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Die Wiederholung (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2012 | 1. Auflage
343 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-79920-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Wiederholung - Peter Handke
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Peter Handkes episches Werk, bei dem die Musen nicht am Anfang, sondern am Ende angerufen werden, ist Erzählung und gleichzeitig Erforschung der Erzählung, deren Entstehung und Bedeutung. Auf der Suche nach seinem verschollenen Bruder wird Filip Kobal deutlich, daß er den Bruder letztlich gar nicht finden, sondern ihn aus dem Undeutlichen seines Schicksals herausfinden, ihn erzählen will. Peter Handkes Wiederholung ist kein Sich-wiederholen, sondern ein Sich-Wieder-Holen, einen neuen Anfang machen; Wiederholen heißt nicht »Es war einmal«, sondern »Fang an«. - Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen

<p>Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (K&auml;rnten) geboren. Die Familie m&uuml;tterlicherseits geh&ouml;rt zur slowenischen Minderheit in &Ouml;sterreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach K&auml;rnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (K&auml;rnten) und das dazugeh&ouml;rige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im M&auml;rz 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschlie&szlig;enden Pr&uuml;fung abgebrochen, erscheint sein erster Roman <em>Die Hornissen</em>. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legend&auml;ren Theaterst&uuml;cks <em>Publikumsbeschimpfung </em>in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann.</p> <p>Seitdem hat er mehr als drei&szlig;ig Erz&auml;hlungen und Prosawerke verfasst, erinnert sei an: <em>Die Angst des Tormanns beim Elfmeter </em>(1970), <em>Wunschloses Ungl&uuml;ck</em> (1972), <em>Der kurze Brief zum langen Abschied </em>(1972), <em>Die linksh&auml;ndige Frau </em>(1976), <em>Das Gewicht der Welt</em> (1977), <em>Langsame Heimkehr </em>(1979), <em>Die Lehre der Sainte-Victoire </em>(1980), <em>Der Chinese des Schmerzes </em>(1983),<em> Die Wiederholung </em>(1986), <em>Versuch &uuml;ber die M&uuml;digkeit</em> (1989), <em>Versuch &uuml;ber die Jukebox</em> (1990), <em>Versuch &uuml;ber den gegl&uuml;ckten Tag</em> (1991), <em>Mein Jahr in der Niemandsbucht </em>(1994), <em>Der Bildverlust </em>(2002), <em>Die Morawische Nacht</em> (2008), <em>Der Gro&szlig;e Fall</em> (2011), <em>Versuch &uuml;ber den Stillen Ort</em> (2012), <em>Versuch &uuml;ber den Pilznarren</em> (2013). </p> <p>Auf die <em>Publikumsbeschimpfung </em>1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgef&uuml;hrt, <em>Kaspar. V</em>on hier spannt sich der Bogen weiter &uuml;ber <em>Der Ritt &uuml;ber den Bodensee </em>1971), <em>Die Unvern&uuml;nftigen sterben aus </em>(1974), <em>&Uuml;ber die D&ouml;rfer</em> (1981), <em>Das</em> <em>Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land </em>(1990), <em>Die Stunde da wir nichts voneinander wu&szlig;ten</em> (1992), &uuml;ber den <em>Untertagblues </em>(2004) und <em>Bis da&szlig; der Tag euch scheidet </em>(2009) &uuml;ber das dramatische Epos <em>Immer noch Sturm</em> (2011) bis zum Sommerdialog <em>Die sch&ouml;nen Tage von</em> <em>Aranjuez </em>(2012) zu <em>Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstra&szlig;e</em> (...

