften Dunkelheit enthalten, wie schwarze Meteore: schwimmende, verdorrte Blätter. Christoph kannte diese Stelle nur vom Abend her. Deshalb fielen ihm keine Einzelheiten auf, die den Eindruck trüben konnten. Stets sah er nur die schwarze Umrandung, die, wenn er sich setzte, hoch oben die Konturen der irdischen Gegenstände verbarg und den Augen nur den Himmel freiließ. Auch die Bank, auf der er saß, kannte er nur vom Betasten: er erinnerte sich an den Verlauf der groben, rauhen Holzfasern, die von Frost und Regen angegriffen waren. Das spärliche Licht reichte kaum bis zu seinem Kopf und ließ alles, was tiefer lag, in gleichmäßiger Ruhe versinken. Die letzten Septembernächte waren besonders schön. Von den Baumwipfeln flogen manchmal Blätter und durchschnitten den Himmel wie eine Linie ferner Vögel. Die Sterne leuchteten schwach, und wenn ein ungeduldiges Auge sie besonders gut sehen wollte, verschwammen sie zuerst zu einem Silberfleck und verschwanden bald am Rand des Gesichtsfeldes. Denn hier war nichts von Dauer: selbst bekannte Sternbilder, in dem Observatoriumsausschnitt den Muttersternen entfremdet, gewannen eine neue Selbständigkeit und verwandelten sich derart, daß sie unmöglich festzulegen waren.
Das traf sich gut, denn Christoph führten nicht astronomische Beobachtungen hierher. Er trat in den dunklen Innenraum und setzte sich, an den Rand des Fasses gelehnt, das sich kalt auftat und dessen Wände von seidigem Moos bedeckt waren. Der Himmel war von einem Schwarm blasser Funken überzogen, die dunkler waren als die nächtlichen Wolken.
Am letzten Abend im September kam Christoph noch müder an als sonst. Sein Kopf war erfüllt vom Gedröhn der Bleche, den Flammen und dem Geruch verbrannten Eisens. Die Dunkelheit ließ alles verstummen wie die bebenden Saiten eines Konzertflügels unter der leichten Einwirkung eines mit Samt ausgekleideten Schalldämpfers. Aber die Müdigkeit saß ihm in den Knochen, und als er sich auf der Bank niederließ, blickte er mit weniger Neugier als sonst in die Höhe. Dann vernahm er ein Geräusch in der Dunkelheit.
In der Annahme, ein Gärtner nähere sich, einen Stock in der knorrigen Hand, bereit, jeden Eindringling gebührend zu begrüßen, zögerte er. Aber die Pforte knarrte nur leicht, als habe ein leichter Wind sie bewegt, und in der Umrahmung aus dunklen Blättern zeigten sich die Umrisse eines Mädchens. Christoph saß da und hielt den Atem an: eine Fremde, die fast blind dahergeschwebt kam, doch so sicher, wie in einer ihr bekannten Umgebung, sie stieß mit den Händen an den Faßrand, umrundete das Faß, und nachdem sie sich angelehnt hatte, wollte sie sich setzen, als ihre Hand Christophs Arm berührte. Eine Zeitlang herrschte Schweigen, nur die Sterne glänzten grünblau. Schließlich vernahm er ihren immer heftiger werdenden Atem.
»Entschuldigung, ist hier jemand?«
»Ja«, erwiderte Christoph und rührte sich noch immer nicht von der Stelle.
»Ich bin gekommen, ich bin gekommen ...«
»Sie wollten meine Sterne sehen?« half ihr Christoph. »Bitte, setzen Sie sich. Wenn Sie es wollen, gehe ich, aber ich würde lieber hierbleiben, ich habe die Tiefe der Milchstraße noch nie so deutlich gesehen.«
Das Mädchen mußte sich bewegt haben, denn ihre Stimme kam nun von der Seite – offenbar lehnte sie am Rand des Behälters.
»Sie betrachten Ihre Sterne?« sagte sie betont. »Und ich glaubte, das sei mein Platz – nur meiner, und niemand sonst wisse davon.«
»Der Gärtner weiß davon«, rief ihr Christoph streng in Erinnerung, und aus der Dunkelheit drang ein kurzes, gedämpftes Lachen.
»Vermutlich weiß er es ... aber ich bin sicher, er hat nichts dagegen, daß ich hierherkomme. Ich weiß jedoch nicht, ob ...«
»Ach, Sie haben dieses kleine Geheimnis legalisiert? Mag sein, daß der Gärtner zornig über mich wäre, aber ich bekenne mich nicht schuldig. Ich beschmutze das Faß nicht, ich zertrample den Rasen nicht ... ich sitze nur ruhig da und warte.«
Ihn beschlich das unerklärliche Gefühl, daß das Mädchen lächelte. Ihr Kopf zeichnete sich vor dem Hintergrund des Himmels ab – man konnte ihn dank des Umstands sehen, daß er das Sternengewölbe verdeckte.
»Und...
| Erscheint lt. Verlag | 17.4.2013 |
|---|---|
| Übersetzer | Hanna Rottensteiner |
| Vorwort | Stanisław Lem |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Ehrendoktor der Universität Bielefeld (Dr. rer. nat. h.c.) 2003 • Ehrendoktortitel der Universitäten Oppeln und Krakau sowie der Staatlichen Medizinischen Universität Lemberg 1998 • Erzählungen • Fantasy • Mitglied der Berliner Akademie der Künste 2004 • Science Fiction • ST 1890 • ST1890 • suhrkamp taschenbuch 1890 |
| ISBN-10 | 3-518-74324-4 / 3518743244 |
| ISBN-13 | 978-3-518-74324-9 / 9783518743249 |
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