John Sinclair 1786 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-2145-3 (ISBN)
Als man die beiden Toten fand, stand man vor einem Rätsel. Sie sahen nicht gut aus. Sie schienen zerkratzt worden zu sein. Oder besser gesagt, zu Tode gekratzt. Durch Krallen, die zu Pfoten gehörten. Das hatte auch ich geglaubt, aber dann lernte ich die KATZENHÖLLE kennen und alles wurde anders.
War sie tot? War sie vielleicht aus einer großen Höhe gefallen, und hatte nur zufällig die Motorhaube getroffen?
So ganz glaubte ich daran nicht – und hatte recht. Wie hieß es noch so schön? Eine Katze hat sieben Leben, und genau das traf in diesem Fall zu.
Sie war nicht tot, sie lebte. Allerdings bewegte sie sich nicht. Sie hockte vor der Scheibe und starrte mich an. Ich schaute direkt in ihre Augen, die in einem kalten Grün schimmerten. Das Maul war geschlossen, doch jetzt öffnete sie es und gähnte. Dabei zeigte sie mir ihr Gebiss und wollte wohl andeuten, dass ich für sie langweilig war.
Aber woher war sie gekommen?
Diese Frage stellte ich mir. Es gab auch eine Antwort, die mich allerdings nicht befriedigen konnte. Sie war auf meine Motorhaube gefallen, sie war von oben her gekommen, aber bestimmt nicht aus dem Himmel. Ich dachte daher an einen Baum oder an ein Dach.
Es tat sich nichts. Das Tier hatte sein Maul wieder geschlossen und schien sich kurz danach wohl zu fühlen, denn es fing an, sich zu putzen. Die Zunge erschien im Mundspalt und bewegte sich dann in alle möglichen Richtungen.
Was sollte ich machen?
Ich wusste es nicht. Einfach im Wagen sitzen bleiben und warten, bis es der Katze gefiel, die Motorhaube zu verlassen? Oder sollte ich weiterfahren, dann würde sie schon verschwinden. Ich konnte auch aussteigen und mir die Umgebung genauer anschauen, das wäre auch eine Möglichkeit gewesen.
Dass es zu diesem Stopp kommen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich befand mich auf der Fahrt nach Hause. Ich war einer Einladung gefolgt und hatte mit anderen Leuten gemeinsam den Geburtstag eines ehemaligen Kollegen gefeiert. Er war siebzig Jahre alt geworden und hatte noch mal die Kollegen eingeladen, mit denen er zu tun gehabt hatte. Auch ich zählte dazu und war in den kleinen Ort nördlich von London gefahren, um mit ihm zu feiern.
An diesem Sonntag war das schon am späten Vormittag losgegangen und hatte sich bis in den Abend hingezogen. Wer zu viel getrunken hatte, der konnte auch in einem Gasthaus übernachten, aber zu denen gehörte ich nicht. Zwei Gläser Sekt zur Begrüßung, zwei Weinschorlen, ansonsten nur Wasser. Ich war also so weit fit, um am nächsten Tag meinen Dienst im Büro antreten zu können.
Und nun starrte ich auf die Katze auf meiner Motorhaube!
War es ein Zufall oder nicht? Oder sollte ich es als eine Lockung bezeichnen? In meinem Job musste man mit allem rechnen. Die andere Seite schlief nicht, sie war immer darauf erpicht, mir Probleme zu bereiten, auf die ich allerdings gut verzichten konnte.
War die Katze ein Problem?
Zumindest ein recht kleines. Sie würde verschwinden, wenn ich es wollte. Durch ein Geräusch, das sie erschreckte, aber ich konnte auch aussteigen und die Sache selbst in die Hände nehmen.
Das tat ich.
Die rechte Wagentür schwang auf, ich schob mich ins Freie und sah, dass mich das Tier nicht aus den Augen ließ.
Ich schlug die Tür wieder zu.
Es gab dabei nur ein leises Geräusch. Das reichte aus, um die Katze zu erschrecken, denn mit einem Satz sprang sie von der Kühlerhaube, landete auf dem Boden und lief schnell weg.
Ich war neugierig geworden und verfolgte ihren Lauf. Sie blieb auf der Straße, die durch eine recht einsame Gegend führte. Der Himmel war fast dunkel geworden. In der Ferne – im Süden – sah ich die schwache Lichtglocke der Millionenstadt London, die im Olympia-Fieber steckte, ansonsten gab es in der Gegend nicht viel, was bewohnt werden konnte.
Ein paar Höfe, mal eine Ansiedlung, das war alles. Neubaugebiete gab es hier nicht.
Warum ich mich in Bewegung setzte, wusste ich auch nicht so recht.
Die Katze lief vor, und ich nahm die Verfolgung auf. Ich schlenderte ihr nach. Komischerweise schien sie das zu bemerken. Sie drehte öfter den Kopf, um zu schauen, ob ich ihr noch folgte, dann stolzierte sie weiter.
Gab es ein Ziel?
Ja, das war der Fall. Wenn ich nach rechts blickte und dabei über ein Feld hinweg, dann sah ich am Ende des Feldes Lichter. Wenig später schälten sich die Umrisse zweier Gebäude hervor, und ich sah auch Bäume, die vor den Häusern wuchsen.
Das konnte ein Hof sein und auch die Heimat der Katze, die noch immer weiterlief. Ob sie dorthin wollte, wo das Licht brannte, wusste ich nicht, aber ich sah, dass sich etwas veränderte oder schon verändert hatte.
Auf dem dunklen Boden huschte etwas hin und her. Es sah aus wie Schatten, die sich bisher versteckt gehalten hatten und nun plötzlich zeigten.
Ich blieb stehen, weil ich ein wenig irritiert war. Mit den Schatten hatte ich so meine Probleme, aber Sekunden später konnte ich vergessen, dass es sich um Schatten handelte, denn die hinterließen keine Geräusche. Was ich hier sah, das war auch zu hören. Ein leises Kratzen, ein Schnaufen, zu dem sich ein fast klägliches Miauen hinzugesellte, jedenfalls war ich der Meinung.
Keine Schatten, sondern Katzen!
Über meine Lippen huschte ein Lächeln. Vor Schatten musste ich mich nicht fürchten und vor Katzen schon gar nicht. Im Regelfall zumindest.
Sie kamen.
Und es wurden immer mehr. Sie hatten ihre Löcher oder Verstecke verlassen, tobten sich aus und kamen mir auch immer näher.
Sekunden später hatten sie mich erreicht, und ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte. Da waren mindestens ein halbes Dutzend Tiere, die um meine Beine strichen und sich ab und zu dagegen pressten. Ich hörte sie miauen, auch schnurren, und wenn ich nach unten schaute, dann blickte ich in Augenpaare, die immer verschieden aussahen, aber nie einen warmen Ausdruck hatten, wohl einen interessierten.
Was wollten die Katzen von mir?
Das war die große Frage, die ich mir stellte. Wollten sie mich begrüßen und mich auffordern, mitzugehen, oder hatten sie etwas anderes mit mir vor?
Ich wusste es nicht. Sie gaben mir auch keine Antwort, aber dafür hörte ich etwas.
Es war ein Pfiff, der plötzlich an meine Ohren gellte, recht schrill, und er wurde auch von den Tieren gehört, die genau das taten, was derjenige wollte, der den Pfiff abgegeben hatte.
Die Katzen huschten davon, nicht in verschiedene Richtungen, sondern nur in eine, die halb rechts von mir lag. Dort befand sich ihr Ziel, und das hatte ich bisher nicht gesehen. Jetzt konnte ich es nicht mehr übersehen, denn es war näher an mich herangekommen, und ich sah, dass es sich um einen Mann handelte.
Er schlenderte näher, während ich mich nicht bewegte. Der Mann machte den Eindruck eines Menschen, den nichts erschüttern konnte. Und ich sah noch mehr, denn er hielt etwas fest. Oder es lag auf seinen Armen. Ich erkannte in ihm ein dunkles Paket, das sich erst beim Näherkommen als etwas Bestimmtes herausstellte.
Es war eine Katze. Und es konnte genau das Tier sein, das auch auf meiner Kühlerhaube gesessen hatte, wenn ich in diese grünen Augen schaute.
Wäre es hell gewesen, dann hätte ich den Mann schon längst besser gesehen. So aber blieb es bei den Äußerlichkeiten. Er war recht groß, auf seinem Kopf wuchs dunkles Haar, dadurch wirkte sein Gesicht heller, mehr machte ich bei ihm auch nicht aus.
Er kam nicht näher. Wahrscheinlich stand er auch nicht auf einem Weg, sondern auf dem Feld. Letztendlich spielte das keine Rolle, denn ich war nur gespannt, was er von mir wollte.
»Hallo«, sagte ich.
Er nickte und gab dann eine Antwort. »Sie haben die Tiere erschreckt, Mister.«
»Kann sein.«
»Das kann nicht nur sein, das ist so!«, fuhr er mir in die Parade.
»Lassen Sie mich erst mal ausreden. Wenn ich sie erschreckt habe, dann wird umgekehrt auch ein Schuh daraus.«
»Wieso das?«
Ich musste lachen. »Sie war auf einmal da. Ganz ohne Vorwarnung. Mir kam es vor, als wäre sie vom Himmel gefallen, als sie auf meiner Kühlerhaube landete.«
»Kann sein, aber Sie waren ihr im Weg. Das hier ist ihr Revier.« Mit einer Hand vollführte er einen Schwenk. »Hier haben sie ihren wunderbaren Lebensraum.«
»Wie nett für sie. Aber ich konnte es nicht wissen. Nur hab ich keine Katze überfahren, das ist auch etwas.«
»Es wäre Ihnen auch schlecht bekommen.«
»Ja, das akzeptiere ich.« Ich war neugierig geworden. »Und was ist mit Ihnen? Sind Sie der Hüter der Katzen? Sind Sie ihr Chef? Sind Sie ihr Gott?«
»Sie leben bei mir.«
»Aha, und wo?«
»Nicht weit von hier auf meinem Hof. Ich kümmere mich um sie. Ich gebe ihnen eine wunderbare Heimat. Wen ich liebe, den lieben sie auch. Und wen ich nicht mag oder hasse, den hassen sie auch, was dann für den Gehassten schlimm wird.«
»Sehr schön«, sagte ich und nickte, »ich freue mich immer, wenn ich einem Tierfreund begegne.«
»Haben Sie auch Tiere?«
»Nein. Sie in einer kleinen Wohnung innerhalb eines Hochhauses zu halten, das wäre nicht gut.«
»Stimmt, es wäre eine Quälerei.«
»Ja, so ähnlich.«
Der Mann nickte mir zu. »Dann fahren Sie weiter und geben Sie dabei acht, dass Sie keine Katze überfahren.«
»Keine Sorge, ich werde mir Mühe geben, Mister …« Das Ende ließ ich offen, weil ich damit rechnete, dass er mir seinen Namen nennen würde.
Das tat er nicht. Er drehte mir den Rücken zu und ging davon. Dabei stapfte er quer über das Feld. Die Katze behielt er weiterhin auf dem Arm, und wer ihn mit Blicken verfolgte, so wie ich, der sah, dass er sehr schnell von der grauen Dunkelheit verschluckt wurde, was mir schon etwas seltsam vorkam, denn es...
| Erscheint lt. Verlag | 2.10.2012 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-2145-4 / 3838721454 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-2145-3 / 9783838721453 |
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