Die portugiesische Reise (eBook)
576 Seiten
Hoffmann und Campe (Verlag)
978-3-455-81064-6 (ISBN)
José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Cover
Titelseite
Denen, die mir Türen [...]
Einführung
Von Nordosten nach Nordwesten, Kargheit und Glanz
Flaches Land am Meer
Sanfte, steinige Beira, Geduld
Zwischen Mondego und Sado, überall ein Halt
Das weite, glühend heiße Land des Alentejo
Vom Algarve, von Sonne, trockenem Brot und weichem Brot
Glossar
Über José Saramago
Impressum
Von Nordosten nach Nordwesten,
Kargheit und Glanz
Predigt an die Fische
Der Grenzbeamte kann sich nicht erinnern, so etwas schon einmal erlebt zu haben. Dieses ist der erste Reisende, der mitten auf dem Weg den Wagen anhält, mit dem Motor schon in Portugal, aber dem Tank noch in Spanien, und auf genau dem Zentimeter aus dem Fenster sieht, auf dem die unsichtbare Grenze verläuft. Und nun hört man über den dunklen, tiefen Wassern, zwischen den hohen Felswänden, die das Echo hin und her werfen, die Stimme des Reisenden, der zu den Fischen im Fluss predigt:
»Kommt her, Fische, ihr vom rechten Ufer, die ihr aus dem Rio Douro stammt, und ihr vom linken Ufer aus dem Rio Duero, kommt alle her und sagt mir: Welche Sprache sprecht ihr, wenn ihr die Unterwassergrenzen kreuzt? Und habt auch ihr dort unten Pass und Stempel? Hier stehe ich und blicke von der Talsperre hier oben zu euch herab, und ihr hinauf zu mir, die ihr in diesen sich mischenden Wassern lebt und bald auf der einen, bald auf der anderen Seite seid, eine große Bruderschaft von Fischen, die einander fressen, weil sie hungrig sind, und nicht, weil es der Patriotismus verlangt. Erteilt mir, Fische, eine klare Lektion, auf dass ich sie nicht beim zweiten Schritt, den ich auf dieser meiner Reise nach Portugal tue, vergesse, denn ihr müsst wissen: Von Ort zu Ort will ich darauf achten, was gleich ist und was verschieden, mit der Einschränkung, die nur allzu menschlich und auch euch Fischen nicht fremd ist, dass auch der Reisende Vorlieben und Sympathien hat und nicht der universellen Liebe verpflichtet ist, welche das auch nicht von ihm verlangt. Von euch schließlich, Fische, möchte ich mich verabschieden, bis irgendwann einmal, lebt euer Leben, solange die Fischer nicht vorbeikommen, schwimmt glücklich umher und wünscht mir eine gute Reise, auf Wiedersehen, adieu.«
Ein schönes Wunder für den Anfang. Ein plötzlicher Lufthauch kräuselt die Wasseroberfläche, oder ist es womöglich das Gewimmel der herbeigeeilten Fische, und kaum ist der Reisende verstummt, ist nichts zu sehen als der Fluss und seine steilen Ufer und nichts zu hören als das schläfrige Brummen des Motors. Das ist das Problem mit den Wundern: Sie dauern nicht lange an. Aber der Reisende ist nicht von Beruf aus Wundertäter, sie geschehen ihm versehentlich, deswegen ist er bereits wieder gefasst, als er zum Wagen zurückkehrt. Er weiß, dass er ein Land betritt, das reich an Übernatürlichem ist, und gleich die erste Stadt in Portugal, in die er kommt und deren Name Miranda do Douro lautet, liefert dafür ein prächtiges Beispiel. Er wird gezwungen, hinter seinen eigenen Vorstellungen zurückzustehen und lernbereit zu sein. Für Wunder und für alles andere.