Cover 1
Informationen zum Buch/Autor 2
Impressum 4
Motto 5
1. Das blinde Fenster 7
2. Die leeren Viehsteige 101
3. Die Savanne der Freiheit und das neunte Land 227
Inhalt 343

Ein Vierteljahrhundert oder ein Tag ist vergangen, seit ich, auf der Spur meines verschollenen Bruders, in Jesenice ankam. Ich war noch nicht zwanzig und hatte in der Schule gerade die letzte Prüfung hinter mir. Eigentlich hätte ich mich befreit fühlen können; denn nach den Wochen des Lernens standen mir die Sommermonate offen. Aber ich war im Zwiespalt weggefahren: Zuhause in Rinkenberg der alte Vater, die kranke Mutter und meine verwirrte Schwester. Außerdem hatte ich mich in dem letzten Jahr, von dem geistlichen Internat erlöst, in die Gemeinschaft der Klagenfurter Schulklasse, wo die Mädchen in der Mehrzahl waren, eingelebt und fand mich nun jäh allein. Während die andern zusammen in den Bus nach Griechenland stiegen, spielte ich den Einzelgänger, der lieber für sich nach Jugoslawien wollte. (In Wahrheit hatte mir zu der gemeinsamen Reise nur das Geld gefehlt.) Dazu kam, daß ich noch nie im Ausland gewesen war und das Slowenische, mochte es für den Bewohner eines Dorfes im südlichen Kärnten auch keine Fremdsprache sein, kaum beherrschte.

Der Grenzsoldat in Jesenice redete mich freilich, nach einem Blick in meinen frischausgestellten österreichischen Paß, in seiner Sprache an. Als ich nicht verstand, sagte er deutsch, Kobal sei doch ein slawischer Name, »kobal« heiße der Raum zwischen den gegrätschten Beinen, der »Schritt«; und so auch ein Mensch, der mit gespreizten Beinen dastehe. Mein Name treffe demnach eher auf ihn, den Soldaten, zu. Der ältere Beamte neben ihm, in Zivil, weißhaarig, randlose runde Gelehrtenbrille, erklärte mit einem Lächeln, das zugehörige Tätigkeitswort bedeute »klettern« oder »reiten«, so daß mein Vorname Filip, der Pferdeliebe, zu Kobal passe; ich möge meinem Namen insgesamt einmal Ehre machen. (Noch oft ist es mir später begegnet, wie gerade die Beamten eines sogenannt fortschrittlichen Landes, das einst Teil eines Großreiches war, eine überraschende Bildung hervorkehrten.) Unversehens wurde er ernst, trat einen Schritt näher und blickte mir feierlich in die Augen: Ich müßte wissen, daß vor einem Vierteljahrtausend hier im Land ein Volksheld namens Kobal gelebt habe. Gregor Kobal, aus der Gegend von Tolmin, an dem Oberlauf des Flusses, der weiter unten in Italien Isonzo heiße, sei im Jahr eintausendsiebenhundertunddreizehn einer der Führer des Großen Tolminer Bauernaufstands gewesen und im Jahr darauf mit seinen Genossen hingerichtet worden. Von ihm stamme der heute noch in der Republik Slowenien für seine »Frechheit« und »Verwegenheit« berühmte Satz, der Kaiser sei nichts als ein »Diener«, und man werde die Dinge selbst in die Hand nehmen! So belehrt – mit etwas, das ich schon wußte –, durfte ich, den Seesack über der Schulter, ohne ein Bargeld vorzeigen zu müssen, aus dem finsteren Grenzbahnhof hinaus in die nordjugoslawische Stadt treten, die damals in den Schulkarten, neben Jesenice, in Klammern noch altösterreichisch Aßling hieß.

