Hiobs Spiel 3 - Verlierer (eBook)
392 Seiten
GOLKONDA VERLAG
978-3-942396-60-8 (ISBN)
Tobias O. Meißner, Jahrgang 1967, Wahlberliner und Autor u.a. der postmodernen Horror-Serie Hiobs Spiel, der Fantasy-Serie Im Zeichen des Mammuts und der Comic-Serie Berlinoir.
Tobias O. Meißner, Jahrgang 1967, Wahlberliner und Autor u.a. der postmodernen Horror-Serie Hiobs Spiel, der Fantasy-Serie Im Zeichen des Mammuts und der Comic-Serie Berlinoir.
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erstes kapitel – in welchem Hiob drei verschiedene Geister ruft auf vier verschiedene Weisen
Berlin ist eine magische Stadt, aber Berlin kämpft dagegen an.
Ein alter Mann saß mit einem seltsam bemalten Didgeridoo in einem der Tunnel des U-Bahnhofs Kottbusser Tor und erfüllte das ganze System mit mystischem Dröhnen. Hiob blieb stehen und lauschte den Spiralen, die den Gang entlangbrausten. TraumZeit ist außerhalb der RaumZeit. Also überall, auch hier. Selbstverständlich legte Hiob dem Mann eine silbrige Münze auf das Tuch.
Als Hiob seine Comics gekauft hatte und wieder runterging zur Bahn, bekam er nur noch mit, wie der alte Mann gerade von Ordnungshütern vertrieben wurde. Wegen Ruhestörung und Belästigung der Bürger.
Eine kleine kaputte Katze war ihm zugelaufen.
Sie hatte nur noch ein Ohr, und mit ihrem Kiefer stimmte auch was nicht, ein paar Knochenleisten standen da schief und weiß vor und ließen das Tier andauernd so aussehen, als ob es einen zerbissenen Vogel im Maul hätte. Wahrscheinlich war sie mal überfahren worden und hatte das überlebt. Hiob berechnete ihre Lebenserwartung, stellte fest, dass die Kerze schon ziemlich weit runtergebrannt war, und beschloss, dem armen Ding in seinen letzten Tagen Asyl mit Milch und Ölsardinen zu gewähren.
Hiob selbst? Hinkte noch immer. Hatte sich einen geschnitzten Gehstock geholt von Wagsal, der ihm auf der Straße etwas Antiquiert-würdevolles verleihen sollte. Seht mal da, nickten die Leute. Ein antiquiert-würdevoller Krüppel.
Seltsam die Tage. Aus zweierlei Gründen: Nach dem theaterreifen Abhau von Widder hatte Hiob keine Geldquelle mehr, keine Möglichkeit, so glatt zu stehlen. Alles war für die Überführung und das Krankenhaus draufgegangen, es war zum Kotzen. Wovon sollte ein Messias leben, wenn es niemanden gab, der ihn fürs Weltenretten bezahlte?
Der zweite Grund, weshalb die Tage schief lagen wie ein auf einer Sandbank aufgelaufener Schoner, war, dass von den zwei Manifestationen nichts zu sehen war. NuNdUuN ließ sich Zeit, hatte ja auch alle Zeit – nicht nur – der Welt. Hiob hinkte im luftleeren Raum herum, dennoch schwang düsteres Schicksal sein Pendel über ihm. Selbst der Postbote, der etwas für jemand anders bei Hiob abgeben wollte, weil Hiob eben zu Hause war, schaute ihn an wie die Dorfbewohner einen Reisenden, der sich nach dem Weg zu Schloss Dracula erkundigt. Das Wiedenfließ hatte mit zwei angekündigten Manifestationen das Kainsmal des Verhängnisses auf Hiobs Stirn geschlagen, und jeder, der nicht farbenblind war, konnte es lesen.
Hiob konnte die Miete des folgenden Monats nicht mehr bezahlen. Feininger war nie da oder ließ sich verleugnen und rief auch nicht zurück. Hiob selbst war zu stolz, Widder zu beschwören. Oder Kamber zu behelligen.
