John Sinclair 1780 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-2060-9 (ISBN)
Kommen Sie ins Hexenhaus. Kommen Sie zu Maggy Cole, denn dort erleben Sie den Blick in die Hölle.
Auch Bill Conolly und ich hatten die Frau besucht, um einen Blick in die Hölle zu werfen. Der wurde mir auch gestattet. Nur passte ich nicht auf und fand mich plötzlich mitten im Reich des Teufels wieder...
Normal wäre sie nicht verstanden worden. Sie hatte ihre Stimme durch ein altes Megafon verstärkt und erreichte so einige Menschen auf dem Rummel.
Die Hexe stand nicht im Zentrum. Die guten Geschäfte liefen woanders ab. Dort wo die Hightech-Geschäfte ihren Platz hatten. Da stauten sich die Massen. Zur Hexe kam nur hin und wieder jemand.
Sie ließ das Megafon sinken. Auch jetzt sah es nicht danach aus, als würde jemand kommen, um den berühmten Blick in die Hölle zu werfen.
Dabei lohnte es sich. Jeder, der es getan hatte, war beeindruckt gewesen und würde es nicht so schnell vergessen. Die meisten Besucher sprachen nicht darüber, was sie gesehen hatten. Zumindest nicht sofort, sie mussten ihre Eindrücke erst sacken lassen.
Die Hexe griff in die linke Tasche ihres alten Mantels. Dort steckte das flache Etui mit den Zigaretten. Sie klaubte ein Stäbchen hervor und steckte es sich zwischen die Lippen. Mit einem alten Sturmfeuerzeug brachte sie den Tabak zum Glühen.
So blieb sie vor dem Haus stehen und rauchte. Sie wollte nach dem Rauchen einen zweiten Versuch unternehmen und die Leute anlocken. Wenn das nichts half, würde sie die Bude schließen und auf den nächsten Tag hoffen. Da sollte das Wetter besser – sonniger – werden.
Sie saugte den Rauch ein, hustete ein paar Mal und grüßte einen Kollegen, der auf dem Weg zu seinem Wohnmobil war. Ein paar Zuschauer kamen vorbei, aber sie blieben auch nur Zuschauer, denn niemand interessierte sich für ihre Attraktion.
In Augenblicken wie diesen dachte sie darüber nach, in Rente zu gehen, obwohl das auch nichts brachte, denn sie würde zu wenig bekommen. Nein, dann schon lieber durchmachen und den Frust ertragen.
Sie trat die Glut aus, überlegte, ob sie noch mal Werbung für die Hölle machen sollte, als sie die Stimmen mehrerer Menschen hörte, die auf sie zukamen.
Es waren jüngere Leute. Sie hörte das Lachen der Männer und auch Frauen. Eine Gruppe, die sicherlich schon einen Bummel hinter sich hatte und den Rummel nun verlassen wollte.
Es war noch nicht dunkel. Im Juni waren die Tage sehr lang, und da dauerte es schon, bis die Nacht den Tag besiegt hatte. Nur spielte das Wetter nicht so mit, wie man es sich vorgestellt hatte. Aber alles konnte sich noch ändern.
Die Gruppe näherte sich.
Bei einer Schießbude blieben einige stehen, um dort ihr Glück zu versuchen. Die anderen gingen weiter. Sie schlenderten, sie schauten nach links oder nach rechts, gaben hin und wieder Kommentare ab und lachten viel.
Dann sahen sie das Hexenhaus. Die Besitzerin wusste, was wahrscheinlich passieren würde. Sie würden sich über sie und das Haus schief lachen. Das hatte sie schon oft erlebt und hätte sich gewundert, wenn es anders gewesen wäre.
Tatsächlich blieben sie stehen. Sie waren zu viert, zwei junge Männer, zwei junge Frauen. Da sie wohl auf die anderen aus der Gruppe warteten, sah die Hexe ihre Chance gekommen.
Sie wusste plötzlich, dass sie Erfolg haben würde, und sprach einen der jungen Männer an …
***
Es war nicht Johnny Conollys Idee gewesen, einen Gang über den Rummel zu machen. Eine der Studentinnen war darauf gekommen und hatte einige Kommilitonen überredet.
Darunter auch Johnny Conolly. Und er hatte es nicht bereut. Der Rummel war zwar kein riesiger Jahrmarkt, aber man konnte sich schon amüsieren, und auch die Fahrgeschäfte gehörten zum Modernsten, was man sich vorstellen konnte.
Sie hatten so einiges mitgenommen. Schlecht war ihnen nicht geworden, obwohl sie auch was getrunken und gegessen hatten, aber das gehörte einfach dazu.
Sie wollten ihren Gang ausklingen lassen und gerieten in den Bereich der anderen Geschäfte. Hier gab es nicht die großen Sensationen, hier ging es noch privater zu. Losbuden, Schießstände, Wagen, an denen Süßigkeiten verkauft wurden, das alles kam zusammen, und auch das Hexenhaus.
Sie sahen es zugleich.
»He, das ist doch was! Schaut mal, was da steht!« Ein blondes Wesen in bunter Partykleidung blieb stehen und riss die anderen drei zu sich heran.
»Der Blick in die Hölle.«
»Super, wie?«
»Wer will schon in die Hölle schauen?«
»Und was kann man da sehen?«
Jetzt mischte sich die Hexe ein. »Ich sage nichts dazu, muss euch aber warnen, denn der Blick in die Hölle ist nicht für jedermann geeignet. Man braucht schon einen besonderen Mut dazu, um in das Verderben zu schauen. Wer es tut, okay, aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.«
Die beiden Frauen kicherten. Sie schauten ihre männlichen Begleiter dabei an.
»He, was ist mit euch? Wer wagt es?«
Keine Antwort.