Ich bin lange vor dem Bahnhof gestanden, die Kette der Karawanken, die mir in meinem bisherigen Leben immer fern vor Augen gewesen war, nah im Rücken. Die Stadt beginnt gleich am Ausgang des Tunnels und zieht sich durch das enge Flußtal; über dessen Flanken ein schmaler Himmel, der sich nach Süden erweitert und zugleich verhüllt wird von dem Qualm der Eisenwerke; eine sehr lange Ortschaft mit einer sehr lauten Straße, von der links und rechts nur Steilwege abzweigen. Es war ein warmer Abend Ende Juni 1960, und von dem Straßenbelag ging eine geradezu blendende Helligkeit aus. Ich merkte, daß die Düsternis innen in dem Schalterraum von den vielen Autobussen kam, die in rascher Folge vor der großen Schwingtür hielten und weiterfuhren. Eigenartig, wie das allgemeine Grau, das Grau der Häuser, der Straße, der Fahrzeuge, ganz im Gegensatz zu der Farbigkeit der Städte in Kärnten, das in dem angrenzenden Slowenien, Refrain aus dem neunzehnten Jahrhundert, den Beinamen »das Schöne« trägt, in dem Abendlicht meinen Augen wohltat. Der österreichisehe Kurzzug, mit dem ich angekommen war und der gleich zurück durch den Tunnel fahren würde, wirkte, hinten auf den Gleisen, zwischen den massigen, verstaubten jugoslawischen Zügen, sauber und bunt wie eine Spielzeugeisenbahn, und die blauen Uniformen der zugehörigen Mannschaft, die sich auf dem Bahnsteig laut unterhielt, bildeten in dem Graukreis einen fremdländischen Farbeinschluß. Auffällig auch, daß die Scharen der Leute, die in dieser eher kleinen Stadt unterwegs waren, mich, ganz anders als in den Kleinstädten meiner Heimat, zwar hin und wieder wahrnahmen, aber keinmal anstarrten, und je länger ich da stand, umso gewisser wurde ich, in einem großen Land zu sein.

Wie vergangen schien jetzt, kaum ein paar Stunden später, der Nachmittag in Villach, wo ich meinen Geschichte- und Geographielehrer besucht hatte. Wir hatten meine Möglichkeiten für den Herbst erwogen: Sollte ich gleich den Militärdienst ableisten, oder mich zurückstellen lassen und ein Studium anfangen, und welches Studium? In einem Park hatte mir der Lehrer dann eines seiner selbstverfaßten Märchen vorgelesen, nach meinem Urteil gefragt und sich dieses mit einer überaus ernsten Miene angehört. Er war ein Junggeselle und lebte allein mit seiner Mutter, die, während ich bei ihm war, immer wieder durch die geschlossene Tür sich nach dem Wohlergehen und den Wünschen des Sohnes erkundigte. Er hatte mich zum Bahnhof begleitet und mir dort, so verstohlen, als fühlte er sich beobachtet, einen Geldschein zugesteckt. Obwohl meine Dankbarkeit groß war, hatte ich sie nicht zeigen können, und auch als ich mir jetzt den Mann jenseits der Grenze vorstellte, sah ich nur eine Warze auf einer bleichen Stirn. Das zugehörige Gesicht war das des Grenzsoldaten, der kaum älter gewesen war als ich und doch schon deutlich, in Haltung, Stimme und Blick, seinen Platz gefunden hatte. Von dem Lehrer, von seiner Wohnung und von der ganzen Stadt, war mir kein Bild geblieben außer zwei schachspielenden Rentnern an einem Tisch im Gebüschschatten des Parks und dem Gleißen eines Strahlenkranzes über dem Kopf der Marienstatue auf dem Hauptplatz.

Dagegen bedachte ich, vollkommene Gegenwart, die auch heute, nach fünfundzwanzig Jahren, wieder ganz Gegenwart wird, den Morgen desselben Tages, mit dem Abschied vom Vater, auf dem Waldhügel, von dem das Dorf Rinkenberg seinen Namen hat. Der ältliche Mensch, schmächtig, viel kleiner als ich, stand mit geknickten Knien, hängenden Armen und den gichtverbogenen Fingern, die in diesem Augenblick wutgeballte Fäuste darstellten, an dem Wegkreuz und schrie mir zu: »Geh doch zugrunde, wie dein Bruder zugrunde gegangen ist, und wie alle in unserer Familie zugrunde gehen! Aus keinem ist etwas geworden, und auch aus dir wird nichts werden! Aus dir wird nicht einmal ein guter Spieler werden, wie ich einer bin!« Dabei hatte er mich gerade noch, zum ersten Mal überhaupt, umarmt, und ich hatte ihm über die Schulter auf seine taunasse Hose geblickt, in dem Gefühl, er umarme in mir eher sich selber. In der Erinnerung aber wurde ich dann von der Umarmung des Vaters gehalten, nicht bloß an jenem Abend vor dem Bahnhof in Jesenice, sondern auch über die Jahre, und seinen Fluch hörte ich als Segen. In Wirklichkeit war er todernst gewesen, und in der Vorstellung sah ich ihn schmunzeln. Möge seine Umarmung mich auch durch diese Erzählung tragen.

