Pendelverkehr (eBook)
288 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-96098-4 (ISBN)
Martina Kempff ist Autorin, Übersetzerin und freie Journalistin. Sie war Redakteurin bei der Berliner Morgenpost, Reporterin bei Welt und Bunte, bis sie beschloss, Bücher zu schreiben. Besonders bekannt ist sie für ihre historischen Romane wie »Die Königsmacherin«, »Die Beutefrau« und »Die Welfenkaiserin«, die sich durch hervorragende Recherche und außergewöhnliche Heldinnen auszeichnen. Martina Kempff lebte lange in Griechenland, später in Amsterdam. Acht Jahre verbrachte sie in der Eifel, was sie zu einer einfallsreichen Krimiserie inspirierte. Heute lebt sie im Bergischen Land.
Martina Kempff ist Autorin, Übersetzerin und freie Journalistin. Sie war Redakteurin bei der Berliner Morgenpost, Reporterin bei Welt und Bunte, bis sie beschloss, Bücher zu schreiben. Besonders bekannt ist sie für ihre historischen Romane wie "Die Königsmacherin", "Die Beutefrau" und "Die Welfenkaiserin", die sich durch hervorragende Recherche und außergewöhnliche Heldinnen auszeichnen. Martina Kempff lebte lange in Griechenland, später in Amsterdam. Acht Jahre verbrachte sie in der Eifel, was sie zu einer einfallsreichen Krimiserie inspirierte. Heute lebt sie im Bergischen Land.
Erstes Gericht
Verlorene Wachteleier
in Honigsenfschaum auf Rucolakresse, von Hackklößchen begleitet
Was sich da gerade am helllichten Tag vor meinem künftigen Restaurant aus einem Sportwagen mit offenem Verdeck windet, kann nur ein Geist sein. Gespenster erscheinen zwar normalerweise nachts und entsteigen dann eher wabernden Nebelbänken als Autos mit Berliner Kennzeichen. Erst gestern hat mir Schamane Viktor aus dem belgischen Krewinkel noch versichert, auf dem alten, oftmals eingenebelten Hexenhügel Kehr müsse man jederzeit auf das Erscheinen von Boten aus einem Jenseits gefasst sein. Schon der Name des Örtchens weise schließlich darauf hin: Kehr!, hätten die Hexen des alten Weges einander raunend aufgefordert, wenn ein unliebsamer Schemen ihre Kreise störte.
Ob allerdings dieser aktuellen Erscheinung aus meiner Vergangenheit mit dem Kehrbesen beizukommen ist, wage ich angesichts der deutlich erkennbaren Körpermasse innerhalb der Konturen zu bezweifeln. Was zum Teufel sucht mein abgelegter Berliner Lover Hans-Peter auf der Kehr? Hoffentlich nicht mich; jene Katja, die er vierzehn Jahre lang am ausgestreckten Arm hatte verhungern lassen, rein seelisch, versteht sich angesichts meines Umfangs – diese Katja gibt es nicht mehr.
Er greift in den Wagen und hebt einen Säugling heraus. Ich versteinere. Mit dem Kind habe ich nichts zu schaffen, kommt mir jener Gedanke, der wohl in manchem Mann aufsteigt, dem eine frühere Geliebte ein Baby präsentiert. Eine aufwallende Hitzewelle erinnert mich daran, dass ich eine Frau und zudem nicht mehr gebärfähig bin. Das Kind in den Armen balancierend, schaut Hans-Peter unsicher zu der offen stehenden Tür, neben der das halb fertig gemalte Restaurantschild an der verklinkerten Hauswand lehnt. Dann fällt sein Blick auf mein ihm vertrautes altes Auto, das jetzt allerdings ein belgisches Kennzeichen trägt. Rote Zahlen.
»Der Mann sieht gut aus«, seufzt Gudrun, die sich neben mich ans Fenster gestellt hat, »ist aber offensichtlich vergeben. Auch wenn er nicht weiß, wie man ein Kleinkind hält. Was der hier wohl will?«
Ich zerquetsche das soeben geformte und mit einem Hauch frischer Minze versetzte Hackbällchen in meiner Hand.
»Kannst ihn haben«, murmele ich, gleich darauf wünschend, den Satz nie ausgesprochen zu haben. Gudruns Sehnsucht nach Mann und Kind hat sie schon einmal fast ins Verderben geführt. Fehlt gerade noch, dass sie sich in Hans-Peter verguckt!