»Was ist mit dir, Johnny?« Die Blonde tippte ihn an. »Du hast doch einen Draht zur Hölle.«
»Wer sagt das denn?«
»Es spricht sich eben rum.«
Johnny Conolly lachte. »Das glaube ich nicht. Außerdem habe ich keinen Bock, mir den Teufel anzusehen.«
»Du kennst ihn schon, wie?«, fragte das andere weibliche Wesen und kicherte.
Auch jetzt sprach die Hexe wieder. »Besonders mutig seid ihr nicht. Wollt ihr euch vor euren Bräuten blamieren? Mann, als ich jung war, hätte es so eine Ziererei nicht gegeben.«
»Stimmt, ich mache mit!«
Das war nicht Johnny, der gesprochen hatte, sondern Harold Butler, einer aus der Clique. Er studierte in London, stammte aber aus Newcastle. Er gehörte zu denen, die bei allem dabei sein mussten.
»Echt?«
»Ja, ihr Hippen!« Butler grinste die beiden Girls an und deutete eine Verbeugung an. »Später werde ich euch beschreiben, wie der Teufel ausgesehen hat.« Er wandte sich an die Hexe, die wieder breit grinste. »Ich kriege doch den Teufel zu sehen – oder?«
»Wer weiß, was sich die Hölle wieder ausgedacht hat«, sagte sie. »Es ist immer anders. Ich habe keinen Einfluss darauf, denn die Hölle lässt sich nicht manipulieren. Schon gar nicht von uns Menschen, da ist sie sehr eigen.«
Harold Butler schlug gegen seine Handfläche. »Dann werde ich mal losgehen. Was muss ich zahlen?«
Die Hexe nannte den Preis.
»Gut.« Der junge Mann holte das Geld aus der Hosentasche und legte es in die Hand der Hexe.
Dann schaute er auf das Haus. Er lachte und klatschte in die Hände. Noch einmal drehte er sich um und fragte: »Soll ich dem Teufel was von euch bestellen?«
»Nein, nicht mal einen schönen Gruß!«, riefen die Girls.
»Und von dir, Johnny?«
»Vergiss es.«
»Gut, dann werde ich mal.«
Er ging auf die Tür zu, und die Hexe beeilte sich, sie ihm zu öffnen. Dabei war ein Knarren nicht zu überhören. Wer in dieses Haus eintrat, der wurde schon richtig empfangen.
Hinter Butler schlug die Tür wieder zu. So heftig, dass das Haus anfing zu zittern.
Die Hexe verstand ihren Job. Sie sprach die anderen an und sagte dabei mit halblauter Stimme: »Wünschen wir ihm, dass alles gut geht …«
***
Johnny Conolly hatte den letzten Satz genau verstanden und hätte eigentlich darüber gelacht. Er tat es nicht, denn irgendwie fühlte er sich an diesem Tag nicht in der Lage dazu. Er hatte bisher seinen Spaß gehabt, das stand außer Zweifel, aber warum er in diesem Fall so sensibel reagierte, das wusste er nicht. Da gab er einfach seinem Gefühl nach. Er richtete seinen Blick auf die Hexe, die seitlich zum Eingang des Hexenhauses stand, nichts tat und auf die Tür schaute. Aus dem Haus war nichts zu hören.
Johnny wartete. Er wusste, dass es nicht zu lange dauern konnte, aber er wollte doch eine Zeit erfahren und wandte sich an die Hexe.
»Wie lange wird er denn bleiben?«
»Ach, junger Mann, das kann ich Ihnen nicht sagen. Es gibt Menschen, die bleiben länger. Andere wiederum kommen sehr schnell zurück. Da ist dann nicht mal eine Minute vergangen, und sie sind blass wie Leichen, weil sie etwas gesehen haben, das sie …«
»Und was haben sie dann gesehen?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen, junger Mann. Die Hölle ist sehr kreativ und hat zahlreiche Möglichkeiten parat, die sie ausspielen kann.«
»Dafür haben Sie ja gesorgt. Die Tricks sind …«
Jetzt wurde Johnny unterbrochen. »Glauben Sie denn, dass es nur Tricks sind?«
»Klar. Was sonst?«
Die Hexe holte schnaufend Luft. Dann schaute sie Johnny mit einem Blick an, der ihm nicht gefiel und ihm sogar mehr als unangenehm war. Er wusste nicht, wie er den Blick deuten sollte. Positiv jedenfalls nicht.
»Was ist denn?«
»Nichts, aber Sie sollten nicht so respektlos reden, junger Mann, denn es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir uns nicht vorstellen können, die aber trotzdem vorhanden sind. Das sollte auch Ihnen bewusst sein.«
»Das weiß ich.«
»Dann akzeptieren Sie es auch.«
»Das tue ich ebenfalls.«
»Hat sich aber nicht so angehört.« Sie winkte ab. »Ja, ja, die Jugend, sie ist arrogant, wobei ich Sie nicht als einen Jugendlichen ansehe. Aus dem Alter sind Sie heraus. Aber etwas Respekt sollten Sie schon haben.«
»Keine Sorge, den habe ich.«
»Dann ist es gut.«
Johnny sagte nichts mehr. Er dachte über die Worte der Hexe nach. Die Frau hatte sich gut verkleidet. Sie ging ohne Weiteres als eine Hexe durch. Um den Kopf trug sie ein Tuch, das Gesicht war geschminkt, die Kleidung sah alt aus und war auch zerrissen, und die Schuhe zeigten Löcher.
Johnny wusste nicht, was er von ihr halten sollte. Auf dem Jahrmarkt war vieles aufgesetzt, Show, Fassade,...
| Erscheint lt. Verlag | 21.8.2012 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-2060-1 / 3838720601 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-2060-9 / 9783838720609 |
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