Hiobs Spiel 1 - Frauenmörder (eBook)
420 Seiten
GOLKONDA VERLAG
978-3-942396-58-5 (ISBN)
Tobias O. Meißner, Jahrgang 1967, Wahlberliner und Autor u.a. der postmodernen Horror-Serie Hiobs Spiel, der Fantasy-Serie Im Zeichen des Mammuts und der Comic-Serie Berlinoir.
Tobias O. Meißner, Jahrgang 1967, Wahlberliner und Autor u.a. der postmodernen Horror-Serie Hiobs Spiel, der Fantasy-Serie Im Zeichen des Mammuts und der Comic-Serie Berlinoir.
Prognosticon 1: Der begrabene Zirkus
a) Einsatz
Irgendein Priester wird lachen.
Wenn ich komme, um zu beichten.
(Hiob M.)
Der Arzt hieß Facundo. Facundo oder so ähnlich.
Er hatte kein freundliches Gesicht, eigentlich überhaupt kein Gesicht, aber er war so dick und violett und ädrig, und die Gummischlaufe an der Kehle war so hart, dass der mongoloide Junge ihn in den Mund nehmen musste und lutschen und saugen, während der Zwiebelpfleger dem Jungen roh den Klistierschlauch einführte. Walzer blecht im hellen Hintergrund.
Facundo grunzte und bewegte seine schlaffen Hüften, bis er den Rachen des Jungen ganz erstickte und dieser durch die Nase kaum noch Luft bekam, was herrlich anzuschauen und zu hören war. Er strich dem Jungen tauber werdend durch das volle Haar, und als Facundos Augen hinter den dicken Brillengläsern zuquollen, gab er dem Pfleger einen Wink. Der öffnete feixend den Hahn, und der Junge füllte sich innen mit sengenden Flammen, brüllte und riss sich zuckend aus den Schläuchen los. Am nassen, kalten Boden schlenkerte er und quoll auf, bis seine Haut fettrosa wurde wie eine Wurst und Risse bekam. Der Pfleger lachte seinen Zwiebelatem umher und drehte an der Einlaufdüse das kochende Öl ab. Ein Tenor belfert wie rückwärts durch die dicken tauben Steine.
Facundo war noch nicht gekommen, er war unzufrieden, wurde schrumpelig und schlaff. »Guillermo«, keuchte er dem Pfleger zu, der sehr viel Spaß hatte und bleckend lachte. »Lass uns in die Zelle da drüben gehen und diesmal richtig liederlich sein.«
Der Zwiebelpfleger nickte, packte die Schläuche unter den Wagen und schob ihn quietschend zur nächsten Tür. Ein Blick durch die Luke verriet die beiden Kinder, die dort im Unrat schliefen. Mädchen. Zwei Mädchen. Der Geruch ihrer Exkremente war berauschend. Facundo schwoll wieder an, und die beiden Onkels betraten nebeneinander den Ort, wo alles erlaubt war, und schlossen schwitzend hinter sich ab.
Facundo konnte wahnsinnig sein. Er bellte und jaulte wie ein Köter, zerriss sich den fleckigen Arztkittel und schmierte sein Gesicht mit Scheiße ein. Der Sänger walzert hängend immer wieder wieder wieder. Es ist Carneval Joselito.
Der Mongoloide lebte noch, in einer Pfütze aus geschmolzenem Fleisch. Er träumte von den Heiligen. Vom Karneval. Wieder. Wieder. Wied.
Hinter der dicken tauben Backsteinmauer des Krankenhauses Moabit begann ein routinierter Montag. Draußen war Januar, schneelos, die Sonne stach hinterlistig zwischen grauen Wolkenfetzen hervor, und hinter den aseptischen Glasschiebetüren wallte der monotone Straßenlärm heran. Der junge Mann, der am Donnerstag ohne Papiere in der Nazarethkirche mit apoplektischen Symptomen zusammengebrochen war, hatte am Sonnabend einer Aushilfsschwester den qualligen Kartoffelbrei ins Gesicht gedrückt und seinen asthmatischen Bettnachbarn mitsamt der Matratze aus dem Bett geworfen, um seine Gesundheit zu demonstrieren und seine Entlassung zu beschleunigen. Die Untersuchung durch den Ordnungsdienst am Sonntagmorgen ließ er nervös und fahrig über sich ergehen, gab seinen Namen einmal mit »Lutz Diddrich » und einmal mit »Richard Heilhecker« an, schenkte einem schnurrbärtigen jungen Uniformpolizisten seine baumwollene, blaukarierte Holzfällerjacke und konnte gehen.
Die Sonne warf ihn mit winterlicher Wucht fast wieder in die sich schließende automatische Tür zurück, aber mit dem linken Arm vorm Gesicht kam er am Pförtner vorbei, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Er rannte die Birkenstraße hinunter, schlüpfte an streitenden jugendlichen Türken vorbei in die U-Bahnstation, kurz, bevor es draußen kalt zu regnen begann, fuhr drei Stationen schwarz bis zum Leopoldplatz, schaute dort kurz, ob die Linie nach Alt-Tegel gerade einlief, was aber nicht der Fall war, sprintete durch karstadttütenbehängte Wintermantelmütter hindurch die Treppen hinauf und rannte im gallert-öligen Platzregen an der pumpend immer noch vibrierenden Nazarethkirche vorbei die Müllerstraße bis zur Amsterdamer Straße hinauf, wo er sich schlüssellos gegen die Tür von Nummer 9 warf, bis sie aufknackte, und zu seiner Wohnung im Quergebäude hochlief. Mit nach chemischer Krankenhausseife riechendem Schweiß in den Augen trat er seine eigene unbezeichnete Wohnungstür ein und kam gerade noch rechtzeitig, um der felllos fleischigen Katze, die an seinem Fernseher hing, mit einem splinterigen Baseballschläger das Gehirn über die Mattscheibe zu dreschen und den röchelnden Kadaver an den Stromkreis der Modelleisenbahn anzuschließen, bis das Ding mit der Stimme von Kathleen Byron zu reden anfing.
»Guten Montag, guter Montag, mein hübscher Lieb-Haber«, schnarrte der rosafarbene, nackte Leib, »spielst du noch immer mit Weiß? Brauchst du ein Brett?«
Der junge Mann ließ sich nach hinten aufs ungemachte Bett fallen, strich sich durchs nasse Haar und gönnte sich die ersten Sekunden der Entspannung seit fünf oder sechs Tagen. »Ist dir nach Plaudern zumute, Widder? Du willst doch nur von der Tatsache ablenken, dass ich dich erwischt habe. Was wolltest du vom Fernseher? Kulenkampffs knistrige Seele rauslutschen?«
Das pulsierende Katzenaas lachte, bis ein paar offen liegende Schenkelsehnen rissen. Die Stimme wurde tiefer. »Ich wollte Porno-Kabel sehen. Hast du Porno-Kabel?«
»Denkst du, ich könnte mir das leisten? Niemand bezahlt mich.«
»Du und ich, wir könnten wieder Porno-Kabel werden. Würdest du wollen?«
Der Mann richtete sich auf die Ellenbogen auf. »Komm jetzt, Widder. Gib mir meine Karten.«
»Wie du willst, du süßer Scheißer. Versuch es in Barranquilla. Dort ist Carneval Joselito, o Mama, da ficken die Leute ü-ber-all!«
»Kolumbien? Eine Drogengeschichte?«
Die Katze lachte schmatzend. »Nein. Eine Gruselgeschichte. Sie schlachten dort Menschen und werfen sie weg, und man soll nie wegwerfen, was man noch brauchen könnte.«
»Shit.«
»Ja, genau. Bleib mir treu, mein Kleiner. Du weißt genau, dass nur ich dich wirklich glücklich machen kann.«
Mit der schmierigen Imitation eines Hundebellens wich alle Bewegung aus der Katze, und der junge Mann riss das Ding von den Schienen, wickelte es mitsamt ein paar übrigen Schafgarbenzweigen in Alufolie und presste es tief in den Mülleimer. Er löste vier orange-sprudelnde Vitamintabletten in einem einzigen gesprungenen Glas Wasser, kippte das künstliche Gesöff hinunter, dachte kurz nach, holte sein Kampfmesser unter dem toten Kohleofen hervor, pustete die Staubmäuse weg und stürmte aus der Wohnung zwei Etagen weiter nach oben.
Sie zog sich völlig aus und warf ihr dunkelblaues Spitzenhöschen von C&A verächtlich in den Bioabfallkanister zu den schimmelnden Orangen- und Bananenschalen.
Sie setzte sich nackt, mit weit gespreizten Beinen, auf den dunkelroten Alu-Stuhl mit Plastiksitzfläche und beobachtete sich selbst interessiert im Spiegel dabei, wie sie ihre Augen schwarz umrandete, die Wimpern mit Nacht verstärkte und die Lippen in weicher Implosion hellrot aufglühen ließ.
Sie vertuschte mit hautfarbenem Pickelpuder einen kleinen Mitesser unter ihrer linken Brust.
Sie war ein hübsches Mädchen mit hübschem, dunkelblonden Lockenhaar, sie onanierte jetzt ein wenig, aber nicht zu viel.
Sie stand auf, um den frischen Schweiß von ihren sorgsam rasierten Achselhöhlen und dem Schlüsselbein zu waschen. Sie benutzte dazu zusätzlich einen Deo-Roll-Stift, ein bisschen FCKW-freies Spray und jede Menge süßes Parfum mit leichter Moschus-Note.
Sie ging zur unauffällig unifarbenen Plastiktüte vom Wichser-Shop und holte das mattrote Bustier mit dem schwarzen Spitzenbesatz heraus und legte es sich an. Das Polyamid raschelte schmeichelnd an ihren Brustwarzen, die wie elektrisiert waren, sensitiv, atemlos erwartend.
Sie zwängte sich ohne Höschen, quietschend und schmatzend in den roten Lack-Mini aus der Plastiktüte und hockte sich in verschiedenen Posen darin hin, um den hautengen, saugenden Sitz zu gewährleisten.
Sie zog sich ihre alten, abgewetzten, kniehohen, dunkelbraunen Wildlederstiefel an und die schwarze Lederjacke mit den aufgesprungenen Schultern. Sie steckte sich ihr ganzes weniges Geld und ihr Flugticket in die Innentasche mit dem defekten Reißverschluss.
Sie drehte und wand sich vor dem Spiegel und schmollte und leckte sich selbst zu.
Sie sah aus und roch wie die billigste Nutte der Potsdamer Straße, eine total heruntergekommene, vielleicht sogar drogensüchtige Pollackin oder so, eine, die dich für einen Zwanziger ohne Gummi alles machen lässt, eine, die jeder haben kann und der es sogar noch Spaß macht.
Sie war zufrieden.
Wenn sie schon verrecken musste, dann mit viel, viel Stil.
Im Treppenhaus aufwärts roch es kalt nach Rouladen von gestern. Der junge Mann kam ungesehen zwei Stockwerke höher an und klingelte dann an der Wohnung von Ilse Rosenmacher. Es war nicht eigentlich ein Klingeln, mehr ein elektrisches Grinden, aber es erfüllte seinen Zweck. Nach dem siebten Mal ohne Antwort oder sonstige Reaktion von drinnen klemmte und splitterte der Mann mit seinem bulligen Messer das lächerliche Türschloss auf, schmiegte sich – schon wieder Schweißtropfen auf der Stirn – in den berosentapeteten Flur dahinter und drückte die Tür gerade noch rechtzeitig wieder zu, bevor das von oben die Treppen herabpolternde Kindergerenne und -gekreische die Rosenmacher-Wohnung passierte.
Es war klamm im Flur, fensterlos dunkel, irgendwie abgestanden und verbraucht, und...
| Erscheint lt. Verlag | 31.3.2013 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Hiobs Spiel | Hiobs Spiel |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Hiob • Horror • Postmoderne • Schicksal • Schicksalskampf |
| ISBN-10 | 3-942396-58-0 / 3942396580 |
| ISBN-13 | 978-3-942396-58-5 / 9783942396585 |
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