John Sinclair 1781 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-2061-6 (ISBN)
Sie hieß Elisa, war noch sehr jung und besaß die Gabe einer Seherin. Die wollte sie auch an Glenda Perkins ausprobieren, als beide zufällig zusammentrafen.
Dass es kein Zufall war, erfuhr Glenda erst später. Da waren ihr die Augen geöffnet worden und ihr blieb nichts anderes übrig, als mich zu alarmieren -
Glenda Perkins hatte das Büro pünktlich verlassen. Sie arbeitete gern bei Scotland Yard, in diesem Fall aber war sie froh, die Sommerluft genießen zu können. Ein paar Stationen war sie noch mit der U-Bahn gefahren, auch kein großes Vergnügen bei dieser Wärme, aber es ging nicht anders.
Sie würde ihre Wohnung erst mal links liegen lassen und sofort den kleinen Park ansteuern, der so etwas wie das Zentrum einer grünen Lunge bildete. In ihm fand der Flohmarkt statt. Die Bäume und Sträucher dämpften die Verkehrsgeräusche, sodass man sich vorkam wie auf einer kleinen Insel.
Glenda konnte den Park von zwei Seiten aus betreten. Sie war nicht die einzige Person, denn schon auf dem ersten Blick war zu sehen, dass dieses Gelände von zahlreichen Besuchern bevölkert wurde. Dennoch gab es an den Ständen noch genügend Lücken, um sich die ausgestellten Waren näher anschauen zu können.
Das tat auch Glenda. Die Frau mit den dunklen Haaren und dem gelben Sommerkleid blieb an verschiedenen Ständen stehen. Das meiste interessierte sie nicht, aber sie schaute schon genauer hin, wenn Menschen Porzellan verkauften. Glenda mochte die oft kleinen und filigranen Tassen aus der Vergangenheit. Denen sah man an, dass sie reine Handarbeit waren.
Sie überlegte, ob sie die eine oder andere Tasse kaufen sollte, konnte sich dann doch nicht entscheiden und schlenderte weiter. Sie genoss einfach nur den Abend und freute sich, weil sie endlich mal Zeit hatte. Da gab es niemanden, der sie hetzte oder ihr im Nacken saß. Kein Termin, einfach nur bummeln und sich die Dinge ansehen, die angeboten wurden.
Da gab es die alten Bücher, die Klamotten, die Bestecke, der Krimskrams aus den Haushalten, und sie sah auch die Kleinmöbel, die angeboten wurden.
An diesen Ständen schlenderte Glenda vorbei. Sie wollte dorthin, wo sie unter Umständen die echten Schnäppchen fand und die Anbieter noch keine abgezockten Profis waren, die ihren Lebensunterhalt durch die Verkäufe auf dem Markt verdienten.
Sie fand die Stände mit den bestimmten Angeboten, und sie sah auch wieder das hier angebotene Porzellan.
Glenda Perkins blieb stehen. Plötzlich lächelte sie. Dabei weiteten sich ihre Augen und sie senkte den Kopf, denn sie hatte etwas zwischen dem dort ausgestellten Porzellan entdeckt, das sie sehr interessierte. Tassen, kleine und große Teller, auch Milchkännchen und Zuckerdosen, das alles überflog sie mit einem einzigen Blick – und zuckte zusammen, als sie etwas Bestimmtes sah, das ihr Herz für einige Sekunden schneller schlagen ließ.
Es war eine Vase.
Nicht mehr und nicht weniger. Aber eine recht kleine Vase. Man konnte schon von einem filigranen Werk sprechen, das eine ältere Frau zum Verkauf anbot.
Glenda beugte sich über den Tisch und deutete auf die Vase.
»Darf ich sie mal in die Hand nehmen?«
»Aber bitte sehr.«
»Danke.« Glenda fasste die Vase an ihrem Ende an und hob sie langsam an.