Ich stand in der Dämmerung, in dem Dröhnen des Durchzugsverkehrs, das ich geradezu als wohlig empfand, und bedachte, wie ich mich dagegen in den bisherigen Umarmungen mit Frauen nie gehalten gespürt hatte. Ich hatte keine Freundin. Sooft das einzige Mädchen, das ich sozusagen kannte, mich umarmte, erlebte ich das eher als Mutwillen oder als Wette. Was für ein Stolz jedoch, mit ihr im Abstand auf der Straße zu gehen, wo wir für die Entgegenkommenden offensichtlich zueinander gehörten. Einmal rief es da aus einer Gruppe von streunenden Fast-noch-Kindern: »Hast du eine schöne Freundin!«, und ein andermal blieb ein altes Weib stehen, blickte von dem Mädchen zu mir und sagte wörtlich: »Sie Glücklicher!« In solchen Momenten erschien die Sehnsucht bereits erfüllt. Wonne, dann in dem wechselnden Licht eines Kinos neben sich das schimmernde Profil zu sehen, den Mund, die Wange, das Auge. Das Höchste war das leichte Körper-an-Körper, wie es sich manchmal von selber ergab; auch eine bloß zufällige Berührung hätte dabei als Übertretung gewirkt. Hatte ich demnach nicht doch eine Freundin? Den Gedanken an eine Frau kannte ich nämlich nicht als Begehren oder Verlangen, sondern allein als das Wunschbild von dem schönen Gegenüber – ja, das Gegenüber sollte schön sein! –, dem ich, endlich, erzählen könnte. Was erzählen? Einfach nur erzählen. Der Zwanzigjährige stellte sich das Einander-in-die-Arme-Fallen, das Lieb-Haben, das Lieben als ein beständiges, so schonendes wie rückhaltloses, so ruhiges wie aufschreihaftes, als ein klärendes, erhellendes Erzählen vor, und es fiel ihm dazu seine Mutter ein, die ihn, sooft er lang aus dem Haus gewesen war, in der Stadt, oder auch allein im Wald oder auf den Feldern, jedesmal gleich bedrängte mit ihrem »Erzähl!« Nie war es ihm da, jedenfalls vor ihrer Krankheit, gelungen, ihr zu erzählen, trotz seiner ständigen Proben im voraus; überhaupt glückte ihm das Erzählen nur ungefragt – benötigte in der Folge freilich die richtigen Zwischenfragen.

Und jetzt vor dem Bahnhof entdeckte ich, daß ich schon seit meiner Ankunft der Freundin im stillen den Tag erzählte. Und was erzählte ich ihr? Weder Vorfälle noch Ereignisse, sondern die einfachen Vorgänge, oder auch bloß einen Anblick, ein Geräusch, einen Geruch. Und der Strahl des kleinen Springbrunnens jenseits der Straße, das Rot...

Erscheint lt. Verlag 14.11.2012
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Abiturient • Belletristische Darstellung • Identitätsfindung • Kärntner Landesorden in Gold 2018 • Nestroy-Preis 2018 • Nestroy-Preis 2018 • Nobelpreis für Literatur 2019 • Österreicher • Slowenien
ISBN-10 3-518-79920-7 / 3518799207
ISBN-13 978-3-518-79920-8 / 9783518799208
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