Sie sind die unergründlichsten und geheimnisvollsten Geschöpfe der Fantasy: die Drachen. Gab es sie wirklich oder sind sie nur Produkte überbordender Phantasie? Autoren aller Zeiten machten sie zu Wesen voller Weisheit und Macht, aber auch zum Ausbund des Bösen.
In Patricia Briggs' fesselndem und wunderbar leicht erzähltem Drachen- und Heldenabenteuer wird der Zauber der Drachen auf atemberaubende Weise lebendig: Sein Leben lang galt der junge Lord Ward als einfältiger Tor. Bis sein tyrannischer Vater stirbt und Ward ihm auf den Thron folgen soll. Nun muss er beweisen, dass er seinem Volk den ersehnten Frieden bringen kann. Ein gefährliches Unterfangen, vor allem als Ward erkennt, dass in seinen Adern Drachenblut fließt ...
Patricia Briggs, Jahrgang 1965, wuchs in Montana auf und interessiert sich seit ihrer Kindheit für Fantastisches. So studierte sie neben Geschichte auch Deutsch, denn ihre große Liebe gilt Burgen und Märchen. Mit ihrer Mystery-Saga um die Gestaltwandlerin Mercy Thompson stürmt sie regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten. Nach mehreren Umzügen lebt die Autorin heute in Washington State.
Kapitel 1
WARDWICK VON HUROG
Hurog bedeutet Drache.
Noch ein wenig außer Atem vom Aufstieg, ließ ich mich oben bei den uralten Bronzetoren nieder, die einer meiner Ahnen vor langer Zeit flach in die Wand des höchsten Berges eingesetzt hatte. Die Tore waren riesig, jeder Flügel so breit, wie ich groß war, und doppelt so hoch. Wegen des schrägen Untergrunds lag die Oberseite des einen Tors mehrere Fuß höher. Auf jedem Torflügel, abgetragen von all den Jahren des harschen Wetters im Norden, wachte das Relief eines Bronzedrachens über das Tal darunter.
Unter mir hockte Burg Hurog auf ihrem von Menschen gebauten Horst. Die dunklen Steinmauern erhoben sich schützend um den Bergfried, immer noch mächtig, auch wenn jetzt wohl kaum die Gefahr eines Angriffs bestand. Nach Maßstäben der Fünf Königreiche war Hurog nur ein kleiner Besitz, mehr oder weniger imstande, sich von der mageren Ernte zu ernähren, die das nördliche Klima und der steinige Boden hergaben. Aber vom Seehafen, der im Osten zu erkennen war, bis zu dem Berg mit dem kahlen Gipfel im Westen gehörte das Land Hurog. Wie die meisten Burgen in Shavig, dem nördlichsten Königreich des Hochkönigs in Tallven, verfügte Hurog über mehr Land als Wohlstand. Es war mein Erbe; eines Tages würde es mir zufallen, so, wie ich schon das blonde Haar und die Körpergröße von meinem Vater geerbt hatte.
In der alten Sprache bedeutete Hurog Drache.
Einer Eingebung folgend, stand ich auf und öffnete meinen beschädigten Geist, sodass ich spüren konnte, wie sich die Magie um mich sammelte und durch meine Adern rauschte, als ich den Kriegsschrei von Hurog ausstieß.
Hurog.
Es würde einmal mir gehören – wenn mein Vater mich nicht vorher umbrachte.
»Er wird uns umbringen.« Ich hörte die leise Stimme meines Vetters Erdrick von der Flussseite des Weges her.
Zwischen dem Weg, dem ich folgte, und dem Fluss standen die Weiden so dicht, dass Erdrick mich ebenso wenig sehen konnte wie ich ihn. Ich war versucht weiterzugehen, denn meine Vettern und ich waren nicht gerade Freunde, aber die unangenehme Überzeugung, dass ich dieser »er« war, von dem Erdrick sprach, ließ mich innehalten.
»Es ist nicht meine Schuld, Erdrick.« Beckram, Erdricks Zwillingsbruder, versuchte, ihn zu beruhigen. »Du hast sie doch gesehen. Sie ist davongerannt wie ein verschrecktes Kaninchen.«
Die beiden hatten also wieder einmal meine Schwester geärgert. Erdrick mochte recht haben; diesmal würde ich ihn vielleicht tatsächlich umbringen.
