John Sinclair 1793 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-2152-1 (ISBN)
Niemand wusste genau, woher der riesige Totenschädel kam. Er war plötzlich da, er stand in der Landschaft und schien darauf zu warten, dass ihn jemand besuchte.
Zwei Männer taten das. Und was sie erlebten, grenzte schon an reinen Wahnsinn. Es führte sie tief zurück in die Vergangenheit, in der es noch Engel und Riesen gab -
Frost kroch aus dem Zelt. Er hörte das Wasser gegen das Ufer der Halbinsel klatschen. Dieses Geräusch war für ihn wie eine Beruhigungspille, doch er hütete sich davor, auch nur einmal die Augen zu schließen.
Alex Corner hatte sich vom Zelt entfernt. Er war auf einer kleinen Anhöhe stehen geblieben und richtete seinen Blick nach Westen, denn dort spielte sich das Geschehen ab.
Auch Frost schaute hin, nachdem er sich neben seinen Freund gestellt hatte. Zuerst schweiften die Blicke der Männer über das Wasser, bis sie den Punkt erreichten, auf den es ihnen ankam.
Ja, dort zeigte sich das Phänomen, das die beiden Männer zum Staunen brachte. Es war verrückt, kaum zu glauben und auch nicht erklärbar. Da zeigte der Himmel das Rot der Morgendämmerung. Aber es gab nicht nur das Rot. Da war auch noch der gewaltige dichte Nebel, der wie eine Wolkenbank über dem Wasser schwebte. Und aus diesem Nebel heraus war er gestiegen. Das absolute Grauen, das Urbild des großen Angstmachers, das, was Menschen mit dem Tod verbanden.
Ein Totenschädel!
Und dieser Schädel war etwas Besonderes. Riesengroß. Er stieg als übergroßes Etwas aus dem Nebel hervor. Sein Maul stand offen, in seinen leeren Augenhöhlen war nichts zu erkennen. Gleiches galt für das Nasenloch.
Der kahle Schädel strahlte einen Glanz ab, als gäbe es in seinem Inneren eine Lichtquelle.
»Und?«, fragte Alex leise.
»Wahnsinn. Echt Wahnsinn. Es gibt ihn also doch.«
»Hast du das bezweifelt?«
»Ja, hin und wieder schon. Da bin ich ehrlich. Das ist wirklich ein Hammer.«
»Und deshalb sind wir auch hier«, erklärte Alex. »Wir haben es geschafft. Wir haben ihn gesehen. Wir wissen, dass er existiert und können uns auf die Schulter schlagen.«
»Ja, das stimmt.«
Beide Männer schauten weiterhin zu. Sie bewegten sich nicht. Sie schienen das Bild des Schädels in sich einsaugen zu wollen. Dieser riesige Schädel war so etwas wie ein Omen der Hölle.
»Sollte uns das reichen?«, fragte Alex Corner.
»Wie meinst du das?«
»Nur das Schauen …«
Frost lachte. Er wusste jetzt Bescheid, und das sprach er auch aus. »Du willst hin, nicht wahr?«
»Ja.«
»Du willst ihn dir genauer ansehen?«
Alex nickte. »Das will ich. Das muss ich einfach. Es ist ein Drang in mir. Das musst du doch verstehen.«
»Ja, auf eine Art schon«, gab Mike Frost zu, »aber was sollte uns das bringen?«
»Bringen? Ich frage dich, was es bringt, wenn wir hier stehen bleiben und uns den Schädel anschauen. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, näher an ihn heranzukommen. Er kann bald wieder verschwunden sein, und vielleicht taucht er dann nie wieder auf.«
Mike Frost dachte über die Worte seines Partners nach. Wenn er es richtig sah, hatten sie schon einiges eingesetzt, um das Phänomen zu entdecken, das nicht alle Tage erschien. Es befand sich zudem nicht weit von ihnen entfernt. Sie konnten das Ende der Halbinsel mit dem Auto oder auch mit dem Boot erreichen. Blieben sie auf dem Wasser, fuhren sie dem gekrümmten Ende entgegen. Wenn sie das Auto nahmen, mussten sie mehr Kilometer zurücklegen.
Die beiden Freunde diskutierten nicht mehr lange. Sie waren sich schnell einig. Sie wollten sich den überdimensionalen Schädel aus der Nähe anschauen. Und sie wollten mit dem Jeep fahren und nicht das Boot nehmen.
Es war zwar Morgen, aber die Helligkeit hielt sich noch zurück. So konnten sie nicht ohne Licht fahren. Mike Frost übernahm das Steuer. Er kaute auf einem Kaugummi, ließ den Motor an und überlegte noch mal, ob sie nicht einen Fehler begingen.
Nein, er konnte nichts Negatives finden.
»Dann ab!« Corner freute sich. Er streckte beide Daumen in die Höhe. Er fühlte sich als der große Sieger. Beide Männer hatten sich einen Traum erfüllt, und der musste noch weitergehen. Einige Fotos hatte er bereits geschossen, jetzt war es für ihn wichtig, das Gebilde aus der Nähe zu sehen. Er wollte es so gut wie möglich untersuchen.
Überhaupt – wie kam so ein Schädel zustande? Das war eine gute Frage, auf die er gern Antworten gehabt hätte, aber das war leider nicht möglich.
Der Weg war ihnen unbekannt. Aber das starke Licht der Scheinwerfer zeigte ihnen, wohin sie zu fahren hatten. Eine Straße oder einen Weg gab es in dieser einsamen Gegend nicht, wer hier seinen Weg suchte, der musste oft genug querfeldein fahren.
Der Jeep tat seine Pflicht. Er schaukelte die Freunde ihrem Ziel entgegen.
Vor allen Dingen Alex Corner ließ den Schädel nicht aus den Augen. Er konnte sich das leisten, denn er musste nicht fahren. Das tat Mike Frost. Der kam auch am besten mit dem Fahrzeug zurecht. Zudem hatte er es ausgesucht.
Der Schädel war auch weiterhin da!
Er glühte in diesem weißen, aber auch roten Licht. Beides vereinigte sich bei ihm, und er sah nicht so aus, als hätte er Kontakt mit dem Boden. Er schien auf den dichten Nebelwolken zu schweben.
Corner rieb seine Hände. »Das ist verrückt. Ich bleibe dabei. Das ist der effektive Wahnsinn. Ich könnte schreien vor Freude. Wir haben es.«
Frost blieb da cooler. »Und was haben wir?«
»Das siehst du doch.«
»Ja, schon. Aber was machen wir mit dieser Entdeckung?«
»Keine Ahnung.« Corner nickte. »Uns wird schon etwas einfallen. Fotografiert haben wir ihn, das ist erst mal das Wichtigste. Jetzt müssen wir nur näher an ihn heran und herausfinden, woraus er besteht.«
»Aus Knochen, denke ich.«
»Ha, das sagst du so einfach. Nein, ich denke, dass er auch aus einem anderen Material bestehen kann.«
»Und aus welchem?«
»Keine Ahnung.«
Mike Frost nickte. »Eben, Alex. Wenn ich keine Ahnung habe, würde ich mir auch keine großen Gedanken machen.«
»Da ist eben jeder anders.«
Frost war neugierig geworden. »Hast du denn eine Vorstellung? Hast du dir Gedanken darüber gemacht?«
»Klar, habe ich.«
»Und?«
»Ich lasse mich überraschen.«
Da musste Mike Frost lachen. »Himmel, das hätte ich dir auch so sagen können. Da muss ich nicht erst nachdenken.«
»Wir werden ihn untersuchen.«
»Wonach?«
»Einfach so. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass dieser Schädel von jemandem hinterlassen worden ist, der schon mal auf der Erde war.«
»Ach?« Mike warf seinem Freund einen skeptischen Blick zu. »Du denkst an eine andere Zivilisation?«
»Ja, auch.«
»Und weiter?«
»Sie könnte den Schädel doch vergessen haben. Vielleicht waren es auch Riesen.«
»Was?«
»Ja, Riesen.«
»Und wie kommst du darauf? Hast du zu viele Märchenbücher gelesen?«
»Nein, das habe ich nicht. Aber ich habe mal einen Artikel gelesen. Darin stand, dass es früher auf der Welt auch Riesen gegeben hat.«
»Und woher sind sie gekommen?«
»Sie sind gezeugt worden.«
»Ach?« Mike Frost hätte fast gelacht. Er riss sich zusammen, denn er kannte seinen Freund, der leicht überreagierte, wenn er sich nicht ernst genommen fühlte.
»Ja, ja, das ist so. Oder das kann so sein.«
Mike nickte. »Wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Ich bin gespannt.«
»Das kannst du auch.«
In den folgenden Minuten sprachen die beiden Männer nicht mehr. Sie hingen ihren Gedanken nach. Zudem hatte der Jeep einiges zu leisten, denn die Beschaffenheit des Untergrunds war schlechter geworden. Steine ragten aus dem harten Boden hervor. Manchmal gab es auch Löcher oder waren Querrinnen zu überfahren.
Aber das Ziel rückte näher. Es war weit und breit das einzige Fanal in dieser Landschaft, und es hätte aufgrund dessen zahlreiche Menschen anziehen müssen.
Doch niemand kam.
Es war keiner da, dem der Schädel aufgefallen wäre. Nur die beiden Freunde rollten durch die Einsamkeit und wurden von der Morgendämmerung im Osten verfolgt.
Der Schädel rückte immer näher heran. Jetzt war zu sehen, dass er groß war. Überdimensional, ein mächtiger Klotz, vor dem man Angst bekommen konnte.
»Wie nahe willst du heran?«, fragte Mike.
Sein Freund gab keine Antwort. Er schaute nur, er staunte und atmete recht schwer.
Frost fuhr langsamer. Die Helligkeit hatte jetzt auch sie erreicht, aber noch immer herrschte das Grau der Dämmerung vor. Grau war auch der Nebel, auf dem der Schädel zu stehen schien, doch jetzt, aus einer relativen Nähe betrachtet, da war zu sehen, dass er auch Kontakt mit dem Boden hatte. Der Nebel verdeckte nur das, was man als sein Kinn hätte bezeichnen können.
Mike Frost fuhr noch langsamer. Als er einen Kommentar von seinem Freund hörte, hielt er den Jeep schließlich an.
»Weit genug?«, fragte er.
»Mal sehen.« Alex öffnete die Tür. Er stieg aus und blieb neben dem Wagen stehen. Die kalte Morgenluft drang in das Innere und fuhr über das Gesicht des Fahrers.
»He, Alex, was ist?«
»Ja, es ist okay.«
»Dann bist du zufrieden?«
»Bin ich. Wir brauchen auch nicht näher an das Ziel heranzufahren.«
»Und weiter?«
»Wie?«
Mike Frost stieg ebenfalls aus. Er drückte die Tür zu und stellte sich neben seinen Freund. »Das war doch nicht alles, Alex. Da muss noch was kommen. Ich glaube einfach nicht, dass wir nur hergefahren sind, um uns das Ding da anzusehen und …«
»Sind wir auch nicht.«
»Gut. Was hast du vor?«
»Näher ran, Mike!«, flüsterte Alex...
| Erscheint lt. Verlag | 20.11.2012 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-2152-7 / 3838721527 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-2152-1 / 9783838721521 |
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