Es ist ein Nachmittag im Oktober. Der Reisende öffnet das Fenster des Zimmers, in dem er die Nacht verbringen wird, und erkennt auf den ersten Blick, dass er großes Glück hat. Das Fenster hätte auf eine Mauer, ein brachliegendes Stück Boden, einen Hinterhof mit hängender Wäsche hinausgehen können, und dann hätte er sich mit der Zweckmäßigkeit, der Dekadenz, dem schnöden Trockenplatz zufriedengeben müssen. Was er aber sieht, ist das steinige spanische Ufer des Rio Douro, von solch hartnäckiger Beschaffenheit, dass selbst das Gestrüpp kaum Wurzeln fasst, und weil das Glück nie allein kommt, steht die Sonne in einem Winkel, dass sich die Felswand in ein riesiges abstraktes Gemälde in verschiedensten Gelbtönen verwandelt und er diesen Ort nicht mehr verlassen will, solange das Licht da ist. In diesem Augenblick weiß der Reisende noch nicht, dass er ein paar Tage später in Bragança sein wird, im Museum des Abtes von Baçal, und auf denselben Fels und vielleicht dieselben Gelbtöne blicken wird, diesmal auf einem Gemälde von Dórdio Gomes. Und sicher wird er den Kopf schütteln und murmeln: »Wie klein die Welt doch ist …«
In Miranda do Douro zum Beispiel kann sich bestimmt niemand verlaufen. Wir gehen die Rua da Costanilha hinunter, mit ihren Häusern aus dem 15. Jahrhundert, und ehe wir es uns versehen, kommen wir durch ein Tor in der Mauer aus der Stadt hinaus und blicken auf die weiten Täler, die sich gen Westen erstrecken, und eine tiefe mittelalterliche Stille umgibt uns. Was ist das für eine Zeit, was sind das für Menschen, fragt man sich. An der einen Seite des Tores steht eine Gruppe von Frauen, die mit leiser Stimme sprechen, alle in Schwarz gekleidet. Keine von ihnen kann man als jung bezeichnen, und kaum eine von ihnen erinnert sich wahrscheinlich daran, es je gewesen zu sein. Der Reisende trägt um die Schulter, wie es sich gehört, den Fotoapparat, aber es ist ihm unangenehm; die Unverfrorenheit vieler Reisender ist ihm noch fremd, und daher gibt es kein Erinnerungsfoto von diesen geheimnisvollen Frauen, die dort seit Anbeginn der Welt stehen und reden. Der Reisende wird melancholisch; wenn eine Reise so beginnt, kann das nichts Gutes verheißen. Er verfällt ins Grübeln, zum Glück nur für kurze Zeit: Ganz in der Nähe, außerhalb der Mauern, brüllt der Motor einer Planierraupe auf, dort wird eine neue Straße gebaut, der Fortschritt vor den Toren des Mittelalters. – Er geht die Rua da Costanilha wieder hinauf, läuft durch stille, menschenleere Straßen, niemand steht an den Fenstern, apropos Fenster, in dem schönen alten Stein aus dem 15. Jahrhundert entdeckt er Anzeichen von vergangenem Groll gegen die Spanier, in Form von kleinen obszönen Schnitzereien. Er muss schmunzeln angesichts dieser befreienden Skatologie, die sich weder vor Kinderaugen noch verärgerten Moralhütern fürchtet. In fünfhundert Jahren hat niemand daran gedacht, diese Unverschämtheit zu entfernen, ein unverhoffter Beweis dafür, dass den Portugiesen der Humor doch nicht ganz fremd ist, auch wenn vielleicht nur in patriotischen Belangen. Von der Brüderlichkeit der Fische im Rio Douro hat man hier nichts gelernt, aber vielleicht gibt es dafür gute Gründe. Denn da eines Tages die himmlischen Mächte im Kampf gegen die Spanier auf Seiten der Portugiesen standen, wäre es doch merkwürdig gewesen, wenn die Menschen auf dieser Seite des Flusses sich darüber hinweggesetzt hätten. Der Fall ist schnell erzählt.
Die Restaurationskriege waren gerade in vollem Gange, es war also Mitte des 17. Jahrhunderts, und Miranda do Douro, am Ufer des Rio Douro, lag sozusagen nur einen Katzensprung von der Inangriffnahme durch den Feind entfernt. Es herrschte Belagerungszustand, der Hunger war groß, die Belagerten gaben alle Hoffnung auf, Miranda schien verloren. Und da taucht unversehens, so erzählt man sich, ein Knabe auf und ruft das müde Volk zu den Waffen, flößt ihm Mut und Kraft ein, wo diese schon verloren schienen, und mit einem Mal erheben sich all die Schwachen und Mutlosen, greifen zu den Waffen, nehmen, was immer sie finden, und folgen dem Kind gegen die Spanier, als gälte es, das frische Korn zu dreschen. Die Belagerer geschlagen, feiert Miranda do Douro seinen Sieg und schreibt ein neues Kapitel der Kriegsannalen. Aber wo ist der Anführer dieser Armee? Wo der edle Kämpfer, der den Kreisel gegen den Stab des Feldmarschalls eintauschte? Er ist weg, keiner kann ihn finden, niemand hat ihn mehr gesehen. Also war es ein Wunder, sagen die Bewohner Mirandas. Es muss das Jesuskind gewesen sein.
Der Reisende stimmt dem zu. Wenn er mit den Fischen sprechen kann und sie ihm zuhören, dann gibt es keinen Grund, den alten Kriegsberichten keinen Glauben zu schenken. Zumal er ja hier zu sehen ist, der Menino Jesus da Cartolinha, zwei Handbreit groß, am Gürtel das silberne Schwert, die rote Schärpe um Schulter und Hüfte, das weiße Tuch um den Hals und die Zylinderkappe oben auf dem runden Knabenkopf. Das ist nicht das Kriegsgewand, nur ein Teil seiner bequemen Alltagsgarderobe, die der Küster der Kathedrale dem Reisenden zeigt. Der Küster weiß um seine Aufgabe als Fremdenführer, und da er feststellt, dass der Reisende ein aufmerksamer Beobachter ist, führt er ihn zu einem Seitengebäude, wo einige Statuen zum Schutze vor Gaunern und Gelegenheitsdieben aufbewahrt werden. Hier erhärtet sich sein Verdacht. Eine kleine Tafel, in Hochrelief geschnitzt, überzeugt den Reisenden endlich, dass er in Sachen Wunder ein Anfänger ist. Da ist der heilige Antonius, der den Kniefall eines Schafes entgegennimmt, das damit seinem ungläubigen Hirten eine vorbildliche Glaubenslektion erteilt, denn dieser hatte sich über den Heiligen lustig gemacht, und auf dem Bild sieht man ihn voller Scham, also darf er vielleicht noch auf Erlösung hoffen. Der Küster erklärt, die Tafel wäre sehr bekannt, aber nur wenige hätten sie wirklich gesehen. Unnötig zu erwähnen, dass der Reisende außer sich vor Stolz ist. Er kommt von so weit her, ohne jede Empfehlung, und nur weil er wie ein ehrlicher Mensch aussieht, vertraut man ihm diese Geheimnisse an.
Die Reise steht noch ganz am Anfang, und gewissenhaft, wie er nun mal ist, überkommen den Reisenden bereits erste Zweifel. Was ist denn das für eine Art zu reisen? Mal eben durch dieses Städtchen Miranda do Douro laufen, die Kathedrale besuchen, den Küster, die Cartolinha und das Schaf, und, kaum ist das erledigt, ein Kreuz auf die Karte machen, sich auf den Weg begeben und wie der Barbier, der das Handtuch ausschüttelt, rufen: »Der Nächste bitte.« Reisen sollte anders, etwas anderes sein, es geht mehr darum, an einem Ort zu sein, als sich fortzubewegen. Vielleicht sollte man auch den Beruf des Reisenden einführen, aber das ist nur etwas für Menschen, die wirklich dazu berufen sind, wer meint, das sei eine Arbeit, die wenig Verantwortung erfordere, irrt gewaltig, jeder Kilometer zählt nicht weniger als ein Jahr im Leben. Während er sich mit diesen Betrachtungen abmüht, schläft der Reisende schließlich ein, und als er morgens...
| Erscheint lt. Verlag | 4.10.2012 |
|---|---|
| Übersetzer | Karin von Schweder-Schreiner, Nicolai von Schweder-Schreiner |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Kultur • Kunst • Kunst und Kultur • Landschaft • Literarische • Literarische Reise • Reise |
| ISBN-10 | 3-455-81064-0 / 3455810640 |
| ISBN-13 | 978-3-455-81064-6 / 9783455810646 |
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