»Wieso?«, hakt sie überrascht ein. »Ist der denn dir?«
»Nein!«, blaffe ich sie an. Vom Eifeler Besitzpronomen und der bevorstehenden unausweichlichen Begegnung gänzlich überfordert, reagiere ich zu langsam, als mein Hund Linus aus der Küche jagt. Er will tatsächlich nur spielen, aber das hatte ich diesem Schaf in der Vermummung eines Labrador-Staffordshire-Terriers anfangs ja auch nicht abnehmen wollen. Die riesige Bestie mit dem schwarz glänzenden Fell erschreckt selbst den abgebrühtesten Viehdoktor. Ich zögere einen Moment, möchte diesem ungebetenen Gast ungern den Schreck seines Lebens ersparen. Aber da ist der Säugling auf seinem Arm, der gerade lauthals zu plärren beginnt. Nicht, dass Linus dem Kind ein Haar krümmen würde, aber Hans-Peter könnte es vor lauter Angst fallen lassen. Oder es unwillkürlich so fest drücken, dass es sich alle Knochen bricht. Oder es dem Ungeheuer zum Fraß vorwerfen, gewissermaßen opfern, um sein eigenes Leben zu retten. Ja, so etwas traue ich ihm zu. Also renne ich hinaus.
Der Anblick, der sich mir jetzt bietet, entschädigt mich fast für jahrelanges vergebliches Warten am Telefon, für die Vorwände, Lügen und Ausflüchte jenes Mannes, von dem ich mir meine jungen Jahre habe stehlen lassen, für die Einsamkeit des früheren Daseins der heimlichen Geliebten.
Hans-Peter zittert am ganzen Leib. Mit vor Schreck geweiteten Augen blickt er auf den für ihn bedrohlich bellenden Linus, der um ihn herumspringt, als wolle er ihn einkreisen. Jetzt rächen sich Hans-Peters Versuche, der Tierliebe seiner Tochter mit Meerschweinchen, Hamstern, Schildkröten, Kanarienvögeln und Fischen beizukommen. Hätte er ihr den so heiß gewünschten Hund nicht verweigert, hätte er begriffen, dass ein derart eifriges Stummelschwanzwedeln harmlose Freude ausdrückt. Ich beobachte, wie der Berliner Lokalpolitiker seine bei Menschen erfolgreichste Waffe einsetzt: den Augenkontakt. Wäre Linus tatsächlich ein gefährlicher Hund, hätte er mit dieser Provokation den Kampf um den höheren Rang aufgenommen, und Hans-Peter wäre erledigt gewesen. Aber der Schwanz wedelt weiter. Vorsichtig nähert sich Hans-Peter wieder seinem Auto. So intensiv mit dem Überleben beschäftigt, merkt er nicht einmal, dass ich aus der Tür gestürzt bin. Linus freut sich über Hans-Peters Absicht. Dieser Hund liebt Autofahrten. Und weiß auch, dass Menschen in ihren Blechkisten oft Essbares lagern. Mit einem Satz springt er in den Wagen.
»Linus!«, übertöne ich das Schreien des Kindes und wedele mit meiner rinderhackverschmierten Hand. Der Hund gehorcht, hopst aus dem Wagen, rennt zu mir, leckt mir die Hand ab und legt sich mir dann zu Füßen.
»Katja!«
»Hans-Peter!«
Das Kind verstummt.
»Also doch«, höre ich Gudrun neben mir murmeln.
»Seit wann hast du einen Hund?« Seine Stimme klingt brüchig, und er macht keinerlei Anstalten, näherzutreten.
»Seit wann hast du ein kleines Kind?«, gebe ich zurück.
»Das würde ich dir gern erklären.«
Ausgerechnet dieser Satz! Den ich in meinem früheren Leben aus diesem Mund so oft gehört habe. Der Satz, mit dem jede aufkeimende Hoffnung regelmäßig zunichtegemacht wurde. Hier, in die frische Eifeler Luft hineingesprochen, lässt er mir wieder Tränen in die Augen steigen. Lachtränen. Ich plumpse neben Linus auf die zwei Stufen, die in mein künftiges Restaurant führen, und kann überhaupt nicht mehr aufhören zu lachen. Entsetzt betrachtet Gudrun meinen wogenden Körper.
»Was ist los, Katja, kann ich dir helfen?«
»Geh mit Linus spazieren«, bringe ich zwischen zwei Lachsalven hervor.
Anordnungen schätzt Gudrun überhaupt nicht. Schon gar nicht, wenn sie sich von einem interessanten Mann entfernen muss. Wir leben schließlich in einer extrem dünn besiedelten, männerarmen Gegend.
»Ich bringe ihn lieber ins Schlafzimmer …«
»Raucherzimmer!«, weise ich sie zurecht und lache weiter.
»Holen Sie einen Kaffee?«, wendet sie sich mit ihrem charmantesten Lächeln an Hans-Peter und streicht sich mit der freien Hand eine verirrte blonde Haarsträhne aus dem leicht geröteten Gesicht.
Verunsichert blickt er von ihr zu mir.
»Gern«, antwortet er höflich, das Angebot als Aufforderung missverstehend: »Wo ist er denn?«
Ich bekomme vor lauter Lachen einen Schluckauf und kann nicht antworten.
»Mache ich frisch«, erwidert Gudrun, der die kleine Kommunikationsstörung entgangen ist. »Sie können auch einen Schnaps haben, wenn Ihnen jetzt danach ist. Und der Hund ist wirklich lieb. Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich bin gleich wieder da.«
Als ob ihn das vor mir schützen würde.
Sie packt den widerstrebenden Linus am Halsband und zerrt ihn ins Haus.
Jetzt tritt Hans-Peter näher. Ich werde augenblicklich ernst, erhebe mich und blicke meiner tot gewünschten Vergangenheit in die Augen.
»Warum bist du so plötzlich aus Berlin verschwunden?«, fragt er und sieht mich mit dem Dackelblick an, der mich früher immer zum Schmelzen gebracht hat. Er streckt die Hand aus, zieht sie aber ungeschickt wieder zurück. Schließlich habe ich mir meine von Linus ablecken lassen. Da kriegt der hundelose Großstädter Kontakthemmungen. Was mir nur recht ist.
»Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig«, erkläre ich und drehe mich einfach um. Er folgt mir mit dem Säugling auf dem Arm ins Haus und stößt fast mit Gudrun zusammen, die geräuschvoll die Tür zum künftigen Raucherzimmer ins Schloss fallen lässt.
»Beim Googeln habe ich dein Restaurant gefunden«, erklärt er, lässt sich unaufgefordert auf einem Küchenstuhl nieder, das Kind umständlich auf seinem Schoß platzierend.
»Da siehst du’s!«, ruft Gudrun. »Hein hat dir doch gesagt, dass der Internetauftritt was bringt! Wie schön, dass du dadurch einen alten Freund wiedergetroffen hast! Ich bin die Gudrun.«
»Hans-Peter Kellenhusen«, sagt er, Gudruns ausgestreckte Rechte ergreifend, ohne sich zu erheben. Er nickt zu dem Wurm hinunter: »Bin leider nicht so gut im Umgang mit dem Kleinen.«
»Liegt wohl kaum an mangelnder Übung«, quetsche ich hervor. Hörbar schnappe ich nach der Luft, in der er den nächsten Satz kurz hängen lässt: »Meine Kinder sind aus dem Haus.«
Wenn die Kinder aus dem Haus sind … Jahrelang hat er mich damit hingehalten.
Ich fange mich schnell wieder. »Du wolltest doch Kaffee machen«, wende ich mich an Gudrun.
»Bitte keine Umstände«, floskelt er.
»Natürlich nicht«, versetze ich, deute auf das Kind und füge hinzu: »Wenn du schon eine Dame in andere gebracht hast. Meine Nachfolgerin?«
»Meine Tochter«, murmelt er. Wohl um nicht noch schlimmere Missverständnisse aufkommen zu lassen, fügt er eilig hinzu: »Sie ist die Mutter. Das ist mein Enkelkind. Vinzenz.«
»Falls Sie Zucker und Milch holen …«, bemerkt Gudrun und stellt Zuckerdose und Milchkännchen vor ihm hin.
»Danke«, antwortet er und setzt mit unerträglicher Wohlerzogenheit hinzu: »Wenn euch Milch und Zucker ausgegangen sind, übernehme ich gern den Einkauf.«
»Den würdest du hier überholen«, bemerke ich und kläre dann rasch auf:...
| Erscheint lt. Verlag | 19.10.2012 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Eifel-Krimis |
| Eifel-Krimis | Eifel-Krimis |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Betrug • Bücher • Deutschland • Eifel • Gastronomie • Hobbydetektiv • Humor • humorvoller Krimi • Jacques Berndorf • Katja Klein • Krimi • Kriminalistin • Lug • Mord • NRW • Regionalkrimi • Spannung • Unterhaltung • Urlaubslektüre • Verrat |
| ISBN-10 | 3-492-96098-7 / 3492960987 |
| ISBN-13 | 978-3-492-96098-4 / 9783492960984 |
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