»Das nächste Mal solltest du ein Mädchen, dessen Bruder so groß ist wie ein Ochse, lieber in Ruhe lassen.«
»Gut, dass sein Hirn zu seinem Körper passt«, stellte Beckram gelassen fest. »Komm, verschwinden wir hier. Sie wird schon wieder auftauchen.«
»Er wird wissen, dass wir es waren«, prophezeite Erdrick finster wie immer.
»Wie denn? Sie kann es ihm nicht sagen.«
Meine Schwester war seit ihrer Geburt stumm.
»Sie kann auf uns deuten, oder? Ich sage dir doch, er wird uns umbringen!«
Zeit, sie mir zu schnappen und herauszufinden, was sie getan hatten. Ich holte tief Luft und konzentrierte mich darauf, wie ein dummer Ochse und nicht wie ein rachsüchtiger Bruder auszusehen, bevor ich durch das Gebüsch am Ufer brach, wo der Abwasserkanal der Burg sich in den Fluss ergoss. Bei meiner Größe und meinem Gesicht erwartete niemand Intelligenz. Das hatte ich immer ausgenutzt. Der dumme Wardwick stellte für Vater keine Gefahr dar.
Sie mochten zwanzig sein und ich erst neunzehn, aber ich war einen Kopf größer als beide und vierzig Pfund schwerer. Außerdem kam ich von der Jagd, also hing die Armbrust über meiner Schulter, und ein Jagdmesser steckte in meinem Gürtel. Sie waren unbewaffnet. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, eine Waffe gegen sie einzusetzen. Das wäre nicht nötig gewesen.
Meine Hände würden genügen.
»Wer wird dich umbringen?«, fragte ich und riss mein Hemd von einem Zweig los, an den es hängen geblieben war, als ich durch die Büsche brach.
Erdrick, stumm vor Schreck, starrte mich nur in wortlosem Entsetzen an. Beckram war aus zäherem Material gemacht. Er verzog das lebhafte Gesicht zu einem liebenswerten Lächeln, als freue er sich, mich zu sehen.
»Ward! Guten Tag, Vetter. Warst du auf der Jagd? Hattest du Erfolg?«
»Nein«, erwiderte ich.
Die beiden waren von dem hellen, rötlich braunen Haar über die gut geschnittenen Gesichter und die eher bräunliche Haut bis hin zu den seltsam lilablauen, Hurog-blauen Augen beinahe identisch, was das Äußere anging, aber nicht im Geiste. Beckram war verwegen und charismatisch, was Erdrick dazu verdammte, ein Leben als sein Hände ringender Schatten zu führen.
Ich schaute zum Fluss hin, zu den Bäumen und zu der Öffnung des Abflusskanals unserer Burg. Als mein Blick auf Letztere fiel, holte Erdrick tief Luft, also sah ich sie mir genauer an. Das Gitter, das dafür sorgen sollte, Tiere fernzuhalten, schloss nicht mehr richtig. Ein kleiner Fuß war im Schlamm am Eingang zum Abfluss bis zum Knöchel eingesunken.
Ich ging hinüber zu dem Gitter und starrte es eine Weile an. Erdrick bebte vor Anspannung. Ich griff nach oben und riss an dem Gitter. Es ließ sich leicht ein Stück zurückziehen – weit genug, dass meine schlanke Schwester hätte hineinschlüpfen können.
Nach einer langen Pause wandte ich mich Beckram zu. »Ist Ciarra hier hineingegangen? Das da ist ihr Fußabdruck.«
Er ging in seinem Kopf mehrere Antworten durch, bevor er sagte: »Das dachten wir ebenfalls. Wir wollten gerade nach ihr suchen.«
»Ciarra!«, rief ich in den Gang. »Komm raus, Racker!«
Ich nannte sie bei ihrem Spitznamen, für den Fall, dass die Akustik des Ganges meine Stimme verzerrte. Ich war der Einzige, der sie Racker nannte. Mein Brüllen hallte in den Tiefen des Tunnels wider wie das eines Drachen. Es kam keine Antwort, aber das war verständlich.
Ich brauchte die schlammigen Spuren nicht, um zu wissen, dass sie irgendwo da drinnen war. Das Einzige, was mir – außer ein paar Tricks – von der magischen Begabung geblieben war, die ich als Kind gehabt hatte, war die Fähigkeit, Personen und Dinge auf magische Weise zu finden. Ciarra war irgendwo da drin, ich konnte sie spüren. Ich schaute nach dem Sonnenstand. Wenn sie zu spät zum Abendessen kam, würde der Hurogmeten, unser Vater, sie schlagen. Ich setzte den Rucksack ab, in dem ich die Armbrustbolzen und ein bisschen Proviant mitgenommen hatte.
»Was habt ihr mit ihr gemacht?«, fragte ich.
»Ich habe versucht, sie zu warnen. Ich sagte ihr, dass es da drin gefährlich ist«, flehte Erdrick, bevor Beckram ihn aufhalten konnte.
»Ach?« Ich richtete mich auf und trat einen Schritt näher zu Beckram.
»Sie ist ein albernes Huhn«, stotterte Beckram, der nun doch die Nerven verlor und zurückwich. »Ich wollte ihr nicht wehtun. Es war nur eine harmlose Tändelei.«
Ich schlug ihn. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihn umbringen oder zumindest seinen Kiefer brechen können. Aber ich hielt mich zurück und verpasste ihm nur ein wunderschönes blaues Auge. Es betäubte ihn lange genug, dass ich meine Aufmerksamkeit Erdrick zuwenden konnte.
»Wirklich, Ward, er hat ihr nur gesagt, wie schön ihr Haar ist«, sagte er.
Ich starrte ihn einfach nur weiterhin an.
Schließlich begann Erdrick sich zu winden und murmelte: »Aber du weißt, wie er ist – es geht nicht darum, was er sagt, sondern wie er es tut. Sie ist davongerannt wie eine verschreckte Hirschkuh und ins Freie gelaufen. Wir sind ihr gefolgt, weil es hier draußen für ein Mädchen allein gefährlich sein kann.«
Erdrick mochte ein ärgerlicher Schwächling sein, aber für gewöhnlich sagte er die Wahrheit. Dank der Magie der Zwerge gab es in den Abflusskanälen keine Ratten und Insekten. Mein Bruder Tosten hatte sie allerdings in seinen Geschichten mit allen Arten von Ungeheuern bevölkert.
Die Öffnung, durch die der Racker geschlüpft war, war nicht annähernd groß genug für mich. Ich zog fest an dem Gitter, aber es schepperte nur.
»Du wirst nicht durchpassen«, prophezeite Beckram, der sich hingesetzt hatte und vorsichtig sein Auge betastete. Er musste wirklich ein schlechtes Gewissen haben, denn sonst hätte er versucht zurückzuschlagen. »Erdrick und ich konnten es auch nicht. Sie wird schon rauskommen, wenn sie bereit ist.«
Inzwischen war es beinahe Zeit zum Abendessen. Ich konnte es nicht ertragen, wenn Vater sie schlug. Ich würde es nicht noch einmal zulassen, aber es war zu früh, ich war noch nicht gut genug, um ihn zu besiegen. Also zog ich mein dickes Lederwams aus und legte es zu den Jagdutensilien.
»Bringt meine Sachen in die Burg«, sagte ich, packte das Gitter fest und zog. Es gab selbstverständlich eine einfachere Möglichkeit, aber die würde einem Idioten nicht einfallen. Ich musste mich weiterhin anstrengen, bis meine Vettern gegangen waren oder Beckram die Geduld verlor …
»Nimm den Stift heraus, dann können wir das verdammte Ding wegziehen«, murmelte Beckram. Ich hatte mich nicht getäuscht, er hatte wirklich ein sehr schlechtes Gewissen.
»Stift?«, fragte ich. Ich trat zurück, um mir das Tor noch einmal besser anzusehen, und achtete sorgfältig darauf, dabei kaum einen Blick auf das einzige und schwere Scharnier zu werfen.
»Den Bolzen, der das Scharnier zusammen hält«, seufzte Erdrick.
»Ah.« Ich starrte das Scharnier lange genug an, bis Erdrick schließlich sein Messer zog und den dicken alten Bolzen...
| Erscheint lt. Verlag | 31.5.2012 |
|---|---|
| Übersetzer | Winter Translations Inc. |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction | |
| Schlagworte | Abenteuer • Drache • Drachenblut • eBooks • Fantasy • Held • Herrscher • High Fantasy • König • Königreich • Roman • Saga • Thron |
| ISBN-10 | 3-641-08432-6 / 3641084326 |
| ISBN-13 | 978-3-641-08432-5 / 9783641084325 |
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