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Pola (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2012 | 1. Auflage
304 Seiten
Berlin Verlag
978-3-8270-7594-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Pola -  Daniela Dröscher
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Eine fabelhafte Lügnerin, eine Frau, die alles hatte: Männer, Juwelen, Häuser, Ruhm - und für Letzteres bereit war, alles andere zu opfern. Es ist die Geschichte von Pola Negri, einem der ersten Stars des jungen Kinos, deren Leben aus mehr Trug und Schein bestand, als dass eine klassische Biografie darin die Wahrheit finden könnte. Pola fährt kurz vor Weihnachten 1934 in einem Viehwagen Richtung New York. Dort wartet das Schiff, das sie zurück nach Deutschland bringen wird. Sie hofft auf ihr Comeback, doch ihre meisterhaft erschwindelte Lebensgeschichte beginnt sich unter den neuen Machthabern zu rächen und bald wird sie von dem Gerücht erdrückt, wer sich nachts einsam ihre Filme anschaut ... Der Aufbruch in die Moderne ist auch eine weibliche Geschichte, strahlende Stars wie Pola werden zu Idolen, verehrt wie einst Madonnenbilder, und ihre Freizügigkeit setzte die überkommene Ordnung außer Kraft. Dass Pola Negri am Ende selbst nicht mehr wusste, was Wahrheit, was Lüge, was Gerücht war, nutzt Daniela Dröscher mit viel Witz, Fantasie und Eigensinn. Pola ist mehr als der Roman über eine der schillerndsten Figuren des Stummfilms, über die Geliebte Charlie Chaplins und Rudolph Valentinos, es ist die Geschichte einer modernen Frau, die für ihre Karriere zu weit ging und an ihrem Glück immer zielsicher vorbei.

Daniela Dröscher, geboren 1977 in München, wurde für ihr Schreiben mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Anna-Seghers-Preis, dem Bayer 2-Wortspiele-Preis und zuletzt mit dem Koblenzer Literaturpreis 2012. Im Berlin Verlag erschienen bisher die Romane »Die Lichter des Georg Psalmanazar« (2009) und »Pola« (2012) sowie der Erzählband »Gloria«. (2010). Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Daniela Dröscher, geboren 1977 in München, wurde für ihr Schreiben mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Anna-Seghers-Preis, dem Bayer 2-Wortspiele-Preis und zuletzt mit dem Koblenzer Literaturpreis 2012. Im Berlin Verlag erschienen bisher die Romane "Die Lichter des Georg Psalmanazar" (2009) und "Pola" (2012) sowie der Erzählband "Gloria". (2010). Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

1

ES WAR DER TAG, an dem Pola Negris Karriere zu Ende ging. Langsam rollte der Cadillac den Sunset Boulevard hinab. Neben Pola saß ein Mädchen. Ihr Lidschatten und Make-up waren zu Rinnsalen zerflossen, die Kleine hatte ununterbrochen geweint. Nun, kurz vor der Ecke Crescent Heights, waren die Tränen versiegt, das Mädchen schlief.

Dichter Nebel hing über der dunklen Fahrbahn, und erst als Pola auf die Einfahrt zusteuerte, merkte sie, dass vor dem Anwesen die cremeweiße Limousine von Mercedes de Acosta quer über den Gehweg ragte. Die Drehbuchschreiberin war bekannt für drei Dinge: für die Rollen, die sie der Garbo auf den Leib schrieb, ihre feurige Liebe zu Frauen und für die Angewohnheit, ihren Wagen einfach dort abzustellen, wo es ihr gerade gefiel.

Das abrupte Abbremsen riss das Mädchen aus dem Schlaf, Pola selbst war überrascht von der Heftigkeit, mit der ihr Wagen reagierte. Mit aufgerissenen Augen schaute die Kleine geradeaus. Pola klemmte sich eilig die Tasche unter den Arm. Beim Aussteigen stieß sie sich heftig die Stirn am Türrahmen. Fluchend stöckelte sie in die Nacht hinaus. Das zitternde Bündel an ihrem Arm tat ihr leid. Pola hatte das aufgelöste Geschöpf in einem Diner aufgegabelt. Sie hatte nach dem Gespräch mit ihrem Agenten nur kurz Halt machen wollen, um sich mit einem Banana Flip zu stärken, als plötzlich ein Mädchen auf sie zugestürzt war.

Nancy Robbins war ein stupsnasiges, sommersprossiges und außerordentlich frühreifes Kind von etwa zwölf Jahren, das in den Schulferien aus New York angereist kam, um seine Patentante, die Schauspielerlegende Alla Nazimova, zu besuchen. Die Nazimova wiederum war eng mit Mercedes de Acosta befreundet, und es kam vor, dass die beiden bei ihren Touren durch die Stadt die kleine Nancy einfach irgendwo vergaßen. Nancy tat so, als ob es sie nicht weiter kümmerte. So kess sie sich nach außen gebärdete, so zartbesaitet war sie, wenn sie nur lange genug verloren über einem Eisbecher gesessen und Rotz und Wasser in ihre Streusel geheult hatte.

An der Limousine vorbei zwängte Pola sich durch ein Tor, das auf das weitläufige Anwesen mit dem Haupthaus und etwa fünfundzwanzig kleineren Bungalows führte. Über dem Eingang prangte ein großes Holzschild »Garden of Allah«. Ein Dienstmädchen ließ sie ein. In der Mitte des kreisrunden Salons döste, ganz ohne Leine oder Käfig, ein Leopard. Als das Tier die Besucher bemerkte, schickte es ein leises Knurren zu ihnen herüber, starrte dann aber weiter trübselig vor sich hin. Mit den Schauspielerinnen der Stadt teilte die Großkatze das Schicksal, dass man sie gleich nach ihrer Ankunft in Hollywood zum Zahnarzt verfrachtet hatte: So, wie man angehenden Filmdiven sämtliche Backen- und Weisheitszähne zog, damit ihre Gesichter schmal und hohlwangig wirkten, waren dem Raubtier sämtliche Krallen und Reißzähne entfernt worden.

»Nancy, endlich«, rief Alla. Sie erhob sich aus dem malachitgrünen Fauteuil und umschlang das Kind mit dramatischer Geste.

»Sie war kurz davor, per Anhalter nach Hause zu fahren.« Wie immer, wenn Pola in Aufregung geriet, feuerte ihr polnischer Akzent dabei scharf gegen das Amerikanische. In Kombination mit ihrer dunklen, verrauchten Stimme klang sie wie ein empfindsamer Mafioso. »Ihr könnt das Kind doch nicht einfach in der Nacht zurücklassen.«

Seelenruhig kam Mercedes de Acosta auf sie zugeschlendert.

»Nancy ist dreizehn«, sagte sie. »Die halbe Stunde Fußweg hat noch niemandem geschadet.«

»Warte, ich hole dir einen Eisbeutel«, sagte Alla mit Blick auf Polas Stirn. Die Kleine zog sie mit sich, um ihr einen Klaps auf den Po zu geben. »Geh und wasch dir die Farbe aus dem Gesicht.«

Im Weggehen streckte Nancy Pola die Hand entgegen.

»Danke fürs Mitnehmen.«

»Gern geschehen«, murmelte Pola.

Sie sah dem Mädchen hinterher, wie es mit kessem Hüftschwung die Treppe hinauf verschwand. Es war Nancy anzusehen, wie sehr es sie wurmte, in die Rolle des Kükens verwiesen zu sein. Oben auf der Galerie angekommen, beugte Nancy sich über das Geländer. Blitzschnell streckte sie die Zunge raus, dann drehte sie sich um und entfernte sich in Richtung ihres Zimmers.

»Die jungen Dinger werden auch immer frecher. Und schöner.« Alla seufzte.

»Ich konnte Kinder noch nie leiden«, sagte Pola leichthin und presste den Eisbeutel, den Alla ihr reichte, gegen die Stirn.

Als sie Mercedes genauer ansah, wich Pola erschrocken zurück. Anders als sonst trug die Drehbuchschreiberin das kurze Haar nicht mit Brillantine glatt zurückgekämmt. Weich umspielten stattdessen Locken das scharf geschnittene Gesicht. Etwas darin aber wirkte schief, wie aus den Fugen geraten.

»Glotz nicht so, Herrgott! Sie hatte einen Autounfall«, flüsterte die Nazimova Pola ins Ohr. »Sie hat Unmengen Operationen hinter sich.«

Pola sog heftig Luft ein. Mitleid schoss in ihr auf und versetzte sie in eine andere Stimmung.

»Pola! Zurück im Lande«, fuhr eine Stimme dazwischen, bevor sie Mercedes begrüßen konnte.

Das schlechte Englisch hallte laut und schamlos von den Wänden wider. Im hinteren Teil des Raumes schritt gazellengleich die Dietrich auf und ab. Sie trug einen hellen Hosenanzug und eine jener dunklen Brillen, die in diesem Sommer auf Long Island in Mode gekommen waren. Um den Hals hatte sie eine gelbe Krawatte gebunden. Es war unverschämt, wie gut sie damit aussah. Beim Auf-und-ab-Gehen schwenkte sie ein kleines Fässchen, aus dessen Öffnungen fauchend Rauch hervorquoll. Es stank gottserbärmlich nach Moschus. Wieder wich Pola zurück. So abergläubisch, wie sie war, und so häufig sie einen Blick in das Kristall der örtlichen Wahrsagerin riskierte, so skeptisch blieb sie gegenüber allen fremdländischen Ritualen. Marlene hob die Hand, klimperte zur Begrüßung mit den Fingern durch die Luft und stolzierte weiter mit ihrem Fässchen umher. Alla nahm Pola abermals zur Seite.

»Sie ist beleidigt, weil Mercedes sich weigert, ihrem von Sternberg den Tripper an den Hals zu hexen. Der Herr Regisseur hat sich doch von ihr getrennt.«

»Ein Tripper wäre gegen mein Credo«, entgegnete Mercedes. »Ich erfülle nur gute Wünsche. Keine schlechten.«

Sie zuckte die Achseln und verschränkte die Arme.

»Wenn ihr mich fragt, war das abzusehen«, stellte Alla fest. »So verliebt, wie der in sie war. Gott, es macht ihr solchen Kummer, der Ärmsten.«

Pola staunte. Der Unfall der Acosta, die Trennung des Dreamteams Dietrich und von Sternberg ein Jahr nur war Pola auf Vaudeville-Tournee gewesen, und schon wusste sie nicht mehr, was vor sich ging.

Neugierig stellten sich die drei Frauen vor Pola auf und überprüften sie von Kopf bis Fuß auf Falten, Fehler und Fettablagerungen. Wie Orgelpfeifen standen sie nebeneinander. Pola frohlockte. Hier waren also die Damen des »Nähkreises«, wie man sie in Hollywood nannte, versammelt. Anders als die meisten anderen Kolleginnen allen voran Greta Garbo, die argwöhnisch über ihr Image als unberührbare, rätselhafte Sphinx wachte scherten diese Frauen sich einen Dreck um ihren Ruf. Mit der seichten, heilen Welt der Musicals und Boulevardkomödien, die gegenwärtig in Hollywood regierten, hatten sie nichts am Hut. Die Währung, mit der sie handelten, war der Skandal.

Mercedes de Acosta stammte in direkter Linie von der Herzogin von Alba ab. Name und Herkunft verliehen ihrer Erscheinung etwas Hoheitsvolles. Mercedes’ langjährige Liaison mit Greta Garbo, die sie allerdings nie davon abgehalten hatte, auch mit anderen Frauen, wie etwa der Dietrich, zu schlafen, galt in Hollywood als offenes Geheimnis. Die Presse schlachtete die Affäre nur deshalb nicht aus, weil man den gigantischen Erfolg nicht gefährden wollte, den jeder Film mit der Göttlichen garantierte. Wäre bekannt geworden, dass Greta Garbo Frauen liebte, es hätte das gesamte Starsystem Hollywoods in den Schmutz gezogen.

Marlene Dietrich war die einzige Frau in ganz Los Angeles, die auf offener Straße Hosen trug. Berühmt geworden war sie mit einer Filmszene, in der sie, als Mann verkleidet, ein junges Mädchen küsste. Marlenes Verschleiß an Liebhabern beiderlei Geschlechts zeitigte über die Dauer eines Jahres mehr Opfer, als eine Spinne Fliegen fing. Sie selbst jedoch blieb von Liebesdingen so ungerührt wie eine deutsche Eiche, was die Aura des kühlen Vamps noch vergrößerte. Selbst ihre stadtbekannte Pedanterie, vor Überseefahrten eigenhändig das Klo ihrer Kajüte zu schrubben, konnte dem Image der Femme fatale keinen Abbruch tun.

Und dann war da noch die Hausherrin Alla Nazimova, die emigrierte Russin, eine lebende Legende. Alla war die erste Filmschauspielerin, die freizügige, selbstbewusste Frauen verkörpert hatte. Frauen, deren Hände, wenn man ihnen einen Dolch in die Finger drückte, nur ein Ziel kannten: das Herz des männlichen Helden. Ihren fünfzig Jahren zum Trotz hatte die Nazimova noch immer die Ausstrahlung eines selbstbewussten jungen Mädchens. Dass unter Roosevelt die gleichgeschlechtliche Liebe neuerdings als gotteslästerlich unter Strafe gestellt wurde, interessierte eine Nazimova nicht.

Inzwischen hatte Mercedes sich aus der Dreierreihe gelöst und war vor Pola hingetreten, um den unverhofften Gast mit einem Kuss auf die Wangen zu begrüßen.

»Und? Was willst du? Du willst doch etwas, habe ich recht?«

»Es geht um das Buch«, begann Pola, löste sich aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück. Von ihrem Agenten hatte Pola am Nachmittag erfahren, dass...

Erscheint lt. Verlag 20.8.2012
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 30er Jahre • Charlie Chaplin • Diva • Ernst Lubitsch • Film • Hollywood • Liebesroman • Marlene Dietrich • Pola Negri • Rudolph Valentino • Stummfilm
ISBN-10 3-8270-7594-7 / 3827075947
ISBN-13 978-3-8270-7594-9 / 9783827075949
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