»Sie stammt aus einer deutschen Produktion«, erklärte die Verkäuferin.
»Meißen?«, fragte Glenda.
»He, Sie kennen sich aus.«
Glenda winkte ab. »Kaum. Ich liebe nur schöne Dinge, das ist alles.«
»Dann sind Sie bei mir an der richtigen Adresse.«
»Mal schauen.«
»Nehmen Sie sich Zeit«, sagte die Verkäuferin, »für die schönen Dinge muss man sich Zeit nehmen.«
»Das weiß ich.« Glenda betrachtete die kleine Vase genauer. Sie war ein Kleinod aus sehr dünnem Porzellan und wunderbar bemalt. Mit kleinen Blumen, die meisten in grüner Farbe, die nicht grell war, sondern sehr weich.
Glenda lächelte. Das animierte die Verkäuferin zu einem ersten Verkaufsversuch.
»Ich könnte sie Ihnen für einhundertzwanzig Pfund überlassen. Das ist wirklich nicht zu viel.«
Glenda ließ die Hand mit der Vase sinken. Ihre Augen weiteten sich, und sie runzelte die Stirn.
»Das ist wirklich nicht überteuert.«
Glenda nickte. »Mag sein, liebe Frau, aber auch ich habe ein Budget, wenn Sie verstehen.«
»Ja, ja, ich weiß. Das Geld sitzt nicht eben locker.«
»Genau.« Glenda lächelte entwaffnend. »Würden Sie den Preis denn etwas senken?«
Die Verkäuferin war eine Frau mit aschgrauen Haaren, die von einem gelben Stirnband gehalten wurden. Sie druckste herum. »Ich muss nachdenken. Die Vase ist wirklich ein Schmuckstück, und wenn sie sich den Boden anschauen, dann sehen Sie die beiden gekreuzten Säbel, das Zeichen für Meißen.«
»Ja, das habe ich schon.«
»Also gut. Fünf Pfund weniger.«
Glenda schwieg. Sie kannte das Spiel. Jetzt kam es auf Verhandlungsgeschick an. Sie tat etwas uninteressiert, schaute sich in der Gegend um und sah nicht weit entfernt eine junge Frau auf einer Bank sitzen. Neben ihr lag das, was sie verkaufen wollte, aber Glenda sah nicht, was es war.
Sie schüttelte den Kopf und stellte die kleine Vase wieder an ihren Platz zurück.
»Ich werde es mir noch mal überlegen.«
Die Verkäuferin nickte. »Tun Sie das. Aber nicht zu lange, sonst ist dieses Teil weg.«
»Ich weiß. Danke …«
Glenda ging weiter. Sie wollte tatsächlich darüber nachdenken, ob sie die Vase kaufen sollte oder nicht, aber der Abend war ja noch nicht beendet.
Sie ging weiter, und ohne dass sie es sich direkt vorgenommen hatte, näherte sich Glenda der Bank, auf der die junge Frau ihren Platz gefunden hatte. Sie saß da nicht einfach nur, um sich auszuruhen, sie wollte etwas verkaufen. Und das waren Kartenspiele.
Die meisten Besucher mieden die Person mit den rötlich-blonden Haaren. Nicht so Glenda Perkins. Sie ging auf sie zu, weil sie sich irgendwie von ihr angezogen fühlte.
Die junge Frau schaute auf. Ja, sie war noch jung. Ungefähr sechzehn Jahre, also beinahe noch ein Kind.
»Hi«, sagte sie.
Glenda nickte. »Du verkaufst Kartenspiele?«
»Ja.«
»Und?«
»Schau dir doch mal eines an.«
»Gern.« Glenda nahm das Spiel aus der Hand der Verkäuferin entgegen. Es waren normale Karten, vielleicht etwas glänzender als die Karten, die man sonst kannte.