Da gab es eine Möglichkeit zu Geld zu kommen, die ging Hiob nicht mehr aus dem Kopf. Für nur ein oder zwei Bände aus der Familiengruft würden sich wahrscheinlich gut zehntausend Mark verlangen lassen, das würde dann wieder für sechs oder sieben Monate reichen. Aber die unheiligen Schätze der Familienbibliothek waren nicht sein Eigentum, zumindest nicht, solange sein Großvater noch lebte. Hiob hatte nun doch zu viel Respekt, um seinen eigenen Namen zu bestehlen.
Trotzdem suchte er die Gruft mal wieder auf, zum ersten Mal, seit er mit der schönen Bernadette dort gewesen war. Stöberte in der vertrauten Muffigkeit herum. Verwarf angesichts der Folianten und Handschriftenunikate den Gedanken an den Ausverkauf vollkommen. Außerdem war er ein Outlaw, und er würde auch wie ein Outlaw – und nicht wie ein Krämer – an Geld kommen. Selbst wenn er jemandem dabei eins überbraten musste.
Als er dort unten saß, von drei Teelichtern vergoldet, die er mitgebracht hatte, und in ein paar Karten blätterte, die das Wiedenfließ nach frühchristlicher Prägung darstellten, als Höllenlabyrinth voller Schluchten und Kluften, dachte er über den Kopfgeldjäger nach, den sie von dort schicken würden oder bereits losgeschickt hatten, um ihn zur Strecke zu bringen, und versuchte, sich ein Bild von diesem Wesen zu machen. Souldiver Bloodfork war ja nur ein ziemlich moderner, angelsächsischer Name für eine Kreatur, deren wahrer Ursprung so verborgen war, dass nicht einmal Widder Genaueres darüber gewusst hatte. Wie würde sich Bloodfork manifestieren? Als Lee van Cleef mit wehendem Staubmantel und Facettenaugen? Als Zehn-Meter-Battlemech mit Fledermausflügeln? Als harmlos wirkendes Männchen mit Beamtenglatze und Schweizermesser? Als transparentes Geistwesen, das breitbeinig halb in der Wohnungstür drinstand? Oder vielleicht als Frau? Definitiv musste mit allem gerechnet werden. Und da niemand mit allem rechnen konnte, konnte man sich die Rechnerei eigentlich auch gleich sparen und das Ding einfach kommen lassen.
Eines jedoch hatte Hiob mittlerweile begriffen, die Kalamität mit der Geldbeschaffung hatte ihm das ziemlich unter die Haut gerieben: Alleine war das Leben deutlich karstiger als mit Partner. Und da NuNdUuN diesmal ja gleich beidhändig ziehen und feuern wollte, machte sich Hiob wirklich Gedanken darüber, ob er nicht vielleicht zur Abwechslung mal einen Verbündeten gut gebrauchen könnte. Nur: Welcher Verbündete würde lebensmüde genug sein, Hiob im Kampf gegen den unaufhaltsamsten Kopfgeldjäger der Hölle zu assistieren? Klar: Jeder, der dafür gut bezahlt wurde und mangels magischen Fachwissens keine Ahnung hatte, gegen wen man eigentlich ins Feld zog. Nur dass Hiob erstens niemanden gut bezahlen konnte und zweitens eine unmagische Knallcharge auch überhaupt nicht gebrauchen konnte. Wenn man Bloodfork mit einem Bodyguard oder auch einer ganzen Armee von Bodyguards hätte stoppen können, wäre der Ruf dieses Wesens wohl kaum so ehrfurchtgebietend geworden. Nein, was Hiob wirklich gebrauchen konnte, war ein guter Terminator, der ihm gegen den bösen Terminator beistehen konnte. Und wo sonst konnte man einen Terminator herkriegen als aus dem Wiedenfließ? Dort gab es aber natürlich keine guten Terminatoren, da alles dort vom selben Geist durchdrungen war wie eben Bloodfork selbst. Hiob konnte auch nicht einfach eine Manifestation heraufbeschwören und dann versuchen, diese in seinem Sinne zu läutern. Alles, was er damit erreichen würde, wäre, gegen drei statt nur gemütliche zwei Manifestationen gleichzeitig wrestlen zu müssen.
Nein, im Fließ war niemals wirkliche Hilfe zu erwarten, es sei denn ...
... es sei denn ... es gab in der immateriellen Welt genauso wie in jedem Land der materiellen Welt Dissidenten. Stänkerer und Systemkritiker.
Nein. Jeder Wiedenfließ-Dissident hätte eine Lebenserwartung unterhalb des Fruchtfliegenzyklus. NuNdUuN war mit Sicherheit kein wohlmeinender und großzügiger Herrscher, musste er ja auch nicht sein, das Wiedenfließ war keine Demokratie, sondern eine Militärdiktatur – und eine Generalamnestie anlässlich jedes neuen Herrschaftsmillenniums gab es dort unten/oben/drinnen sicherlich auch nicht. Diese Möglichkeit konnte Hiob sich abschminken. Außerdem wäre er nie an so jemanden rangekommen.
Und dann kam Hiob – eines seiner hervorstechendsten Charaktermerkmale – ein ganz besonders kurioser Gedanke. Ausgehend von der Idee, wie jemand beschaffen sein müsste, der im Wiedenfließ lebt, für Hiob kontaktierbar ist und einen mächtigen Hass auf NuNdUuN hat, ohne jedoch wiederum von NuNdUuN bedroht zu werden.
Nein, noch kurioser als das.
Die Gruft war ein guter Ort, um mit der Ehrwürdigen Beisitzerin Eidry Gevicius Kontakt aufzunehmen.
Hiob zerkaute eine Seite aktiven Pergamentes aus einem leeren Buch der Wandlungen, murmelte dabei eine der geläufigsten assyrischen Formeln, die es gibt, und stopfte sich das nasse Maché dann in die Ohrmuscheln. Wie unverdrahtete Kopfhörer begann das antike Papier in der knurrigen, belfernden Stimme der Gevicius zu summen, und das sogar in Stereo.
»’S’n los?«
»Entschuldigt bitte mein unaufgefordertes Eindringen, ehrwürdige Beisitzerin. Euer freundlichster Besuch an meinem Krankenhausbette war von derart tiefreichender Substanz, dass ich noch heute an den Folgen zu tragen habe.«
»Ich hab dir schon hundertmal erklärt, dass ich ein Problem habe mit eurer Luft, und das wird nicht besser, wenn du dauernd jammerst.«
»Nein, darum geht es doch gar nicht. Es geht um etwas, das Ihr sagtet. Ihr habt mir erzählt, dass in all den Jahrtausenden nur ein einziger Präzedenzfall bekannt geworden ist, wo ein Spieler zwei Manifestationen gleichzeitig überlebt hat.«
»Ja, und?«
»Könnt Ihr mir darüber ein paar genauere Informationen geben?«
»Bin ich jetzt dein beschissenes Auskunftsbüro, oder was?«
»Hören Sie, Sie lassen doch kaum eine Gelegenheit aus, mir klarzumachen, wie sehr es Sie nervt, dass Sie nur aufgrund meines Spieles dazu verdonnert worden sind, hier auf Erden Dienst zu tun. Nun gebe ich Ihnen eine Möglichkeit, nicht einfach nur die Zeit abzusitzen, sondern das eigene Wissen irgendwo einzubringen, und Sie sind schon wieder unzufrieden! Ich geb mir doch nur Mühe, Sie einzubinden, Beisitzerin.«
»Wie altruistisch. Ich bin eine Beisitzerin, du Hänfling. Du wirst mich nirgends einbinden, verstanden?«
»Wovor habt Ihr Angst? Dass Euer Herr und Meister Euch vorwerfen könnte, einen Spieler mit Informationen zu versorgen? Ich könnte mir diese Informationen ja auch anderweitig besorgen, das ist nur etwas komplizierter und zeitaufwändiger, aber keinesfalls...
| Erscheint lt. Verlag | 1.12.2012 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Hiobs Spiel | Hiobs Spiel |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Hiob • Horror • Postmoderne • Schicksal • Schicksalskampf |
| ISBN-10 | 3-942396-60-2 / 3942396602 |
| ISBN-13 | 978-3-942396-60-8 / 9783942396608 |
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