Glenda drehte sie um, weil sie sich die Motive anschauen wollte. Mit normalen Karten hatte sie nicht gerechnet, das war schon klar. Die hätte man hier kaum loswerden können, was sie aber sah, überraschte sie schon.
Die Motive auf den Karten sahen so anders aus. Sie waren irgendwie immer gleich und trotzdem anders. Personen waren auf den Vorderseiten abgebildet. Manche waren männlich, andere wiederum Frauen.
Eines hatten sie gemeinsam. Egal, ob sie weiblich oder männlich waren. Sie waren allesamt nackt.
Glenda war nicht prüde. Sie musste in diesem Fall schon schlucken, denn damit hatte sie nicht gerechnet. Sie schüttelte den Kopf, aber wenn sie ehrlich gegen sich selbst war, dann konnte sie noch so intensiv auf die Karten schauen, sie fand nichts, was anstößig gewesen wäre.
Es waren in der Regel schöne Menschen, vor allen Dingen junge, so jung eben wie diejenige Person, die die Kartenspiele an den Mann oder die Frau bringen wollte.
»Gefallen sie dir?«
»Ja, nicht schlecht.«
»Du kannst ein Spiel kaufen.«
»Das weiß ich.«
»Du würdest es nicht bereuen, ganz bestimmt nicht.« Die junge Frau hatte den Satz mit großem Ernst gesprochen, aber Glenda wollte noch etwas anderes wissen.
»Warum sind die Personen alle nackt?«
»Rate mal.«
»Bitte, dann hätte ich nicht zu fragen brauchen. Warum also sind sie nackt?«
»Weil sie etwas Besonderes sind.«
»Wieso?«
»Schau genau hin.«
Das tat Glenda. Okay, sie alle sahen gut aus. Aber das war nicht die Lösung. Es musste etwas anderes dahinterstecken. Glenda selbst kam nicht darauf, und so wandte sie sich wieder an die blutjunge Verkäuferin.
»Wer sind diese Menschen denn? Sind sie deine Fantasiefiguren? Hast du sie erschaffen?«
»Nein. Oder bin ich der liebe Gott?«
»Das nicht.«
Die junge Verkäuferin lächelte. Sie schien noch nach einer Antwort zu suchen, weil sie die Stirn in Falten gelegt hatte, aber gleich darauf gab sie die Antwort, und die haute Glenda Perkins fast aus den weißen Sneakers.
»Die Frauen und Männer, die du siehst, sind alle Engel …«
***
Jetzt war es heraus, und Glenda sagte erst mal nichts. Sie stand auf der Stelle, hielt den Mund geschlossen und atmete nur durch die Nase. Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet, aber sie wusste auch nicht, ob sie positiv oder negativ überrascht sein sollte. Sie konnte nur den Kopf schütteln.
»Glaubst du mir nicht?«
Glenda musste lachen. »Ich weiß nicht, ob ich dir glauben soll oder nicht, etwas seltsam ist es schon. Ein Kartenspiel nur mit Engelbildern? Das habe ich noch nie gesehen, davon habe ich auch noch nie gehört.«
»Das glaube ich. Es ist auch einmalig.«
»Ja.« Glenda legte das Spiel wieder auf die Bank. »Und wer kauft so etwas?«
»Ich denke, Menschen, die den Durchblick haben wollen.«
»Wieso?«
»Nun ja, die Engel können einem schon die Augen öffnen. Wen sie mögen, den verwöhnen die Engel. Dann haben sie einen tollen Schutz.«
»Und das weißt du?«
»Ich kann es beschwören.«
Glenda hätte sich jetzt wieder auf den Weg machen können, was sie jedoch nicht tat. Sie ging jetzt noch einen Schritt weiter und fragte: »Können diese Engel auch mich verwöhnen?«
»Bestimmt können sie das. Da bin ich...
| Erscheint lt. Verlag | 28.8.2012 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-2061-X / 383872061X |
| ISBN-13 | 978-3-8387-2061-6 / 9783838720616 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich